Der Monolog in Friedrich Schillers: "Willhelm Tell"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Ein-Satz-Monologe?!

Der monologisierende Freiherr von Attinghausen
Freiherr von Attinghausen als verzweifelter Heimatverbundener
Freiherr von Attinghausen als „prophetischer Seher“
Form und Struktur des Monologs
Funktion des Monologs

Der Tell-Monolog
Monolog und Handlung
Form, Aufbau und Struktur
Funktion des Monologs
Rechtfertigung
Figurencharakterisierung
Glanzstück für den Schauspieler
Sprachliche Gestaltung
Die dramaturgische Umsetzung des Monologs - Ein kurzer Vergleich

Figuren des Dramas als Sprachrohr des Autors?

Literaturverzeichnis

Einführung

Ein Monolog soll die Abwesenheit des vermittelnden Kommunikationssystems, meist des Erzählers, im Drama kompensieren.

Demnach tritt also eine Figur aus der Handlung heraus und spricht laut mit sich selbst. Da dies in der Realität kaum der Fall ist, gilt ein Monolog prinzipiell als fiktiv und stilisiert, artifiziell und unrealistisch. Der Monolog macht den pathologischen Sonderfall des Selbstgesprächs in der Realität zum konventionellen Normalfall kommunikativen Verhaltens im Drama.

Ein Monolog soll eine gewisse Zeilenlänge haben, um aus der Handlung heraustreten zu können. Er vermittelt Gedanken- und Gefühlsketten.

Manfred Pfister, Professor für Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin, unterscheidet in seinem einschlägigen Werk „Das Drama: Theorie und Analyse“ - im Sinne einer Abgrenzung zum Dialog - zwischen zwei Formen des monologischen Sprechens: dem „monologue“ und dem „soliloquy“.[1]

Der „monologue“, als ein strukturelles Kriterium, setzt einen gewissen Umfang und eine inhaltliche Geschlossenheit (Zusammenhang) einer Replik, die an ein Gegenüber gerichtet ist, voraus.

Der „soliloquy“ hingegen ist ein situatives Kriterium. Angenommen wird die Einsamkeit des Sprechers, sei es die physische oder aber auch die psychische Einsamkeit. Beim „soliloquy“ kann es sich demnach um ein Selbstgespräch oder eine Rede, die nicht an andere Figuren auf der Bühne gerichtet ist, handeln: „wenn die Figur allein auf der Bühne ist, sich allein wähnt oder von der Anwesenheit der anderen Figuren während ihrer Rede keine Notiz nimmt“[2]

Nach genauerer Durchsicht von Schillers „Wilhelm Tell“ konnten fünf Textstellen erörtert werden, bei denen es sich um Monologe bzw. monologhafte Repliken handelt.

In der folgenden Arbeit soll nun unter anderem analysiert werden, um welche Form des Monologs nach Pfister es sich bei den Textpassagen handelt.

Der Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung des Tell-Monologs. Genauer betrachtet werden: Form, Struktur und Aufbau des Monologs, Monolog und Handlung bzw. Inhalt des Dramas, strukturelle und inhaltliche Funktionen des Monologs, die sprachliche Gestaltung und die Bühnenumsetzung.

Der Begriff „Monolog“ als Bezeichnung für die Replik einer einzelnen Figur wird beibehalten.

Ein-Satz-Monologe?!

Monologhafte Replik 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser kurze, verzweifelte Ausruf des Fischers findet ohne die Anwesenheit anderer auf der Bühne statt. Das Anflehen Gottes um Hilfe ist allerdings zu kurz, um als Monolog gesehen werden zu können. Der Satz ist komplett in die Handlung integriert und wird nicht weiter behandelt.

Monologhafte Replik 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Textstelle weist zwar die physische Einsamkeit der sprechenden Figur auf, die beiden Sätze fungieren jedoch nur als Auftakt zu einer neuen Szene.

Nach Pfister könnte diese Zeile eventuell als Übergangsmonolog gesehen werden.

Der monologisierende Freiherr von Attinghausen

Freiherr von Attinghausen als verzweifelter Heimatverbundener

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch das plötzliche Verlassen der Szene von Rudenz wird aus dem Dialog zwischen Rudenz und seinem Onkel, dem Freiherrn von Attinghausen, ein ungewollter Monolog des letzteren.

Es scheint so, als ob Attinghausen zum Publikum bzw. zu einem Gegenüber spräche. Die von ihm gestellte rhetorische Frage „Was tu ich hier?[3], richtet sich nicht an ihn selbst, sondern an einen imaginären Zuhörer. Diese Frage wird einfach in den Raum gestellt.

Attinghausen ist ein Visionär, was durch seine Reden immer wieder deutlich wird. Seine mutmaßliche Vorausdeutung ist in die Handlung integriert.

Attinghausens Monolog weist nicht nur Merkmale des „soliloquy“, wie die physische Einsamkeit, sondern auch Kennzeichen des „monologue“ auf: Er richtet seine inhaltlich geschlossene Replik an ein nicht vorhandenes Gegenüber, er philosophiert nahezu.

Aus diesem Grunde ist der Monolog eher als „monologue“ zu betrachten, da der Freiherr gar nicht wahrzunehmen scheint, dass er keinen realen Zuhörer hat.

Es ist die Rede eines verzweifelten Mannes, der mit dem Regime dieser Zeit nicht konform gehen kann - und auch gar nicht will - und ohnmächtig seine Gedanken in Worte fasst.

Eine gewisse Länge der Rede ist ebenfalls gegeben, wodurch eine Bezeichnung als Monolog durchaus berechtigt ist.

Freiherr von Attinghausen als „prophetischer Seher“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Form und Struktur des Monologs

Bei diesem letzten Monolog Attinghausens handelt es sich im Großen und Ganzen um einen „monologue“. Obwohl der Freiherr während seines fast fiebrigen Redens die Anwesenden zeitweise nicht wahrzunehmen scheint, so richtet er doch seine Ansprache genau an dieselben. Dies wird durch Gesten Attinghausens, das Berühren des Kindes, das Ergreifen der Hände Walther Fürsts und Stauffachers, deutllich.

Mit seinen Worten kündigt Stauffacher in den Versen 2428 – 2430 an, dass nun ein wichtiger Monolog folgt „Seht, welcher Glanz sich um sein Aug ergießt! […]“.[4]

Pfister spricht hier von der „Auflösung der Gleichberechtigung“ der Figuren und damit von der „Dominanz einer Figur“ gegenüber den anderen.[5]

Der Polylog zwischen Attinghausen, Walther Fürst, Stauffacher und Melchthal, gekennzeichnet durch häufige „semantische Richtungsänderungen“[6] und gleichberechtigte Aufteilung der Sprecherposition, entwickelt sich plötzlich zu einem Monolog bzw. Monologisieren des Freiherrn von Attinghausen.

Die Dominanz seines Monologs kann auch durch den kurzen Einwurf Stauffachers nicht gebrochen werden, da die kurze Replik desselben dem Monolog Attinghausens sowohl quantitativ als auch qualitativ unterlegen ist. Der Umfang der Rede Attinghausens ist also weitaus größer als jener von Stauffachers Zwischenruf. Es kommt also zu einem Monologisieren eines ursprünglichen Dia- bzw. Polylogs.

Die Replik Attinghausens steigert sich in den Versen 2439 bis 2447 zu einer prophetischen Ansprache.

Attinghausen, als ein sich dem Volk verpflichteter Adeliger, ist das letzte Bindeglied zwischen den beiden Parteien: dem Volk und dem Adel.

In seiner monologisierenden Vorausschau vermutet er den Einzug der Habsburger in die Schweiz. Doch seine Replik enthält nicht nur diese schreckliche Befürchtung, sondern auch die Vision von der Befreiung der unterdrückten Schweizer Bauern durch ein bestimmtes politisches Konzept: die Macht eines einigen Volkes, dessen Einigkeit weit über die Grenzen der Anwesenden hinausgeht. So fordert Attinghausen, die Umstehenden mehrmals auf, den „Bund zum Bunde“[7] zu versammeln. Der Monolog begann mit dem stolzen Aufrichten des Sterbenden und mit den Worten „Seid einig – einig – einig“[8] endet der Monolog und – um die Theatralik zu steigern – endet damit auch Attinghausens Leben.

Funktion des Monologs

Der Monolog Attinghausens hat verschiedene Funktionen auf unterschiedlichen Ebenen.

Inhaltlich dient diese Replik unter anderem der Rechtfertigung und Erklärung der - während des bald darauf folgenden Bauernaufstandes – getätigten Handlungen.

[...]


[1] Pfister, Manfred: Das Drama: Theorie und Analyse, erweiterter und bibliographisch aktualisierter Nachdruck der durchgesehenen und ergänzten Auflage 1988, München: Wilhelm Fink Verlag 112001, S. 180.

[2] Ebenda S. 180.

[3] Friedrich Schiller: Wilhelm Tell. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2001, durchgesehene Ausgabe, S. 93, Vers 2428.

[4] Friedrich Schiller: Wilhelm Tell. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2001, durchgesehene Ausgabe, S. 93, Vers 2428.

[5] Vgl. Pfister, Manfred: Das Drama: Theorie und Analyse, erweiterter und bibliographisch aktualisierter Nachdruck der durchgesehenen und ergänzten Auflage 1988, München: Wilhelm Fink Verlag 112001, S. 184.

[6] Pfister, Manfred: Das Drama: Theorie und Analyse, erweiterter und bibliographisch aktualisierter Nachdruck der durchgesehenen und ergänzten Auflage 1988, München: Wilhelm Fink Verlag 112001, S. 184.

[7] Friedrich Schiller: Wilhelm Tell. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2001, durchgesehene Ausgabe, S. 94, Vers 2451.

[8] Friedrich Schiller: Wilhelm Tell. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2001, durchgesehene Ausgabe, S. 94, Vers 2452.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Der Monolog in Friedrich Schillers: "Willhelm Tell"
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Veranstaltung
Der Monolog im Drama
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
35
Katalognummer
V85894
ISBN (eBook)
9783638017756
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Monolog, Friedrich, Schillers, Willhelm, Tell, Drama
Arbeit zitieren
Claudia Braito (Autor), 2005, Der Monolog in Friedrich Schillers: "Willhelm Tell", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85894

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