Migration, Akkulturation und Gesundheit

Von den Akkulturationstheorien über das Modell des akkulturativen Stresses zum Forschungsstand bezüglich der Migration, Akkulturation und Gesundheit


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2006
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Akkulturationstheorien
2.1 Berrys Akkulturationstheorie

3 Modell des akkulturativen Stresses
3.1 Moderatorvariablen im Akkulturationsprozess

4 Migration, Akkulturation und Gesundheit - Forschungsstand

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Am Berührungspunkt zwischen zwei Kulturen, ist der Prozess der Akkulturation einzuordnen, bei dem unterschiedliche Kulturen durch Interaktion ihrer Mitglieder aufeinander treffen und in einen Austausch geraten, der kulturelle Veränderungen nach sich zieht. Bei Individuen kommt es hierbei zu intraindividuellen psychischen Veränderungen, was seit Graves (1967) als psychologische Akkulturation bezeichnet wird.

Das Akkulturationskonzept wurde erstmalig von den amerikanischen Anthropologen im ausgehenden 19. Jahrhundert eingeführt. Seitdem haben sich unterschiedliche Vorstellungen darüber, was unter Akkulturation zu verstehen ist, entwickelt.

Die erste - und zugleich am häufigsten in der Literatur zitierte - Definition von Akkulturation lautet:

"Akkulturation umfasst jene Erscheinungen, die sich ergeben, wenn Gruppen von Personen mit unterschiedlichen Kulturen in kontinuierlichen, direkten Kontakt miteinander treten, so dass sich die ursprünglichen Kulturmuster einer oder beider Gruppen einer Veränderung unterziehen … Auf der Grundlage dieser Definition ist Akkulturation zu unterscheiden vom Kulturwandel, von dem sie nur einen Aspekt darstellt und von der Assimilation, welche zuweilen eine Phase der Akkulturation darstellt." (Redfield, Linton und Herskovits, 1936; nach Bender-Szymanski & Hesse, 1987)

Idealerweise sollten im Akkulturationsprozess - beim sogenannten Vorgang des kulturellen Verlernens (Berry, 1997) - Elemente der eigenen Kultur, und das gilt sowohl für Individuen aus der Aufnahme- als auch der Herkunftskultur, aufgegeben werden, weil sie nicht mehr funktional sind. Obgleich hier von einer Veränderung in beiden Gruppen die Rede ist, betrifft die Notwendigkeit zur Akkulturation vor allem Angehörige kultureller Minderheiten, die den Anforderungen der Aufnahmegesellschaft in vielen Bereichen nachkommen müssen.

Akkulturation stellt ein psychologisch und auch gesamtgesellschaftlich relevantes Thema dar, was sich in einer starken Zunahme von Forschungen über Akkulturation in den letzten Jahren äußert. Nach Rudmin (2003) hängt dies insbesondere mit Änderungen der politischen Bestrebungen von Gruppen innerhalb pluraler Gesellschaften sowie mit der wachsenden Anzahl von Flüchtlingen und Auswanderern zusammen.

Die zentralen psychologischen Fragestellungen der Akkulturationsforschung beziehen sich auf das Erleben und Verhalten der Migranten unter der Bedingung ihres Aufenthaltes in einem anderen als ihrem primären soziokulturellen Kontext. Dabei wird untersucht, unter welchen Bedingungen welche besonderen Verlaufsformen der Akkulturation auftreten sowie welche Faktoren Einfluss auf den Akkulturationsprozess haben.

Im Folgenden wird zunächst ein Überblick über die Akkulturationstheorien gegeben, um dann ausführlicher auf die einflussreiche Theorie von Berry einzugehen. Darauf aufbauend wird das Modell des akkulturativen Stresses vorgestellt. Eine Zusammenfassung des Forschungsstandes zur Akkulturation bzw. Migration und Gesundheit schließt die Arbeit ab.

2 Akkulturationstheorien

Rudmin (2003) unterzog 64 Akkulturationstheorien, die im Zeitraum zwischen 1918 und 1984 publiziert wurden, einer kritischen Analyse, wobei als einer der zentralen Befunde vom Autor festgehalten werden konnte, dass die Theorien auf einer stark variablen und inkonsistenten Begriffsverwendung basieren. Ferner ist nach Rudmin zu bemängeln, dass die meisten Autoren bei ihrer Theoriebildung nicht zur Genüge frühere Forschungsergebnisse sowie bereits publizierte Theorien berücksichtigten, was letztendlich dazu führte, dass viele wertvolle Befunde in ihrer Isolation "verschwanden". Kim, Laroche und Tomiuk (2001) betonen in diesem Zusammenhang, dass auf dem Gebiet der Akkulturationsforschung bis heute keine theoretische Integration erzielt werden konnte, was sicherlich nicht zuletzt auf die von Rudmin (2003) hervorgebrachten Kritikpunkte zurückzuführen ist.

Allerdings legte Berry (z.B. 1980, 1992) eine Akkulturationstheorie vor, die seitdem überwiegend die Akkulturationsforschung dominiert. Bevor diese im nächsten Abschnitt ausführlich vorgestellt wird, erfolgt zunächst eine allgemeine Klassifikation der Akkulturationstheorien.

Die psychologischen Akkulturationsmodelle (z.B. Gordon, 1964; Berry, 1980; LaFromboise, Coleman & Gerton, 1993) setzen sich meistens mit der Frage auseinander, wie Migranten zum einen mit ihrer Herkunftskultur, bezeichnet als kulturelle Aufrechterhaltung, und zum anderen mit der Kultur des Aufnahmelandes, bezeichnet als kulturelle Anpassung, umgehen. Dabei ist es von Interesse zu erfahren, welche Einstellungen oder auch Beziehungen die Migranten zu den jeweiligen Kulturen aufweisen, und wie stark ihr Verhalten und Erleben von diesen beeinflusst wird.

Aufbauend auf dieser Fragestellung lassen sich die zur Akkulturation publizierten Theorien, wie aus der Tabelle 1 entnommen werden kann, im Wesentlichen entlang zweier Aspekte, Dimensionalität sowie Bereichsspezifität, klassifizieren.

Tab. 1: Eine Klassifikation der Akkulturationsmodelle anhand der Aspekte Bereichsspezifität und Dimensionalität (Aus: Arends-Tóth & van de Vijver 2004, S.3, Übersetzung v. d. Verfasserin)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie ersichtlich lassen sich eindimensionale von zweidimensionalen Akkulturationsmodellen abgrenzen, wobei die eindimensionalen Modelle die Beziehung zur Herkunftskultur sowie die Beziehung zur Aufnahmekultur als polare Enden einer Dimension betrachten. Hierzu zählt etwa das Modell von Gordon (1964), in dem postuliert wird, dass Migranten einen linearen Akkulturationsprozess durchlaufen, der von einer anfänglichen Aufrechterhaltung der Herkunftskultur bis hin zur völligen Assimilation an die Aufnahmekultur entlang einer Dimension führt. Demnach besteht eine negative Beziehung zwischen kultureller Aufrechterhaltung und kultureller Anpassung.

Hingegen behandeln die zweidimensionalen Modelle die Beziehung zur Herkunfts- bzw. zur Aufnahmekultur als zwei Dimensionen, die zumeist als unabhängig voneinander angenommen werden. Zunehmende Partizipation an der Kultur des Aufnahmelandes hat nicht automatisch eine Abnahme in der Aufrechterhaltung der Herkunftskultur zur Voraussetzung. So ist es für akkulturierende Individuen möglich, in Bezug auf eine, beide oder keine der beiden Kulturen akkulturiert zu sein.

Die neueren Publikationen (z.B. Arends-Tóth & van de Vijver, 2004; Hermans und Kempen, 1998; Navas et al., 2005) weisen darauf hin, dass es mittlerweile eine dritte Art von Akkulturationstheorien gibt, wobei diese im Allgemeinen als Verschmelzungsmodelle ("fusion models") bezeichnet werden können: Hiernach kombiniert ein sich im Akkulturationsprozess befindender Migrant die Herkunfts- und die Gastkultur dahingehend, dass eine neue, sogenannte integrierte Kultur ("integrated culture") oder in Anlehnung an Pollock, van Reken und Pflüger (2003), eine sog. dritte Kultur entsteht. Diese kann dann sowohl eine Kombination aus Herkunfts- und Aufnahmekultur darstellen als auch zusätzliche Aspekte, die für beide Kulturen atypisch sind, beinhalten, oder nach Hall (1999) gar über eine gänzlich eigene Qualität verfügen.

Die Verschmelzungsmodelle zu Akkulturation, die auf einem durchaus interessanten Ansatz basieren, bedürfen allerdings noch einer genaueren empirischen Untersuchung.

Abgesehen von dem Dimensionalitätsaspekt unterscheiden sich die Akkulturationstheorien bezüglich der Bereichsspezifität: Während die zur Akkulturation vorgelegten Trait-Modelle die transsituative Konsistenz und die zeitliche Stabilität annehmen und demnach den Kontext, in dem sich die Akkulturation ereignet, nicht berücksichtigen, gehen die sogenannten bereichsspezifischen Modelle davon aus, dass die Präferenzen eines Individuums bezüglich der Kulturaufrechterhaltung und kultureller Anpassung über die unterschiedlichen Lebensbereiche sowie Situationen variieren können (vgl. Kim, Laroche & Tomiuk, 2001). In diesem Sinne kann ein Individuum in der Arbeitswelt des Aufnahmelandes völlige Assimilation anstreben, während es sich bei der Kindererziehung ausschließlich an den Werten seiner Herkunftskultur orientiert.

Die hierzu vorgelegten Modelle unterscheiden sich in ihrem Abstraktionsgrad; während einige Modelle die in öffentlichen und privaten Lebensbereichen ablaufenden Akkulturationsprozesse diskutieren, behandeln andere Modelle spezifischere Lebenssituationen. Es kann herausgestellt werden, dass sich die bereichsspezifischen Modelle auf zahlreiche empirische Belege stützen können und ihnen daher in der Akkulturationsforschung zunehmende Beachtung geschenkt wird (Navas et al., 2005).

Zusammenfassend kann hervorgehoben werden, dass sich die zweidimensionalen Trait-Modelle in der Akkulturationsforschung durchgesetzt haben, und dabei insbesondere das überaus populäre Modell von Berry (z.B. 1992, 1997), welches im nächsten Abschnitt ausführlicher dargestellt wird.

2.1 Berrys Akkulturationstheorie

Die graduelle Abweichung von der ursprünglichen Bedeutung der Akkulturation, wie sie von Herskovits et al. (1936) herausgearbeitet wurde, bis hin zur synonymen Verwendung mit dem Begriff der Assimilation, führte dazu, dass sich die Akkulturationsforschung des Öfteren einer weiten Kritik ausgesetzt sah. Dabei wurde bemängelt, dass sich viele der Akkulturationstheorien stark bis ausschließlich an der aufnehmenden Kultur orientieren und den Migranten meist als passiv den Akkulturationsprozess erleidende Individuen betrachten, anstatt zu berücksichtigen, dass sie sich aktiv mit dem Akkulturationsprozess auseinandersetzen: So treten sie mit bestimmten Erwartungen, Einstellungen oder auch Absichten in die neue Kultur hinein und bestimmen dadurch wesentlich die Art und den Verlauf des Akkulturationsprozesses mit.

Der kanadische Migrationsforscher und Kulturpsychologe Prof. John W. Berry hebt sich mit seinen Arbeiten ab, da er sich in diesen auf die ursprüngliche Begriffsdefinition von Herskovits et al. (1936) besinnt und berücksichtigt, dass Akkulturation nicht einfach die Übernahme vorhandener kultureller Muster der Mehrheitsgesellschaft bedeutet, sondern einen komplexen Prozess aus Übernahme, Anpassung, aktiver Aneignung und gegenseitigem Austausch von Kulturaspekten (vgl. Berry, 1980).

Der Autor betont des Weiteren, dass der Akkulturationsprozess nicht nur zum Verlust der Herkunftskultur führen muss, im Sinne eines destruktiven Prozesses (Absorption), sondern er zum einen auch durchaus ein reaktiver sein kann, so dass eine verstärkte Hinwendung zur Herkunftskultur über die Generationen erfolgt, und zum anderen gar ein kreativer sein, in dem sich neue Kulturen aus den Interaktionsprozessen über die Zeit entwickeln (Berry, 2002). Ferner begreift er in seinen Arbeiten Migranten als aktiv Handelnde und betont insbesondere die psychologisch bedeutsamen Kriterien im Akkulturationsprozess (vgl. Berry 1992, 1997).

Aufbauend auf diesen Überlegungen legte Berry ein zweidimensionales Akkulturationsmodell vor, welches für plurale Gesellschaften konzipiert ist, d.h. es wird vorausgesetzt, dass Migranten beim Eintritt in die Aufnahmekultur die Freiheit haben zu entscheiden, wie sie sich akkulturieren möchten. Diese Entscheidungsfreiheit liegt jedoch nach Berry (1997) nur dann vor, wenn sich die gesamte Gesellschaft als multikulturell versteht und es nicht an Toleranz gegenüber kultureller Vielfalt mangelt.

Nach Berry (1992, 1997, 1999) müssen in einer multikulturellen Gesellschaft sowohl Individuen als auch Gruppen für sich zwei kritische Fragen beantworten:

1. Ist für sie die Aufrechterhaltung ihrer eigenen kulturellen Identität wertvoll bzw. wollen sie ihre Herkunftskultur beibehalten?
2. Ist es für sie wertvoll zu Individuen der anderen Gruppen Beziehungen aufzubauen bzw. aufrechtzuerhalten und verfolgen sie damit im weiteren Sinne die Partizipation am kulturellen Leben der Aufnahmegesellschaft?

Wenn diese zwei dargestellten Fragen als zwei unabhängige Einstellungsdimensionen angenommen werden, die jeweils mit einem "Ja" und "Nein" beantwortet werden können, so lassen sich vier Fälle voneinander abgrenzen, die Berry (1992, 1997) als Akkulturationsstrategien[1] bezeichnet.

[...]


[1] Es sei darauf verwiesen, dass in der Literatur synonym mit dem Begriff der Akkulturationsstrategie häufig die Begriffe Akkulturationsziel, -stil, -option, -einstellung, -weg und -präferenz verwendet werden.

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Details

Titel
Migration, Akkulturation und Gesundheit
Untertitel
Von den Akkulturationstheorien über das Modell des akkulturativen Stresses zum Forschungsstand bezüglich der Migration, Akkulturation und Gesundheit
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V85938
ISBN (eBook)
9783638012294
ISBN (Buch)
9783638916240
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Akkulturation, Gesundheit, Integration, Auswanderung, Migration und Gesundheit, J.W. Berry, Ausländer, Thema Migration
Arbeit zitieren
Diplom-Psychologin Merima Sabic (Autor), 2006, Migration, Akkulturation und Gesundheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85938

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