Public Affairs - politische Unternehmenskommunikation als neue Form der Public Relations


Diplomarbeit, 2002
50 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Public Affairs in historischer Perspektive
1.1. Public Affairs in den USA
1.2. Public Affairs in Deutschland
1.3. Vorgänger und analoge Strukturen der Public Affairs in Deutschland

2. Unternehmenskommunikation als Rahmen der Public Affairs
2.1. Unternehmenskommunikation und Public Affairs- eine systemtheoretische Annäherung
2.2. Unternehmenskommunikation und Public Affairs (PA)- ein Begriffsvergleich
2.3. Public Affairs als politische Unternehmenskommunikation
2. 4. Politische Unternehmenskommunikation als „Policy Agenda-Setting“
2.4.1. Politisches Monitoring
2.4.2. Issue Management
2.4.3. Lobbying und öffentliche Kommunikationsmaßnahmen

3. Public Affairs im Rahmen der Public Relations (PR)
3.1.Public Affairs und Public Relations- Unterschiede und Gemeinsamkeiten
3.2. Verständniswandel der Public Relations als Voraussetzung der Public Affairs
3.3. Public Affairs als verständigungsorientierte PR

4. Kritik der Public Affairs: Persuasion und Deregulation

5. Resumee

Literaturliste

Internetquellen

Einleitung

Public Affairs bewegen sich disziplinübergreifend zwischen Kommunikations-wissenschaft, Politikwissenschaft und Wirtschaftswissenschaften. Die Schnitt-stellen zum Forschungsbereich der Kommunikationswissenschaft bilden die Unternehmenskommunikation, die Public Relations und die politische Kommunikation.

Der Begriff Public Affairs beschreibt das Verhältnis eines Unternehmens zu seinem politischen Umfeld; zu lokalen Behörden, zu Parteien, nationalen Regierungen, Parlamenten als auch zu internationalen politischen Organisationen. Public Affairs betreffen sowohl die von einem Unternehmen präventiv getroffene Kommunikation mit politischen Akteuren, für eine Verbesserung des allgemeinen wirtschaftlichen Klimas, als auch die nachträgliche Kommunikation mit politischen Akteuren, zur Begrenzung der negativen Auswirkungen von politischen Aktivitäten in wirtschaftliche Angelegenheiten, die das Unternehmen tangieren.

Public Affairs sind ein aktiver, strategisch geplanter, dialogorientierter Prozess, in dessen Verlauf Wirtschaftsunternehmen für sie relevante Informationen sammeln, gewichten und durch verschiedene Medien an selektierte Rezipienten im politischen Umfeld kanalisieren. Die Absicht dabei ist, die jeweils spezifischen politischen Interessen eines Unternehmens nachhaltig zu vertreten und so zur Existenzsicherung des Unternehmens beizutragen.

Public Affairs basieren auf Kooperation mit politischen Akteuren, die auf Verständigung aber auch auf Durchsetzung und politischer Implementierung unternehmerischer Interessen zielt. Die Anteile verständigungsorientierter und persuasiver Kommunikation bei den Public Affairs voneinander abzugrenzen zählt mithin zu den kommunikationswissenschaftlichen Aufgaben, die auch in dieser Arbeit zu bearbeiten sein werden.

Insgesamt sollen Public Affairs in dieser Arbeit als neuer Teilbereich der externen Unternehmenskommunikation, genauer der Public Relations, vorgestellt, analysiert, theoretisch fundiert und funktional in das traditionelle Kommunikationsinstrumentarium von Unternehmen eingeordnet werden.

Die politische Dimension erweist sich dabei als prägend für die Public Affairs, ihre Funktion und ihre Methoden, und wird deshalb in besonderem Maße zu thematisieren sein.

Da jede der politischen Kommunikationsbeziehungen von Unternehmen ein ganzes Geflecht an Interrelationen impliziert, setzt diese Arbeit aus Platzgründen den Schwerpunkt der Public Affairs auf die nationale Politikebene.

Ziel dieser Arbeit ist, die Legitimation, die Unterschiede zu verwandten Kommunikationsformen der Unternehmenskommunikation und das Potential der Kommunikationsstrategie Public Affairs zu beschreiben und einzuschätzen.

Die methodische Vorgehensweise ist dabei deduktiv:

Zunächst werden Public Affairs aus historischer Perspektive betrachtet und alsdann vergleichend, im Rahmen der Unternehmenskommunikation und den Public Relations, als den zwei grundsätzlichen thematischen Folien, erklärt. Damit sollen die Public Affairs als neue Kommunikationsstrategie im Zusammenspiel mit den Public Relations in der externen politischen Unternehmenskommunikation positioniert werden und inhaltliche Verknüpfungen, Überschneidungen und Abgrenzungen erkennbar werden.

In Konsequenz daraus, und vor allem durch den direkten Kontrast des neuen Begriffes mit den traditionellen Begriffskonzepten, soll weiterhin deutlich werden, inwieweit Public Affairs den Schwerpunkt externer Unternehmenskommunikation verlagern oder beeinflussen können und inwieweit die Begriffe der externen Unternehmenskommunikation und der Public Relations erweitert oder modifiziert werden müssen.

1. Public Affairs in historischer Perspektive

1.1. Public Affairs in den USA

„Public Affairs“ bedeutet, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, „Öffentliche Angelegenheiten“. Der Ausdruck stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, wo sich 1954 in Washington, auf Veranlassung des damaligen amerikanischen Präsidenten Eisenhower, der „Public Affairs Council“ (PAC) als eine Gegenorganisation zu den amerikanischen Gewerkschaften gründete. Dessen Hauptaufgabe bestand darin, Wirtschafts-manager im Hinblick auf ein effizientes, politisches Engagement zu schulen1.

Public Affairs wurden gesehen als „Aufgabenfeld von Unternehmen mit dem Hauptziel, die politischen Aktivitäten der Unternehmen zu aktivieren und zu intensivieren“2, schreibt der Wiener Kommunikationswissenschaftler und Politologe Peter Köppl. Als Gründe nennt Köppl:

„Politische und wirtschaftliche Interessen verlaufen oft parallel. Eine nachhaltige und positive industrielle Entwicklung kann nur bei stabilen, politischen Rahmenbedingungen erfolgen“3.

Unternehmensentscheidungen werden meist direkt oder zumindest indirekt von der Politik und die durch sie gesetzten Rahmenbedingungen beeinflusst. Harris/Gardner/Vetter identifizieren insgesamt fünf Fälle, in denen der Staat und seine Politik in Beziehung zur Wirtschaft steht:

„It can act as an owner, sponsor, regulator, customer and policymaker. As a policymaker, government can significantly influence the context in which a company operates and makes decisions“4.

Ziel von politischen Aktivitäten des Unternehmens, mithin von Public Affairs, war und ist die bewusste Mitgestaltung, Lenkung und Entwicklung dieser politisch-administrativen Steuerungsprozesse, die die Unternehmensinteressen gegenwärtig oder zukünftig berühren und den Unternehmenserfolg auf dem Markt gefährden können. Dazu zählen beispielsweise Gesetze, Verordnungen, Genehmigungen und Auflagen auf allen politischen Regelungsebenen.

Synonym zu Public Affairs werden deshalb in den USA auch Bezeichnungen wie „Government Relations“ oder „Community Relations“ verwendet5. Anfänglich waren es Juristen aus den oberen Unternehmenspositionen, die den nicht-offiziellen Kontakt mit den politischen Akteuren pflegten, der größtenteils aus dem Zuspielen vertraulicher Informationen bestand. Die Ausrichtung der traditionellen „Governmental Relations“ war trotzdem eher reaktiv: Die Unternehmen warteten politische Entscheidungen ab, um sich im nachhinein an sie zu adaptieren oder sie zu stoppen6.

Erst als sich während der Eisenhower Administration in den sechziger Jahren politisch sehr einflussreiche Gewerkschaften bildeten, sahen sich die Wirtschaftsunternehmen in Reaktion darauf gezwungen ihre „Governmental Relations“ aktiver zu gestalten. Sie nutzten deshalb den von Eisenhower ins Leben gerufenen „Public Affairs Council“, um ihre leitenden Manager gezielt in politischem Sachwissen weiterzubilden:

“The ’60s were experimental years of growth for public affairs. The Public Affairs Council estimates that during that decade upwards of 500,000 business managers and executives attended formalized political education courses”7.

Offiziell wurden die „Governmental Relations“ der Unternehmen erst, als sie unter der Bezeichnung „Public Affairs“ zunehmend an firmeninterne Public Relations Abteilungen oder private PR- Agenturen delegiert wurden8.

Damit entwickelten sich Public Affairs zum politischen Teilbereich der Öffentlichkeitsarbeit.

Bei der Namensschöpfung „Public Affairs“ berief man sich auf den Begründer der PR in den USA, Edward Bernays, der das Wesen der PR als Prozess Partikularinteressen und Gemeinwohl in Übereinstimmung zu bringen, definierte. Bernays betonte dabei stets, dass die öffentlichen Interessen den Vorrang vor privaten Interessen haben9.

Vergleicht man diese Definition mit der damaligen Ausrichtung der Public Affairs erscheint die Namensschöpfung legitimierend, vorallem aber stark euphemisierend.

Grunig nennt Beispiele für konkrete Erfolge von amerikanischen PR-Firmen mit der neuen Kommunikationsstrategie Ende der siebziger Jahre:

„Burson-Marsteller took credit for defeating, or at least delaying, a Federal Trade Commission ban on television advertising directed at children. [...] Hill and Knowlton [...] turned the tide against a ban on saccharin by the Food and Drug Administration“10.

Auch aufgrund zunehmender politischer Markteingriffe erkannten die amerikanischen Unternehmen den Stellenwert der eigenen aktiven und nachhaltigen Involvierung in politische Prozesse. Was jedoch fehlte, war die Expertise im Umgang mit der neuen Kommunikationsdisziplin Public Affairs.

So verwundert es wenig, wenn sich laut Köppl die Zahl der Mitglieder des „Public Affairs Councils“ in den USA von 1970 bis 1980 verdoppelte11.

Hier konnten Unternehmensvertreter neben politischer Bildung auch Methoden und Strategien politischer Unternehmenskommunikation erlernen. Der Erfolg der Schulungen zeigte sich in der raschen Umsetzung auf Unternehmensebene: „Almost 60 percent of the public affairs programs in existence today were created from 1975 to 1981“12, schreibt Grunig.

Ab 1980, vor dem Hintergrund der Rezession und zahlreicher Unternehmens-zusammenschlüsse in den USA, konzentrierten sich die Unternehmen wieder stärker auf ihre interne Organisation und die Kommunikation mit den Konsumenten.

“The decade of the ’80s was a challenging period for public affairs. Mergers, competitive pressures and a major recession triggered downsizing programs in hundreds of U.S. firms. Public affairs departments were not spared in these cutbacks, though most avoided elimination”13.

Seit 1990 erstarkten die Public Affairs wieder als „external non-commercial activities of the business world“14. Die amerikanischen Unternehmen erkannten die Dringlichkeit der Public Affairs als nicht-kommerzielle, externe Kommunikationsarbeit. Zu groß waren die Auswirkungen national- politischer Entscheidungen auf die internationale Konkurrenzfähigkeit der Konzerne.

Der Druck der Legislative lastete vor allem auf kritischen Branchen wie Tabak, Chemie und Pharmazie, von deren Produktion und Leistungen Gefährdungen für die Umwelt und die menschliche Gesundheit ausgehen können15.

Zahlreiche Unternehmen aus diesen Branchen wurden deshalb Mitglieder im Public Affairs Council, um sich hinsichtlich ihrer politischen Aktivitäten beraten zu lassen.

Im Jahr 2002 zählte der PAC Mitglieder aus mehr als 600 Firmen, darunter globale Unternehmen wie DaimlerChrysler, Exxon, Pfizer oder McDonalds, die je nach Unternehmensumsatz einen jährlichen Mitgliedsbeitrag leisten. Dafür profitieren die Mitglieder von zahlreichen Schulungen, Konferenzen, einer elektronischen Informationsdatenbank und einem Telefonberatungsdienst rund um das Thema Public Affairs16. Der PAC ist zur führenden Vereinigung für professionelle Public Affairs in den USA aufgestiegen, der ein gut funktionierendes Netzwerk von Experten im Berufsfeld Public Affairs bündelt.

Parallel dazu beschäftigten sich amerikanische Wissenschaftler, wie James und Larissa Grunig an der University of Maryland oder Rick E. Borchelt und William Gruber am Whitehead Institute in Cambridge, seit den achtziger Jahren intensiv mit Public Affairs und haben erfolgreich zu einer theoretisch-wissenschaftlichen Fundierung dieser Kommunikationsform beigetragen.

Ein groß und langfristig angelegtes Forschungsprojekt zum Thema politische Interessengruppen existiert seit 2001 auch an der Pennsylvania University, durchgeführt von Frank Baumgartner und seinem Forscherteam17.

Baumgartners Projekt widmet sich insbesondere den Kriterien für Stabilität und Veränderung im politischen Prozess, der durch Interessengruppen und ihre Argumentation beeinflusst wird18.

1.2. Public Affairs in Deutschland

In Europa wurden Public Affairs erstmals 1991 von der „European Public Relations Confederation“ (CERP) aufgegriffen und definiert als

„die geplanten und festgelegten Bemühungen eines Unternehmens, seine Rechte und Pflichten als Bürger eines Landes, einer Gemeinde oder einer Gesellschaft auszuüben bzw. wahrzunehmen sowie seine Mitarbeiter ebenfalls dazu zu ermutigen“19.

Eine Definition, die einerseits auf die rechtliche Einbindung der Unternehmen in den Staat sowie auf ihre selbstauferlegte soziale Verantwortung abstellt20, andererseits verschleiernd wirkt und die in der Realität bestehenden Machtungleichgewichte zwischen den Akteuren aus Politik und Wirtschaft übersieht21, kritisiert Wiebusch.

Eine im Jahre 2000 von BASF durchgeführte Studie über „Governmental Relations“ bei rund 500 Mitgliedern des Bundestages, der Bundesministerien und politischen Medien ergab, dass das Ausmaß der gegenseitigen Beeinflussung von Unternehmen und Politik deutlich zu Gunsten der Unternehmensbeeinflussung auf die Politik ausfällt (71%)22.

Entscheidend für die verstärkte Vertretung von partikularen Unternehmens-interessen auf der Politikebene in Deutschland und ganz Europa waren insbesondere die Niederlassungen großer amerikanischer PR-Agenturen wie Weber-Shandwick, Fleishman Hillard oder Burson-Marsteller in den neunziger Jahren. Sie führten das professionelle Wissen über Public Affairs aus den USA ein. Ebenso spielte die wachsende Zahl amerikanischer Konzerne in Europa eine Rolle, die nun auch hierzulande die Dienstleistung Public Affairs suchten, die ihnen von ihrem Heimatmarkt geläufig war23.

Zusätzlich kam es, auf Druck von Umweltverbänden und dem gestiegenen Um-weltbewusstsein in der Bevölkerung, in den achtziger Jahren in Deutschland zu stärkeren staatlichen Wirtschaftsregulierungen, die die Unternehmen dazu veranlassten den Dialog mit der Politik aufzunehmen24. Raffee/ Wiedmann sehen 1989 die Unternehmen mit folgendem Szenario konfrontiert:

„[Es ist] mit dem Erlass einer Fülle einschneidender Bestimmungen zu rechnen, die vor allem die Produktionsmöglichkeiten und die Produktpolitik tangieren. Beispiele dafür sind die Verschärfung des Emissionsschutzes, das beabsichtigte Verbot der Beimischung von Blei zu Benzin oder die geplante Verpackungssteuer“25.

Die politische Unternehmenskommunikation in Deutschland hat sich seitdem kontinuierlich verstärkt. Diese Entwicklung verdeutlichen insbesondere die aktuellen Wirtschaftsdaten aus der deutschen PR-Branche: Die zehn erfolgreichsten PR-Agenturen, die sich auf dem Gebiet der Public Affairs spezialisiert haben, erreichten, laut der Fachzeitschrift PR-Report, im Jahr 2001 mit 18,3 Millionen Euro doppelt soviel Umsatz wie im Jahr zuvor.

Allein die PR-Agentur Weber Shandwick hat im Jahr 2001 einen 630-prozentigen Zuwachs bei den Honorarumsätzen im Bereich Public Affairs erzielen können, die von 0,7 Millionen auf 4,5 Millionen Euro stiegen. Auch in Relation zum Gesamthonorarumsatz der Firma stiegen die Public Affairs 2001 von 6 auf 23 Prozent. Bei der zweitplazierten PR-Agentur Hunzinger sind es mit 2,22 Millionen Euro 22 Prozent des Gesamthonorarumsatzes, ähnlich wie bei Media Consulta, die mit 2 Millionen Honorarumsatz bei Public Affairs 20 Prozent Ihres Gesamtumsatzes erzielen. Bei den PR-Agenturen Iserundschmidt, MediaCompany oder Gerber Communications liegt der Anteil von Public Affairs am Gesamtumsatz sogar bei 60 Prozent26.

Mit dieser Entwicklung einher geht die zunehmende Beschäftigung von ehemals politisch aktiven Führungspersönlichkeiten im Bereich der Public Relations. ECC Public Affairs, die gemäß der PR-Fachzeitschrift PR-Report27 führende PR-Agentur Deutschlands mit einem Umsatz von etwa 33 Millionen Euro, beschäftigt in Ihren Büros in Berlin, Wien, Brüssel und Budapest beispielsweise den ehemaligen Europaabgeordneten und früheren Minister für Europaangelegenheiten in Nordrhein-Westfalen, Detlev Samland oder die ehemalige Sprecherin des Bundesvorstandes der SPD, Dagmar Wiebusch.

Auch große Konzerne wie die Adam Opel AG nutzen das Expertenwissen von ehemaligen Politikern: Die ehemalige rheinland-pfälzische Umweltministerin Klaudia Martini ist seit Oktober 2001 für die Unternehmenskommunikation des Betriebes verantwortlich28.

Es wird deutlich, dass sich Public Affairs als politische Unternehmenskommunikation in Deutschland erfolgreich etabliert hat.

Der Begriff Public Affairs hingegen wird in der deutschen Fachliteratur, anders als in der amerikanischen, weitgehend ausgespart und ist wissenschaftlich kaum erforscht. Als große Schwierigkeit für die Wissenschaft erweist sich der disziplinübergreifende Charakter und die schwierige Datenerhebung aufgrund des partiell nicht-öffentlichen Charakters der Public Affairs, wie z.B. bei inoffiziellen Hintergrundgesprächen im Vorfeld einer Gesetzesformulierung.

Erste Ansätze der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Public Affairs haben Horst Avenarius, Ulrike Geissler und Peter Köppl zusammengetragen. Eine erste anwendungsbezogene Überblicksdarstellung publizierte Dagmar Wiebusch im Jahr 2002. Darin erklärt die Autorin:

„Public Affairs organisieren den Dialog zwischen Unternehmen und Verbänden einerseits sowie Gesellschaft und Politik andererseits- in beiden Richtungen. Mittels politikorientierter Kommunikation werden Unternehmen, Organisationen und Institutionen unterstützt, ihren Interessen im politischen und gesellschaftlichen Raum Gehör zu verschaffen“29.

1.3. Vorgänger und analoge Strukturen der Public Affairs in Deutschland

Die öffentliche Vertretung von politischen Unternehmensinteressen gab es in Deutschland, wie auch in den USA, schon lange Jahre vor Einführung der Public Affairs. Nur wurden diese Interessen damals nicht zentral geregelt, sondern an Verbände delegiert. Wiebusch resümiert:

„Während es zu Bonner Regierungszeiten noch überwiegend Verbände waren, die sich um die Wahrung der Unternehmensinteressen im politischen Umfeld kümmerten, wird professionelle Hilfe auf diesem Gebiet spätestens seit dem Umzug der Regierung nach Berlin zusätzlich von einer Vielzahl an Public Affairs Agenturen und freien Beratern angeboten“30,

Das politische Handeln von Verbänden und Interessengruppen wird als „Lobbying“ bezeichnet und ist heute noch ein wichtiger Bestandteil für die politische Unternehmenskommunikation und damit Teil der Public Affairs.

„In einer Demokratie provoziert jedes Pro-Argument auch das Gegen-Argument, welches ebenfalls Akteure mit sich bringt und so den Wettstreit der Argumente weiterführt. Jene Aspekte, die nicht von bestehenden Gruppierungen thematisiert werden oder können, bedienen sich des Lobbyismus, um politischen Zugang und Gehör zu finden“31,

so Köppl.

Die gesetzliche Grundlage der Lobbyarbeit in Deutschland ist im Grundgesetz legitimiert, das im Artikel 9 besagt, dass jedermann das Recht hat, zur Wahrung und Förderung der Arbeit- und Wirtschaftsbedingungen Vereine zu bilden32.

Der BDI (Bundesverband der deutschen Industrie) beispielsweise vertritt traditionsgemäß seit 1949 die wirtschaftspolitischen Interessen der Industrie und zählt zu den sogenannten Spitzenverbänden in Deutschland. Er ist in 36 Wirtschaftsfachverbände der Deutschen Industrie und ca. 500 Unterverbände gegliedert, denen wiederum ca. 80.000 Unternehmen angeschlossen sind. Auszüge aus den §§ 2-6 der Satzung des BDI lesen sich wie folgt :

„Der Bundesverband hat die Aufgabe, alle gemeinsamen Belange der in ihm zusammengeschlossenen Industriezweige zu wahren und zu fördern.

Der Bundesverband enthält sich jeder auf einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb gerichteten Betätigung. [...] Die Mitgliedschaft ist freiwillig. Die Mitglieder sind an die Entschließungen des Bundesverbandes gebunden. Erhebt ein Mitglied gegen eine Entschließung Einspruch, so kann es verlangen, dass seine Stellungnahme unverzüglich bekannt gegeben wird“33.

Spitzenverbände wie der BDI haben, aufgrund ihrer hohen Mitgliederzahlen und daher enormen finanziellen und ökonomischen Kapazitäten, einen erheblichen Machteinfluss auf die Politik34. Immer wieder ist es ihnen gelungen, Reformprojekte der Regierungen zu entschärfen oder zu Fall zu bringen35.

Beim Prozess einer Gesetzesverabschiedung können die Verbände in Vor-bereitungsphasen, laut §§ 24 und 47 Gemeinsamer Geschäftsordnung der Bundesministerien, angehört werden. Diese Anhörungen in Ausschüssen des Bundestages sind laut §70 Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages als öffentliche Verfahren angelegt. Allerdings können hierzu nur vom Bundestag registrierte Verbände geladen werden. Diese seit 1973 existierende Registrierung von Verbänden (damals 649) verzeichnete, auf Anfrage beim Bundestag am 12. August 2002, 1769 Eintragungen, wobei die Zahl jährlich um etwa 1% anwächst.

Da es Politikern bei der Verabschiedung weitreichender gesetzlicher Regelungen oftmals am nötigen Detail- und Branchenwissen fehlt, erbringen Verbände unter Rückgriff auf nationale und internationale Netzwerke wichtige Informations- und Beratungsleistungen. Weiterhin profitiert die Politik von der Unterstützung der Verbände bei der Implementierung von Gesetzen36.

Für Unternehmen hat eine Verbandsmitgliedschaft einerseits die Vorteile einer erhöhten politischen Wehrhaftigkeit, der Anonymität und des Imageschutzes im Falle einer öffentlichen Diskussion als auch der Kompensation mangelnder Geldressourcen für gezielte, politische Kommunikation37. Nachteilig für das Unternehmen können sich jedoch Demokratiedefizite in den Verbandsstrukturen oder unbefriedigende Kompromisse auf Verbandsebene auswirken.

„Mitgliederversammlungen der Verbände tagen eher selten (z.T. nur alle drei Jahre) und haben eng begrenzte Rechte – in der Regel nur das der Wahl eines Teils des Vorstands und/oder des Präsidiums. Vorstände und vor allem Geschäftsführungen haben weitgehende Handlungsautonomie“38.

Eine Umfrage des Wirtschaftsforschungsinstitutes Dr. Döblin bei 87 Bundestagsabgeordneten von CDU, CSU, SPD und FDP offenbarte als weitere Probleme der Verbändearbeit die

„mangelnde Kenntnis politischer Entscheidungsprozesse, zu wenig praktische Umsetzungsvorschläge der Forderungen und vor allem die Weitschweifigkeit der Informationen“39.

Diese Kritikpunkte wirken sich entsprechend negativ auf die Effektivität der Interessensvertretung von Verbänden aus. Folglich können Verbände aus Sicht der Unternehmen nicht mehr als alleinige, sondern lediglich als additive politische Interessenvertretung dienen.

Unternehmen haben erkannt, dass das Einbringen ihrer partikularen Interessen zusätzliches eigenes Engagement und direkte politische Kommunikation, somit zusätzliche Kommunikationskanäle im Sinne von Public Affairs erforderlich macht. Die kommunikativen Ansatzpunkte und vorteilhaften Leistungen der Verbände für die Politik sollen dabei von den Public Affairs aufgriffen werden, gleichzeitig aber sollen die Mängel der Verbandskommunikation konstruktiv behoben werden40.

[...]


1 www.pac.org

2 Peter Köppl: Public Affairs Management. Strategien und Taktiken erfolgreicher Unternehmenskommunikation. Wien: Linde 2000, S. 25.

3 vgl. Köppl 2000, S. 21.

4 Harris, Phil/ Gardner, Hanne/ Vetter, Nadja: Lobbying and Political Marketing. In: Bruce I. Newman: Handbook of Political Marketing. London: Sage Publications 1999, S. 607 ff.

5 Horst Avenarius: Public Relations. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000, S. 296.

6 Grunig, James E./ Hunt, Todd: Managing Public Relations. New York: Holt, Rinehart and Winston 1984, S. 285.

7 Gruber, William/ Hoewing, Raymond: The New Management in Corporate Public Affairs. In: Public Affairs Review, Volume 1, 1980, S. 13-23.

8 vgl. Avenarius 2000, S. 296 ff.

9 Edward L. Bernays: The Engineering of Consent. Norman: University of Oklahoma Press 1956, S. 3.

10 vgl. Grunig/ Hunt 1984, S. 304.

11 vgl. Köppl 2000, S. 25.

12 vgl. Grunig/ Hunt 1984, S. 284.

13 www.pac.org

14 www.pac.org

15 Avenarius, Horst/ Rolke, Lothar/ Rosema, Bernd (Hrsg.): Unternehmen in der ökologischen Diskussion. Opladen: Westdeutscher Verlag 1994, S. 12.

16 www.pac.org

17 http://lobby.la.psu.edu

18 www.polisci.la.psu.edu/faculty/Baumgartner/ecpr2001_issue_advoacy.pdf

19 www.icpr.org.uk

20 Rolf Stober (Hrsg.): Wichtige Wirtschaftsverwaltungs- und Gewerbegesetze. Berlin: Verlag Neue Wirtschafts-Briefe 2001, S. XI.

21 Dagmar Wiebusch: Public Affairs Agenda. Politikkommunikation als Erfolgsfaktor. Neuwied: Luchterhand 2002, S. 21-23.

22 www.basf.de/de/ueber/gov/steckbrief_2001.htm

23 vgl. Wiebusch 2002, S. 3.

24 Brandt, Arno/ Hansen, Ursula: Ökologisches Marketing. Frankfurt: Campus 1988, S. 45, 57.

25 Raffee, Hans/ Wiedmann, Klaus-Peter: Strategisches Marketing. Stuttgart: Poeschel 1989, S. 473.

26 PR-Report, Ausgabe 1824, 26. April 2002, S. 4, 12-19.

27 www.ecc-public-affairs.com

28 PR-Report, Ausgabe 1801, 19. Oktober 2001, S. 7.

29 www.agenturcafe.de/cgi/druck_acafe.pl?URL=/public_affairs/index_12718.htm

30 vgl. Wiebusch 2002, S. 22.

31 Peter Köppl: Lobbying: das politische Instrument der Public Relations?. In: PR-Forum, 5. Jg., Nr. 1, 1999, S. 12-14.

32 Manfred Strauch: Lobbying. Wirtschaft und Politik im Wechselspiel. Frankfurt a.M.: Verlagsgruppe Frankfurter Allgemeine Zeitung 1993, S. 149.

33 www.bdi-online.de

34 vgl. Strauch 1993, S. 149-152.

35 Andersen, Uwe/ Woyke, Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1992, S. 403.

36 vgl. Strauch 1993, S. 149-152.

37 Martin Sebaldt: Organisierter Pluralismus: Kräftefeld, Selbstverständnis und politische Arbeit deutscher Interessengruppen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1997, S. 241 ff.

38 vgl. Andersen/ Woyke 1992, S. 403.

39 Gero Kalt: Öffentlichkeitsarbeit und Werbung: Instrumente, Strategien, Perspektiven. Frankfurt a.M.: Verlagsgruppe Frankfurter Allgemeine Zeitung 1989, S. 159.

40 vgl. Strauch 1993, S. 44.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Public Affairs - politische Unternehmenskommunikation als neue Form der Public Relations
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
50
Katalognummer
V8594
ISBN (eBook)
9783638155274
Dateigröße
1131 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
B.A.- Abschlussarbeit
Schlagworte
Public Affairs, Lobbying, Political Agenda Setting, Public Relations, politische Kommunikation
Arbeit zitieren
Joanna Mastalerek (Autor), 2002, Public Affairs - politische Unternehmenskommunikation als neue Form der Public Relations, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8594

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