Der westlich zivilisierte Mensch wird heute in unzähligen Medienberichten permanent mit Tod und Gewalt konfrontiert, ohne wirkliche Erfahrungen damit zu haben, “wie man stinknormal stirbt“.
In dieser Betrachtung soll die allgemein vertretene These, dass der Tod in der modernen Gesellschaft an den Rand gedrängt, tabuisiert wird näher untersucht werden. Zur Vertiefung eines Referats wird dabei der Frage nachgegangen, wie die moderne Gesellschaft mit dem Faktum der menschlichen Endlichkeit umgeht. Um Eigenarten, Probleme von Sterben und Tod für westliche Industriegesellschaften darzustellen, werden für die Moderne typische Strukturveränderungen hinsichtlich der Todesproblematik in Kontrast zur Vergangenheit dargestellt.
Die Problemgeschichte des Todes ist als differenziert und lang zu kennzeichnen. Die Sichtung der Literatur zeigt die Variationsbreite der menschlichen Auseinandersetzung mit dem strukturellen Problem der individuellen Endlichkeit und Sterblichkeit sowie die Fülle unterschiedlicher Sinn- gebungsmöglichkeiten. Über das Problem des Todes in der modernen Gesellschaft liegen aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen Untersuchungen vor. Alle Untersuchungen weisen auf eine grundlegende Neuartigkeit der modernen Sinngebung des Todes hin, hervorgerufen durch fundamentale Strukturveränderungen. Zur historischen Problematik des Wandels von Sinnstrukturen und des unmittelbaren Umgangs mit Tod und Sterben gibt es eine Reihe umfangreicher Arbeiten. So kommt der Historiker Philippe Ariés in seiner zwanzigjährigen Forschungsarbeit zur Geschichte des Todes zu dem Ergebnis, dass sich seit dem 19. Jahrhundert ein grundlegender Wandel der Grundeinstellung der Menschen zum Tod vollzogen hat.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Das Wissen um den Tod
3 Umgang der Gesellschaft und ihrer Mitglieder mit dem Tod
3.1 allgemeine Überlegungen
3.1.2 Der Tod einer Gesellschaft
3.1.3 Das Verhältnis von Tod und gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen
4 Die Antwort der Moderne in Differenz zur Vormoderne
4.1 Wandel der sozialen Ordnung durch den Tod
4.2 Die fundamentalen Strukturveränderungen und ihre Folgen
5 Die Theorie der Verdrängung des Todes, auch der Tabuisierung des Todes
5.1 Pro-Argumente
5.2 Contra-Argumente
6 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die soziologische These, dass der Tod in modernen Gesellschaften an den Rand gedrängt und tabuisiert wird. Dabei wird analysiert, wie sich das Verhältnis des Individuums zum Tod unter Berücksichtigung fundamentaler gesellschaftlicher Strukturveränderungen gewandelt hat und welche unterschiedlichen wissenschaftlichen Positionen zu dieser Thematik existieren.
- Soziologische Analyse des Todes in der modernen Gesellschaft
- Untersuchung von Strukturveränderungen und deren Auswirkungen auf das Todesbild
- Diskussion der "Verdrängungsthese" vs. Kontrolle des Todes
- Rolle von Institutionen, Medizin und gesellschaftlichen Machtverhältnissen
Auszug aus dem Buch
Die Antwort der Moderne in Differenz zur Vormoderne
Der Kulturhistoriker Friedell setzt in seiner `Kulturgeschichte der Neuzeit´ das Jahr 1348 als Beginn der Moderne. Gronemeyer fragt sich darauf bezugnehmend, wenn es nicht kühn, sondern kläglich begann, wenn der Aufbruch eher in Fluchtrichtung stattfand, wenn nicht promethischer Geist, sondern Todesangst die Moderne inspirierte? Für sie ist das „Projekt der Moderne“ eine Antwort auf eine traumatische Todeserfahrung. Wenn auch die `schwarze Pest´ nicht die Ursache der Neuzeit ist, so ist sie doch eine, denn hohe Bevölkerungsverluste durch Seuchen und Hungersnöte im 14. Jahrhundert haben wahrscheinlich zur Zerstörung der feudalen Ordnung einen wichtigen Beitrag geleistet: Leitungsstrukturen brachen zusammen, das Vertrauen in kirchliche und weltliche Hilfe schwand. Sicherheit beruhte nun nicht mehr ausschließlich auf dem Vertrauen in Gott. Ein Mangel an Lebensdauer entstand, so dass in der Beschleunigung eine Strategie gegen den chronisch zu frühen Tod erblickt wurde. Die rationale Bewirtschaftung von Zeit und Sicherheit prägte so das Lebensgefühl der Moderne.
Das Entsetzen über die Kürze seiner Frist führte den Menschen zu der Entscheidung, dass die Welt in Angriff genommen und die Natur bezwungen werden müsse, als sicher durfte nur noch das Gemachte gelten. Die Gesellschaft setzt sich der Natur als Verteidigungssystem entgegen. Der Neuzeitler will Hand an die Welt legen, um seine Sicherheit zu besorgen. Der Mensch wird zum Denker und Lenker. Der klarste theoretische Ausdruck des Triebes, alles zu beherrschen fand sich in der Philosophie der Aufklärung. Gronemeyer bilanziert an dieser Stelle, dass nicht die standhafte Haltung gegenüber dem Tod, sondern die Aussicht auf unerschöpflichen Lebensreichtum die Unternehmungen des modernen Menschen beflügelte. Die modernen Wissenschaften erarbeiten auf der Basis einer Vervollkommnung des medizinischen Wissens Strategien zur Kontrolle von Leben und Sterben, die Verfügbarkeit des Todes wird als menschliche Handlungschance entdeckt. Es geht um eine planmäßige Herstellung von einer Sicherung der Lebensspanne. Staatliche Institutionen regeln immer mehr den Todesbereich mit dem Ziel der Daseinssicherung und Daseinsversorgung. Das Weltbild und programmatische Grundsätze werden vom medizinischen Diskurs tief beeinflusst.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Diese Einleitung skizziert die Problematik, dass der moderne Mensch trotz ständiger Konfrontation mit Tod in Medienberichten kaum noch eigene, unmittelbare Erfahrungen mit dem Sterben macht.
2 Das Wissen um den Tod: In diesem Kapitel wird dargelegt, dass der Tod als das „andere des Seins“ nicht definierbar ist und die menschliche Auseinandersetzung damit als soziales Produkt verschiedenen kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen unterliegt.
3 Umgang der Gesellschaft und ihrer Mitglieder mit dem Tod: Hier wird untersucht, wie Gesellschaften die individuelle Endlichkeit in ihre symbolische Sinnstruktur integrieren und welche Rolle der Tod bei der Stabilität sozialer Systeme spielt.
4 Die Antwort der Moderne in Differenz zur Vormoderne: Dieses Kapitel thematisiert den Wandel der sozialen Ordnung durch den Tod, wobei die Moderne als eine Reaktion auf traumatische Todeserfahrungen und als Streben nach Sicherheit und Kontrolle interpretiert wird.
5 Die Theorie der Verdrängung des Todes, auch der Tabuisierung des Todes: Gegenstand dieses Kapitels sind die verschiedenen soziologischen Positionen, die den Tod als in der Industriegesellschaft an den Rand gedrängt oder verdrängt betrachten, sowie gegenteilige Argumente, die eine stärkere Kontrolle und Rationalisierung hervorheben.
6 Zusammenfassung und Ausblick: Das abschließende Kapitel kritisiert die Vaghei der Verdrängungsthese und fordert eine Einbettung der Thanatologie in eine breitere Theorie der Moderne, um die Rolle des Todes im gesellschaftlichen Beziehungsgeflecht besser zu verstehen.
Schlüsselwörter
Thanatopraxis, Soziologie, Tod, Sterben, Moderne, Todesverdrängung, Tabuisierung, Strukturwandel, Lebensstrategien, Endlichkeit, Gesellschaftstheorie, Todesbewusstsein, Sinngebung, Naturbeherrschung, Individualisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der soziologischen Betrachtung des Todes und des Sterbens in der modernen Gesellschaft und hinterfragt, wie moderne Strukturen unser Verhältnis zur Endlichkeit beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Tabuisierung und Verdrängung des Todes, die Rolle der modernen Medizin, der Wandel von Todesbildern sowie die Frage, wie Gesellschaften Sicherheit und Sinn in Anbetracht der menschlichen Sterblichkeit generieren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die These zu untersuchen, dass der Tod in modernen Gesellschaften an den Rand gedrängt wird, und dabei die komplexen gesellschaftlichen Zusammenhänge aufzuzeigen, die diesen Prozess prägen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine deskriptive und analytische Literaturanalyse, bei der sie soziologische Theorien und Erkenntnisse verschiedener Autoren (u.a. Ariés, Baumann, Nassehi, Weber) zusammenführt und kontrastiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird der Wandel der Todesbilder von der Vormoderne zur Moderne analysiert, sowie die Argumente für und gegen die These der Todesverdrängung in der industriellen Gesellschaft erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Thanatopraxis, Todesverdrängung, moderne Gesellschaft, Strukturwandel, gesellschaftliche Kontrolle und Sinngebung charakterisieren.
Welche Rolle spielt die medizinische Entwicklung für das moderne Todesbild?
Die Medizin hat den Tod stärker kontrollierbar und technisierbar gemacht, was einerseits zu einer höheren Sicherheit, aber auch zu einer Entfremdung vom Sterbeprozess und einer Institutionalisierung des Todes führt.
Warum bleibt der „Ort“ der Sinngebung des Todes in der Moderne laut der Autorin unklar?
Da die moderne Gesellschaft keine einheitliche religiöse oder metaphysische Leitsemantik mehr besitzt, die das Leben und den Tod für alle verbindlich einordnet, ist die Sinnstiftung zu einer individuellen und pluralistischen Aufgabe geworden, die gesellschaftstheoretisch schwer zu fassen ist.
- Quote paper
- M.A. Saskia Gerber (Author), 2000, Die 'Thanatopraxis' der modernen Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8595