Ein besonderes Qualitätsmerkmal in der Erziehungs- und Familienberatung ist die Niedrigschwelligkeit, die sicherstellen soll, dass auch Familien aus unteren Sozialschichten und benachteiligten Bevölkerungsgruppen die Erziehungs- und Familienberatung in Anspruch nehmen (vgl. VOSSLER 2003, S. 26). In der Literatur herrschen verschiedene Mei-nungen bezüglich dieser Thematik vor. Manche Autoren sind davon überzeugt, dass die Niedrigschwelligkeit als Leistungsangebot der Erziehungs- und Familienberatung gewährleistet ist, andere bezweifeln diese These.
In dieser Ausarbeitung soll der Frage nachgegangen werden, ob die Niedrigschwelligkeit ein Regelangebot oder ein Mythos im Leistungsspektrum der Erziehungsberatung darstellt.
Zunächst wird eine Begriffsklärung der Erziehungsberatungsstelle vorgenommen sowie eine Begriffswahl getroffen, da in der Literatur eine Vielfalt an Begriffen Verwendung findet.
Als wesentliche Rahmenbedingungen der Erziehungs- und Familienberatung werden die `drei Säulen` - die Freiwilligkeit, Kostenfreiheit und die Schweigepflicht – dargestellt, welche die Niedrigschwelligkeit gewährleisten sollen. Sie werden hinsichtlich ihrer praktischen Umsetzung hinterfragt.
Das multiprofessionelle Team, die Methoden und Arbeitsansätze sollen die Niedrigschwelligkeit als Regelangebot sicherstellen. In diesem Abschnitt wird überprüft, inwieweit sozialpädagogische Ansätze in der Beratung Berücksichtigung finden.
Auch präventive Angebote sollen dazu beitragen, dass beispielsweise sozial benachteiligte Familien die Erziehungs- und Familienberatung ebenso häufig wie andere Bevölkerungsschichten aufsuchen. Eben diese Menschen sollen von der Ergänzung der klassischen `Komm-Struktur` durch eine `Geh-Struktur` profitieren.
Im Anschluss der Darstellung dieser Problematik werden empirische Daten aufgeführt, die die Erreichbarkeit der unteren Schichten bzw. Menschen mit Migrationshintergrund repräsentieren, sowie die Inanspruchnahme nach dem familialen Kontext knapp skizzieren.
In allen Ausführungen wird die Niedrigschwelligkeit auf die Frage hin überprüft, ob sie ein Regelangebot oder ein Mythos darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
3. Die ‚drei Säulen’ der Erziehungs- und Familienberatung
4. Profession
5. Prävention
6. Inanspruchnahme von Erziehungsberatung
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Qualitätsmerkmal der Niedrigschwelligkeit in der Erziehungs- und Familienberatung mit dem Ziel zu klären, ob es sich dabei um ein flächendeckend etabliertes Regelangebot oder lediglich um einen Mythos handelt. Dabei wird insbesondere hinterfragt, inwieweit konzeptionelle Ansätze, Rahmenbedingungen und die tatsächliche Inanspruchnahme der Beratungsangebote den Anspruch an einen einfachen und barrierefreien Zugang für alle Bevölkerungsschichten in der Praxis erfüllen.
- Die ‚drei Säulen’ der Erziehungsberatung (Freiwilligkeit, Kostenfreiheit, Schweigepflicht)
- Die Rolle der Multiprofessionalität und therapeutische Ausrichtung
- Präventive Ansätze und notwendige strukturelle Öffnung (Geh-Struktur)
- Analyse der Inanspruchnahme nach Schichtzugehörigkeit und familialem Kontext
- Herausforderungen in der Arbeit mit benachteiligten Gruppen und Migranten
Auszug aus dem Buch
3. Die ‚drei Säulen’ der Erziehungs- und Familienberatung
Die Niedrigschwelligkeit ist ein Kernelement der Erziehungs- und Familienberatung geworden. In diesem Abschnitt werden die drei Säulen der Erziehungs- und Familienberatung, die Freiwilligkeit, Kostenfreiheit sowie die Schweigepflicht dargestellt und kritisch reflektiert. Die Konkretisierung dieser drei Säulen, die zur Niedrigschwelligkeit beitragen erfolgt unter anderem durch die Regelung der Öffnungszeiten, Wartezeiten sowie der Öffentlichkeitsarbeit, welche deshalb einen weiteren Bestandteil dieses Abschnitts bilden werden.
Die Freiwilligkeit der Inanspruchnahme ist eng verbunden mit der Schweigepflicht und der Kostenfreiheit. Die Kostenfreiheit erhöht die Freiwilligkeit der Inanspruchnahme vor allem bei ärmeren Familien. Die Säulen der Freiwilligkeit und der Schweigepflicht begründen sich darauf, dass nur durch diese beiden Säulen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann. Der Ratsuchende soll offen über sein Anliegen und seine Probleme sprechen können (vgl. HUNDSALZ 1995, S. 169 f.). „Jeder Ratsuchende kann die [Erziehungs- und Familienberatungsstelle] seines Vertrauens […] aufsuchen“ (JANS et al. 1994, S. 15; Zus. v. J. P.), was dazu beiträgt, die Offenheit des Ratsuchenden während der Beratung zu sichern. Darüber hinaus umfasst die freiwillige Inanspruchnahme auch die freiwillige Entscheidung für einen Termin (vgl. HUNDSALZ 1995, S. 171). Eine Konkretisierung dieser Aspekte soll durch bedarfsgerechte Öffnungszeiten, kurze Wartezeiten und Öffentlichkeitsarbeit erfolgen, um den Zugang zu erleichtern (vgl. HUNDSALZ 2001, S. 315). So soll die Erziehungs- und Familienberatung für Kinder, Jugendliche und Eltern bzw. Erziehungsberechtigte unmittelbar zugänglich sein, so dass sie sich auch „in Notfällen ohne größere Barrieren unmittelbar an die Beraterinnen und Berater wenden können“ (HUNDSALZ 1995, S. 61).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Niedrigschwelligkeit ein und stellt die zentrale Forschungsfrage, ob diese ein gelebtes Regelangebot oder ein Mythos ist.
2. Begriffsklärung: Dieses Kapitel definiert die Erziehungs- und Familienberatung als gesetzlich verankerte Leistung und klärt die Begriffsverwendung innerhalb der Fachpraxis.
3. Die ‚drei Säulen’ der Erziehungs- und Familienberatung: Hier werden die Freiwilligkeit, Kostenfreiheit und Schweigepflicht als Rahmenbedingungen erläutert und deren praktische Umsetzung kritisch hinterfragt.
4. Profession: Dieses Kapitel befasst sich mit der Multiprofessionalität in Beratungsstellen und dem Spannungsfeld zwischen therapeutischer Ausrichtung und lebensweltorientierter Sozialer Arbeit.
5. Prävention: Es wird die Notwendigkeit einer präventiven Orientierung diskutiert, um Barrieren abzubauen und bisher schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen anzusprechen.
6. Inanspruchnahme von Erziehungsberatung: Basierend auf statistischen Daten wird die tatsächliche Nutzung der Angebote hinsichtlich Schichtzugehörigkeit und familiärer Kontexte analysiert.
7. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass Niedrigschwelligkeit bisher kein flächendeckendes Regelangebot darstellt, aber durch Ansätze der zugehenden Beratung weiter ausgebaut werden sollte.
Schlüsselwörter
Niedrigschwelligkeit, Erziehungsberatung, Familienberatung, Freiwilligkeit, Prävention, Sozialpädagogik, Multiprofessionalität, Inanspruchnahme, Lebensweltorientierung, Migrationshintergrund, Sozial benachteiligte Familien, Komm-Struktur, Geh-Struktur, Beratungsqualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, inwieweit das Qualitätsmerkmal der Niedrigschwelligkeit in der Erziehungs- und Familienberatung tatsächlich in der Praxis umgesetzt wird oder ob es eher ein theoretisches Ideal bleibt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die fachlichen Rahmenbedingungen, die professionelle Zusammensetzung der Teams, die präventive Ausrichtung der Arbeit sowie die empirische Analyse der tatsächlichen Klientel.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet: Ist die Niedrigschwelligkeit der Erziehungs- und Familienberatung ein gesichertes Regelangebot oder nur ein Mythos?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autoren nutzen eine fundierte Literaturanalyse und beziehen sich auf aktuelle Studien, Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe sowie punktuelle eigene Erfahrungen aus Interviews mit Fachkräften.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die konzeptionellen Säulen der Beratung, das Spannungsfeld zwischen therapeutischer Arbeit und sozialer Arbeit, die Bedeutung präventiver Angebote sowie die statistische Inanspruchnahme durch unterschiedliche Bevölkerungsgruppen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Niedrigschwelligkeit, Erziehungsberatung, Prävention, Lebensweltorientierung und soziale Benachteiligung sind die prägenden Begriffe.
Warum ist die Unterscheidung zwischen ‚Komm-Struktur‘ und ‚Geh-Struktur‘ für die Beratung wichtig?
Die traditionelle ‚Komm-Struktur‘ erreicht primär die Mittelschicht, während die ‚Geh-Struktur‘ aktiv auf sozial benachteiligte Gruppen zugeht und so die Hemmschwelle für die Inanspruchnahme senkt.
Welches Fazit ziehen die Autoren zur Internetberatung?
Internetberatung wird als zukunftsträchtige Perspektive für die Prävention gesehen, erfordert jedoch eine kritische Reflektion hinsichtlich der Anonymität und der Qualitätssicherung.
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- Corinna Kühn (Author), Wenke Deussen (Author), Janine Pollert (Author), Julia Hollmann (Author), 2007, Das Qualitätsmerkmal Niedrigschwelligkeit in der Erziehungsberatungsstelle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85972