Das Fremdsein in Kafkas Roman "Das Schloß"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. K. und das Dorf

III. K. und das Schloss

IV. Textinterpretation

V. Schluss

VI. Bibliographie

I. Einleitung

Die Auseinandersetzung Kafkas mit der Gesellschaft, Religion und seiner Existenz brachten der Welt ein einmaliges Schaffen hervor. Die Helden seines Werks sind nicht wie die klassischen Helden, Wilhelm Meister in den Lehrjahren Goethes zum Beispiel, denen nur daran gelegen ist, etwas in ihrer Gesellschaft zu erreichen. Die Integration in die Gesellschaft und die Harmonie mit ihr galt jenen als höchstes Ziel. Die Protagonisten Kafkas Werk hingegen sind schlechthin das Gegenteil: Josef K. in „Der Prozeß“, K. in „Das Schloß“ oder Karl Roßmann in „Der Verschollene“, sie haben es schwer, das Leben zu verstehen und deshalb gelingt ihnen die Integration nicht. Oder sie hinterfragen sie Gesellschaft, finden sie hässlich und wollen sich daher nicht in sie einfügen. Sie sind Menschen, die ihrem Milieu und dem Leser verschlossen bleiben. Der Leser wird gezwungen, sich immer wieder mit ihnen auseinanderzusetzen, um sie, wenn nicht zu verstehen, dann mindestens ihre Funktion in den Texten nachvollziehen zu können. Jenen Autoren gelingt es also, eine Fremdheit zwischen Leser und der Geschichte und ihren Figuren zu schaffen.

Fremdsein und Fremdheit in Kafkas Roman „Das Schloß“ stellt die Thematik dieser Hausarbeit dar.

Im Soziologie-Lexikon von Gerd Reinhold finden wir unter dem Lemma Fremder folgendes: „1. eine Person, die bislang unbekannt war, weshalb über ihre soziale Herkunft, ihre Eigenschaften nichts bekannt ist, was das Verhalten ihr gegenüber erschwert, weil nur die Rolle des Fremden bekannt ist. Die Rolle ist symmetrisch, weil beide sich fremd sind; 2. eine Person, die zwar als solche schon relativ bekannt ist, die aber Eigenschaften und Verhaltensweisen zeigt, die in dem sozialen Gefüge als unüblich (oder gar abweichend) gelten und deshalb fremd sind. Deshalb wird dessen Integration in die soziale Gruppe erschwert sein.“[1] Für Georg Simmel ist der Fremde, derjenige, „der heute kommt und morgen bleibt.“[2]. Seine Position in einer Gesellschaft ist wesentlich dadurch bestimmt, „dass er nicht von vornherein in sie gehört, dass er jedoch Qualitäten, die aus ihm nicht stammen und stammen können, in ihn hineinträgt.“[3] Er ist auch kein „Bodenbesitzer“, wobei Boden nicht nur räumlich, sondern auch im übertragenen Sinne „einer Lebenssubstanz“[4] verstanden wird

Ausgehend von diesem soziologischen Ansatz, wird an dem Text anhand der Beziehungen K.s zum Dorf und zum Schloss untersucht, wie die beiden Polen „Individuum“ und „Kollektiv“ miteinander zusammenhängen. Was macht K. zu einem Fremden? Wie wird er in der neuen Gesellschaft aufgenommen und was macht er, um den Zustand des Fremdseins zu überwinden?

Es wird ein hermeneutischer Interpretationsversuch unternommen, was die strukturalistische Methode dieser Arbeit fortsetzt.

II. K. und das Dorf

K.s Person und Umstände erfüllen die oben genannten Voraussetzungen des Fremden. K ist „Ein Mann in den Dreißigern“[5], der vom nirgendwo „spät abends“[6] in einem für ihn fremden Dorf ankommt, bittet um eine Bleibe für die Nacht „im Wirtshaus“[7]. Er ist „recht zerlumpt“ und fällt wegen seines Aussehens „verdächtig“ auf[8]. Der Wirt erlaubt ihm zu übernachten und K., der sich „mit niemandem unterhalten“ will, geht direkt schlafen.

Aber man gönnt ihm die Ruhe und den warmen Platz „in der Nähe des Ofens“ nicht, er wird nach einer kurzen Zeit geweckt und von einem jungen Mann namens Schwarzer quasi verhört.[9] Um sich in dem gräflichen Territorium aufhalten zu können, brauche er eine Erlaubnis. Es überrascht ihn, dass es bei diesem Dorf ein Schloss gibt und so stellt er zwei Fragen. Die erste lautet: „In welches Dorf habe ich mich verirrt?“. Auf diese Frage bekommt er in dem ganzen Roman keine Antwort. Das Dorf bleibt namenlos. Die zweite Frage, um sich der Existenz eines Schlosses bei diesem Dorf zu versichern, lautet: „Ist denn hier ein Schloß?“. Er macht es zu seiner wichtigsten Aufgabe ins Schloss zu gelangen und zwar mit allen Mitteln. Naiv denkt er, dass er sich sofort eine solche Erlaubnis von dem „Herrn Grafen Westwest“ besorgen kann. Er wird dafür verhöhnt und wie ein Bettler behandelt. K. reagiert auf die Aggression Schwarzers mit der Behauptung, er sei „der Landvermesser, den der Graf hat kommen lassen“[10]. Schwarzer erkundigt sich im Schloss, ob das stimmt oder nicht. Er wird wütend, als er hört, dass das Schloss keinen Landvermesser einstellt und schreit ihn an: „ich habe es ja gesagt“, schrie er, „keine Spur von Landvermesser, ein gemeiner lügnerischer Landstreicher, wahrscheinlich aber ärgeres.“[11] Schwarzer sieht in K. einen vogelfreien Menschen und dementsprechend er behandelt ihn. K. stellt schon von Anfang an eine Bedrohung dar, die man nur durch Härte bekämpfen kann. Es werden auch die Grenzen klar gezogen. K. steht da als ein unbekannter Mensch, da man seine Absichten nicht kennt und deshalb muss man ihn unter die Lupe nehmen. Schwarzer als Vertreter der sesshaften Bevölkerung nimmt sich das Recht, ihn zu verhören, denn von diesem Fremden könnte eine Gefahr ausgehen.

Kurz danach klingelt das Telefon nochmals, dieses Mal zu K.s Gunsten, denn es stellt sich heraus, dass es sich beim ersten Mal um einen „Irrtum“[12] handelte. „Das Schloß hatte ihn also zum Landvermesser ernannt.“[13] K. erstaunt sich über diese unerwartete Aufnahme, die nur als Folge seiner Behauptung scheint. Aber er ist befremdet, sodass er diese Aufnahme, diese Geste der Zuwendung, als eine Kampfansage ansieht. In Wahrheit also erklärt er durch diese Auslegung dem Schloss und damit dem Dorf den Kampf.

Das ist die Ausgangssituation des Romans. Dieser Spannung erzeugende Konflikt prägt ihn von Anfang an bis zum Ende. K. bekommt durch den ganzen Roman hindurch zu spüren, was es heißt, ein Fremder zu sein. Es kommt nie zum Frieden zwischen ihm und den Dorfbewohnern. Er wird die ganze Zeit auf den Zustand hingewiesen, den er überwinden will, nämlich das Fremdsein.

Als K. die Existenz des Schlosses feststellt, setzt er sich monomanisch dessen Erreichen als sein wichtigstes Ziel und erstrebt gleichzeitig die Integration im Dorf um überhaupt etwas für sich im Schloss zu gewinnen: „Nur als Dorfarbeiter, möglichst weit den Herren vom Schloß entrückt, war er imstande etwas im Schloß zu erreichen.“[14] kommentiert der auktoriale Erzähler. Aber K.s Verhalten gegenüber den Dorfbewohnern ist ein Grund, warum er keine Brücke zu den Menschen schaffen kann. Sein Umgang mit dem Wirt zum Beispiel am zweiten Tag nach seiner Ankunft zeigt eine unerhörte Überheblichkeit „erbarmte er sich seiner und ließ ihn bei sich für ein Weilchen sich niedersetzen.“[15], die vorgibt, dass der Wirt ein Hund wäre, der die Aufmerksamkeit seines Herrchens erregen wollte. In der Tat sollte K. dem Wirt sehr dankbar sein, denn der Wirt war ihm gegenüber äußerst freundlich, als er K. an jenem Abend in dem Wirtshaus ohne Garantie übernachten ließ. Die Wirtin macht ihn später darauf aufmerksam: „Sie z.B. verdanken es doch nur seiner Nachlässigkeit - ich war an dem Abend schon müde zum Zusammenbrechen - daß Sie hier im Dorf sind, daß Sie hier auf dem Bett in Frieden und Behagen sitzen.“[16] Auch sein Verhältnis zu seinen Gehilfen zeichnet sich durch Hybris, Unfreundlichkeit, Härte, Rücksichtslosigkeit und Utilitarismus aus und zwar vom ersten Augenblick an, als er sie zu sehen bekam, bevor er sie als seine Gehilfen annahm: „ihre Bekanntschaft schien ihm … nicht sehr ergiebig“.[17] Ihr Aussehen stellt für ihn auch ein Problem dar. Er kann die beiden nicht voneinander unterscheiden und deshalb will er sie „wie einen einzigen Mann behandeln.“[18] Das weist auf eine bestimmte Verachtung und Gleichgültigkeit hin. Er will sich nicht anstrengen, um sie zu unterscheiden, macht nicht einmal einen einzigen Versuch in diese Richtung. Er hat sogar kein Gehör für ihren Protest und keine Achtsamkeit auf ihre Gefühle: „Das wäre uns recht unangenehm“ „Wie denn nicht“, sagte K., „natürlich muß Euch das unangenehm sein, aber es bleibt so.“[19] und „ihre bloße … Gegenwart“[20] stört ihn. Eigenartigerweise versteht sich jeder im Dorf mit Jeremias und Arthur und sie werden akzeptiert und respektiert. Das sagt ihm der Gemeindevorsteher, als K. ihre Anwesenheit als lästig wahrnimmt: „Mich stören sie nicht“. K. besteht aber auf seiner Meinung: „Mir aber sind sie lästig.“[21] Er kann auch nicht verstehen, warum Frieda mit den Gehilfen so geduldig ist. Nachdem sie „ihm eine Last“ wurden[22], will er Frieda dazu bewegen, ihnen gegenüber hart zu sein, um sie loszuwerden. Er kann nicht verstehen „warum sie ihnen so vieles nachsehe, ja sogar Unarten freundlich hinnehme. Auf diese Weise werde man sie niemals loswerden, während man es durch eine gewissermaßen kräftige, ihrem Benehmen auch wirklich entsprechende Behandlung erreichen könnte, entweder sie zu zügeln oder…ihnen die Stellung so zu verleiden, dass sie endlich durchbrennen würden.“[23] Seine Aggression steigert sich, bis er gegen Arthur handgreiflich wird, was für den Gehilfen Arthur ausschlaggebend ist, ins Schloss zurückzukehren und gegen K. eine Klage einzureichen. Jeremias altert schnell unter K.s Härte und Gnadenlosigkeit, er wird senil und fürsorgebedürftig. Interessant ist die Klage, die Arthur selber und im Namen seines Bruders führt; sie lautet: „daß [K.] keinen Spaß versteht. [Hervorhebung des Verf.]“ Und Jeremias erklärt K., dass ein Beamter Namens Galater sie zu Ihm schicke, mit dem Auftrag, ihn ein wenig zu belustigen. Galater sagte ihnen: „Das Wichtigste aber ist, daß ihr ihn ein wenig erheitert. Wie man mir berichtet, nimmt er alles sehr schwer.“ Die Klage lautet weiter: „daß [K.] sehr grob“ sei.[24] Dass K. keinen Spaß versteht, hängt mit seinem ernsten Wesen zusammen. Er ist fremd, mittellos und ängstlich und denkt hauptsächlich an finanzielle und existenzielle Sicherheit. Bis jetzt erweist sich der Umgang mit K. als sehr schwierig. Auch wenn die Gehilfen eine Hürde in K.s Weg darstellen, hätte er mit ihnen anders umgehen sollen. Aber er besteht auf dem Status eines „Herr[n]“ und deshalb kann er und will die Gehilfen als gleichberechtigt und ebenbürtig betrachten. So jedoch stellt er sich gegen die Meinung der Dorfbewohner in Bezug auf Arthur und Jeremias und das hinterlässt keinen guten Eindruck bei ihnen. Es erschwert ihm, sich in diesem neuen Milieu einzufügen.

[...]


[1] Soziologie-Lexikon: Hg. v. Gerd Reinhold. Oldenburg Verlag, München, Wien, Oldenburg 1997, S. 191.

[2] Georg Simmel: Exkurs über den Fremden. In: Der Fremde als sozialer Typus. UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz, 2002, S. 47.

[3] Georg Simmel: S. 47.

[4] Ebd., S. 48.

[5] Franz Kafka: Das Schloß. Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2005, S. 12.

[6] Ebd., S.9.

[7] S.9.

[8] S.12.

[9] S. 9 f.

[10] Franz Kafka: S. 11.

[11] S. 12.

[12] S.13.

[13] Ebd.

[14] S. 35.

[15] Franz Kafka: S. 14.

[16] S. 62.

[17] S. 23.

[18] S. 28.

[19] Ebd.

[20] S.58.

[21] S. 78. Später auf Seite 287 gibt K. Jeremias zu: „wir hätten uns gewiß, wenn mich auch Dein Aussehen manchmal ein wenig stört, ausgezeichnet vertragen.“

[22] S. 146.

[23] S. 155.

[24] Franz Kafka: S. 283.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Fremdsein in Kafkas Roman "Das Schloß"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Franz Kafka – Die Romane
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V86088
ISBN (eBook)
9783638014892
ISBN (Buch)
9783638918008
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um eine ambitionierte, um Textnähe und Genauigkeit der Argumentation bemühte Untersuchung des Fremdseins in Kafkas "Schloß"
Schlagworte
Fremdsein, Kafkas, Roman, Schloß, Hauptseminar, Franz, Kafka, Romane
Arbeit zitieren
Said Elmtouni (Autor), 2007, Das Fremdsein in Kafkas Roman "Das Schloß", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86088

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