Die dreifache Verführung in den romantischen Bergwerken - eine Analyse zu Tieck, Novalis und Hoffmann


Examensarbeit, 2007

83 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Teil I : Die Bergwerksthematik in der Theorie
1. Einführung
2. Das Bergwerk und die Montanindustrie
2.1 Der Bergbau vom Mittelalter auf dem Weg zur Industrialisierung
2.2 Der mentalgeschichtliche Bezug zum Bergbau
2.3 Der Bergbau aus sozio-kultureller Sicht
2.4 Legitimationsproblematik des frühneuzeitlichen Bergbaus
2.5 Die Vorstellung über das Wachstum der Steine
2.6 Der romantische Bezug zu dieser Vorstellung
3. Die Epoche der Romantik
3.1 Eine kurze Eingliederung
3.2 Wortherkunft und Programmatik
3.3 Die verschiedenen Phasen der Romantik
3.4 Philosophische Interessen
3.5 Der Bergbau zur Zeit der Romantik
3.6 Das Motiv des „Bergwerks“ in der Romantik
4. Die Verführung
4.1 Versuch einer Definition
4.2 Die sexuelle Verführung
4.3 Verführung durch Kapital oder die Entdeckung des Warenfetischismus
4.4 Die verführerische Erkenntnis

Teil II : Die Bergwerke in ausgewählten Werken der Romantik
5. Novalis´ „Heinrich von Ofterdingen“
5.1 Der Autor unter dem Aspekt der Bergwerksthematik
5.1.1 Novalis Ökonomievorwürfe im „Heinrich von Ofterdingen“
5.2 Inhaltlicher Abriss
5.3 Vita activa versus vita contemplativa
5.4 Mittlerfunktionen
5.4.1 Der Bergmann
5.5 Die Verführung im Reich der Philister
5.6 Das Bergwerk des Wissens
5.7 Die Funktionen der Bergmannslieder
5.8 Verführung durch Sexualität: Der Traum der blauen Blume
6. Ludwig Tieck: „Der Runenberg“
6.1 Entstehung
6.2 Kurze Inhaltsskizze
6.3 Christian im Goldrausch oder die Verführung durch Geld
6.4 Zu den Wurzeln der Natur oder Verführung durch Wissen
6.5 Im Rausch der Sexualität
7. E.T.A Hoffmann: „Die Bergwerke zu Falun“
7.1 Der Stoff
7.2 Kurzer inhaltlicher Abriss
7.3 Verführung durch die Metalle
7.3.1 Die Begegnung mit dem Bergwerk
7.4 Die verführerische Macht des Wissens
7.5 Elis´ Traum
7.6 Verführung durch Sexualität oder „die weiblich lockende Schatztruhe“
7.7 Die konträren Frauentypen
8. Resumée
9. Literaturverzeichnis

Teil I : Die Bergwerksthematik in der Theorie

1. Einführung

„Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen“(Albert Schweitzer)

„Wäre die Sprache der Natur ein Echo des Menschen, so hörten wir in ihm vor allem, was wir der Natur angetan haben“[1]. Wenn man sich die Frage stellt, in welchem Bezug der romantische Montanbau und die Bergwerksmotivik zur heutigen Zeit stehen, scheint eine Antwort zunächst in weiter Ferne, doch bei einem näheren Hinsehen erkennt man, dass die Verbindung viel näher liegt, als eigentlich angenommen. Schon in der Bibel wird der Mensch dazu aufgerufen, die Erde zu füllen und sie sich untertänig zu machen. Was aber einst eine sinnvolle Bewirtschaftung und Instandhaltung bedeutete, führte stetig zur Ausbeutung und Vernichtung dergleichen. Die Erde singt nicht mehr, sie wurde in stummes Schweigen gehüllt. Die anthropogenen Veränderungen haben viele Schäden mit sich gebracht, sei es der Rückgang der Biodiversität, eine Veränderung des Ökosystems oder der klimatischen Bedingungen. Der Blaue Planet scheint einem langsamen Sterben heimgefallen zu sein.

Trotz der zunehmenden wissenschaftlichen Perfektion und den Erkenntnissen über Stoffe, Formeln und Funktionen, gelingt es uns nicht, den vollständigen Weg der natürlichen Prozesse zu ergründen oder gar rekonstruieren – wir bleiben also abhängig von der Natur. Dieses Abhängigkeitsverhältnis lässt den Glauben, die Natur werde schon selbst ersetzen, was man ihr wegnimmt, in einem naiven Licht erscheinen. „Psychologisch gesehen ist das neuzeitliche Naturverhältnis der Menschen vielleicht primitiver, als die Mythologien der im eurozentristischen Hochmut verachteten „Naturvölker“[2]. Umso verwunderlicher der Dualismus, in dem sich unser Neuzeitlicher Mensch befindet. Während der Umgang mit Natur immer problematischer wird, lautet doch ein aufkommendes Motto „Hin zur Natur“, zurück zu den Wurzeln und weg von der Übertechnisierung. Doch der Wunsch nach der technischen Beseitigung aller Grenzen hat gleichzeitig die größte Grenzsetzung mit sich gebracht.

Grenzen sind da, um etwas einzudämmen, um einen Rahmen zu gestalten, der ein festes Regel- und Ordnungsgefüge mit sich bringt. Grenzen regeln und zivilisieren nicht nur, sie vereinfachen sogar Prozesse und Abläufe und werden aber doch immer wieder überschritten. Der leise, beharrliche Schrei, der den Menschen so oft in sein Elend treibt, indem er eine temporäre Brücke über einen Grenzweg bildet, nennt sich Verführung. Ganze Abhandlungen gibt es über die Kirschen, die in fremden Gärten immer noch einen Tick roter erscheinen, als im heimischen. Eine unsichtbare Kraft scheint die Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen und unsere Sinne zu steuern. Leider ist dieser rauschähnliche Zustand, das Gefühl, der alles entschuldigenden Rechtfertigung, oft nur von kurzer Dauer und was bleibt ist die bittere Wahrheit und die Leere nach dem Rausch des Dionysos, der sich nach seinem Verschwinden nicht mehr darum kümmert, was von den Freuden, die er spendete, zurückgeblieben ist.

Die folgende Arbeit statuiert einen Erklärungsversuch an verschiedenen romantischen Hauptwerken der Erzählliteratur. Was ist Verführung, welche Verbindung knüpft sie zur Romantik und welche Funktion kann die Bergwerksthematik hier erfüllen?

Das Bergwerk und die Arbeit darin können nicht nur als ökonomisches Gut und kapitalistische Bildner angesehen werden. Sie sind viel mehr ein Abbild der menschlichen Seele. Die Stollen und Schächte scheinen Eingänge in unseren Körper und zu unserer Seele zu repräsentieren, deren Wege lang und dunkel sind. Man begegnet auf diesem Abstieg hinunter vielen Gefahren, doch am Ende lohnt der Weg, denn man steht nach der beschwerlichen Reise in einer hell erleuchteten Höhle. Gräbt man nur lange und tief genug, und bleibt sicher auf dem Weg, ohne sich von „Naturkatastrophen“ oder anderen „Erschütterungen“ abbringen zu

lassen, so begegnet man am Ende des Tunnels der Erkenntnis, die den Menschen nicht nur mit den Schätzen, die tief in unserem Inneren schlummern, belohnt, sondern auch mit einer befriedigenden Ruhe und einem seligen inneren Frieden. Der gordische Knoten scheint gelöst und die Reise des ewig Suchenden beendet.

2. Das Bergwerk und die Montanindustrie

2.1 Der Bergbau vom Mittelalter auf dem Weg zur Industrialisierung

„Im frühen Mittelalter erreichte der Bergbau weder im technischen Standard noch an wirtschaftlicher Bedeutung das Niveau des antiken Mittelmeerraumes“.[3] Zeugnisse über den Stand der Technik liefern Malereien, die Aufschluss darüber geben, dass der Abbau lediglich dicht unter der Oberfläche erfolgte, da jegliche Gerätschaften für einen lohnenden Abbau fehlten. Erst im Verlaufe des 12. bis zum 14. Jahrhundert erlangte man durch die Kunst des Schachtbaus ein tieferes Absenken, was zur Ausbildung einiger europäischen Bergwerke von nicht zu geringer Bedeutung führte.[4] Um 1500 war dieses Gewerbe schließlich ein wirtschaftlich und politisch bedeutsamer Faktor, der abhängig von der Land- und Textilwirtschaft, den größten deutschen Wirtschaftszweig darstellte.[5]

Anders als in der Romantik galt im Mittelalter die Bergbaufreiheit, die besagte, dass der Finder die geborgenen Schätze behalten durfte, da diese nicht zum Grundeigentum gezählt wurden. Das so genannte Bergregal - ein Nutzungsrecht ­- stellte der König, oder in Deutschland viel mehr der Territorialherr, gegen gewisse Abgaben. Dafür erhielt man aber auch gewisse Privilegien.

Während der antike Bergbau von den Sklaven betrieben wurde und als ein „rohes Handwerk“ angesehen galt, erfuhr er im europäischen Mittelalter eine Aufwertung zum Kunsthandwerk.[6] Aristoteles wertet die Mechanik gegenüber der Physik deutlich ab.[7] Weit weg von dem literarischen Interesse an den erhabenen Bergen waren es rein wirtschaftliche Gründe, sprich die industrielle Revolution, die den Bergbau stetig vorantrieb.

Über Jahrhunderte hinweg war der eher geringe Bedarf an Metallen rein wirtschaftlicher oder militärischer Natur. Man benötigte Eisen für Pflüge, Sensen, Rechen und allerlei anderes wirtschaftliches Gerät. Für die Kriegsführung im römischen Reich wurden Schwerter, Dolche und andere Waffen angefertigt. Der zu dieser Zeit benötigte Bedarf, war trotz allem überschaubar und der Bergbau - in seinen frühen Stadien - recht spärlich und wurde mit großer Mühe und Anstrengung betrieben. Und immer noch arbeiteten in den Salinen und Marmorgruben die Verurteilten der Gesellschaft. Doch als plötzlich neue industrielle Verwendungsmöglichkeiten gefunden werden, sei es für Maschinen, Brücken, Eisenbahnen oder auch Gebäude, stieg die Nachfrage dramatisch an.[8] Dies zog auch unwillkürlich ein gesteigertes Tempo in der Montanwirtschaft nach sich, denn die Erfindung der Dampfmaschine (Thomas Newcomen, 1705) erleichterte die Arbeit in den Schächten ungemein, da nun Wasser in den Minen abgepumpt und somit die Förderung der Metalle schneller voranging.[9]

England war uns in dieser Entwicklung um Dimensionen voraus und konnte als erste Nation in der Welt als voll industrialisiert bezeichnet werden. Diese Entwicklung schlägt sich auch in der englischen Literatur des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts nieder, in welcher oft von rußigen Städten und lauten Fabriken berichtet wird. Das unterschiedliche Tempo in der Entwicklung von England und Deutschland führte zu einem komplett differenten Charakter von Montanbau von Ort zu Ort.[10] Deutschland hingegen gilt als die langsamste industrielle Entwicklungsnation und wird von David Landes sogar noch als vorhomerisches Zeitalter charakterisiert.[11] Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entdeckte man die enormen Kohlevorkommen im Ruhrgebiet. Doch trotz der Tatsache, dass Deutschland die europäische Hauptquelle für Edelmetalle war, erreichte man im Jahre 1850 gerade mal annähernd die Hälfte der englischen Produktionskapazität im Jahre 1800.[12] Doch das gesteigerte Abtragsvolumen führte zu einer komplett veränderten Organisationsform des Montanbaus. War der Bergmann anfänglich noch ein selbständiger Eigenlehner, zog die steigende Kapitalintensität den Zusammenschluss zu Genossenschaften nach sich. Die so genannten „Gewerke“ gründeten auf Kuxen, vergleichbar einer heutigen Aktie, und brachten den Teilhabern entweder Gewinne oder Einbußen.[13]

Der deutsche Bergbau hatte vor allem in der frühen Neuzeit eine herausragende Stellung im Bereich des Silber-, Kupfer-, Zinn,- und Bleiabbaus. Im Bereich der Silberproduktion konnten die Deutschen bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts eine Spitzenposition im internationalen Vergleich einnehmen. Doch dann musste diese „Blütezeit“ aus technischen und finanziellen Gründen, aber vor allem auch des Dreißigjährigen Krieges wegen, ein jähes Ende finden.

Die Montanindustrie nahm eine Schlüsselrolle in der Phase der deutschen Industrialisierung ein.[14] Sei es durch die Entwicklung der Dampftechnik, aber auch der gesteigerten Nachfrage an Metallen, Stein- und Braunkohle und die Nutzung von bislang unentdeckten Vorkommen im Ruhrgebiet wegen. Dies führte zu einem Boom im Bereich der Kohleförderung, weg von der Förderung von Erzen und Edelmetallen. Neue Umbrüche wurden erzielt durch die Erkenntnisse von Geologie und Montanwissenschaft, sowie Chemie und Hüttenkunde an der Universität Freiberg, die sich zum romantischen Zentrum für Montanbau entwickelte. „Freiberg am Osterzgebirge, einst die größte Stadt Sachsens, war schon im Mittelalter wegen ihrer reichen Silbervorkommen berühmt. Im Jahre 1765 gründete man dort nicht zuletzt auf Anregung des Großonkels Friedrich von Hardenbergs, Friedrich Anton von Heynitz und des Oberberghauptmanns Friedrich Wilhelm von Oppel, eine Bergakademie, die sich schon bald größter wissenschaftlicher Anerkennung erfreute. Besucht wurde die Akademie unter anderem von Alexander von Humboldt, Johann Wolfgang Goethe und Theodor Körner.[15] Aber auch das Direktionsprinzip verschaffte der Bergadministration Macht, durch die Verantwortlichkeit über die Gruppenbetriebe. Den Gewerken wurde auf der anderen Seite ein Stück Einfluss und Entscheidungsgewalt entzogen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts „ein Modernisierungsschub unter Beibehaltung traditioneller Formen“ beobachtbar wurde.[16] Auf der einen Seite machte sich ein erheblicher Fortschritt durch Dampftechnik und Wasserkraft bemerkbar, der durch Ansätze betrieblicher Organisationsformen bestärkt wird, doch der „konservativ-ständische Rahmen“, der gewisse Privilegien sichert, wird von der enormen staatlichen Kontrolle an einem weiteren Fortschritt gehindert.[17]

2.2 Der mentalgeschichtlicher Bezug zum Bergbau

„Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht“(Genesis, I,28)

Der Beginn des Bergbaus zeigt sich sehr theologisch und ideologisch. Was der Erde weggenommen wird, soll ihr auch wieder zugeführt werden, lautet ein weit verbreiteter Glaube seit Beginn der Bibelexegese. Dieses Zitat aus dem ersten Buche Genesis soll nicht dazu aufrufen eine dominium terrae oder „despotische Herrschaft“[18] des Menschen über die Natur zu erzielen, da der Mensch in seinem festen Gottesplan eine bereits determinierte Stellung hat und die Natur in sich als vollkommen erachtet wird, folgt man den Jahwisten. Wie oben bereits beschrieben, wurde zur Zeit der Antike die Arbeit in den Schächten, die mit schweren Gesundheitsschädigungen und oftmals auch dem Tode verbunden war, von Sklaven und niedersten Ständen verrichtet. Auch im beginnenden römischen Reich änderte sich daran nicht viel. Was zunächst paradox erscheinen mag, ist die „Dynamisierung von Arbeitsethik und Technik“[19] im lateinischen Mönchtum, insbesondere der Benediktiner und Zisterzienser. Gerade von den Klöstern ging eine rasch technisierende Entwicklung aus und die immer häufigere Verwendung von Maschinen. Eine Erklärung hierfür ist der Verlust des sakralen Charakters von „repetitiver und mühseliger Arbeit“[20]. Was also einst als Schuldbuße für den Sündenfall galt, bekommt nun eine neue Bedeutung. „Lewis Mumford spricht hinsichtlich der Benediktiner-Klöster bereits von einer „moralisierten Megamaschine“ aus kollektiver Arbeit, Disziplinen, Apparaten, effizienten Organisationen und sozialen Wohlfahrten“[21]. Die Zisterzienser erheben aus ihrer Vorstellung einer unvollendeten Schöpfung den Anspruch einer technischen Naturbeherrschung, und Perfektionierung, und genau diese Klosterbrüder waren die ersten Bergwerksgründer und somit Vorreiter der „Säkulären Technik“[22].

Im Mittelalter wird der Reichtum, der tief in der Erde versteckt liegt, auf die magnalia dei, die Großtaten Gottes, zurückgeführt. Erste negative Besetzungen enthält der Widerspruch der Sakralität dieser Erdenschätze durch den beginnenden Rausch nach Besitztum der Erze und Mineralien. Eine beginnende Christianisierung schafft sich neben heidnischen und volkstümlichen Deutungsweisen zunehmend Raum und bringt den Heiligen- und Marienkult in die Stollen. Die heilige Anna wird beispielsweise zur Erzmacherin und erhält eine tiefere Bedeutung; einen metallischen Mutterschoß, der die Erze erzeugt und dem Bergwerk spendet[23]. Auch Christus und Maria erhalten eine Zuordnung, nämlich die der Sonne (Gold) und des Mondes (Silber). Nun hatte aber diese mittelalterliche Verschärfung des Bewusstseins für die selbstverschuldete Vertreibung aus dem Paradies erhebliche Folgen für den Umgang mit dem Montanbau. Durch das sich bewusst werden der eigenen Schuld, wird die Natur als unvollkommen erachtet, stellt eine Feindin dar, die es zu bewirtschaften gilt und die durch ihre Grausamkeit und Naturkatastrophen immer wieder an den begangenen Sündenfall erinnert und Rache ausübt. Also will die Natur beherrscht werden, um vergessen zu können, was mit zunehmender Technisierung auch immer besser funktioniert. Ein theologischer Erklärungsansatz ist das „eschatologische Ziel“[24] der Wiedergewinnung des Paradieses - eines nicht authentischen Paradieses. Dazu war es obligatorisch, den ursprünglich stoischen Gedanken der bereits vollkommenen Natur zu ersetzen.

Nach dem Einsetzen der technischen Innovationen im Zuge der Industrialisierung erfährt auch das Naturverhältnis des Menschen eine signifikante Profanisierung. Die „dämonisch-böse“ oder auch „heilig-fruchtbare“ Natur erhält zunehmend den für die Neuzeit charakteristischen Objektcharakter.[25] Die Rationalität überwindet moralische Bedenken und der sakrale Charakter verliert zunehmend seine Position im Rennen mit der Weiterentwicklung der Mittel.

2.3 Der Bergbau aus sozio-kultureller Sicht

Ebenfalls beachtenswert sind die Auswirkungen der immer stärker ausgeprägten Industrialisierung auf die Gesellschaft - was soziale Ungleichheiten anbelangt.

„Keine Probleme ohne Systeme“ führt schon Niklas Luhmann in seinen systemtheoretischen Grundlagen an, auf den Umkehrschluss, die sozialen Probleme, welche die „Ludditen“ auf den Plan riefen[26] und die erst überhaupt durch die Ausbildung von Systemen entstanden, werden wir nun in den Ansätzen erörtern.

„Die soziale Ungleichheit bezeichnet, ganz allgemein, das Ausmaß und die Art der Unterschiedlichkeiten in typischen gesellschaftlichen Lagen der Akteure der Bevölkerung einer Gesellschaft - im Unterschied zur sozialen Differenzierung, die die Unterschiedlichkeit einer Gesellschaft in Hinsicht auf ihre sozialen Systeme beschreibt“[27].

Die Frage nach dem Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen hat die Soziologie zu Interpretationen veranlasst, wie kaum ein Sujet sonst.

Ein Versuch zweier früher unsoziologischen Antworten zeigt sich zum einen in dem Willen Gottes und / oder in den Gegebenheiten der Natur. Nach Aristoteles gibt es Freie und Sklaven „von Natur aus“, so sind auch die Rangunterschiede der Geschlechter und die soziale Ungleichheit nur eine direkte Folge der naturgegebenen Ungleichheiten. Zu diesen zählt man z.B. den Körper, die Kraft, aber auch Mut, Wissen oder Pflichtgefühl. Allerdings kritisieren Stimmen, dass es sich hier um ein unsoziologisches Phänomen handelt: Einerseits folgen die Unterschiede aus dem „Ratschluss Gottes“, andererseits aus den Launen der Natur.[28]

Die soziologischen Lösungsansätze basieren im Gegensatz dazu auf Privateigentum und Arbeitsteilung. Nach Rousseau ist die Einrichtung des Privateigentums ein Sündenfall, welcher der Auslöser für die „Vertreibung“ aus dem Paradies des Naturzustandes der „Gleichheit“ figuriert.[29] Unter anderem wiesen Adam Smith und Friedrich Engels darauf hin, dass die Arbeitsteilung, „die Unterteilung einer Produktion in unterschiedliche spezielle“ „Funktionen“, einen weiteren Grundpfeiler der sozialen Unterschiede zwischen den Menschen klassifiziert.[30] Unterschiedliche berufliche Tätigkeiten führen automatisch zu unterschiedlichen Entlohnungen und damit zu dem verbundenem differenten individuellen Prestige.

Der Besitz oder auch Nicht-Besitz von Produktionsmitteln übersetzt also eine horizontale Ungleichheit in eine vertikale Rangordnung. Karl Marx versuchte die „Klassenbildung über die Kombination von Privateigentum und Arbeitsteilung zu erklären“[31]. Nur aufgrund der entsprechenden Eigentumsordnungen bildeten sich die Klassen.

Welchen optionalen Bogen könnte man an dieser Stelle zu den romantischen Bergwerken schlagen?

Der Montanbau war der erste industrielle Bereich, in dem der Kapitalismus seine Wirkung zeigte. Die Kleinbetriebe und Genossenschaften werden von Modellen abgelöst, die entschieden moderne, kapitalistische Züge tragen.[32] Um 1500 etabliert sich Jakob Fugger zu einem der vom Bergbau profitierenden Großunternehmer des Deutschen Reiches, mit einem unglaublichen Jahresumsatz von 25 Millionen Gulden, was den Montanbau nach der Landwirtschaft zum zweitwichtigsten Wirtschaftszweig macht, der um 1525 immerhin 100 000 Menschen Arbeit gibt.[33] Durch die enorme Erhöhung der Produktivität im Zuge der Industriellen Revolution kommt es zur Ausbildung von Zusammenschlüssen und somit zur Ausbildung von Ungleichheiten. „Es [das Produktionsmittel] diente als Bildner von Gebrauchswert, ohne als Bildner von Tauschwert zu dienen. Dies ist daher der Fall mit allen Produktionsmitteln, die von Natur, ohne menschliches Zutun, vorhanden sind, mit Erde, Wind, Wasser, dem Eisen in der Erzader, dem Holze des Urwaldes usw.“[34]. Die montanen Bodenschätze sind als Mittel zu sehen, die den Produktionsprozess und somit auch die Stellung der Akteure, die Zugehörigkeit zur jeweiligen Klasse, innerhalb dieses Prozesses vorantreiben. Die „Überführung der Produktionsverhältnisse“[35] ins Kapitalistische und die „kapitalintensive Bewirtschaftung“[36] schaffen es innerhalb weniger Jahrzehnte die finanziell schlechter gestellten Betriebe zu vernichten und anstatt dessen mechanisierte Produktionen, Arbeitsteilung und Beamtenverwaltung zu bezeichnenden Charakteristika für den Montanbau zu erheben.

2.4 Legitimationsproblematik des frühneuzeitlichen Bergbaus

Der frühe Bergbau war also mit einem beträchtlichen Symbolcharakter behaftet und daraus ergaben sich auch diverse Probleme im Abbau der Schätze, die Mutter Natur in ihrem Schoße vergraben hält.

Ein klassischer Kritikpunkt geht auf Jean-Jacques Rousseau zurück, der in seinen Aufsätzen „Les Rêveries du promeneur solitaire“ von 1782, schwere Vorwürfe gegen den aufkeimenden Kapitalismus erhebt. In seiner siebten Träumerei spricht Rousseau davon, dass das Mineralreich „an sich nichts Liebenswertes und Anziehendes“ besitzt, und „seine Reichtümer im Schoß der Erde verborgen zu liegen scheinen, um die Habsucht des Menschen nicht zu reizen“.[37] Er beschreibt den Menschen in einem spöttischen Unterton, als ein in einen Rausch geratenes Wesen, der in den Innereien der Erde wühlt und dabei sogar seine Gesundheit aufs Spiel setzt, indem er in die dunklen Schächte eindringt. Was er dort vorfindet ist kalt und lieblos. Die terra mater, die weibliche Gestalt Erde, wird entwürdigt durch das Eindringen der zahlreichen Bergleute und Arbeiter. Es ist ein Tabubruch, ein erneuter Sündenfall. Rousseau verurteilt die Flucht aus dem Paradies, der Natur und der Schönheit, die die Sonne und das Tageslicht zu bieten haben. Wer anstatt dessen ein lautes Arrangement dampfender Maschinen, stickiger Stollen und den Entzug des Tageslichts vorzieht, um einen Tabubruch zu vollziehen, wiederholt einen Biss in den Apfel der Erkenntnis.

Der erste Vorwurf an den Bergbau ist also ein Tabubruch, durch das Eindringen in die heilige prokreatorische Erde. Obwohl sie uns nährt und versorgt, nehmen wir ihr ihre Ruhe und verletzen sie in ihren Tiefen.

Diesem Monitum schließt sich auch Paulus Niavis mit seinem Gleichnis Iudicium Iovis oder Das Gericht der Götter über den Bergbau an. Es wird eine Gerichtsszene beschrieben, in welcher die Erde, sichtbar zerfleddert und in einem grünen Gewand, mit Tränen in den Augen, vor dem höchsten Gott Jupiter erscheint und gegen den bergbauenden Menschen klagt, den homo faber, repräsentiert durch mit Haueisen und Klöppeln bewaffneten Zwergen, im Text Penaten genannt.[38] Merkur, der als Anwalt und Sprecher für die Erde fungiert, hält eine lange Rede, in der er zum Ausdruck bringt, dass der Mensch sich nicht mehr damit begnügt die reichen Früchte, welche die Erde hervorbringt zu ernten, sondern nun auch mit einer überheblichen Leichtfertigkeit ihren Körper „zerfleischt“, „ihren Leib durchwühlt und verletzt“.[39] Getrieben von unbändiger Gier nach den Metallen, verletzen und misshandeln sie die Erde in einer respektlosen Art und Weise. Das Gold und Silber vergleicht er mit einem Gift, das die Sinne der Menschen benebelt. Der Mensch rechtfertigt sich dieser Anklage des Muttermordes dadurch, dass er der Mutter Erde ein eher stiefmütterliches Verhalten vorwirft, da sie – anstatt ihren Sohn zu nähren – die wertvollsten Schätze in ihrem Inneren versteckt und hortet. Weiter führt er aus, dass das „Gold und jedes sonstige Metall aufgesucht werden muss“, da alles einzig und allein um des Menschen willen geschaffen wurde und die Heiligkeit der Götter es fast schon gebietet, ihre Tempel „mannigfaltig“ auszustatten.[40] Die Argumente „Prunksucht“ und „Habgier“ widerlegt er durch das Argument, anderen helfen zu wollen und die Schätze zum Allgemeinwohl zu verbreiten. Er geht noch weiter und bezichtigt terra mater eines egoistischen Verhaltens, die Schätze so gut zu verbergen, dass der Mensch solch harte Qualen und Gefahren auf sich nehmen muss, um an diese zu gelangen. Sie sei eine Stiefmutter, der Liebe und Zuneigung zu den Kindern fern liegt.[41] Nachdem sich auch Bacchus, Ceres, Nais, Minerva, Pluton mit Charon und die Faune zu dem Sachverhalt äußern, fällt Fortuna, die Königin der Sterblichen, ein Urteil, welches folgendermaßen ausfällt: „Es ist die Bestimmung der Menschen, dass sie die Berge durchwühlen; sie müssen Erzgruben anlegen, sie müssen die Felder bebauen und Handel betreiben. Dabei müssen sie bei der Erde Anstoß erregen, müssen die Wissenschaft ablehnen […] und auch in den Wasserläufen nach Erzen suchen. Ihr Leib aber wird von der Erde verschlungen, durch das böse Wetter erstickt; er wird trunken vom Weine und leidet unter Hunger“.[42]

Asche zu Asche, Staub zu Staub. So schließt sich der Kreislauf in der Legitimationsproblematik und führt uns unwillkürlich zur biblischen Thematik zurück. In der Schöpfungsgeschichte (Genesis 2, 73, 17f.) wird besonders die Verbundenheit des Menschen mit der Erde betont. „Der Stammesvater der Menschheit „Adam“ wird aus Erde gemacht. Adam steht im Hebräischen für „Mensch“ und Adama für den Ackerboden.“ Der „Erdling“ wird also von der Erde genommen, zu der er irgendwann zurückkehren, erneut ein Teil von ihr werden wird.[43] Der göttliche Auftrag sich die Erde zu unterwerfen, darf also nicht als Legitimation zur Ausbeutung dergleichen verstanden werden, sondern eher als ein Vertrag zur Nutzung und Bewirtschaftung auf der einen, und einer gesicherten Versorgung auf der anderen Seite. Wie auch schon Fortuna betont, vermag die Erde sich an ihrem Sohn mannigfach zu rächen. Er kennt nicht die Gefahren, die seine (Stief)mutter für ihn bereithält. Überschreitet der Mensch seine Grenzen und begeht Muttermord, so weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er mit der Erde wieder verschmelzen und zu ihr zurückkehren wird. Trotz der Tatsache, dass er an ihr Anstoß erregen muss, ist sie es, die am Ende doch die letzte Schlacht gewinnt.

2.5 Die Vorstellung über das Wachstum der Steine

Um sich eine genauere Vorstellung davon machen zu können, warum die Bergwerke zu solch einem zentralen romantischen Motiv herangewachsen sind, ist es sinnvoll, sich anzuschauen, wie die damalige Vorstellung über das Heranreifen und die Entstehung von Bergwerken und den darin enthaltenen Mineralien, eigentlich war.

Wie im obigen Kapitel bereits erwähnt, entwickelte sich das in Sachsen gelegene Freiberg zum Zentrum für das Studium der Bergbautechnologie und Mineralogie. „Auch Agricolas klassische Abhandlung De re metallica (1556) wurde mit speziellem Bezug auf die Minen um Freiberg geschrieben.“[44] So kann man Freiberg auch als frühen internationalen Schmelztiegel bezeichnen, da Studenten aus ganz Europa in Scharen dort ihr Studium aufnahmen. Als „treibende Kraft“ muss man hier sicherlich auf Abraham Gottlob Werner verweisen, der durch seinen familiären Hintergrund schon seit Jahrhunderten mit dem Bergbau Kontakt hatte und an der Akademie bis zu seinem Tod (1817) dort lehrte.

Eine der Hauptinteressen seiner Bücher und Vorlesungen bildete die Neptunismus–Theorie, deren Anhänger auch Humboldt, Baader, Novalis oder Körner waren. Die Kontroverse zwischen Neptunismus und Vulkanismus ist schon seit der Bibel thematisiert und beschäftigt sich mit der Entstehung der Mineralien im Laufe der Urgeschichte. Der Neptunist vertritt die Überzeugung, dass „Mineralien sich als Rückstände oder Niederschläge des Ur-Ozeans Panthalassa gebildet hatten, der die Erde in ihren Anfängen bedeckte“[45], während der Vulkanist, wie auch schon der Name impliziert, Mineralien als Rückstände vulkanischer Aktivitäten sieht.

„Das Bergwerk der deutschen Romantik ist ein Bergwerk der Seele, kein technisch-industriell bestimmtes Gelände“[46]. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Glaube an das Steinwachstum mit der Vorstellung vom Wachsen organischer Materie gleichgesetzt wurde. Erschöpfte Minen schloss man im 17. Jahrhundert von Zeit zu Zeit, um den Steinen, gemäß einer „monde sexualisé“ die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu erneuern.[47] In einem Bergmannsgruß „Es wachse das Erz“[48] erkennt man ebenfalls den Gedanken an eine von der Erde produzierte Substanz in Form von Erzen und Edelmetallen. Wenn auch die Auster ihre Perlen herstellt und der menschliche Körper Gallen- oder Nierensteine, so muss terra mater doch auch fähig sein, ihre Schätze alleine zu fertigen. So entwickelten sich also im Laufe der Zeit drei verschiedene Theorien über das Wachstum von Steinen.

Die erste fußt auf der Annahme Aristoteles´, dass die Strahlen der Sonne oder eben anderer Gestirne, einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Elemente haben, da sie durch die Kruste in die Erde eindringen und dort zu wirken beginnen. Ab dem 16. Jahrhundert ergänzte man dieses Wissen um die „Steinsamen Theorie“, die einen Vergleich zu den sich fortpflanzenden Pflanzen mit teils männlichem oder weiblichem Geschlecht zieht. Die dritte Theorie besagt, dass die Metalle im Erdinneren zu wachsen beginnen und sich im Laufe der Zeit verändern. Vom unedleren Metall zu dem edleren durchschreiten Mineralien also einen Prozess „in Richtung auf Silber und Gold“, was auch gleichzeitig die „rationale Basis für die Alchemie“[49] darstellt.

2.4 Der romantische Bezug zu dieser Vorstellung

Diese „Vorstellung sich selbst vervielfachender Metalle hatte eine starke Faszinationskraft für das romantische Bewusstsein. Man sah überall unablässige Wachstums- und Umformungsprozesse in einem Universum, in dem es keine trennenden Kategorien gab, sondern nur eine kontinuierlich gleitende Skala von Begriffen“.[50] Es wird also ein Vergleich zu der Vorstellung der Wandelbarkeit der Steine gezogen, die verschiedene Daseinsstufen durchschreiten, um letztendlich das höchste und reinste Ziel zu erreichen. In der romantischen „Naturphilosophie streben die Elemente der Natur beständig aufwärts, um eine Seele zu erlangen“[51] Diese Vorstellung von der „Durchdringung des Organischen und des Anorganischen“ kommt diesem romantischen Gedanken genau nach. Die Metalle fungieren also als halb-organischer Gegenstand und in einem „Königreich der Mineralien“ als Vermittler zwischen diesen beiden genannten Welten.[52]

Bergbau hatte als rein wirtschaftliche Ertragsquelle wenig mit romantischen Idyllen gemein, es ist eher wieder der Blick in die Tiefe, der verbindende Elemente herstellen kann. Der Eingriff in die natürlichen Ressourcen der Erde aber auch der Gedanke der Ausbeutung der Natur sind die weniger schönen Seiten, dieser frühen Erwerbstätigkeit. Der Mensch zerstört durch den Montanbau ein Gott gegebenes Idyll und wird zudem noch Herrscher über die Natur. Dass in der Antike Sklaven zu Bergarbeitern wurden, zeigt auch hier erneut eine eher negativ belegte Einstellung zu diesem Industriezweig. Auch in Sibirien ließ man die Sträflinge in die Schächte hinabsteigen, da die Arbeit unter Tage in nicht geringem Maße gesundheitsschädigend war. Dieses komplexe Ensemble, dass also nicht nur der menschlichen Intelligenz in Planung und Arbeitsausführung, sondern auch der Maschinenherstellung und Anwendung bedurfte, hat einen erheblichen Symbolcharakter, welche es für die Romantiker so interessant machte, dass er zu dem zentralen Motiv etablierte.

Auf den zweiten Blick wirft der Bergbau auch literarische Fragen auf. Die symbolische Topographie der Höhle, des Hinabsteigen in die Tiefe und der Unterwelt wirft altbekannte Topoi der Literaturgeschichte auf. Ein wahres Schlüsselmotiv also, auf der Suche nach Erkenntnissen über Sexualität, Psychoanalyse, die Suche nach dem Verdrängten und dem literarischen Abstieg in die Tiefe der Seele.

Die meisten Romantiker waren in einer Art und Weise mit dem Bergbau verhaftet, wie auch Novalis, Eichendorf und Alexander von Humboldt und sie alle stellten sich die Frage, ob es auch einen schönen Bergbau geben könnte. Während in Freiberg die Lehre des geognostischen Bergbaus thematisiert und gelehrt wurde, gewinnt man immer mehr Erkenntnisse über das Innere der Erde, über Zeitdimensionen, aber auch über die Entwicklung der Arten. Die Geologie avanciert um 1800 zur Leitwissenschaft und rekonstruierte das damalige Weltbild. Da der theologische Schaffensgedanke widerlegt wird, muss es eine Evolution gegeben haben. Alles wird versucht zu ergründen und zu erklären und so gerät auch Goethe, als bekennender Neptunist in einen Streit zweier Lager und hält auch dann noch an dieser Theorie fest, nachdem Humboldt diese längst widerlegt hat. An dieser Debatte hatte eine breite Öffentlichkeit teil. Die Legitimation von Politik fand ihren Höhepunkt in der Französischen Revolution, die eine Umdrehung der politischen Maßnahmen bedeutete, während die politische Bedeutung, sprich die daraus folgenden Umwälzungen sich erst später realisierten. Diese Metaphorik der Umwälzungen verarbeitete auch Kleist in seinem „Erdbeben von Chili“. Die Romantik war also eine Zeit der Krisen. Wobei man durchaus erwähnen sollte, dass das Wort einen Bedeutungswandel von „Streit“ zu „Scheidung“ und später „Entscheidung“ und „Urteil“ durchlief.[53] Die Frühromantiker erlebten diese Periode als eine Periode der Unsicherheiten und Auflösungen. Während das alte und bekannte Europa mit dem seit der Renaissance bekanntem Ordnungsgefüge verschwindet, deutet sich Neues nur sehr vage an.[54] Eine interessante These lässt die komplette Epoche der Romantik als „Krisenprodukt“ erscheinen, auf der Suche Friedrich Schlegels nach dem Weg zurück zur Antike, bei dem er etwas „Interessantes“ später als „Das Romantische“ bezeichnet, begegnet ist. Was Chamfort und Voltaire in ihren Salons preisen, ist Genie und Witz, sowie Traum und Bewusstsein.[55] Auf einer Richtungssuche zwecks Beendigung der „freischwebenden Geistigkeit“[56] träumt man einen gemeinsamen Traum der blauen Blume und macht sich auf die Suche nach einem kraftvollen Erwachen.[57]

3. Die Epoche der Romantik

3.1 Eine kurze Eingliederung

Der Terminus Romantik ist an sich schon so polyvalent, dass an eine ganz klare Bestimmung nicht zu denken ist.[58] Aus diesem Grunde empfehlen René Wellek und Austin Warren in ihrer wegweisenden Theorie der Literatur einen Umgang mit dem Epochenbegriff, der auf Kant zurückgeht und sich in dem Terminus „regulative Idee“ wiederfindet.[59] Kann man ihren Anfang noch recht eindeutig um das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ansiedeln (zumeist auf 1793 datiert), ist das mit einem eindeutigen Ende schon viel schwieriger (um 1830). Als Gründe hierfür kann man zum einen die literarischen Entwicklungen in anderen Ländern anführen, die nicht zeitgleich abliefen und die Einteilung in die verschiedenen Phasen der Romantik, die kontrovers diskutiert werden. Diese Epoche ist eine Erscheinung, die gleichwohl Thema der Literatur-, Kunst und Musikwissenschaft wird.[60] Gleichzeitig entsteht aber ein Streit darüber, ob denn ein Begriff gleichzeitig zur Kennzeichnung eines Stils und einer Epoche fungieren kann. Deswegen empfiehlt es sich das „Romantische“ als einen „Gesamtkomplex ästhetischer Phänomene“[61] im literarischen, malerischen und musikalischen Bereich zu interpretiere

[...]


[1] Böhme, Hartmut: „Sprache der Natur“ Ökologie und Kunst. Überlegungen zum Schüberg-Projekt. In: Cordis–Vollert, Doris: NUNATAK - Projekt: Schüberg. "Die Natur sprechen lassen". (Ausstellungskatalog) Hamburg 1989, S. 23–33.

[2] Ebd.

[3] Gold, Helmut: Erkenntnisse unter Tag. Opladen 1990. S. 38.

[4] Ebd., S. 39.

[5] Ebd., S. 39.

[6] Ebd., S. 39.

[7] Böhme, Hartmut: Geheime Macht im Schoß der Erde. Das Symbolfeld des Bergbaus zwischen Sozialgeschichte und Psychohistorie. In: Natur und Subjekt. Frankfurt am Main 1988. S. 67.

[8] Ziolkowski, Theodore: Das Amt der Poeten. München 1994. S. 35.

[9] Ebd., S. 35.

[10] Ebd., S. 35.

[11] Landes, David: Prometheus Unbound. Göttingen 1978. S. 142.

[12] Ziolkowski, Theodore: Das Amt der Poeten. S. 38.

[13] Gold, Helmut: Erkenntnisse unter Tage. S. 40.

[14] Ebd., S. 43.

[15] Freund , Winfried: Novalis. DTV-Portrait. München 2001. S.74.

[16] Ebd., S. 54.

[17] Ebd., S. 54.

[18] Böhme, Hartmut: Geheime Macht im Schoß der Erde. S.67.

[19] Ebd., S. 5.

[20] Ebd., S. 6.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] Ebd., S. 8.

[26] Ziolkowski, Theodore: Das Amt der Poeten. S. 40.

[27] Esser Hartmut: Soziologie. Spezielle Grundlagen. Bd. II: Die Konstruktion der Gesellschaft. Frankfurt/New York: 2000. S. 113.

[28] Ebd., S. 215.

[29] Ebd., S. 216.

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Böhme, Hartmut: Geheime Macht Im Schoß der Erde. S.68.

[33] Ebd.

[34] Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Ungekürzte Ausgabe nach der 2. Auflage von 1872, Kirchheim. S. 183.

[35] Böhme, Hartmut: Geheime Macht im Schoß der Erde. S. 71.

[36] Ebd.

[37] Rousseau, Jean-Jacques: Les rêveries du promeneur solitaire. Paris 1998.

[38] Niavis, Paulus: Iudicium Iovis oder Das Gericht der Götter über den Bergbau. Freiberger Forschungshefte. Kultur und Technik D3. Berlin 1953. S. 15.

[39] Ebd., S. 16.

[40] Ebd., S. 21.

[41] Ebd., S. 33.

[42] Ebd., S. 38.

[43] http://hypersoil.uni-muenster.de/0/02/01/06/08.htm. 29.07.07. 10:48h.

[44] Ziolkowski, Theodore: Das Amt der Poeten. S. 38.

[45] Ebd., S. 39.

[46] Ebd., S. 41.

[47] Ebd., S. 42.

[48] Ebd., S. 42.

[49] Ebd., S. 43.

[50] Ebd., S. 44.

[51] Ebd., S. 44.

[52] Ebd., S. 45.

[53] Best F. Otto: Die blaue Blume im englischen Garten. Frankfurt am Main 1998. S. 9.

[54] Ebd., S. 10.

[55] Ebd., S. 10.

[56] Ebd., S. 10.

[57] Ebd., S. 10.

[58] Schmitz-Emans, Monika: Einführung in die Literatur der Romantik. Darmstadt 2004. S.7.

[59] Ebd., S. 7.

[60] Ebd., S. 8.

[61] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Die dreifache Verführung in den romantischen Bergwerken - eine Analyse zu Tieck, Novalis und Hoffmann
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Bergwerksliteratur der Romantik
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
83
Katalognummer
V86178
ISBN (eBook)
9783638057479
Dateigröße
890 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verführung, Bergwerken, Analyse, Tieck, Novalis, Hoffmann, Bergwerksliteratur, Romantik
Arbeit zitieren
Jennifer Ackermann (Autor), 2007, Die dreifache Verführung in den romantischen Bergwerken - eine Analyse zu Tieck, Novalis und Hoffmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86178

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