Das Protektorat Böhmen und Mähren 1939 - 1945. Ein kurzer Abriss seiner Entstehung und Entwicklung


Seminararbeit, 2000

64 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe


INHALT

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Errichtung des Protektorats und generelle Rahmenbedingungen
a) Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren
b) Stellung des Protektorats innerhalb des Deutschen Reiches, innere Verwaltung
c) Ethnische Verhältnisse

4. Grundzüge deutscher Besatzungspolitik und die tschechische "Kollaboration"
a) Hart, aber wie sehr? - Verschiedene Konzepte deutscher Tschechenpolitik
b) Heydrich in Prag (September 1941 - Mai 1942)
c) "Kollaboration" - Kollaboration

5. Einheimischer Widerstand

6. Wirtschaftliche und soziale Lage
a) Grundzüge der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik

7. Opfer

8. Formen öffentlichen Protests, Aufstände und Kriegsende
a) Formen öffentlichen Protests
b) Kriegsgeschehen im Protektorat
c) Die Mai-Aufstände und Kriegsende

9. Schlussbetrachtungen

ANHANG

Tabelle

Karten:

Literatur

1. Einleitung

Diese Arbeit versucht einen Abriss vor allem der politischen Entwicklung im Protektorat Böhmen und Mähren zu geben. In einem jeweils eigenen Kapitel wird den Grundzügen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Thematik des einheimischen Widerstands und der Problematik der Opferzahlen nachgegangen. Das kulturelle und Alltagsleben im Protektorat bleibt dagegen gänzlich unberücksichtigt, wie auch auf die Schilderung der Vorgeschichte der Protektoratserrichtung verzichtet wurde. Die Geschichte des Protektorats ist eng verbunden mit der Geschichte der tschechoslowakischen Auslandsaktion in Paris, London und Moskau, mit den tschechoslowakischen Auslandsarmeen, der Entwicklung der abgetrennten, vorwiegend deutsch besiedelten Grenzgebiete und mit den Vorstellungen der Grossmächte über die Neuordnung Mitteleuropas. Mögen diese Gebiete auch noch so wichtig sein, in dieser Arbeit bleiben sie bewusst unberücksichtigt.

Das Katastrophenjahrzehnt 1938-48 brachte für Tschechen, Deutsche, Juden und Roma der böhmischen Länder die unbestritten unheilvollste Etappe dieses Jahrhunderts. Die Zeit des Protektorats Böhmen und Mähren stellt mit ihrer mehr als sechsjährigen Dauer die längste Unterepoche in diesen zehn Jahren dar. Als Arbeitshypothese formuliert kann behauptet werden, dass die deutsche Beherrschung des böhmisch-mährischen Raumes zwei der entscheidensten Veränderungen in den Ländern der böhmischen Krone des 20. Jahrhunderts mitausgelöst hat: Erstens die Beendigung der fast 1000-jährigen Konfliktgemeinschaft von Deutschen und Tschechen im böhmischen Becken, zweitens ermöglichte erst sie die soziale Radikalisierung und die Öffnung zur Sowjetunion, welche schliesslich zwischen 1945 und 1948 die mehr als 40-jährige und damit in diesem Jahrhundert längste zusammenhängende Epoche der tschechischen Geschichte einleiteten.

2. Forschungsstand

Nicht alle Aspekte der Protektoratsgeschichte sind gleichmässig gut erforscht. Kaum überraschend wurde in den letzten Jahrzehnten die Geschichte des kommunistischen Widerstands und Exils sehr gut erforscht, wenn auch unter ideologischen Vorzeichen, die der historischen Wahrheit nicht immer dienlich waren. Die Geschichte des einheimischen nicht-kommunistischen Widerstands wurde zwischen 1948 und 1989 nur in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre unvoreingenommen untersucht. Einige in dieser Zeit entstandene Arbeiten konnten aber aus politischen Gründen nach 1968 nicht mehr veröffentlicht werden, ihre Autoren verloren oft ihre Anstellung und hatten erst nach 1989 die Möglichkeit, ihre damals entstandenen Werke zu veröffentlichen (z.B. V áclav Kural, Tomáš Pasák). Die Dokumentierung der NS-Germanisierungspläne, der Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie des Besatzungsterrors gelang der marxistisch ausgerichteten Geschichtsschreibung in recht befriedigendem Masse, was die Herausgabe von Quellenmaterial anbelangt. Dies kam aber nicht einer historisch immer gelungenen Reflexion der deutschen Besatzungspolitik gleich. Diese wurde oftmals zu schematisch-vereinfachend dargestellt. Ausländische Arbeiten wie die von Detlef Brandes oder Vojtech Mastny - bis Anfang der 90er-Jahre überhaupt die einzigen Überblickswerke über das Protektorat - bildeten dazu eine willkomene, weil ausgewogene Orientierungshilfe. Die Forschung über die Zahl der Todesopfer unter Protektoratsangehörigen ist bereits relativ weit fortgeschritten, wesentliche neue Erkenntnisse in der Berechnung der Todesopfer erscheinen unwahrscheinlich. Die Rolle der Sudetendeutschen innerhalb des Protektorats ist dagegen bis heute unterbelichtet geblieben, obwohl sie einen wichtigen Mosaikstein der Endphase des tschechisch-deutschen Zusammenlebens in den böhmischen Ländern darstellte. Ebenso wenig erforscht sind die Kontakte zwischen den abgetrennten Grenzgebieten und dem Protektorat, etwa innerhalb des einheimischen Widerstands. Mehr Beachtung verdient bis heute das Verhältnis zwischen der Exilregierung in London und dem einheimischen, v.a. nicht-kommunistischen Widerstand. Die zwischen beiden ausgetauschten Tausenden von Funkdepeschen stehen kurz vor einer teilweisen Editierung und werden hoffentlich dazu beitragen, die zentrale Rolle des einheimisichen Widerstands für die Gestaltung der Nachkriegsordnung in der Tschechoslowakei zu verdeutlichen. Die Zeit bis Heydrichs Ermordung (Mai 1942) ist wesentlich besser erforscht als die drei Jahre danach.[1]

Dies liegt erstens an der günstigeren Quellenlage als auch daran, dass die Rahmenbedingungen für die deutsche Besatzungspolitik bereits in den ersten Jahren gestellt worden waren und ab 1942 weitestgehend ihre Gültigkeit behielten. Es wäre zu hoffen, dass anhand der Auswertung neuer Quellen, z.B. von Briefen zwischen Privatpersonen, der Sozialgeschichte im böhmisch-mährischen Raum zwischen 1938-45 genauer nachgegangen werden könnte. War es berechtigt, wenn einheimische Widerstandsgruppen gegenüber Beneš ihre Forderung nach einer umfassenden Vertreibung der deutschen Bevölkerung und Verstaatlichung der Schlüsselindustrien mit der Stimmung im Volk begründeten? Warum radikalisierte sich der einheimische Widerstand programmatisch bereits wenige Monate nach der deutschen Besetzung? Solange die Stimmungslage im tschechischen Volk nicht genauer untersucht ist, müssen auch die im Eiltempo und praktisch diskussionslos durchgeführten revolutionären Veränderungen zwischen 1945-48 ein gewisses Mysterium bleiben

3. Errichtung des Protektorats und generelle Rahmenbedingungen

a) Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren

Bekanntlich empfand Hitler das Münchner Abkommen als Niederlage. Schon im Oktober 1938 sprach er sich für die "Erledigung der Rest-Tschechei" aus, sobald sich dazu Gelegenheit bieten werde. Als die Grenzen der Č-SR mit der Unabhängigkeitserklärung des Slowakischen Landtages am 14. März und der gleichentags begonnenen ungarischen Besetzung der Karpatoukraine verändert wurden, konnte Hitler verlautbaren, dass er sich nicht mehr an die Garantie der Nachmünchener Grenzen der Č-SR gebunden sehe, da dieser Staat ja nicht mehr existiere.[2] Die Zweite Republik war eine Übergangszeit, in der der deutsche Einfluss ständig stieg. Aussenpolitisch bestand für Aussenminister Chvalkovsk ý praktisch kein freier Handlungsspielraum mehr. Deutschen Forderungen, auch in der Innenpolitik ("Judenfrage", Verbot der Kommunisten, Distanzierung von E. Bene š), war anstandslos nachzukommen. So kam zwar die blitzartige militärische Besetzung ab den Abendstunden des 14. März, wo sich deutsche Verbände bereits des Gebiets um Mährisch-Ostrau mit den Hüttenwerken Vítkovice bemächtigt hatten, für die tschechische Bevölkerung überraschend und stellte eine schlagartige Konfrontation Auge in Auge mit der deutschen Übermacht her. Beobachter und besonders Beneš, der seit Herbst 1938 mit einem neuen Krieg rechnete, hat die Einverleibung des tschechischen Teils der Rumpf-ČS-R in Grossdeutschland kaum überraschen können. Qualitativ schlug Hitler damit ein neues Kapitel seiner Expansionspolitik auf, gelangte doch am 15. März erstmals ein nicht-deutsches Gebiet unter deutsche Besatzung.

Als Präsident H ácha und Chvalkovský in den frühen Morgenstunden des 15. März ein Dokument unterschrieben, das das "Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches legt"[3], waren sie schon vorher von Hitler darüber informiert worden, dass er bereits den Befehl zur Eingliederung der "Rest-Tschechei" ins Deutsche Reich gegeben habe und deutsche Truppen im Raum Mährisch-Ostrau in den Abendstunden bereits mit dem Einmarsch in die Rest-ČSR begonnen hätten. Bei diesem unangekündigten Einmarsch, der wohl einen polnischen Handstreich verhindern sollte, stellte sich ein tschecho-slowakisches Truppenkontingent für ca. drei Stunden bei Fr ýdek-Místek den Deutschen entgegen, bevor von höherer Stelle Abbruch der Gegenwehr verordnet wurde.[4] Hácha liess über Telefon nach Prag anordnen, den deutschen Verbänden bei ihrem Generaleinmarsch am 15. März keinen Widerstand zu leisten. Er hatte nicht die Spur einer Wahl. Unterschrieb er, so hatte er die damals reelle Aussicht, als gewählter Präsident seinem Volk ein schlimmeres Los zu ersparen. Weigerte er sich, so drohte er als Märtyrer in die Geschichtsbücher einzugehen, dessen Tat aber rein moralische Bedeutung zugekommen wäre und zudem die von Göring angedrohte Bombardierung Prags bedeuten hätte können.

Am Morgen des gleichen Tages marschierten deutsche Einheiten verlustlos in das übriggebliebene Gebiet der Zweiten Republik ein und errichteten vorerst eine Militärverwaltung, in Böhmen unter General Blaskowitz, in Mähren unter General List. Die deutschen Truppen begleiteten die Gestapo und andere Polizeiorgane, die bereits am 15. März mit der Verhaftungsaktion "Gitter" begannen, der innerhalb einer Woche rund 1'600 deutsche Emigranten und tschechische Kommunisten zum Opfer fielen. Hitler traf noch vor Hácha am Nachmittag auf der Prager Burg ein - sein einziger Aufenthalt dort. Am Abend diktierte er den "Erlass zur Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren"[5], der am 16. März in Kraft trat. Die Einrichtung eines "Protektorats" einer Grossmacht ist im europäischen Raum des 20. Jahrhunderts ein einzigartiges Phänomen. Hitlers Berater bedienten sich bei der Abfassung des Erlasses des Kolonialvertrages zwischen Frankreich und dem Beg von Tunis aus dem Jahre 1881. Dem Protektorat Böhmen und Mähren wurde die Staatlichkeit aberkannt, dafür wurde es integraler und autonomer Bestandteil des Deutschen Reiches. De facto aber nicht de iure wurde die Einrichtung des Protektorats innerhalb von zwei Monaten von Grossbritannien, Frankreich und den USA erreicht, nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt folgte die Sowjetunion.

b) Stellung des Protektorats innerhalb des Deutschen Reiches, innere Verwaltung

Während der ganzen über sechs Jahre dauernden Protektoratszeit stand an der Spitze der autonomen Verwaltung "Staatspräsident" Emil Hácha, dessen Kompetenzen aber nie genau abgeschnitten wurden. Er war nur dem "Vertrauen des Führers" unterworfen. Hácha als Held zu bezeichnen wäre wohl übertrieben, die Tragik seiner Amtszeit besteht darin, dass er in schweren Zeiten ein Amt übernahm, dem er nicht gewachsen war, obwohl er sich ehrlich bemühte.[6] Den Protektoratsregierungen standen nacheinander Rudolf Beran, Alois Eli áš, Jaroslav Krej čí und Richard Bienert vor[7]. Die autonome Regierung hatte neun Mitglieder und ihre Zusammensetzung ist von einer grossen personellen Kontinuität zur Zweiten Republik gekennzeichnet. Das Eigenleben der tschechischen Gesellschaft wurde gemäss deutschem Vorbild schnell gleichgeschaltet. Die einzige legale politische Organisation wurde das N árodní souručenství (NS - Volksgemeinschaft), indem sich 99% der tschechischen Bevölkerung sammelte. Das NS hatte nie wirklichen Einfluss und diente gewissermassen als Scheinersatz für die am 21. März 1939 aufgelöste Nationalversammlung. Es diente seinem Vorsitzenden Präsident Hácha vor der Ankunft Heydrichs im September 1941 höchstens als Druckmittel zur Durchsetzung von tschechischen Forderungen oder Abschwächung deutscher Massnahmen. Im Laufe der Besatzung wurde das NS vollkommen bedeutungslos. Gleichgeschaltet wurden alle Massenorganisationen wie Gewerkschaften, Turnverbände, Berufsverbände, wenn sie nicht gleich abgeschafft worden waren. Die kleine tschechische Faschistengemeinde um General Radola Gajda und die Vlajka ("Fahne") wurden von den Deutschen nie geliebt (offiziell waren diese Organisationen sogar verboten), jedoch nach Anfangserfolgen als Druckmittel gegen Hácha und die Protektoratsregierung regelmässig verhätschelt. Im Laufe des Jahres 1940 verschwanden auch die tschechischen Faschisten in der Bedeutungslosigkeit, bekannten sich als Volksdeutsche oder verhielten sich - gekauft durch vom NS finanzierte "Schweigegelder" - ruhig.[8]

Die in Artikel 3 zugestandene Autonomie wurde in den Folgeartikeln massiv eingeschränkt und bestand vorwiegend aus der Tatsache, dass innerhalb der Verwaltung ein deutsch-tschechischer Dualismus entstand, der aber im Folgenden kontinuierlich eingeschränkt wurde und spätestens mit Heydrichs Verwaltungsreform vom Januar 1942 de facto aufgehoben wurde. Das Reich legte die innere Verwaltung des Protektorats in die Hände von tschechisch geführten Behörden, nur im Bereich des Postwesens, des Verkehrs und der Telekommunikation gelangten die Kompetenzen direkt an die Berliner Ministerien. Zwar gelangten auch in die autonomen Behörde zusehends Deutsche in Spitzenpositionen (schon vor Heydrichs Ankunft sprachen interne SD-Berichte von einer "Verdeutschung der autonomen Behörden"). Die Verwaltungsarbeit, die der riesige, meist pflichtbewusst arbeitende tschechische Beamtenapparat den deutschen Herren abnahm, ist allerdings beträchtlich. Wesentlich war, dass das gesamte Militär- und Polizeiwesen ebenfalls in deutschen Händen lag, aber nicht dem Reichsprotektor unterstellt war.

Die volksdeutschen Einwohner des Protektorats gewannen automatisch die reichsdeutsche Staatsbürgerschaft und unterstanden einer rein deutschen Verwaltung innerhalb des Protektorats. Für sie waren deutsche Gerichte und Gesetze zuständig, sie hatten weitergehende Rechte, auch auf höhere Lebensmittelrationen im Verlauf der Kriegsjahre. Für die volksdeutsche Bevölkerung wurden die Oberlandräte (OLR) gebildet, die typischerweise mehrere tschechische Kreise zusammenfassten. Die zweite Funktion der OLR war die Kontrolle der lokalen tschechischen Behörden. Sie waren direkt dem Reichsprotektor unterstellt. Die autonome tschechische Verwaltung, von den Prager Ministerien bis zu den Bezirks- und Kommunalverwaltungen, waren also nur für Nicht-Deutsche zuständig. So ist die Autonomie des Protektorats genau genommen keine territoriale Autonomie, sondern eine Personalautonomie der Nicht-Deutschen in Böhmen und Mähren, die zweisprachige Pässe mit der Bezeichnung "Bürger des Protektorats Böhmen und Mähren" bekamen. Hitler hinterfragte die Autonomie des Protektorats mehrmals. Mit Frank gelangte er aber stets zum Schluss, eine Aufhebung der sowieso zusehends illusorischer werdenden autonomen Stellung des Protektorats auf die Zeit nach dem "Endsieg" zu verschieben.

Hitlers Erlass setzte als "Vertreter der Reichsinteressen" einen Reichsprotektor ein, der nur ihm unterstellt und an die Richtlinien des "Führers und Reichskanzlers" gebunden sei. Dem Reichsprotektor unterstand die gesamte autonome Verwaltung. Nach einem Erlass Hitlers vom 7. Juni 1939 hatte der Reichsprotektor auch die legislative Vollmacht, d.h. er konnte selbständig - ohne Hinzuziehung der Protektoratsregierung - Verordnungen treffen, wovon er beispielsweise bei der Einführung verschiedener judenfeindlicher Gesetze Gebrauch machte.

Der relativ gemässigte Konstantin Freiherr von Neurath, Hitlers erster Aussenminister, war vor allem aus aussenpolitischen Rücksichtnahmen eingesetzt worden. Mit Karl Hermann Frank wurde jedoch ein Mann als "Staatssekretär beim Reichsprotektor" zum zweithöchsten Vertreter des Deutschen Reiches gemacht, der bei den Tschechen als kompromissloser SdP-Abgeordneter wohlbekannt und allgemein unbeliebt war. Zudem wurde Frank der Titel "Höherer SS- und Polizeiführer" im Protektorat zuteil. Der Sicherheitsdienst (SD), alle bewaffneten deutschen Einheiten sowie die Geheime Staatspolizei besassen eine völlig aus der übrigen Verwaltung herausgegriffene Stellung, die sie im Prinzip nur ihren Zentralstellen in Berlin verantwortlich machte. Frank war also Neurath erstens in seiner ersten Funktion als "Staatssekretär" untergeordnet, in seiner zweiten Funktion aber mindestens beigeordnet. Formal war Neurath bis zum August 1943 Reichsprotektor, doch spielte er nach der Ankunft Heydrichs in Prag im September keine Rolle mehr und wurde "beurlaubt". Heydrich, der "Stellvertretende Reichsprotektor", agierte im Grund als Nachfolger Neuraths und stand für eine bewusste Kursänderung Hitlers in der Tschechenpolitik hin zu einem verschärften Umgang. Nach seiner Ermordung im Mai 1942 wurde zwar ein ähnlich "durchgreifender" Mann (Kurt Daluege) bis zum August 1943 Stellvertretender Reichsprotektor. Da dessen Verhältnis zu K.H. Frank aber mehr als problematisch war, und da dessen Kenntnisse über die tschechischen Verhältnisse nicht annähernd an die des ehemaligen tschechoslowakischen Staatsbürgers Frank heranreichten, erhöhte Hitler Frank schliesslich nach Dalueges Ablösung zum "Staatsminister für Böhmen und Mähren", was ihn zum unbestrittenen starken Mann im Protektorat machte. Als nur noch repräsentativ dienender Reichsprotektor wurde Wilhelm Frick eingesetzt.

Erwähnung verdienen die Interessen der Nachbargaue Nieder- und Oberdonau, Bayerische Ostmark und Sudetenland an einer Einflussnahme auf die deutsche Tschechenpolitik. Das Protektoratsgebiet wurde "parteimässig" auf die vier Nachbargaue aufgeteilt. Pläne zur Aufteilung des Protektoratsgebietes zwischen den Nachbargauen scheiterten am gemeinsamen Widerstand Franks und Neuraths. Auch die obersten Reichsstellen, allen voran Himmler, Göring und Bormann, trugen manche Kompetenzstreitigkeit mit dem Reichsprotektor aus.

c) Ethnische Verhältnisse

Das Protektorat beheimatete am 1. März 1940 189'000 Deutsche, sechs Monate später schon 245'000. Darunter fielen rund 40'000 Sudetendeutsche, die vor dem 15. März 1939 nicht im Protektorat ansässig waren und rund 20'000 Personen, die sich nach der deutschen Besatzung ihrer deutschen Herkunft "erinnerten". In Prag wurden am 31. Mai 1941 insgesamt 39'000 Deutsche oder sich als "Deutsche" Bezeichnende registriert[9]. Die 7,25 Mio. Tschechen[10] lebten im Protektorat erstmals seit der frühen Přemyslidenzeit in einer ethnisch deutlich tschechisch dominierten Verwaltungseinheit, paradoxerweise unter deutscher Oberherrschaft. Neben Tschechen und Deutschen lebten im Protektorat einige Tausend Roma und ca. 20'-30'000 Slowaken[11]. Die Zahl der Juden und Zigeuner im Protektorat wird im Kapitel "Opfer" erörtert. Die Bestimmung der genauen ethnischen Verhältnisse nimmt sich äusserst schwierig aus, da die eigentlich für 1940 anstehende Volkszählung im Protektorat nie durchgeführt wurde. Zwar kursierten innerhalb der Protektoratsverwaltung Schätzungen über die Bevölkerungsstärke einzelner nationaler Gruppen, doch stützten sich diese nie auf systematische Datenerhebungen. Eine ordentliche Volkszählung wurde in der erneuerten Tschechoslowakei erst wieder zum 1. März 1950 abgehalten. Es darf nicht vergessen werden, dass im Laufe des Krieges Zehntausende von Kriegsgefangenen in die böhmischen Länder (v.a. in den Reichsgau Sudetenland) gelangten, daneben Zehntausende jüdischer Häftlinge aus West- und Mitteleuropa ins Ghetto Theresienstadt. Ihr Aufenthalt dort war jedoch meist nur von geringer Dauer.

Amtliche slowakische Stellen betrachteten die "mährischen Slowaken" der an die Slowakei grenzenden Slo vácko -Region auch als im Protektorat lebende Slowaken. Ihre Zahl wurde 1943 auf ca. 500'000 geschätzt, was sicher zu hoch gegriffen war. Tatsache ist, dass es einerseits von seiten des unabhängigen Staates Slowakei, andererseits von einer Minderheit innerhalb der "mährischen Slowaken" Bestrebungen gab, das Slo vácko an die Slowakei anzuschliessen. Bereits im Oktober 1938 war es zu den selben Forderungen gekommen, die jedoch damals wie auch nach dem 15. März keinen Widerhall fanden. Rychlík meint, dass sich nach der Errichtung des Protektorats und des Schutzstaates Slowakei vielleicht eine Mehrheit innerhalb der "mährischen Slowaken" einen Anschluss an den wenigstens formal unabhängigen Nachbarstaat gewünscht hätte.[12] Die Grenze zur Slowakei wurde im Übrigen für den Reiseverkehr geschlossen und streng bewacht. Zur Absicherung besetzten deutsche Truppen ab März 1939 bekanntlich auch slowakische Gebiete jenseits der Grenze nördlich der Kleinen Karpaten.

Die Protektorats-Deutschen lebten hauptsächlich in Städten. Neben Prag bildeten sie eine starke Minderheit in Brünn (Brno), Olmütz (Olomouc), deutlich schwächer vertreten waren sie in Böhmisch-Budweis (České Budějovice) und Pilsen (Plzeň). Die zwei wichtigsten deutschen Sprachinseln waren um Iglau (Jihlava) und Wischau (V yškov) in Südmähren. Die ursprünglich zwischen Böhmen und Mähren geteilte Siedlungsinsel Iglau wurde während der Protektoratszeit durch Grenzänderung "nach Mähren verschoben". Bei einem Blick auf das Gebiet des Protektorats fällt auf, dass die wichtigsten Städte äusserst nahe an den Grenzen zum Sudetengau, zum Gau Niederdonau, Oberdonau bzw. Schlesien lagen. Prag ist unter den Städten mit mehr als 25'000 Einwohnern eine der wenigen Ausnahmen. Doch gerade nach Prag sollte von Mělník her eine der geplanten deutschen Landbrücken verlaufen. Die Entfernung von Prag bis Lib ěchov (nördlich von Mělník), das an der Grenze zum Sudetengau lag, betrug nur noch rund 50 km.

4. Grundzüge deutscher Besatzungspolitik und die tschechische "Kollaboration"

a) Hart, aber wie sehr? - Verschiedene Konzepte deutscher Tschechenpolitik

Frank und Neurath vertraten zwei sich unterscheidende Politikstile, doch waren sich ihre Fernziele sehr ähnlich. Was Neurath angenehm von Frank unterschied, war seine mehr das Gespräch mit den Spitzen der autonomen Verwaltung (meist mit Hácha) suchenden Umgangsmethoden sowie eine gewisse Zurückhaltung bei der Androhung und Einsetzung von Brachialgewalt. Frank scheute sich nicht, bei Reden in der Öffentlichkeit von Anfang an offene Drohungen auszusprechen, nach dem Motto "wer nicht pariert, mit dem wird gnadenlos abgerechnet werden".

Die Akzentunterschiede in Neuraths und Franks Tschechenpolitik sollen anhand eines Beispiels ausgeführt werden. Einen Empfang bei Hitler im September 1940 bereiteten sowohl Frank wie Neurath je mit der Verfassung eines Memorandums vor, das sie beide Hitler im August zukommen liessen. Beide wussten, dass es beim Treffen mit Hitler um die zukünftige Ausrichtung der Protektoratspolitik gehen werde, da Hitler mit dem Gedanken spielte, die Autonomie aufzuheben. Neurath war sich bewusst, dass er zwar am 28. Oktober 1939 noch über Frank obsiegte, denn damals folgten keine deutschen Terrormassnahmen auf die Unruhen an diesem Tage, wie sie Frank gefordert hatte. Er wusste aber auch, dass Frank dafür um so deutlicher am 17. November das Spiel für sich entschieden hatte, als die tschechischsprachigen Hochschulen "für drei Jahre" (aber tatsächlich bis Kriegsende), geschlossen, rund 1'200 tschechische Hochschüler verhaftet wurden und vom 19. bis 22. November das (1.) Standrecht galt[13]. Die Studenten wurden vorwiegend ins KZ Oranienburg verfrachtet.[14] 9 Studenten wurden am 17. November erschossen, davon ein slowakischer. Die Schliessung der tschechischen Hochschulen unterbrach die akademische Laufbahn Zehntausender Studenten und stellt einen der grössten Schäden dar, den die tschechische Gesellschaft in der Zeit der deutschen Besatzung erlitt. Wollte Neurath seine mildere, aber keineswegs milde Politik wieder einführen, so sah er jetzt seine Chance dazu gekommen. Neurath schrieb in seinem Memorandum von "restloser Eingliederung in das Grossdeutsche Reich" und "Füllung dieses Raumes mit deutschen Menschen"[15] . Fast identisch wurde bei Frank die "restlose Germanisierung von Raum und Menschen"[16] gefordert. Bezüglich des Endzieles deutscher Politik waren sich beide also durchaus einig.

Gemeinsam war beiden Konzepten auch die Einsicht, dass eine totale Aussiedlung der Tschechen aus Mangel an deutschen Siedlern und weil Tschechen für die Kriegsrüstung benötigt werden, nicht in Frage komme. Doch sollte bei Neurath ein "grosser" bei Frank "der grössere" Teil der Tschechen eingedeutscht werden.[17] Es kann ungefähr von einem 50-prozentigen Anteil der erwarteten Assimilierung ausgegangen werden. Mit der Assimilierung sei erst nach Kriegsende systematisch zu beginnen. Was sollte aber geschehen mit dem Teil der Tschechen, die als nicht assimilierbar gelten? Neurath wollte die "rassisch unbrauchbaren oder reichsfeindlichen Elemente abstossen", während Frank "die Aussiedlung von rassisch unverdaulichen Tschechen und der reichsfeindlichen Intelligenzschicht, bzw. Sonderbehandlung dieser und aller destruktiven Elemente" propagierte.[18] Die Differenzen in Neuraths und Franks Tschechenpolitik liegen daher in den Methoden und sind gering. Von Neurath ist nicht bekannt, dass er schon 1940 Pläne zur Ansiedlung von Volksdeutschen im Protektorat begrüsst hätte. Auch wollte er den autonomen Status des Protektorats mindestens bis Kriegsende beibehalten, vielleicht darüber hinaus. Franks Methode war von Anfang an die von Zuckerbrot und Peitsche:

"Neben ständiger Werbung für das Deutschtum und Gewährung von Vorteilen als Anreiz schärfste Polizeimethoden mit Landesverweisung und Sonderbehandlung gegen alle Saboteure"[19].

Er wollte "das tschechische Volk nicht insgesamt deklassieren". Deklassiert werden sollte nur individuell. Auch sprach sich Frank als Sudetendeutscher und geprüfter Volkstumskämpfer für das "Vortreiben des deutschen Volksbodens vom Norden her bis in die Vororte Prags" aus (vgl. oben).[20] Frank ist darüber hinaus der Mann, der im Zusammenhang mit der Tschechenpolitik die Wörter "Entnationalisierung" und "Entpolitisierung" Heydrich in den Mund gelegt hat. Dabei veröffentlichte K.H. Frank 1938 noch ein Buch mit dem Titel "Dokumente der Entnationalisierung". Die nazistische Volkstumspolitik unterschied immer zwischen dem ethnischen Charakter der Tschechen (= slawisch) und dem rassischen, wobei sie von einer "blutmässigen überdurchschnittlich hohen Qualität der tschechischen Nation" ausginge. Im Juli 1944 schreibt der nationalsozialistische Wissenschaftler und Prager Universitätsprofessor an K.H. Frank über die Tschechen, dass

[...]


[1] Einen fundierten und derzeit den aktuellsten Überblick über den Forschungsstand bietet: Brandes, Detlef / Kural, Václav, Der Weg in die Katastrophe 1938-1947. Forschungsstand und -probleme, in: Brandes / Kural (ed.), Der Weg in die Katastrophe, Essen 1994, 11-26.

[2] Nach Brandes, Die Zerstörung der deutsch-tschechischen Konfliktgemeinschaft 1938-1947, in: Tschechen, Slowaken und Deutsche. Nachbarn in Europa, Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung (ed.), Bonn 1995, 50-66, hier 53, erfolgte die deutsche Garantie der nachmünchener Grenzen überhaupt nie, sondern wurde nur in Aussicht gestellt. In einem Zusatz zum Münchener Abkommen vom 29. September 1938 banden sich aber die vier Unterzeichnermächte an eine Garantie der neuen Grenzen, sobald die Frage der polnischen und ungarischen Minderheiten in der Rest-ČSR gelöst sei. Die Frage der polnischen Minderheit wurde bekanntlich durch Annexion des Olsagebietes durch Polen gelöst, die der ungarischen hauptsächlich durch den Ersten Wiener Schiedsspruch vom 2. Novembre 1938 sowie durch die bevorzugte Behandlung der ungarischen Minderheitspartei von Graf Ezterházy in Bratislava.

[3] Vgl. Akten zur deutschen auswärtigen Politik (ADAP) 1918-1945, Serie D (1937-1945), IV Nr. 229, Baden-Baden 1951.

[4] Mastny, The Czechs under Nazi Rule, 39.

[5] Vgl. Sbírka zákonů a nařízení, č. 75/1939.

[6] Formulierung übernommen aus Tatjana Tönsmeyers Rezension von: Tomášek, Dušan / Kvaček, Robert, Causa Emil Hácha, in: Bohemia 38/1997, 442-444.

[7] Die Amtsdauer der wichtigsten Funktionsträger im Protektorat ist in der Tabelle im Anhang dieser Arbeit zu finden.

[8] Die Rolle der Rechtsopposition und des tschechischen Faschismus stand im Zentrum der Forschungs-bemühungen Tomáš Pasáks. Vgl. z.B. die einschlägigen Kapitel in: Pasák, Tomáš, Pod ochranou říše, Praha 1998.

[9] Brandes, Nationalsozialistische Tschechenpolitik im Protekorat Böhmen und Mähren, in: Brandes / Kural (ed.), Der Weg in die Katastrophe, Essen 1994, 39-56, hier 52.

[10] Stand zum 1. März 1940; Brandes, Protektorat I, 160.

[11] Rychlík, Jan., K postavení slovenského obyvatelstva v Čechách a na Moravě v letech 1938-1945, in: Český časopis historický 5/88/1990, 683-704, hier 683f.

[12] Ebenda, 688.

[13] Eine Úbersicht über die deutschen Repressionsmassnahmen am 17. November gibt: Pasák, Tomáš, 17. listopad 1939, in : Soudobé dějiny 2-3/1994, 322-337.

[14] Die meisten dieser Studenten kamen in den nächsten Jahren wieder frei. Frank und Neurath, später Heydrich benutzten die KZ-Studenten als Handpfand gegenüber der tschechischen Regierung und Hácha.

[15] Brandes, Protekorat I, 130.

[16] Ebenda.

[17] Ebenda.

[18] Ebenda.

[19] Ebenda, 131.

[20] Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Das Protektorat Böhmen und Mähren 1939 - 1945. Ein kurzer Abriss seiner Entstehung und Entwicklung
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Osteuropäische Geschichte)
Note
1.0
Autor
Jahr
2000
Seiten
64
Katalognummer
V86198
ISBN (eBook)
9783638011570
ISBN (Buch)
9783638915939
Dateigröße
1775 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
40 S. Darstellungsteil, Anhang mit einer Tabelle (ausgewählte Funktionsträger im Protektorat Böhmen und Mähren), drei Karten und ausführlichem Literaturverzeichnis (12 S.).
Schlagworte
Protektorat, Böhmen, Mähren, Abriss, Entstehung, Entwicklung
Arbeit zitieren
Adrian von Arburg (Autor:in), 2000, Das Protektorat Böhmen und Mähren 1939 - 1945. Ein kurzer Abriss seiner Entstehung und Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86198

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