Konstruktivismus - Grundlagen zu Theorie und Praxis


Hausarbeit, 2002

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Zwischen Philosophie und Biologie

2. Konstruktivismus – radikal und neu
2.1. Der radikale Konstruktivismus
2.2 Der neue Konstruktivismus

3. Neuronale Grundthesen des Konzeptes
3.1 Vom Sinnesorgan zum Neuron
3.2 Vom Neuron zum Gehirn

4.Biopsychologisch orientierte Grundlagen des Konstruierens
4.1 Die Autopoiese
4.2 Signale und Informationen im autopoetischen System
4.3 Beobachter und Konstrukte

5. Der Konstruktivismus–Ansatz und das Lernen
5.1 Thesen zur Instruktionspsychologie
5.2 Problemfelder bei der Umsetzung
5.3 Kritikansätze von n der Instruktionspsychologie

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

„... und wir müssen uns daran erinnern, daß das,was wir beobachten, nicht die Natur selbst ist,

sondern Natur, die unserer Fragestellung ausgesetzt ist.“

(Heisenberg, Physik und Philosophie)

1. Zwischen Philosophie und Biologie

Der Konstruktivismus sei, so Gerhard Roth, eine philosophische Theorie der Wahrnehmung und der Erkenntnis, die für sich in Anspruch nähme, durch Resultate und Theorien aus den Einzelwissenschaften, wie Neurobiologie, Psychologie oder Kommunikationswissenschaften begründet zu sein.[1] In der noch jungen Wissenschaft der Psychologie ist der Konstruktivismus noch eine besonders frische Entwicklungslinie deren Positionen philosophiegeschichtlich jedoch bis Kant zurückreichen.[2] Doch die entscheidende Entwicklung hin zu diesem Konzept basiert auf den Fortschritten der biologischen Psychologie, in deren Rahmen diese Hausarbeit entsteht. So ist der Konstruktivismus sowohl von der ideengeschichtlichen Weiterentwicklung, als auch vom Fortschritt der biologischen Zusammenhänge, geleitet.

Auf der Basis von Literatur und modernerer Stellungnahmen soll im Folgenden die Theorie des Konstruktivismus dargestellt und dann die neuronalen Grundlagen der Theorie skizziert werden. Im vierten Abschnitt wird dies auf der biopsychologischen Ebene erweitert, um anschließend über die praxisorientierte Anwendung des Konzeptes im Bereich der Instruktionspsychologie zu referieren. Den Abschluss findet die Arbeit mit einer Zusammenfassung.

2. Konstruktivismus – radikal und neu

2.1 Der radikale Konstruktivismus

Als radikaler Konstruktivismus ist der Konstruktivismus in erster Linie eine Erkenntnistheorie, die sich mit der Frage beschäftigt, in welchem Verhältnis das Wissen zur Welt steht.[3] Hauptaussage dabei ist, dass dieses Wissen keine objektiven Realitäten darstellt, sondern "Erfindungen" des menschlichen Geistes. Dieser Ansatz gründet sich vor allem auf einer neurobiologischen Herleitung und auf der biologischen Systemtheorie nach Maturana und Varela 1987, welche den Begriff der Autopoiese[4] geprägt haben.[5]

Während frühere Erkenntnistheorien davon ausgehen, dass es im Prinzip möglich ist, die Welt in ihrer wahren Gestalt zu erkennen, und dass es im wissenschaftlichen Austausch eben damit auch darum gehen kann, welche Theorie diese Wahrheit am besten abbildet, wendet sich der radikale Konstruktivismus von dieser Sicht ab. "Der radikale Unterschied liegt in dem Verhältnis zwischen Wissen und Wirklichkeit. Während die traditionelle Auffassung in der Erkenntnislehre sowie in der kognitiven Psychologie dieses Verhältnis stets als eine mehr oder weniger bildhafte (ikonische) Übereinstimmung oder Korrespondenz betrachtet, sieht der radikale Konstruktivist es als Anpassung im funktionalen Sinn"[6].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der Welt wird also lediglich eine funktionierende Modellvorstellung gesehen, in der die „Wirklichkeit von uns nicht gefunden, sondern erfunden (konstruiert) wird“.[7] Doch die Funktionalität schließt als Gütekriterium andere Konstruktionen nicht von vornherein aus und so ergibt sich aus dem radikalen Konstruktivismus eine prinzipielle Gleichwertigkeit unterschiedlicher Theorieansätze und damit verbunden die Schwierigkeit, wie dann noch eine gemeinsame Basis der Verständigung gefunden werden kann.[8] Dem Konstruktivismus wird oft vorgeworfen, er würde eine objektive und reale Wirklichkeit leugnen.[9] Die reale Welt kommt in den konstruktivistischen Ansätzen immer noch vor, die Frage nach dieser realen Welt wird aber hinfällig, da sie nicht erfahrbar ist. Laut Maturana ist die Frage nach der objektiven Wirklichkeit sinnfrei. Dennoch ist die reale Welt als Umwelt und Anreizstruktur mitgedacht.

2.2 Der neue Konstruktivismus

Doch macht der radikale Konstruktivismus selbst nur indirekt in der anwendungsorientierten Praxis hilfreiche Aussagen, also Aussagen die über das reine Beschreiben des Verhältnisses von Erkenntnis und Wirklichkeit hinausgehen und so etwas wie Handlungsrelevanz besitzen. Der radikale Konstruktivismus besagt zwar, dass das Wissen nur selbst konstruiert ist, doch macht er keine Aussagen darüber, was dies nun für Folgen hat beispielsweise für das Lernen und Lehren.[10]

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Eine vernünftige praktische Umsetzung des radikalen Konstruktivismus darf aber nicht darin bestehen, dass einfach strittige Fragen ausgeblendet werden oder der radikale Konstruktivismus als "unnötig restriktiv"[11] bezeichnet und anschließend aufgeweicht wird. Die pragmatische Umsetzung basiert daher auf den Grundaussagen des radikalen Konstruktivismus, nach dem man unter diesen Gesichtspunkten die fördernden Faktoren eines im Prinzip immer stattfindenden konstruktivistischen Wissenserwerbs sucht und die Frage klärt, wie unter dieser Perspektive ein Konsens zwischen der Intention des Lehrenden und der des Lernenden hergestellt werden kann.[12]

3. Neuronale Grundthesen des Konzeptes

3.1 Vom Sinnesorgan zum Neuron

Die Entstehung des Konstruktivismus, so wurde es in der Einleitung bereits angesprochen, hängt eng mit der Erkenntnissentwicklung in der Neurobiologie (und ihren Nachbarwissenschaften) zusammen, da nur auf deren Basis sich eine Theorie wie der Konstruktivismus bewährt.[13] Gehirn und Sinnesorgane, die Forschungs-Gegenstände der Neurobiologie und Neuroanatomie, hätten nicht die Aufgabe die „Umwelt so exakt wie möglich zu erfassen“[14], sondern vielmehr Überleben und Fortpflanzung eines Organismus zu sichern.

,,Die alltägliche sinnliche Erfahrung erweckt in uns den Eindruck, dass unser Wahrnehmungssystem in direktem Kontakt mit der Welt steht: die visuelle Welt ist uns im wahrsten Sinne des Wortes unmittelbar augenscheinlich gegeben, die Laute dringen unvermittelt an unser Ohr, und wir betasten und begreifen die Gegenstände in unserer Reichweite unmittelbar als Gegenstände".[15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Betrachtungsperspektive ändert sich grundlegend, wenn man nicht mehr die Sinnesorgane als verantwortliche Instanz der Wahrnehmung begreift, sondern das Gehirn. Es werden die Sinnesorgane und ihre Komponenten zwar spezifisch von Reizen der Umwelt aktiviert, die neuronale Erregung jedoch, die aufgrund der sensorischen Reizung in den Sinnesorganen entsteht und dann zum Gehirn weitergeleitet wird, ist als solche unspezifisch. Das heißt, man kann Nervenimpulse nicht spezifisch einer visuellen, akustischen, geruchlichen oder taktilen Erregungsursache zuordnen, da sie in einer ,,neuronalen Einheitssprache" zum Gehirn weitergeleitet werden.[16]

[...]


[1] Roth G.: Das konstruktive Gehirn: Neurobiologische Grundlagen der Erkenntnis, in: Schmidt S. J. (Hg.): Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus 2, Frankfurt a. M. 1992, S. 277.

[2] Zu allgemein „Konstruktivismus“ vgl. Wenninger G.: Lexikon der Psychologie, Bd. 2, Berlin 2001, S. 379.

[3] Zur inhaltlichen Ausgestaltung des Begriffes: Walter H.: Neurophilosophie der Willensfreiheit, Paderborn u. A. 1998, S. 136.

[4] Zum Begriff: Wenninger G.: Lexikon der Psychologie, Bd. 1, Berlin 2001, S. 170.

[5] Siehe hierzu in Maturana H.R./ Varela F.J.: Der Baum der Erkenntnis; Bern/ München 1987.

[6] Glasersfeld E.: Einführung in den radikalen Konstruktivismus; in Watzlawick P. (Hg.): Die erfundene Wirklichkeit; München 1985, S. 18.

[7] Siehe Vorwort in Gumin H./ Mohler A.: Einführung in den Konstruktivismus, München 1985, S. 8.

[8] Walter 1998, S. 136; siehe auch Roth 1992, S. 281.

[9] Vgl. Walter 1998, S. 142-146.

[10] Birbauer N.: Enzyklopädie der Psychologie. Psychologie der Erwachsenenbildung, Göttingen u.A. 1997, S. 366-370.

[11] Gerstenmaier J./ Mandl H.: Wissenserwerb unter konstruktivistischer Perspektive, in: Zeitschrift für Pädagogik, 41 1995, S. 880.

[12] Dubs R.: Konstruktivismus: Einige Überlegungen aus Sicht der Unterrichtsgestaltung, in: Zeitschrift für Pädagogik 41, 1995, S. 889-891.

[13] Roth 1992, S. 281.

[14] Roth 1992, S. 281.

[15] Roth G.: Erkenntnis und Realität. Das reale Gehirn und seine Wirklichkeit. in: Schmidt S. J. (Hg.): Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus 1, Frankfurt a. M. 1994, S. 229.

[16] Roth 1994, S. 232.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Konstruktivismus - Grundlagen zu Theorie und Praxis
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Psychologie)
Veranstaltung
Biopsychologie I
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
13
Katalognummer
V8620
ISBN (eBook)
9783638155496
ISBN (Buch)
9783638841863
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktivismus-Instruktionspsychologie-Neuropsychologie-Wahrnehmung Lernen und lehren
Arbeit zitieren
Felix Hessmann (Autor), 2002, Konstruktivismus - Grundlagen zu Theorie und Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8620

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