Die Bedeutung von Beziehungen mit Klientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung

Am Beispiel einer sozialtherapeutischen Wohngruppe


Diplomarbeit, 2007
92 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I: Begriffsklärungen
1. Beziehungen
1.1 Beziehungstypen
1.1.1 Rollenbeziehungen
1.1.2 Persönliche Beziehungen
1.1.3 Weitere Beziehungsformen
1.2 Dynamik in Beziehungen
1.3 Gruppenbeziehungen
2. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung
2.1 Definition des Begriffes Persönlichkeit
2.2 Verbreitung
2.3 Kriterien
2.3.1 DSM-IV
2.3.2 ICD
2.4 Erscheinungsbilder
2.5 Borderline-Persönlichkeit
2.6 Erklärungsansätze.
2.6.1 Psychoanalytisches Modell
2.6.2 Verhaltenstherapeutisches Modell
2.7 Borderline und Gesellschaft
2.7.1 Gesellschaftliche Entwicklungen
2.7.2 Einfluss der Gesellschaft auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung
2.7.3 Borderline und das weibliche Geschlecht

II: Sozialtherapeutische Wohngruppe als Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit
1. Das Marie-Luise-Schattenmannhaus
1.1 Die sozialtherapeutischen Wohngruppen
1.2 Die Bewohnerinnen.
1.3 Das Team
1.3.1 Sozialpädagogische und sozialtherapeutische Maßnahmen
1.3.2 Aufgabenbereiche und Tätigkeitsfelder
1.3.3 Gruppenarbeit
1.3 Zielsetzung der sozialtherapeutischen Arbeit
2. Der milieutherapeutische Ansatz von Bruno Bettelheim
2.1 Bruno Bettelheim
2.2 Methodische Grundsätze
2.3 Unterschiede zum Konzept des MLSH.
3. Die Bedeutung von Beziehungen in beiden Konzepten
3.1 Beziehungen innerhalb der Gruppe
3.2 Freundschaftliche Beziehungen zwischen einzelnen Gruppenmädchen
4. Fallbeispiel Doreen
4.1 Vorgeschichte.
4.2 Aufenthalt im MLSH

III: Die Beziehung von SozialpädagogIn und KlientIn
1. Exkurs: Soziale Arbeit und Therapie
2. Die Beziehung in der Sozialen Arbeit.
2.1 Theoretische Grundsätze
2.1.1 Sozialpädagogisches Handeln
2.1.2 Kommunikation
2.1.3 Konzepte und Methoden
2.1.4 Alltagsbegleitung und Lebensweltorientierung
2.2 Voraussetzungen für den Beziehungsaufbau
2.3 Der Unterschied von familiärer und professioneller Beziehung
2.4 Das Geschlecht als Beziehungsvariable
2.5 Übertragung und Gegenübertragung in der Beziehung
2.6 Supervision
3. Aus der Tätigkeit ergebende Besonderheiten der Beziehung.
3.1 Der Einfluss des institutionellen Rahmens.
3.2 Unfreiwilligkeit
3.3 Lohnabhängigkeit
3.4 Zeitliche Begrenzung
3.5 Macht als Beziehungskonstante
4. Besonderheiten der Beziehung mit Borderlinerinnen
4.1 Spaltung und Verleugnung
4.2 Idealisierung und Abwertung
4.3 Stimmungsschwankungen und Impulskontrolle.
4.4 Größenphantasien
4.5 Hilflosigkeit der SozialpädagogInnen
5. Handlungsmöglichkeiten für SozialpädagogInnen.
5.1 Festlegung von Lösungsstrategien und Zielen
5.2 SozialpädagogInnen als MentorInnen
5.3 SET-Kommunikation

Resümee

Literaturverzeichnis

Anhang

Eidesstattliche Erklärung

Einleitung

Diese Diplomarbeit handelt von der Bedeutung von Beziehungen, insbesondere mit Klientinnen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ich traf zum ersten Mal auf Borderlinerinnen während meines Praktikums in den sozialtherapeutischen Wohngruppen des Marie-Luise-Schattenmannhauses. Die Klientinnen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gelten dort als etwas Besonderes, im positiven wie im negativen Sinne, und von ihnen geht immer etwas Faszinierendes aus. Für die MitarbeiterInnen, wie für die Therapeutinnen, stellen sie immer eine Herausforderung dar.

Das Anliegen dieser Diplomarbeit soll sein, die Bedeutung von Beziehungen im besonderen Rahmen einer stationären Einrichtung explizierter darzulegen. Stationäre Einrichtungen, deren Arbeit auf Kontinuität und beständigen Beziehungen aufgebaut ist, kämpfen in der heutigen Zeit immer mehr um ihre Akzeptanz. Es werden Konzepte, die sich durch systemische Denkmodelle ableiten, bevorzugt, die ein möglichst schnelles und effektives Arbeiten fordern und auch für umsetzbar halten. Kontinuierliche Beziehungen sollen aus Kostengründen vermieden werden, obwohl dies in vielen Fällen durchaus sinnvoll sein kann. Nach meiner Auffassung sind gerade bei der Klientel des Marie-Luise-Schattenmannhaus diese langfristigen Beziehungen für die Entwicklung entscheidend, da sie durch wiederholte Beziehungsabbrüche und andere Formen der Traumatisierungen geprägt ist.

Aufgrund dieser politischen Gegebenheiten stellt sich für mich die Frage, was Beziehungen in der Sozialen Arbeit bedeuten, warum sie für die KlientInnen wichtig sind und ob durch diese Beziehungen nachhaltig Veränderungen initiiert werden können.

Aufbau der Arbeit

Der erste Teil dieser Arbeit soll eine Hinführung zum Thema geben. Einleitend erfolgt die Klärung des Begriffes Beziehung, mit seiner Typen, Dynamiken und Auswirkungen auf Gruppen. Weiter wird der Begriff der Borderline-Persönlichkeitsstörung dargestellt. Es werden Diagnosekriterien erklärt, psychoanalytische und verhaltenstherapeutische Erklärungsmodelle betrachtet und ein Zusammenhang der gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und der Erkrankungen an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung hergestellt.

Im zweiten Teil der Diplomarbeit wird das Arbeitsfeld einer sozialtherapeutischen Wohngruppe, die des Marie-Luise-Schattenmannhauses, genauer dargestellt. Es folgt eine Herausarbeitung der Bedeutung von Beziehungen im Konzept des Hauses und ein Konzeptvergleich mit dem milieutherapeutischen Ansatz von Bruno Bettelheim, der dem Konzept des Marie-Luise-Schattenmannhauses zugrunde liegt. Anschließend wird auf verschiedene Beziehungen eingegangen, die für die Arbeit in einer sozialtherapeutischen Wohngruppe von Bedeutung sind. Zur Verdeutlichung und Konkretisierung erfolgt die Beschreibung eines Fallbeispiels.

Der dritte und letzte Teil dieser Arbeit beginnt mit einem Exkurs zum Thema Soziale Arbeit und Therapie. In der Arbeit in einer sozialtherapeutischen Wohngruppe sind die Grenzen oft unklar, deswegen ist eine klare Abgrenzung der beiden Bereiche wichtig. Im weiteren Verlauf wird dargestellt, was sich unter der Beziehung zwischen SozialpädagogIn und KlientIn zu verstehen ist und inwiefern sie sich von anderen pädagogischen Beziehungen, wie den familiären Beziehungen, unterscheidet. Es folgt eine Auseinandersetzung mit den expliziten Besonderheiten der Beziehung, die sich aus dem professionellen Handeln ergibt. Abschluss findet dieses Kapitel mit der Herausarbeitung der Besonderheiten, auf die SozialpädagogInnen in den Beziehungen mit Klientinnen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung stoßen und Möglichkeiten des sozialpädagogischen Handelns. Das beschriebene Fallbeispiel dient partiell zur Veranschaulichung der Theorie.

Sprachgebrauch

Ist in dieser Diplomarbeit die Rede von Sozialer Arbeit ist gleichbedeutend Sozialarbeit und Sozialpädagogik gemeint. Ich beschränke mich auf die Bezeichnung SozialpädagogInnen, obwohl auch hier gleichbedeutend SozialarbeiterInnen gemeint sind. Bezeichnungen, die sowohl Frauen als auch Männer betreffen, fasse ich in einem Wort zusammen, beispielsweise: AdressatInnen. Bei Aufzählungen von Frau/Mann und männlich/weiblich halte ich mich an die alphabetische Reihenfolge. Das Krankheitsbild der Borderline-Persönlichkeitsstörung wird gleichbedeutend als Borderline-Struktur und Borderline-Störung bezeichnet. Für Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung benutze ich die weibliche Form, da die Bewohnerinnen des Marie-Luise-Schattenmannhauses ausschließlich weiblich sind und zudem in unserer Gesellschaft die Borderline-Persönlichkeitsstörung hauptsächlich bei Frauen diagnostiziert wird.

I: Begriffsklärungen

1. Beziehungen

Für alle Menschen bilden Beziehungen zu anderen Menschen den wichtigsten Teil ihres Lebens. Unsere frühkindliche Entwicklung wird wesentlich durch die gute Beziehung zu einer oder mehreren Bezugspersonen beeinflusst. Während der Kindheit prägen vor allem die Beziehungen zu Familienmitgliedern, AltersgenossInnen und LehrerInnen die weitere Entwicklung der Persönlichkeit. Ab dem frühen Jugendalter bekommen Beziehungen zu Gleichaltrigen, auch zum anderen Geschlecht, eine zentrale Bedeutung.

Beziehungen finden meist dyadisch, also zwischen zwei Menschen, statt. Ein funktionierendes Netz von Beziehungen gibt einen grundlegenden Schutz vor Gefährdungen der psychischen und physischen Gesundheit.

Ansichtsweisen über die Gestaltung von Beziehungen und welche als wünschenswert angesehen werden, sind in jeder Kultur verschieden, da jede ihr eigenes volkstümliches Wissen darüber besitzt (vgl. Hinde, 1993, S.7f.).

Ausschlaggebend für eine Beziehung ist, dass die BeziehungspartnerInnen in sozialer Interaktion zueinander stehen: „Eine Interaktion beinhaltet mindestens eine Person A, die ein Verhalten X gegenüber einer Person B zeigt. Hieraus kann B mit dem Verhalten Y reagieren“ (ebd., S.9). Interaktionen sind geprägt durch die Wechselseitigkeit und Aufeinanderbezogenheit von Geben und Nehmen, Aktion und Reaktion. Sie haben keinen Selbstzweck, sondern dienen der Realisierung spezieller menschlicher Ziele und Zwecke sowie der Fortentwicklung des individuellen gesellschaftlichen Lebens (vgl. Müller, 1985, S.43).

Asendorpf & Banse bezeichnen aufeinander bezogene Interaktionen als Interaktionsmuster. Nach ihrer Auffassung kann von einer sozialen Beziehung erst dann gesprochen werden, wenn mindestens ein stabiles Interaktionsmuster vorhanden ist. Die meisten Beziehungen vereinen mehrere verschiedene Interaktionsmuster in sich. Durch diese Muster lässt sich von außen darauf schließen, dass eine soziale Beziehung zwischen den InteraktionspartnerInnen besteht. Ein Interaktionsmuster beschreibt also, wie sich PartnerInnen in ihrer Beziehung charakteristisch miteinander verhalten. So läuft ein Streit zwischen Frau und Mann immer ähnlich ab, es ist also ein Interaktionsmuster entstanden (vgl. Asendorpf & Banse, 2000, S.3ff.).

Die Abgrenzung der Begriffe Beziehung und Interaktion ist schwer, da die Übergänge meist fließend sind und teilweise in der Literatur sogar gleichbedeutend verwendet werden. An dieser Stelle schließe ich mich der Auffassung von Robert Hinde an, der davon ausgeht, dass Beziehungen aus Interaktionen bestehen und somit Interaktionen Teile einer Beziehung sind (vgl. Hinde, 1993, S.9).

Hinter dem Begriff Beziehungen steckt jedoch mehr, als nur stabile Interaktionsmuster. „Jede Beziehung ist bei beiden Bezugspersonen dreifach kognitiv repräsentiert als Selbstbild, Bild der Bezugsperson und als Interaktionsskripten; diese Repräsentationen sind beziehungsspezifisch“ (Asendorpf & Banse, 2000, S.4). Zusammenfassend kann hier von Beziehungsschemata gesprochen werden. Interaktionsskripten geben die eigene Sicht der PartnerInnen über die vorhandenen Interaktionsmuster wieder. Beziehungsschemata vermittelt die Sicht der PartnerInnen darüber, was in einer Beziehung getan und gelassen werden sollte. Sie werden geprägt durch die Persönlichkeitsmerkmale der PartnerInnen und sind deswegen meist unterschiedlich (vgl. ebd., S.4f).

Stierlin ist der Ansicht, dass eine Beziehung zwei Dinge von ihren BeziehungspartnerInnen abverlangt. Zum einen erfordert eine Beziehung sich dem/der PartnerIn gegenüber zu öffnen, ihre/seine Bedürfnisse zu befriedigen und ihre/seine Weltansicht anzuerkennen. Zum anderen müssen die eigene Autonomie und Individualität gewahrt sowie eigene Standpunkte und Bedürfnisse vertreten werden. Deswegen verlangen Beziehungen eine psychische Abgrenzungs- und Versöhnungsarbeit, die ein starkes Ich voraussetzt. (vgl. Stierlin, 1971, S.11).

Die Fähigkeit, sich abgegrenzt und verschieden dem Anderen gegenüber erleben zu können, ist Voraussetzung für das Eingehen von Beziehungen. Für die Beziehung ist es von entscheidender Bedeutung, inwieweit getrennt wir uns von der anderen Person fühlen. (vgl. Bimschas & Schröder, 2003, S.23). Es gibt laut Bimschas & Schröder zwei große Gefahren der Beziehung: Entweder sich völlig in dem Anderen zu verlieren und sich nicht mehr von ihm unterscheiden zu können, sich also symbiotisch mit ihm verbunden zu fühlen. Oder das Gefühl zu haben, von dem Anderen ganz abge-schnitten zu sein und als Folge zu vereinsamen (vgl. ebd. S.26). Die Aufgabe der BeziehungspartnerInnen besteht darin, einen vernünftigen Ausgleich im Miteinander zu finden.

1.1. Beziehungstypen

Wir alle gehen in unseren Leben viele verschiedene Beziehungen ein, welche in zwei Typen eingeteilt werden können: Die Rollenbeziehung, auch funktionale Beziehung genannt, und die persönliche Beziehung.

1.1.1 Rollenbeziehungen

Soziale Beziehungen, die durch die sozialen Rollen der jeweiligen Personen bestimmt sind, werden als Rollenbeziehungen bezeichnet. „Je mehr Rollen wir in der komplexen Gesellschaft spielen, um so mehr müssen wir lernen, unsere Beziehungen auf eine gegebene Aufgabe und Situation abzustimmen“ (Stierlin, 1971, S.24). Wenn zwei fremde Menschen aufeinander treffen, kann es eine Weile dauern, bis sich zwischen beiden ein typisches Interaktionsmuster etabliert. Gegenteiliges trifft zu, wenn sich ihr Verhalten nach wechselseitigen Rollenerwartungen ausrichtet. Hierbei ist kennzeichnend, dass die Interaktionsmuster erhalten bleiben, selbst wenn man die Rollen durch andere Personen ersetzt, wie z.B. bei den Beziehungen zwischen VerkäuferIn und KäuferIn. Es stellt keinen Unterschied dar, ob VerkäuferIn A oder VerkäuferIn B KäuferIn X bedient, das Interaktionsmuster bleibt gleich. Je länger allerdings eine solche Rollenbeziehung anhält, desto wahrscheinlicher ist es nach Asendorpf & Banse, dass eine engere Beziehung entsteht, da die Personen beginnen, auf die persönlichen Eigenheiten – die sich nicht aus der Rolle ergeben – des Gegenüber zu reagieren. Die Beziehung wird also persönlicher (vgl. Asendorpf & Banse, 2000, S.7). Stierlin benennt dies als den emotionalen Untergrund, der alle Beziehungen färbt (vgl. Stierlin, 1971, S.25). Stierlin veranschaulicht dies an dem Beispiel der Beziehung zwischen Arzt und Patient. Zu Beginn beruht diese Beziehung auf einem Vertrag, in welchem sich die beiden Partner zu einem Austausch begrenzter Leistungen verpflichten. Der Arzt ist zuständig für die Lieferung seiner technischen Kompetenzen und Erfahrungen, der Klient hingegen für die Bezahlung und Mitarbeit. Der Arzt tritt im Laufe der Behandlung in einen persönlichen Kontakt zu seinem Patienten und versucht dessen Vertrauen zu gewinnen und seine Angst zu mindern. Dies gelingt ihm nur, wenn er seine Persönlichkeit zeigt und gezielt auf seinen Patienten eingeht (Stierlin, 1971, S.25).

Das gleiche gilt für die Beziehung zwischen SozialpädagogIn und KlientIn. In ihrer Rollenbeziehung übernehmen die SozialpädagogInnen die Rolle des/der professionellen HelferIn und die KlientInnen die Rolle des Hilfesuchenden.

1.1.2 Persönliche Beziehungen

Persönliche Beziehungen beginnen dort, wo Erklärungen durch Rollenverhalten nicht mehr ausreichen. Sie können zwischen zwei Menschen entstehen, deren Interaktionen nicht an Rollen gebunden sind, wie z.B. zwischen Freunden, die keinen gemeinsamen Arbeitszusammenhang besitzen. Diese Beziehungen haben die alleinige Funktion der kontinuierlichen Wechselwirkung zwischen der Persönlichkeit der einen und der anderen Person und deren gemeinsamer Geschichte (vgl. Asendorpf & Banse, 2001, S.8).

Unterteilt werden können persönliche Beziehungen in folgende drei Typen:

- Beziehungen in Familien

Hierunter sind jene Beziehungen zu verstehen, die sich auf zwei Personen innerhalb der gleichen Familie beziehen. Dies beinhaltet auch Partnerwahl und Partnerschaft als Grundsteinlegung einer Familie, Eltern-Kind-Beziehungen und die Beziehungen zwischen den Geschwistern (vgl. Asendorpf & Banse, 2000, S.40ff).

- Peer-Beziehungen

Als Peers wird die Gruppe von Menschen verstanden, die gleichen Alters ist und nicht zur Familie gehört. Diese Gruppe spielt im Kinder- und Jugendalter eine wichtige Rolle, was von den Kindern und Jugendlichen selbst so wahrgenommen wird. Der Einfluss der Peergroup auf die Persönlichkeitsentwicklung ist durchaus sehr groß. So lässt sich z.B. sagen, dass eine große Beliebtheit in einer Peergroup einen positiven Einfluss auf Erfolg und Zukunftspläne hat oder eine hohe Anzahl an FreundInnen ein höheres Selbstwertgefühl, auch noch im fortgeschrittenen Alter, zur Folge hat. (vgl. ebd., S.97ff).

- Außerfamiliäre Beziehungen im Erwachsenenalter

Darunter sind die Beziehungen zu verstehen, die außerhalb des Familiengefüges stehen, wie Freundschaftsbeziehungen, Beziehungen im Berufsleben und Bekanntschaften. Im Erwachsenenalter spielt die Altersähnlichkeit keine so große Rolle mehr wie im Kindesalter, deswegen findet hier der Peer-Begriff nur sehr selten Anwendung (vgl. ebd., S.119ff).

1.1.3 Weitere Beziehungsformen

Schulz von Thun differenziert den Begriff der Beziehung noch weiter aus und unterscheidet drei weitere Grundkategorien: Die symmetrische Beziehung, die komplementäre Beziehung und die metakomplementäre Beziehung.

Eine symmetrische Beziehung ist gegeben, wenn beide PartnerInnen in der Lage sind, dem Gegenüber das gleiche Verhalten zeigen zu können und ihn so im gleichen Verhältnis kritisieren, beraten oder unterstützen können. Eine symmetrische Beziehung kommt bei dem Charakter der helfenden Beziehung in der Sozialen Arbeit eher selten vor, obgleich der Fokus darauf gelegt werden sollte (vgl. Schulz von Thun, 2000, S.181). Ziel des sozialpädagogischen Handelns ist die gleichberechtigte Beziehungsebene, wie sie beispielsweise bei der Hilfe zur Selbsthilfe zum Tragen kommt.

Die komplementäre Beziehung entsteht durch Machtdifferenzen aus Über- und Unterlegenheiten der BeziehungspartnerInnen. Bei Beziehungen zwischen SozialpädaogIn und KlientIn handelt es sich eher um Beziehungen mit komplementärem Charakter, da die SozialpädagogInnen hier die Mächtigen sind und den Hilfesuchenden ihre Leistungen und ihr Wissen anbieten (vgl. Michel-Schwartze, 2002, S.100).

Unter metakomplementären Beziehungen wird verstanden, wenn eine Person ihren Partner dazu bringt, sie zu lenken oder ihr zu helfen, obwohl sie eigentlich auf einer höheren Stufe die Oberhand behält, da sie die komplementäre Beziehung von sich aus hergestellt hat. Dieses Problem tritt oft in Paarbeziehungen auf, wenn z.B. der Mann die Frau auffordert, ihm eine gleichwertige Partnerin zu sein und damit aber die Oberhand behält, da die Aufforderung von ihm ausgeht und nicht von der Frau selbst, wie es in einer symmetrischen Beziehung der Fall wäre (vgl. Schulz von Thun, 2000, S.181f.).

1.2 Dynamik in Beziehungen

Um eine Beziehung intakt zu halten und sich ihre PartnerInnen auf immer komplexere Stufen entdecken und gewinnen zu können, müssen Beziehungen in Bewegung bleiben (vgl. Stierlin, 1971, S.38). Die Bewegung einer Beziehung ist an bestimmte Polaritäten gebunden, zu denen beide PartnerInnen in unterschiedlicher Weise beitragen müssen. Als Polaritäten bezeichnet Stierlin Beziehungsgleichgewichte, die sich stets verändern und wiederherstellen müssen. Es sind Spannungsfelder, die zu einem ständigen Ausgleich drängen und so eine Beziehung in Bewegung halten. In seinem Buch: „Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen“ entwickelt Stierlin fünf Polaritäten, die sich dazu eignen, charakteristische Probleme und Implikationen einer Beziehung ins Blickfeld zu bringen (vgl. ebd., S.44). Diese fünf Polaritäten benennen charakteristische Merkmale von Beziehungen, die bei der Klärung von Problemen für alle Beziehungen analytische Hilfe bieten.

Augenblick und Dauer

Spezifisch für Augenblicksbeziehungen ist, dass sie austauschbar, unverbindlich und oft bestimmt sind durch die Neigung von Begierde und Genuss. Hier wird keine Verantwortung für den Anderen übernommen und ermöglicht so keinen Halt und keine Bindung. Nach Stierlin kann eine Beziehung erst dann eine echte Beziehung werden, wenn in den Augenblick die Dauer hinein genommen wird. Nur durch die Dauer kann eine Beziehung eine Tiefendimension erreichen, in der tiefer greifende zwischen-menschliche Erfahrungen gemacht werden und Grenzsituationen erlebt werden können (vgl. ebd., S.45ff.). Weiter führt Stierlin hier den Begriff der Todesfurcht ein. Diese ergibt sich aus der als lebensbedrohlich empfundenen Abhängigkeit von anderen Menschen und kann nur überwunden werden, indem der Mensch sich auf eben diese Abhängigkeit einlässt. „Dauer ist schließlich notwendig, damit wir in der Beziehung zu jenem existentiellen Erlebnis kommen, in dem die Todesfurcht erfahren und überwunden werden kann“ (ebd., S.26).

Bei Jugendlichen scheinen Augenblicksbeziehungen im Vordergrund zu stehen. Sie stellen die alten Beziehungen zu ihren Eltern in Frage und können sich aber noch nicht gut auf neue dauerhafte Beziehungen einlassen, da es in der Adoleszenz besonders um das Thema der Ablösung geht (vgl. Bimschas & Schröder, 2003, S.27).

Verschiedenheit und Gleichheit

„Ohne ein Element von Verschiedenheit kann keine Beziehung lebendig werden. Verschiedenheit bringt eine Asymmetrie, ein Gefälle in die Beziehung, die zum Motor ihrer Bewegung werden kann.“ (Stierlin, 1971, S.47). Alles, was als unbekannt empfunden wird, übt einen Reiz auf den Menschen aus. Doch allein aus der Verschiedenheit heraus lässt sich keine Beziehung und Verbindung herstellen. Neben dem Unbekannten muss man auch Bekanntes bei der anderen Person wieder entdecken. Nur durch Vertrautes und Bekanntes kann man sich einfühlen und in Teilen mit der anderen Person identifizieren. Basis hier sind ähnliche Erfahrungen, die bei zwei Menschen niemals dieselben sein können. Hier „bedarf es der Fähigkeit von der eigenen Erfahrung Brücken zur Erfahrung des anderen schlagen zu können“ (ebd., S. 51). Berücksichtigt werden müssen auch die Rollen und Positionen der Beziehungs-partnerInnen, wie beispielsweise aufgrund Geschlechts- oder Generations-unterschiede, die das Verhältnis von Gleichheit und Verschiedenheit prägen (vgl. Bimschas & Schröder, 2003, S.27ff).

Befriedigung und Versagung

Das dritte Spannungsverhältnis bezeichnet ein subjektives Erleben, das von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation verschieden ist (vgl. Stierlin, 1971, S.53). „Die eigentliche Aufgabe besteht immer darin, zu erkennen, welche wesentlichen Bedürfnisse jeweils gesucht werden und welche Versagungen ertragen werden müssen.“ (ebd., S.60). Auch in der Beziehung von SozialarbeiterIn und KlientIn kommt es zu Versagung und Befriedigung. Einerseits führt das Machtgefälle in dieser Beziehung zu Gefühlen der Unfreiheit und Machtlosigkeit auf Seite der KlientInnen, die so eine Versagung erleben. Andererseits können Wünsche nach Abhängigkeit und Geborgenheit in den KlientInnen auch ein Gefühl von Sicherheit und somit Befriedigung geben. Eine Beziehung endet einerseits, wenn keine wesentliche Bedürfnisbefriedigung mehr stattfindet. Das gleiche passiert, wenn an einer Beziehung nicht gearbeitet wird und so durch die innere Umstrukturierung der PartnerInnen keine neuen Beziehungsmöglichkeiten geschafft werden (vgl. ebd., S.59).

Stimulierung und Stabilisierung

Hier finden sich viele Ähnlichkeiten zur Polarität von Gleichheit und Verschiedenheit wieder. Verschiedenheit kann die Quelle zur Stimulierung und Anregung werden, hingegen kann Gleichheit dem Menschen das Gefühl von Sicherheit und Stabilität geben. Sollte das Gefühl von Stabilität allerdings zu übermächtig werden, besteht die Gefahr der Stagnation der Beziehung. Eine weitere Gefahr birgt eine Über-Stimulierung, da es hier zu einer Ent-Differenzierung und somit zur Verwirrung der entsprechenden Person kommen kann (vgl. ebd., S.60ff.).

5. Nähe und Distanz

„Die Begriffe Nähe und Distanz setzen einander voraus, um sinnvoll verwendet werden zu können. Die nächste Nähe, die denkmöglich ist, setzt noch eine gewisse Distanz zwischen zwei Objekten voraus. Fehlt dieser Rest von Distanz, dann wird Nähe zur Fusion und der Begriff Nähe ist nicht länger anwendbar.“ (Stierlin, 1971, S.62f.).

Menschen haben unterschiedliche Empfindungen von Nähe und Distanz (vgl. ebd., S.63) und daraus können sich Verständigungsprobleme in der Beziehung ergeben. In asymmetrischen Beziehungen, in denen die BeziehungspartnerInnen aufgrund Alter und beruflicher Stellung verschiedene Positionen innehaben, wird das, was als nah angesehen wird, durch die verschiedenen Voraussetzungen mitgeprägt.

Um sich auf komplexeren Stufen neu entdecken zu können, muss eine Beziehung in Bewegung gebracht werden. Das bedeutet, sich nicht an eine fixe Vorstellung von Abstand zu klammern, sondern ein Mehr an Nähe zulassen zu können, um die damit möglicherweise verknüpften Verstrickungen neu zu bearbeiten. Voraussetzung hierzu ist die Fähigkeit, sich in die Position des Gegenübers hineinversetzen zu können (vgl. ebd., S.62ff.). So ist mit der Nähe auch immer die Gefahr verbunden, verletzt oder verlassen zu werden. Diese Gefahr lässt sich aber nicht umgehen, wenn nicht gänzlich auf Beziehungen verzichtet werden will.

1.3 Gruppenbeziehungen

Wie bereits erwähnt, sind Beziehungen grundsätzlich auf dyadischer Ebene definiert. Dennoch können sie von Wechselwirkungen zwischen Beziehungen, so genannte triadische Effekte, beeinflusst werden, woraus Gruppenbeziehungen entstehen (vgl. Asendorpf & Banse, 2000, S.17). Eine Gruppe entsteht, wenn drei oder mehr Menschen aufgrund gemeinsamer Ziele, Eigenschaften und den daraus resultierenden Kooperationswünschen und Gefühlen der Zusammengehörigkeit zusammenfinden. Sie suchen häufig gegenseitige Kontakte und stehen in sozialer Beziehung zueinander (vgl. Stimmer, 1996, S.219). Im Normalfall weisen Gruppen eine funktionale Struktur auf, das bedeutet, die Mitglieder haben eine bestimmte Position inne. Diese Struktur bestimmt das Interaktionsverhalten in der Gruppe und beeinflusst alle persönlichen Beziehungen in der Gruppe (vgl. Asendorpf & Banse, 2000, S.17).

Abschließend zum Thema Beziehung bleibt festzuhalten, dass alle Beziehungen bestimmte Unterstützungsfunktionen für ihre PartnerInnen haben. So geben sie den Bezugspersonen die Möglichkeit der Bindung, Verlässlichkeit (mit oder ohne emotionale Nähe), eine Stärkung des Selbstwertgefühls, soziale Integration und Beratung. Alle diese einzelnen verschiedenen Beziehungen des Menschen erfüllen diese Funktion für ihn in unterschiedlicher Weise (vgl. Weiss zit. in Asendorpf & Banse, 2000, S.34).

2. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung

2.1 Definition des Begriffes Persönlichkeit

Ein Großteil der Bevölkerung versteht unter der Persönlichkeit eines Menschen die Eigenschaften, die diesen Menschen ausmachen. Von großen Persönlichkeiten wird gesprochen, wenn besondere Eigenschaften eines Menschen in einem großen Maße ausgebildet sind und diese Menschen durch ihre Persönlichkeit Dinge verändern oder ihre Überlegungen eine Grundbasis für Entwicklungen bieten. Persönlichkeitsmerkmale sind somit Eigenschaften, die eine feste Basis des Menschen darstellen und so nur bedingt flexibel sind.

Um die Faktoren, die eine Störung der Persönlichkeit ausmachen, beschreiben zu können, muss das Gebiet von wissenschaftlicher Ebene aus angesehen werden:

„Persönlichkeit und Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen sind Ausdruck der für ihn charakteristischen Verhaltensweisen und Interaktionsmuster, mit denen er gesellschaftlich-kulturellen Anforderungen und Erwartungen entsprechen und seine zwischenmenschlichen Beziehungen auf der Suche nach einer persönlichen Identität mit Sinn zu füllen versucht.“ (Fiedler, 2001, S.3).

Es gibt für den Menschen keine normalen Persönlichkeitsmerkmale, die als Bemessungsgrundlage dienen. Menschen und ihre Persönlichkeiten unterscheiden sich in unterschiedlicher Sozialisation und Erfahrungen in ihrem Leben. So baut sich jeder Mensch sein eigenes, persönliches Konzept auf. Laut Fiedler gibt es jedoch Maßstäbe die verdeutlichen, dass bestimmte Eigenschaften einer Persönlichkeit dann mit dem Etikett einer Persönlichkeitsstörung belegt werden können, wenn sie deutlich in die Richtung eines Leidens der Betroffenen oder in die Richtung Dissozialität oder (anti)sozialer Devianz extremisieren (vgl. ebd., S.4).

2.2 Verbreitung

Untersuchungen zufolge leiden zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Wichtig ist hier zu beachten, dass bei Persönlichkeitsstörungen nicht nur die Art, sondern auch das Ausmaß der Störung den Krankheitscharakter bestimmt. Von einer Störung im engeren Sinne kann hier nur gesprochen werden, wenn die Symptome für den Betroffenen oder seine Umgebung Leidenscharakter angenommen haben. Gegenwärtig machen Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung circa zehn Prozent der stationär behandelten psychiatrischen PatientInnen aus (vgl. Rahn, 2001, S.54).

Verhältnis Gesamtpopulation – Borderline-Patientinnen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: vgl. Dulz & Schneider, 1999, zit. in: www.borderline-plattform.de

Ca. ¾ der Betroffenen sind Frauen. Es ist anzunehmen, dass bei der hohen Zahl an betroffenen Frauen gesellschaftliche Einflüsse eine Bedeutung haben müssen. Dies werde ich im Punkt I / 2.7 noch genauer analysieren.

2.3 Kriterien

Es gibt verschiedene Kriterien für die Erstellung einer psychiatrischen Diagnose, von denen die anerkannteste, die amerikanische Klassifikation DSM-IV und die WHO-Klassifikation ICD-10 sind.

2.3.1 DSM-IV

Dieses Klassifikationssystem wurde von der American Psychiatric Association das erste Mal in den USA herausgegeben. Das DSM-IV (Diagnostic und Statistical Manual of Mental Disorders) beinhaltet im Gegensatz zum ICD-10 speziellere und genauere diagnostische Kriterien und berücksichtigt geschlechtsspezifische Unterschiede. Diagnostische Kriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung gemäß DSM-IV sind:

,,Ein durchgängiges Muster von Instabilität in den zwischenmenschlichen Beziehungen, des Selbstbildes und der Gefühle, sowie eine ausgeprägte Impulsivität; der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und die Störung manifestiert sich in den verschiedenen Lebensbereichen. Folgende fünf (oder mehr) Kriterien müssen erfüllt sein.“ (DSM-IV, 2003, S.259ff.).

1. Verzweifeltes Bemühen, ein reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern.
2. Ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen, das sich durch einen Wechsel zwischen den beiden Extremen der Überidealisierung und Abwertung auszeichnet.
3. Identitätsstörung: Eine ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls von sich selbst.
4. Impulsivität bei mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Aktivitäten (z.B. Geld-Ausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Autofahren, Fressanfälle).
5. Wiederholte Suiziddrohungen, -andeutungen oder -versuche oder andere selbstverletztende Verhaltensweisen.
6. Instabilität im affektiven Bereich, die durch eine ausgeprägte Orientierung an der akuten Stimmung gekennzeichnet ist (z.B. intensive episodische Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Zustände gewöhnlich einige Stunden oder, in seltenen Fällen, länger als einige Tage andauern).
7. Chronisches Gefühl der Leere.
8. Übermäßige, starke Wut oder Unfähigkeit, die Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut oder Prügeleien).
9. Andauernde, stressabhängige paranoide Phantasien oder schwere dissoziative Symptome.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung tritt häufig in Verbindung mit anderen Persönlichkeitsstörungen auf, weshalb hier oft auch von der Komorbidität gesprochen wird. Gewöhnlich mit dieser Störung zusammen auftretende Störungen sind

- affektive Störungen
- substanz-bezogene Störungen
- Essstörungen
- posttraumatische Stress-Störungen
- Aufmerksamkeits-Defizite / Hyperaktivitäts-Störungen.

2.3.2 ICD-10

Die ICD-10 (International Classification of Diseases) ist der Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Krankheiten und gesundheitliche Störungen des menschlichen Organismus. Die 10 steht im diesem Zusammenhang für deren 10. Revision.

Im Kapitel F60.3 der ICD-10 werden die Kriterien der emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen beschrieben, unter denen auch die Borderline-Persönlichkeits-störung (F60.31) fällt. Kriterien einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gemäß ICD-10 F60.3 sind:

„Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Ferner steht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden. Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle; und ein Borderline- Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.“ (ICD-10)

In Deutschland ist die ICD-10 der offizielle Standart für die Dokumentation und Abrechnung mit den Krankenkassen. Trotzdem möchte ich in dieser Arbeit die DSM-IV als Grundlage für die weiteren Erläuterungen verwenden, da die Symptome für die Borderline-Persönlichkeitsstörung hier präzisier definiert werden, als in der knappen Umschreibung im ICD-10.

2.4 Erscheinungsbilder

Beziehungen

Die Beziehungen beschreibt Gneist als intensiv, aber instabil. Häufig findet ein Wechsel von Idealisierung und Entwertung von anderen und auch von der eigenen Person statt. Geprägt ist das Beziehungsleben der Borderline-Persönlichkeiten durch Angst vor dem Alleinsein, genauso wie die Angst vor dem Zusammensein, ein Zustand der sich für nicht Betroffene nur schwer nachvollziehen lässt.

Sie befinden sich oft ein Leben lang in einem Prozess der Suche nach einer erfüllten Partnerbeziehung und sind getrieben von einer starken Sehnsucht, verstanden und geliebt zu werden. Oft hemmt sie in diesem Prozess der Suche ihr Mangel an Vertrauen und an Selbstvertrauen (vgl. Gneist, 2003, S.26).

Handeln

Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung weisen oft selbstschädigendes Verhalten auf. Beispiele hierfür sind Trinken, Rauchen, Drogenkonsum und süchtiges Essen. Ebenfalls oft vorzufinden sind die Neigungen zur Selbstverletzung bis hin zu Selbstverstümmelungen, Selbstmordversuchen und Selbstmorden. Sie sind in einer Zwischenwelt, in der sie rastlos leben, um Passivität und Langeweile zu vermeiden (ebd., S.26).

Stimmung und Antrieb

Arbeitet man mit Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, so wird einem der schnelle Wechsel der Stimmung und des Antriebes der Personen ins Auge fallen. Wechsel von freundlich zu unfreundlich, unbeschwert zu deprimiert, ruhig zu reizbar und ausgeglichen zu panisch-ängstlich machen sie zu Personen, deren Stimmung und Antrieb scheinbar einem Roulette-Spiel ähneln. Für Angehörige bedeutet dies ein ständiges Beobachten und Interpretieren der aktuellen Verfassung dieser Person. Reagiert man falsch auf ihre Verfassung, können sie leichter die Beherrschung und Selbstkontrolle verlieren als gesunde Menschen (ebd., S.26f.).

Gefühle

Borderline-Persönlichkeiten können ihre Gefühle nur in einem sehr beschränkten Maße kontrollieren. Intensive Wut und Wutausbrüche, Hass und Selbsthass, das Gefühl der absoluten Verzweiflung machen die Betroffenen die Führung einer Beziehung nahezu unmöglich. Für die PartnerInnen einer Betroffenen heißt es, mit einem Menschen zu leben, der seine Gefühle entweder extrem auslebt oder total zurücknimmt (ebd., S.27).

2.5 Borderline-Persönlichkeit

Selbstbild

Das Selbstbild von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist geprägt von einem Mangel an Selbstliebe und Selbstrespekt. Sie überprüfen ständig ihre Selbstsicherheit, suchen nach Bestätigung und können im nächsten Moment Ablehnung provozieren. Sie sind hochsensibel gegen falsches Lob und ihre Einschätzung von sich und anderen schwankt oft extrem. Es besteht eine Unsicherheit in ihrer Geschlechterrolle, und daraus ergeben sich häufig vorübergehende oder längere homoerotische Beziehungen aus Angst vor dem anderen Geschlecht. Sie haben Schwierigkeiten langfristige berufliche und andere übergeordnete Ziele zu planen und zu erreichen. Als Stärke kann man ihre Spontaneität, Beweglichkeit und ihren Idealismus anführen (ebd., S.27f.)

Wertvorstellungen

Zu Fehleinschätzungen in Beziehungen kommt es oft durch Idealisierungen und Entwertungen, wie es beim Schwarz-Weiss-Denken oft vorkommt. So kann jemand in einem Moment nur als gut oder nur als böse gesehen werden, das jeweils Ausgeblendete wird in diesem Moment nicht wahrgenommen. Die innere Spaltung der Borderline-Persönlichkeiten wird häufig auf andere Personen oder Gruppen übertragen und spiegelt sich oft in Teams wieder, die beruflich mit dieser Persönlichkeitsstörung zu tun haben. Ausdruck kann dies in Sprachgewandtheit, Witz und unterschwelligem Humor finden (ebd., S.28).

Nähe und Distanz

Beziehungen zu anderen Personen, die als nah, aber bedrohlich empfunden werden, zeichnen sich durch mangelnde Abgrenzung aus und führen zu dem Versuch, diese möglichst ununterbrochen zu kontrollieren. Das Ausdrücken von negativen Gefühlen wird nicht als Befreiung empfunden. Eine weitere problematische Verstrickung ist die Tendenz der Erkrankten, sich mit ihrem Gegenüber zu identifizieren (ebd., S.28ff.).

Realitätsbezug

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sind in der Lage, die Wirklichkeit als solche einschätzen zu können. Hier wird der Unterschied zur Schizophrenie deutlich. Das Problem liegt im subjektiven Erleben, welches unterschiedlich und oft schillernd oder fremdartig sein kann. Aus diesem Grund fällt es ihnen oft schwer, in unvorhersehbaren und schwierigen Situationen, angemessenes und realitätsgerechtes Verhalten zu zeigen, da sich ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Angst auszuhalten, verschlechtert. Dies spiegelt sich besonders im Umgang mit Beziehungen wider. Hier zeigen sich Stärke und Schwäche der Borderlinerinnen: Sie nehmen widersprüchlich und nur bruchstückhaft wahr, sind aber dennoch in der Lage durch ihre Lebendigkeit und Kreativität ihre Wirklichkeit wieder neu zu erschaffen, was oft als faszinierend erlebt wird (vgl. ebd., S.29).

2.6 Erklärungsansätze

Es gibt unterschiedliche Konzepte zur Erklärung und Beschreibung der Borderline-Persönlichkeitsstörung, wie die psychoanalytischen, verhaltenstherapeutischen und entwicklungspsychologischen Modelle sowie Familien- und Genetikstudien. Die bekanntesten sind die psychoanalytischen sowie die verhaltenstherapeutischen Erklärungsmodelle, die nun vorgestellt werden.

2.6.1 Psychoanalytisches Erklärungsmodell

Die psychoanalytischen Konzepte zur Borderline-Störung stehen im engen Zusammenhang mit den Objekt-Beziehungs-Theorien. Die Grundlage dieses objektbeziehungs-theoretischen Verstehens der Borderline-Persönlichkeit hat Otto Kernberg mit seinen unzähligen Werken geschaffen. Kernberg nahm an, dass Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung eine konstitutionsbedingte, also die körperliche und seelische Verfassung betreffende, Unfähigkeit zur Gefühlsregulation in zwischenmenschlichen Beziehungen aufweisen. Diese Unfähigkeit macht sie empfänglich für ungünstige Lernerfahrungen in der Eltern-Kind-Beziehung (vgl. Fiedler, 2001, S.250ff.).

So haben Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung als Kind nie gelernt, mit Gefühlen umzugehen. Dies kann einerseits geschehen, wenn die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes nie ernst genommen und befriedigt wurden, oder weil schon die Eltern nicht mit ihren eigenen Gefühlen umzugehen gelernt haben. Eine andere Möglichkeit ist, dass die Eltern sich mal in der Rolle des Liebenden, Umsorgenden und mal in der Rolle des Schlagenden, Missbrauchenden präsentierten, so dass das Kind diese widersprüchlichen Verhaltensweisen nicht verarbeiten, einordnen oder miteinander verbinden konnte. So entstehen für das Kind die ungünstigen Lernerfahrungen.

Für den späteren Umgang mit Beziehungsambivalenzen bauen diese Menschen spezielle Abwehrmechanismen zum Selbstschutz auf. Diese wirken sich auf die gesamte weitere Entwicklung aus und werden als Grundmuster der Beziehungsregulation bezeichnet. Der Hauptabwehrmechanismus ist, wie schon erwähnt, in diesem Falle die Spaltung. Damit schützen sie sich vor erneuten Verletzungen auf der Gefühls- bzw. Beziehungsebene (vgl. ebd., S.251).

Laut dem Entwicklungsmodell von Mahler (1975) lernen Kinder allmählich während der ersten Lebensjahre sich als autonome Individuen kennen und begreifen Objekte voneinander getrennt. Dies bedeutet, dass sie Grenzen ziehen zwischen sich selbst und anderen. Zu Beginn empfinden Kinder sich als eine Einheit mit ihrer Mutter, und lösen sich in der Regel bis zum dritten Lebensjahr von ihr los und erleben sich erst dann als Individuum (vgl. ebd., S.252ff.). Mit seiner Geburt ordnet das Kind seine Erfahrungen zunächst in Lust und Unlust oder in gut und böse und trennt diese Erfahrungen voneinander bzw. spaltet sie. So ist eine Mutter gut, wenn sie beispielsweise Trost spendet. Ist die Mutter in einer anderen Situation nicht erreichbar und/oder nicht in der Lage, Trost und Beruhigung zu spenden, wird sie ausschließlich als schlechte Mutter wahrgenommen. Erst später ordnet das Kind sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen ein und derselben Person zu. Die Mutter kann nun gut und böse ineinander vereinen, während es zuvor durch Ausblendung nur eine gute oder eine böse Mutter gab. Trennungsangst, beispielsweise, wird durch das Wissen abgelöst, dass die Mutter auch dann existiert, wenn sie körperlich nicht anwesend ist. Dieses Phänomen wird als Objektkonstanz bezeichnet. „Die Spaltung ist also – wenn man so will – der erste und urtümliche Versuch des Menschen, seine widersprüchlichen Erfahrungen innerlich abzubilden und gleichzeitig zu ordnen, dem Chaos eine Struktur zu geben.“ (Rhode-Dachser in Fiedler, 2001, S.253).

2.6.2 Verhaltenstherapeutisches Modell

Es gibt von psychoanalytischer Seite Kritik und Zweifel an der Verhaltenstherapie in ihrer Professionalität und doch ist sie im Bereich der Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen führend. In den letzten Jahren wurden eine Vielzahl kognitiv-verhaltenstherapeutische Konzepte entwickelt.

An dieser Stelle möchte ich mich auf das Konzept von Linehan (1981) beschränken[1]. Im Vordergrund steht die gestörte Gefühlsregulation, da Linehan glaubt, dass die Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung physiologisch bedingt sein können.

Einen besonderen Augenmerk legt Linehan auf die invalidierende Umgebung“, die ein gefühlsgemäßes Erlernen von Identität erschwert oder sogar behindert.

„Sie wird von Personen geprägt, die dazu neigen, emotionale und hierbei besonders negative Erfahrungen zu missachten, die Schwierigkeiten bei der Lösung größerer Probleme herunterspielen und viel Wert auf positives Denken legen.“ (Linehan in Fiedler, 2001, S.260)

Das Bestreben der Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung an inneren Ambivalenzen oder Gegensätzlichkeiten festzuhalten, erklärt Linehan anhand folgender vier Pole, zwischen denen sie sich bewegen und die sie nicht zusammenfügen können.

Die „aktive Passivität“ beschreibt die Tendenz an Probleme passiv und hilflos heranzugehen und von der Umwelt Lösungen anzufordern. Ein Gegenpol hierzu ist die „scheinbare Kompetenz“, da Borderline-Persönlichkeiten oft durch ihre Kompetenz beeindrucken, dies aber nicht bei verschiedenen Stimmungsempfinden halten und extrem schwanken können. Sie befinden sich in einer „permanenten Krise“, da sie nicht in der Lage sind, in verschiedenen Stimmungslagen ihre Emotionen auf ein stabiles Grundniveau zurückzukehren. Durch fehlgeschlagene Lernerfahrungen im Umgang mit Krisen, traumatischen Erfahrungen und Verlusterlebnissen befinden sich Borderline-Persönlichkeiten in einem Zustand der „gehemmten Trauer“. Hier vermutet Linehan, dass durch die Erhaltung der inneren Ambivalenz eine Barriere in der Trauerarbeit stattfindet, die verhindert, dass Krisenerlebnisse vollständig durchlebt und innerlich eingegliedert werden (vgl. Fiedler, 2001, S.260).

2.7 Borderline und Gesellschaft

In den letzten Jahrzehnten konnte eine Veränderung der Gesellschaftsform festgestellt werden. Dies wurde besonders deutlich an den Entwicklungen der familiären Lebensformen (von Großfamilien in Richtung Patchwork-Familien). Die Zahlen der Scheidungen steigen seitdem an, es wird immer später geheiratet, die Geburtenzahlen sinken und es gibt immer mehr Single-Haushalte. Ulrich Beck spricht hier von der Industriegesellschaft, die sich durch die Modernisierung selbst überholt hat und durch neue ökonomische Bedingungen neue Formen von zwischenmenschlichen Zusammenleben nach sich zieht (vgl. Beck, 1986, S.180).

2.7.1 Gesellschaftliche Entwicklungen

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Prozess der zunehmenden Individualisierung, die sich seit Beginn der Industrialisierung durchsetzt. Ulrich Beck geht davon aus, dass die Modernisierung eine dreidimensionale Individualisierung mit sich führt.

Freisetzungsdimension

In dieser Dimension wird der positive Aspekt der Individualisierung hervorgehoben, in der die Individuen Autonomie von den traditionellen Vorgaben erhalten. Dies geschieht durch die Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge. Beispielsweise kann heute jeder seinem Berufswunsch nachgehen, auch wenn die Eltern andere Vorstellungen haben.

Entzauberungsdimension

Diese Dimension zeigt das Gegenstück zur ersten, da der Verlust von traditionellen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen eine Verunsicherung der Menschen mit sich führt. So kann die Weiterführung eines Familienbetriebes auch Sicherheit und Geborgenheit geben.

Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension

In diesem Punkt geht es Beck um eine neue Art der sozialen Einbindung, da traditionelle Bindungen und Sozialformen immer mehr durch sekundäre Instanzen und Institutionen ersetzt werden (vgl. ebd., S.206, S.211). Hierzu zählen Ganztagsschulen und Kindertagesstätten.

Diese drei Dimensionen sollen darüber hinaus nach der objektiven Lebenslage und des subjektiven Bewusstseins differenziert werden (vgl. ebd., S.206). Dies ist von Bedeutung, da jeder Mensch unterschiedlich Empfindungen, Bedürfnisse und Wahrnehmungen hat und sich daraus sein eigenes Lebenskonzept ergibt. Weiter versteht Beck unter Individualisierung, dass sich die Lebensläufe der Menschen auf vorgegebenen Fixierungen herauslösen und nun frei und entscheidungsabhängig werden. Es ist Aufgabe jedes Einzelnen, seine eigene Biographie in einem selbstreflexiven Prozess herzustellen. Dies beinhaltet Alternativen über Berufswahl und Arbeitsplatz genauso, wie Entscheidungen über Wohnort, Ehepartner und der Kinderzahl (vgl. ebd., S.216).

Wolfgang Welsch und Heiko Kleve sprechen neben einer Individualisierung, auch von einer Pluralisierung der Gesellschaft. Unter pluralistische Gesellschaft versteht man eine Gesellschaft, die aus vielen Gruppen mit unterschiedlichen Wertesystemen aufgebaut ist. Dies beinhaltet nicht nur Auswirkungen für die Berufswelt, sondern auch für den privaten und öffentlichen Bereich.

Heiko Kleve beschreibt mit dem Begriff der Hyperkomplexität, dass die Identität der Gesellschaft nur noch als „Vielfalt, als Komplex(ität) einer Mehrzahl von Selbstbeschreibungen“ (Kleve, 2000, S.33) dargestellt werden kann. Mit dem Begriff der Polykontexturalität beschreibt er den Zerfall der einheitlichen, gesellschaftlichen Identitäten. Dabei geht es um die verschiedenen, oft widersprüchlichen Realitätswahrnehmungen, die je nach Zusammenhang unterschiedlich ausfallen (vgl. ebd., S.35).

Die Begriffe der Hyperkomplexität und Polykontexturalität weisen auf die Schwierigkeiten des Menschen hin, die Kleve als Heterarchie bezeichnet: Die heutige Gesellschaft gibt dem Menschen vielfältige Realitäten vor, die dieser schwer mit einer „zentralen Realitäts-, bzw. Selbst-, bzw. Identitätsbeschreibung“ (ebd., S.38) vereinbaren kann.

Nach Wolfgang Welsch gleicht unsere heutige, schnelllebige Gesellschaft „einem lockeren Netz differenter und kontroverser Formationen“ (Welsch, 1988, S.26). Dies hat negative Auswirkungen, da zunehmende Orientierungslosigkeit, Wegfall von Selbstverständlichkeiten, zunehmende Ungewissheit und Einsamkeit die Menschen belasten (vgl. ebd., S.27).

Welsch nennt verschiedene Anforderungen an den Menschen, der in einer pluralistischen Gesellschaft lebt: Er muss sich seiner Grenzen bewusst sein, diese achten und gleichzeitig die Vielheit im Blick behalten. Er muss fähig sein, Unterschiede, Heterogenes, Abweichungen und Dissens zu erkennen. Da es in einer pluralistischen Gesellschaft nicht die Verbindlichkeit schlechthin gibt, muss der Mensch sich auf viele verschiedene Verbindlichkeiten einlassen können (vgl. ebd., S.62).

Diese gesellschaftlichen Entwicklungen haben auch Einfluss auf die Identitätsbildung[2] des Menschen. Wegen der komplexen, vielfältigen und dynamischen Veränderungen, die unsere Gesellschaft durchlaufen hat und noch durchlaufen wird, kann nicht mehr von einer statischen Identität gesprochen werden. Im Gegenteil, heute sind die Menschen mit einer ständigen Identitätsarbeit konfrontiert. Diese Bildung ist jedoch kein abgeschlossener Prozess, sondern setzt sich ein Leben lang fort, da unsere Gesellschaft nicht mehr durch geschlossene und verbindliche, sondern stattdessen durch offene und gestaltende Systeme gekennzeichnet ist (vgl. Keupp, 2002, S.55). Dabei wird der zweiseitige Charakter der Identität erkennbar: Auf der einen Seite strebt der Mensch nach Individualität und Einmaligkeit, auf der anderen Seite aber auch nach sozialer Akzeptanz in der Gesellschaft (vgl. Keupp, 2001, S.43).

Unsere komplexe Gesellschaft verlangt komplexe Ressourcen und Fähigkeiten, die dafür ausschlaggebend sind, ob eine gelungene Identitätsarbeit geleistet werden kann (vgl. Keupp, 2002, S.285). Laut DSM-IV ist diese eine andauernde und ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes (Identitätsstörung) ein Diagnosekriterium für die Borderline-Persönlichkeitsstörung.

[...]


[1] Marsha Linehan ist die Begründerin der DBT-Therapie, die in der heutigen Praxis große Anwendung findet.

[2] Identität kann als innere Selbstthematik des Menschen verstanden werden, die Antworten auf Fragen wie „Wer bin ich? Was will ich und was kann ich sein? Wo ist mein Platz in der Gesellschaft?“ sucht (vgl. Baumann, zit. in Keupp, 2001, S.39).

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung von Beziehungen mit Klientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung
Untertitel
Am Beispiel einer sozialtherapeutischen Wohngruppe
Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
92
Katalognummer
V86204
ISBN (eBook)
9783638007184
ISBN (Buch)
9783638914529
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Beziehungen, Klientinnen, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Beispiel, Wohngruppe
Arbeit zitieren
Rabea Raila (Autor), 2007, Die Bedeutung von Beziehungen mit Klientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86204

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