Anthropometrie - Bildschirmarbeitsplatzgestaltung als praktisches Beisiel


Hausarbeit, 2007
55 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition
2.1 Arbeitswissenschaft
2.2 Ergonomie
2.3 Anthropometrie
2.4 Anthropotechnik
2.5 Perzentil

3 Historische Verwendung und Entwicklung der Anthropometrie

4 Anthropometrische Messbarkeit
4.1 Osteometrie
4.2 Somatometrie
4.2.1 Messpunkte
4.2.2 Messinstrumente
4.2.3 Grundregeln bei Körpermessungen

5 DIN 33 402 – Körpermaße des Menschen
5.1 Körpermaßtabellen
5.2 Schwankungen der Körpermaße
5.3 Sicherheitsnormen

6 Energetische Arbeitsgestaltung
6.1 Statische Muskelarbeit
6.2 Dynamische Muskelarbeit
6.3 Weitere Besonderheiten bei der Kraftausübung
6.4 Belastung
6.4.1 Physische Belastung
6.4.2 Psychische Belastung
6.4.3 Soziale Belastungen

7 Verfahren und Hilfsmittel zur Analyse und Bewertung
7.1 Motografie
7.2 Somatographie und Schablonen
7.3 Videosomatografie
7.4 Rechnergestützte Verfahren

8 Gestaltung eines Bildschirmarbeitsplatzes als Anwendungsbeispiel
8.1 Gesetzliche Grundlagen
8.2 Arbeitssystem-Modell
8.3 Begrifflichkeiten
8.3.1 Sehraum
8.3.2 Greifraum
8.3.3 Bein- und Knieraum
8.4 Schreibtisch
8.5 Bürostuhl
8.6 Bildschirm
8.7 Tastatur und Maus
8.8 Fußstütze
8.9 Vorlagenhalter

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Immer mehr Menschen setzen sich heute mit arbeitswissenschaftlichen Fragen, Problemen und Forderungen auseinander, was besonders deutlich in den Aktivitäten zum Ausdruck kommt, welche die Sozialpartner, der Staat und eine Vielzahl von Verbänden und Vereinigungen mit dem Ziel der Humanisierung der Arbeit entwickeln. Arbeitswissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse sind somit zumindest in Ansätzen zum festen Bestandteil vieler Lebensbereiche geworden.[1]

Die arbeitswissenschaftlichen Methoden und Erkenntnisse finden vor allem Anwendung in der Arbeitsgestaltung. Arbeitsplätze, -prozesse, -mittel und -tätigkeiten müssen so gestaltet sein, dass beim Arbeitnehmer Zwangshaltungen vermieden werden, die mittel- und langfristig zu Gesundheitsschäden führen können. Es sollte daher auf der Ebene der Operationen mit Werkzeugen und Maschinen berücksichtigt werden, dass die Arbeitsmittel, mit denen die Beschäftigten ihre Arbeit verrichten, handhabungs- oder körpergerecht gestaltet werden müssen.[2]

Um Arbeitsplätze und Arbeitsmittel an die Arbeitnehmer anzupassen, werden anthropometrische Daten verwendet. Neben der Zielsetzung der Belastungsminderung aufgrund des Abbaus ungünstiger Arbeitshaltung und der damit verbundenen Verhinderung von gesundheitlichen Beeinträchtigungen hat die anthropometrische Arbeitsgestaltung die Prävention, also die vorbeugende Verhütung von Unfällen zum Ziel. Bezieht man dies nun auf die Praxis, so sollte zum Beispiel ein Schutzgitter eine Maschengröße aufweisen, die den Durchgriff des schmalsten Fingers verhütet.[3]

Schon anhand dieses Beispiels wird deutlich, dass das Zurückgreifen auf anthropometrische Daten von auffallender Wichtigkeit ist. Doch auch in der Produktgestaltung spielt die Anthropometrie eine wichtige Rolle. Alle Produkte, die gefertigt und auf dem Markt angeboten werden, müssen an den Menschen angepasst sein. Türen müssen so gebaut werden, dass möglichst viele Menschen hindurch gehen können, ohne dabei den Kopf einziehen zu müssen. Die Fläche eines Tastenfeldes auf der Tastatur muss so konstruiert sein, dass sie der Fingerkuppenfläche entspricht, welche bei einem Großteil der Menschheit existiert. Gelegentlich haben Konstrukteure sich selbst zum Maß aller von ihnen konstruierten Dinge gemacht und praktisch nur für ihre eigene Körperform entworfen; die bekannte Tatsache, dass sich auch beim normalen Menschen erhebliche Variationen der Körpermaße und ihrer Verhältnisse zueinander finden, wurde dabei nur selten bedacht.[4]

Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen breiten und verständlichen Überblick über die Lehre der Anthropometrie zu geben. Zunächst sollen in einem ersten Abschnitt wiederkehrende Begriffe näher erläutert werden. Anschließend soll ein historischer Rückblick verdeutlichen, wie sich die Anthropometrie in den zurückliegenden Jahrhunderten und Jahrtausenden entwickelt hat. Im Anschluss daran soll explizit auf anthropometrische Daten, Werte, Messverfahren und Anwendungsbeispiele, wie sie auch in der DIN 33 402 vorzufinden sind, eingegangen werden. Im vorletzten Kapitel dieser Arbeit möchten wir rechnergestützte Verfahren digitaler Menschenmodelle vorstellen, die heutzutage in der Wirtschaft zur Bestimmung von ergonomischen Grundlagen genutzt werden. Im abschließenden Kapitel soll die Anwendung der Anthropometrie anhand eines Beispiels bezogen auf einen Bildschirmarbeitsplatz aufgezeigt werden. Ein Fazit, in dem wir auch die Möglichkeit nutzen möchten, unsere eigene Meinung mitzuteilen, wird diese Arbeit abrunden.

2 Definition

In diesem Kapitel sollen wiederkehrende Begriffe definiert, besonders aber der Zusammenhang der Arbeitswissenschaft, der Ergonomie und der Anthropometrie verdeutlicht werden.

2.1 Arbeitswissenschaft

Allgemein kann man die Arbeitswissenschaft definieren als die Wissenschaft von der menschlichen Arbeit, speziell unter den Gesichtspunkten der Zusammenarbeit von Menschen und des Zusammenwirkens von Menschen, Betriebsmitteln und Arbeitsgegenständen. Ferner gibt sie sowohl die Voraussetzungen und Bedingungen an, unter denen sich die Arbeit vollzieht, als auch die Wirkungen und Folgen, die sie auf Menschen, ihr Verhalten und damit auch für die Leistungsfähigkeit hat. Außerdem führt sie Faktoren an, durch die Erscheinungsformen, Bedingungen und Wirkungen der Arbeit menschengerecht beeinflusst werden können.[5]

Eines mehrerer Ziele der Arbeitswissenschaft ist es, produktive und effiziente Arbeitsprozesse unter Berücksichtigung schädigungsloser, ausführbarer, erträglicher und beeinträchtigungsfreier Arbeitsbedingungen zu gestalten. Somit lässt sich die Ergonomie als Teilgebiet der Arbeitswissenschaft ableiten.[6]

2.2 Ergonomie

Versucht man den Begriff „Ergonomie“, der sich aus den beiden griechischen Worten „ergon“ - die Arbeit/Tätigkeit - und „nomos“ – die Regel/Ordnung zusammensetzt, zu definieren, so findet man in der Literatur die unterschiedlichsten Variationen. Luczak und Rohmert definieren Ergonomie als eine übergreifende Bezeichnung für das Studium der menschlichen Arbeit und die Erforschung ihrer Gesetzmäßigkeiten. Allerdings scheint es anhand dieser Definition nicht ersichtlich zu sein, ob der Begriff der Ergonomie sich von dem der Arbeitswissenschaft unterscheidet.[7]

Schmidtke hingegen interpretiert Ergonomie als ein Teilgebiet der Arbeitswissenschaft, dessen Forschungsgegenstand auf die Interaktionen zwischen Mensch und technischen Systemen gerichtet ist. Er sieht somit den Schwerpunkt der Ergonomie neben der Gestaltung von Arbeitssystemen in der Analyse arbeits- und umweltbedingter Belastungen, lässt darüber hinaus als Belastungskriterium energetische, sensorische, informatorische und emotionale Beanspruchungsgrößen gelten.[8] Abbildung 1 zeigt die verschiedenen Aufgabenbereiche der Ergonomie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Aufgabenbereiche der Ergonomie[9]

Anhand dieses Schaubildes lässt sich festhalten, dass die Ergonomie als eine Teildisziplin der Arbeitswissenschaft die Aufgabe hat, die Kriterien der Schädigungslosigkeit, Erträglichkeit, Ausführbarkeit und Beeinträchtigungsfreiheit einer Arbeit nach psychischen, physischen, technischen, medizinischen, aber auch nach anthropometrischen Aspekten zu ermitteln und bei der Arbeitsgestaltung zu berücksichtigen.[10]

2.3 Anthropometrie

Die Anthropometrie, als Kernthema dieser Arbeit, kann definiert werden als die Lehre von der Messung des menschlichen Körpers. Auch dieser Begriff setzt sich aus zwei verschiedenen griechischen Worten zusammen, nämlich „anthropos“ (der Mensch) und „metron“ (das Maß). Durch die Anthropometrie soll der Mensch möglichst objektiv in seiner Größe und Form erfasst werden, um die morphologische Variabilität des Menschen in zeitlicher Hinsicht oder in Hinsicht auf die Gruppenzugehörigkeit beschreiben zu können.[11] Unter Morphologie (ebenfalls kann der Begriff abgeleitet werden aus der griechischen Sprache: „morphe“ – die Form, „logos“ – die Lehre) versteht man dabei eine Wissenschaft, die sich mit der Lehre von Gestalten und Formen beschäftigt. Bezieht man dies auf die Medizin, so bezeichnet die Morphologie die Lehre von der äußeren Gestalt der Lebewesen und ihrer Teile.[12] Die Anthropometrie ist eine eigenständige Wissenschaft im Rahmen der Anthropologie, ein Wissenschaftszweig, der sich mit dem Menschen befasst hinsichtlich seiner Naturgeschichte in der Vergangenheit, Gegenwart und gegebenenfalls auch in der Zukunft.[13] Insbesondere bei der Arbeitsplatzgestaltung nutzt man anthropometrische Daten (Längenmaße bestimmter Körperteile, Ausdehnungen der Bewegungsräume von Händen und Füßen) für eine bestmögliche Anpassung der Arbeit an den Menschen.

2.4 Anthropotechnik

Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten, auf das Gesamtsystem Mensch-Maschine-Umwelt gestalterisch einzuwirken, um Gesundheitsschäden zu vermeiden und Voraussetzungen zur bestmöglichen Entfaltung der menschlichen Arbeitsleistung zu schaffen:

1. Anpassung des Menschen an die Arbeit durch Schulung, Weiterbildung und Einweisung
2. Anpassung der Arbeit an den Menschen durch Anthropotechnik beziehungsweise Human Engineering

Die Anthropotechnik befasst sich unter Berücksichtigung anthropometrischer Werte mit der Betriebsmittelgestaltung. Sie ist die Wissenschaft, die sich mit dem Zusammenwirken von Mensch und Maschine auseinandersetzt und die bestmögliche Gestaltung des Mensch-Maschine-Systems hinsichtlich Leistung, Zuverlässigkeit und Arbeitszufriedenheit durch Anpassung der Maschine an den Menschen zum Ziel hat.[14]

Fraglich allerdings bleibt der Aspekt der Arbeitszufriedenheit. Abraham Maslow hat in seiner Bedürfnispyramide die Sicherheitsbedürfnisse (zum Beispiel Schutz vor Krankheit oder anderen Gefahren) sehr weit unten angeordnet. Nichtsdestotrotz ist der Mensch bestrebt, auch das Bedürfnis nach Sicherheit zu befriedigen. Gemäß Maslows Theorie wirkt immer die nächsthöhere Bedürfnisstufe für den Menschen motivierend. Etwas anders sieht es Frederick Herzberg, der in seiner Dualitätstheorie, auch bekannt als Zwei-Faktoren-Theorie, die vorliegenden Arbeitsbedingungen und die Arbeitssicherheit als Hygienefaktoren (Unzufriedenheitsfaktoren) bezeichnet. Sie sind nur dazu da, eine Verschlechterung der Arbeitsmoral zu verhindern. Zu den Hygienefaktoren zählen außerdem das Streben nach Bezahlung und zwischenmenschlichen Beziehungen am Arbeitsplatz. Die Motivatoren (Faktoren, die Zufriedenheit herstellen) kennzeichnen in seiner Theorie Entfaltungsbedürfnisse eines Mitarbeiters und beziehen sich auf den Arbeitsinhalt. Gute Aufstiegschancen im Beruf können genauso zu den Motivatoren zählen wie ehrliche und anerkennende Worte des Vorgesetzten. Motivatoren haben eine motivierende Wirkung, allerdings führt ihr Fehlen nicht zwangsläufig zu Arbeitsunzufriedenheit. Nach Herzberg führt also die Anpassung der Maschine an den Menschen und die damit verbundene Erleichterung der ausführenden Tätigkeit nicht zur Arbeitszufriedenheit, sondern verhindert lediglich, dass die Arbeitsunzufriedenheit bei den Arbeitspersonen nicht noch weiter zunimmt.[15]

2.5 Perzentil

Um den anthropometrischen Daten Aussagekraft zu verleihen, verwendet man Perzentile. Das Verständnis der Berechnung von Perzentilen einer Normalverteilung liegt dieser Arbeit weitgehend zugrunde und soll deshalb nicht weiter vertieft werden.[16] Die Körpermaße für Männer und Frauen streuen um verschiedene Mittelwerte nach einer Normalverteilung. Abbildung 2 zeigt die Verteilung der Körpergrößen erwachsener Personen.[17]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Verteilung der Körpergrößen erwachsener Personen[18]

Die Angaben von Perzentilen bei bestimmten Maßen sagen aus, wie viel Prozent der untersuchten Bevölkerungsgruppe einen bestimmten Messwert unterschreiten und wie viel Prozent ihn überschreiten.[19] „Das 5. Perzentil kennzeichnet z. B. für Frauen die Körperhöhe, unterhalb der 5% aller Frauen kleiner sind, das 95. Perzentil ist der Grenzwert, unterhalb dem 95% aller Frauen kleiner sind und 5% größer. Das 50. Perzentil gibt genau den Medianwert an, der bei einer symmetrischen Normalverteilung mit dem Mittelwert identisch ist.“[20] Bei der Anwendung anthropometrischer Maßtabellen unterscheidet man zwischen Außenabmessungen und Innenabmessungen. Bei Außenabmessungen, etwa der Reichweite von Armen, Fingern und Beinen wendet man die 5-Perzentil-Maße an. Es wird sich folglich an den „kleinen“ Werten orientiert. Dabei könnte es zum Beispiel um die Anbringung eines Notausschalters an einer Maschine gehen, den möglichst viele Personen im Notfall betätigen sollten. Innenabmessungen hingegen orientieren sich an den 95-Perzentil-Werten, also den „größeren“ Werten. So sollten beispielsweise die Maße des Beinraumes bei sitzender Arbeitshaltung berücksichtigt werden. Auch bei Türdurchgängen greift man auf das 95. Perzentil zurück, damit sich möglichst wenig große Menschen den Kopf stoßen.[21]

3 Historische Verwendung und Entwicklung der Anthropometrie

Die Anthropometrie als eigene Wissenschaft ist eine relativ neue Arbeitsmethode. Die Entwicklung dieser Wissenschaft ist dabei eng mit den naturwissenschaftlichen Methoden verknüpft.[22] Erste Ansätze für einheitliche und systematische Messungen am menschlichen Körper wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gemacht. Man erkennt jedoch schon etwa im Jahr 3000 vor Christus erste Hinweise auf die zukünftige Entwicklung der Anthropometrie, da sich seit dieser Zeit der Mensch um Maß und Proportionen der menschlichen Gestalt bemüht. Erstmals traten nachweislich künstlerische Darstellungen im alten Ägypten auf. Vor 5000 Jahren begann man dort einen Kanon menschlicher Maße und Proportionen zu entwickeln, der den Künstlern helfen sollte, die menschliche Gestalt und ihre Proportionen realistisch wiedergeben zu können.[23] Abbildung 3 zeigt die dabei vorgenommene Einteilung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Darstellung eines Grabträgers des alten Ägyptens[24]

Ebenfalls fand die Anthropometrie Verwendung im historischen Mittelalter. Die Baumeister orientierten sich bei ihrer Bauweise an menschlichen Proportionen. Der Mensch wurde zu dieser Zeit häufig als ein Abbild Gottes dargestellt. Daher sollte durch die Einbeziehung der menschlichen Maße in die Gebäudeauslegung „göttliche“, perfekte Proportionen und Erscheinung ermöglicht werden. Viele mittelalterliche Bauwerke, vorwiegend Sakralbauten, sind aus diesem Grund an menschliche Proportionen angelehnt. Die folgende Abbildung zeigt einige Grundrisse und deren Ausrichtung am menschlichen Körper.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Mittelalterliche Bauwerke auf Basis menschlicher Proportionen[25]

Neben der künstlerischen Verwendung der Anthropometrie fand diese auch Anwendung im alltäglichen Leben. Da es noch keine einheitlichen Maßeinheiten gab, wurden menschliche Körpermaße als Maßeinheiten genutzt. Einige Beispiele, die im Handwerk genutzt wurden, sind unter anderem die Elle (hiermit wird die Strecke vom Ellenbogen bis zur Fingerspitze bezeichnet), das Zoll oder Inch (bezeichnet die Länge des ersten Daumenglieds) und die gerechte Rute (16 Personen, die sich Fuß an Fuß hintereinander aufstellen). Mit diesen Maßeinheiten, die jeder Mensch bei sich führte, konnten Strecken, Wege oder alltägliche Dinge wie Stoffe abgemessen werden. Problematisch war allerdings, dass nicht jeder Mensch die gleiche Größe hatte. Damit traten zwangsläufig Abweichungen auf. Kleinere Menschen hatten eine kürzere Elle und waren somit benachteiligt. Trotz dieser Nachteile wurden diese ersten Maßeinheiten beibehalten. In den Vereinigten Staaten wird noch heute die Länge in „Feet“ angegeben.

Besondere Aufmerksamkeit fand die Anthropometrie in der Renaissance. Hier wurde sie in der Medizin, bevorzugt in der Anatomie, eingesetzt. Die wissenschaftlichen Gelehrten fertigten detaillierte Skizzen des menschlichen Körpers und des Skelettaufbaus sowie des inneren Aufbaus des Körpers an. Man bediente sich hierbei der Obduktion von Leichen wie auch teilweise der Grabräuberei, um an wissenschaftliche Exponate zu kommen. Durch die Obduktion konnten die Gelehrten genaue Vermessungen der Knochen und Organe vornehmen und diese in Skizzen und schriftlichen Werken festhalten. Zu den bekanntesten Gelehrten gehört in diesem Zusammenhang Leonardo da Vinci. Da Vinci fertigte im Jahr 1498 erste anatomische Zeichnungen und Skizzen an, nutzte aber schon vorher durch Obduktionen gesammelten Daten der menschlichen Maße für die Verbesserung seiner Arbeitsgeräte. Sein Ziel hierbei war eine praktische Anwendung der erhaltenen anthropometrischen Erkenntnisse bei der Gestaltung von Geräten. Diese waren bis zu diesem Zeitpunkt nur „evolutionär“ entwickelt worden. Gute Auslegungen wurden weiter beibehalten und schlechte verworfen. Da Vinci dagegen verfolgte mit seinen Verbesserungen eine zielgerichtete Gestaltung, bei der menschliche Maße an die Gerätschaften angepasst wurden und nicht umgekehrt. Zu den bekanntesten Werken von Da Vinci gehört „Vitruvian Man“, eine seiner frühen anatomischen Darstellungen, welche auf die spätere Entwicklung der Anthropometrie hinweist.[26]

Eine weitere bedeutende Station in der Entwicklung der Anthropometrie stellt das 19. Jahrhundert dar. Die Kriminaltechnik benutzte die Erkenntnisse der Anthropometrie für die kriminalistische Identifikationsmethode. Diese Spezialrichtung stellt eine der bedeutendsten Linien dar, die zur heutigen wissenschaftlichen Anthropometrie führen.[27] Besonders hervorzuheben ist hier der Franzose Alphonse Bertillon, der erstmals Verdächtige und Täter nach anthropologischen Maßstäben und unter standardisierten Bedingungen fotografierte und katalogisierte. Dabei vermaß er Länge und Breite des Kopfes, des Fußes, des Vorderarms, registrierte Größe und Farbe der Augen und ordnete alle Angaben nach den Regeln der Statistik in eine Kartei ein. Das heute noch verwendete Polizeifoto, bei dem die Personen nach streng standardisierten Verfahren „en face“ und „en profil“ aufgenommen werden, wurde ebenfalls von Bertillon entwickelt. Dieses System wurde Bertillon zu Ehren später nach ihm benannt, das Bertillonage. Allerdings war dieses System trotz der großen Anzahl von Körpermaßen fehleranfällig. Aufgrund dieser Mängel konnte es sich nicht durchsetzen und wurde durch die später eingeführte Daktyloskopie, der Identifikation durch den Fingerabdruck, abgelöst. Einige Elemente der Bertillonage sind aber auch heute noch zu finden, zum Beispiel die Kombination von Profil- und Frontansicht in der Täterfotografie.[28]

Bei der Entwicklung der Anthropometrie lässt sie das 20. Jahrhundert in einem eher schlechten Licht erscheinen; speziell durch die im Nationalsozialismus oft propagierte Rassenlehre. Unter normalen Umständen soll die Rassenlehre die menschlichen Gattungen anhand ihrer verschiedenen Knochenstrukturen unterscheiden und zuordnen. Im Nationalsozialismus sollte aber nicht nur unterschieden werden, sondern man versuchte den Zusammenhang zwischen den menschlichen Fähigkeiten und den Formen und Maßen der Schädelstruktur herzustellen. Daraus sollte schließlich die gewünschte Herren-Rasse erschaffen werden. Diese Verbrechen des Nationalsozialismus sind auf keinen Fall im Sinne der wissenschaftlichen Anthropometrie. Die Rassenlehre als eigene Wissenschaft ist aber durchaus ein Teil der Anthropometrie und darf auch nach den Fehlern des Nationalsozialismus nicht von dieser ausgeschlossen bleiben. Jeder Mensch ist verschieden, in seinem Verhalten wie auch in seiner menschlichen Gestalt. Ein Beispiel wäre hier der einzigartige menschliche Fingerabdruck.[29]

4 Anthropometrische Messbarkeit

Als ein wichtiges Teilgebiet der naturwissenschaftlichen Anthropologie sorgt die Anthropometrie für empirisch nahezu objektive Daten aufgrund Messungen am menschlichen Körper (Somatometrie) und an den Knochen (Osteometrie).[30] Für die Messungen stehen zahlreiche Instrumente zur Verfügung, die in diesem Kapitel kurz beschrieben werden sollen. Außerdem müssen die Messergebnisse reproduzierbar und repräsentativ sein. Dass mit der Repräsentativität auch Probleme verbunden sind, wird im letzten Unterkapitel erläutert.

4.1 Osteometrie

Die Osteometrie beschäftigt sich mit der Messung an einzelnen Knochen. Für die räumlich-ergonomische Gestaltung haben die Messungen am Skelett jedoch nur eine untergeordnete Bedeutung.[31]

„Die osteometrischen Untersuchungen können als methodisches Hilfsmittel zum Studium der Somatometrie angesehen werden. […] In diesem Sinne kann die Osteometrie als ein methodisches Teilgebiet, als Grundlagenforschung zur naturwissenschaftlichen Anthropologie verstanden werden.“[32] Anwendung findet die Osteometrie unter anderem in der Anatomie, Gerichtsmedizin und in der Archäologie. Während in der Anatomie die Messung der Skelettvariationen und der funktionsbedingten Formen des Muskelspiels erfasst und beurteilt werden und dies für die Analyse der Bewegung wichtig ist, interessiert man sich in der Archäologie für das fossile Knochenmaterial, um Belege der Abstammungsgeschichte zu erhalten. In der Gerichtsmedizin interessiert man sich für das postmortale Knochenmaterial, welches meistens noch in einem gut erhaltenen Zustand ist und nur über leichte Verwesungsansätze verfügt.[33]

4.2 Somatometrie

Wird in der Osteometrie das Skelett vermessen, um beispielsweise Veränderungen in der Entwicklungsgeschichte feststellen zu können, so wird in der Somatometrie der Mensch vermessen, um die Streuungsbreite der Maße in der Population zu ermitteln. Im Mittelpunkt steht also bei der Somatometrie der momentan lebende Mensch.[34]

4.2.1 Messpunkte

In der Anthropometrie gilt es als Grundregel, Abstände am menschlichen Körper an so genannten Knochenpunkten zu messen. Dabei handelt es sich um Stellen am Körper des Menschen, an denen die Knochen sehr dicht unter der Haut liegen. Die abstehenden Knochen am Handgelenk und am Fußgelenk eignen sich unter anderem ideal als Messpunkte.[35] Wie sich bei verschiedenen Messpunkten zeigt, kann sich trotz gleicher Grundlage eine unterschiedliche Definition von Messpunkten ergeben. Somit ist bei der Anwendung von anthropometrischen Datentabellen die Kenntnis bestimmter Definitionen - etwa das Weglassen eines knorpeligen Teils - außerordentlich wichtig, damit es zu keinen Unterschieden bei Messungen kommen kann.[36]

[...]


[1] Vgl. Babilas & Schleucher (1982), S. 13.

[2] Vgl. Martin (1994), S. 24.

[3] Vgl. Martin (1994), S. 53.

[4] Vgl. Jürgens (1993), S. 459.

[5] Vgl. Schnauber (1978), S. 1.

[6] Vgl. Bokranz & Landau 1991, S. 277.

[7] Vgl. Luczak & Rohmert (1978) zit. in: Bokranz & Gros (1992), S. 466.

[8] Vgl. Schmidtke (1978) zit. in: Bokranz & Gros (1992), S. 466.

[9] In Anlehnung an: Schnauber (1978), S. 3.

[10] Vgl. Martin (2007).

[11] Vgl. Kirchner et al. (1990), S. 11.

[12] Vgl. Bünting & Karatas (1996), S. 783.

[13] Vgl. Glowatzki (1973) zit. in: Kirchner et al. (1990), S. 11.

[14] Vgl. Babilas & Schleucher (1982), S. 47.

[15] Vgl. Schreyögg & Reuther (1997), S. 321f.

[16] Für vertiefende Informationen: Burandt (1978).

[17] Vgl. Martin (1994), S. 52.

[18] Martin (2007).

[19] Vgl. Peetz (1985), S. 201.

[20] Martin (1994), S. 52.

[21] Vgl. Schmidt (1987), S. 36.

[22] Vgl. von Károlyi (1971), S. 1.

[23] Vgl. Schlick (2006).

[24] Schlick (2006).

[25] Schlick (2006).

[26] Vgl. Krampe (2007).

[27] Vgl. von Károlyi (1971), S. 1.

[28] Vgl. Strasser (2005).

[29] Vgl. Kirchner et al. (1990), S. 11.

[30] Vgl. von Károlyi (1971), S. 1.

[31] Vgl. Kirchner et al. (1990), S. 15.

[32] von Károlyi (1971), S. 49.

[33] Vgl. von Károlyi (1971), S. 48f.

[34] Vgl. Kirchner et al. (1990), S. 24.

[35] Vgl. Schmidt (1987), S. 33f.

[36] Vgl. Kirchner et al. (1990), S. 29.

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Details

Titel
Anthropometrie - Bildschirmarbeitsplatzgestaltung als praktisches Beisiel
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Arbeitswissenschaften)
Veranstaltung
Grundlagen der Ergonomie
Note
1,0
Autoren
Jahr
2007
Seiten
55
Katalognummer
V86246
ISBN (eBook)
9783638017893
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
47 Einträge im Literaturverzeichnis, davon 24 Online-Quellen.
Schlagworte
Anthropometrie, Bildschirmarbeitsplatzgestaltung, Beisiel, Grundlagen, Ergonomie
Arbeit zitieren
Sven Bartelmei (Autor)Caroline Günther (Autor), 2007, Anthropometrie - Bildschirmarbeitsplatzgestaltung als praktisches Beisiel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86246

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