Diskursanalyse zu den Text-Bild-Beziehungen des Anschlags am 11.09.2001


Hausarbeit, 2007
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ausblick

2 Theorie
2.1 Was ist ein Bild? - das Bild als Modell der Wirklichkeit
2.2 Bild oder Sprache - was ist überlegen?
2.3 Text-Bild-Wechselwirkung
2.4 Bildsyntax
2.5 Bildsemantik
2.6 Bildpragmatik

3 Praxis
3.1 Analyse
3.2 Synchrone Diskursanalyse
3.3 Diachrone Diskursanalyse

4 Schlussbetrachtungen

5 Bibliographie

1 Einleitung

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort“[1].

Im so genannten optischen Zeitalter, in welchem wir uns seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert befinden, erfolgt- dem Anfang zum Trotz- allerdings mehr und mehr eine Verlagerung von der Schrift zum Bild. Ausschlaggebend für diese visuelle Zeitenwende, diesen iconic- beziehungsweise pictorial turn[2], sind verschiedenste Aspekte. Zum Einen dürften das ‚Unbehagen der Sprache’, welches zum Beispiel Bertolt Brecht schon 1935 in seinen Überlegungen zu den „Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ mit den Worten „Wer in unserer Zeit Bevölkerung statt Volk sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht“[3] treffend zum Ausdruck brachte und damit auf den Tatbestand, dass wenn wir mit Sprache auf Wirklichkeit verweisen, wir sie deuten, sowie auf das Fehlen einer Metasprache aufmerksam machte und zunehmende Sprachentwicklungsstörungen[4] zur stattfindenden Bilderflut geführt haben. Demgegenüber stehen, zum Anderen, die Wahrnehmungsnähe von Bildern und deren leichte Fasslichkeit: „Beim stehenden Bild besteht schon nach etwa drei zehntel Sekunden beim Betrachter eine globale inhaltliche Orientierung, die die weitere Auswertung steuert.“[5]

Während Worte stets arbiträr, also abhängig von einer vorauszusetzenden Konvention sind, stellen Bilder wirklichkeitsnahe Zeichen dar, welche sich an der Realität orientieren und somit offen für ihre Auswertung sind.

Bilder werden zunehmend zum „unentbehrlichen Werkzeug“[6] und zum Gegenstand der Forschung verschiedener Disziplinen[7]. Sie bieten den Vorzug geringer mentaler Anstrengung, schnell konsumierbaren Wissens und bequemer Information. Zudem sind sie attraktiv, besitzen einen hohen Reizwert, befriedigen Neugierde und Sensationslust.[8]

Der Zeitung, so Straßner, gelinge es, selbst „Bilder des Elends zum Gegenstand des Genusses zu machen.“[9] Sie bietet dem Leser die Möglichkeit über Fotos via Bildunterschrift in den Text eines Berichts beziehungsweise einer Reportage einzusteigen.

Die Kombination von Bild und Text bietet verschiedene Vorzüge: „In der massenmedialen Bildübermittlung dient diese vor allem zur Information über Geschehenes und zum Beweis der Wahrheit des Mitgeteilten wie über Behauptungen und Aussagen. Die optische Information erreicht den Bildbetrachter üblicherweise in Begleitung eines sprachlichen Kommentars. Dieser ergänzt die Bildmitteilung. Er kann die optische Information mehr oder weniger stark beeinflussen, wird aber den ganzen Sinnkontext der Bilder nie völlig freilegen können.“[10]

Diese Frage nach der gegenseitigen Ergänzung und Beeinflussung von Text und Bild im Einzelnen soll weiter unten ausgeführt werden. Sie bildet allerdings nur einen Abschnitt der vorliegenden Arbeit:

1.1 Ausblick

Im theoretischen Teil der vorliegenden Arbeit sollen vor allen Dingen Grundbegriffe, die für eine praktische Auseinandersetzung im Bereich einer Diskursanalyse unerlässlich sind, Erklärung finden. Es werden die Fragen nach Vor- und Nachteile der Zeichensysteme Text und Bild und deren Wechselwirkung zur Sprache kommen, außerdem soll ein Überblick über die relevanten linguistischen Teildisziplinen Syntax, Semantik und Pragmatik gegeben werden.

Im praxisbezogenen Teil werden schließlich oben erwähnte Grundbegriffe zur Anwendung kommen, indem die in den Medien veröffentlichten Bilder des World Trade Centers zum Anschlag des 11.Septembers 2001 sowohl synchron als auch diachron ausgewertet werden. Oberstes Ziel stellt hierbei das Herausstreichen von Unterschieden, Gemeinsamkeiten und Auffälligkeiten in den verschiedenen linguistischen Teildisziplinen dar, als auch die Untersuchung der Frage nach den Funktionen, die die gleichen Bilder bei Erstveröffentlichung und dann im späteren Gebrauch übernehmen.

2 Theorie

2.1 Was ist ein Bild? - das Bild als Modell der Wirklichkeit

Nach Sachs-Hombach ist ein Gegenstand ein Bild, wenn er erstens artifiziell, flächig und relativ dauerhaft ist, wenn wir ihn zweitens auf Grund dieser Eigenschaften als Zeichen auffassen und wenn wir drittens diese Zuschreibung des Inhalts auf Grundlage unserer visuellen Wahrnehmungskompetenzen vornehmen.[11] [12]

Im Gegensatz zum Wort, das stets arbiträr ist, werden Bilder als ikonische beziehungsweise wahrnehmungsnahe Zeichen klassifiziert.

Die Bedeutung eines Bildes ist die Regelhaftigkeit seiner Verwendung im Kommunikationsprozess, gemäß der Bestimmung der Bedeutung eines Wortes als die Regelhaftigkeit seines Gebrauchs in der Sprache durch Ludwig Wittgenstein.

Im Folgenden wird ausschließlich von darstellenden Bildern, also Fotos, die Rede sein, welche Sachs-Hombach von Strukturbildern (Grafiken, Karikaturen) und so genannten reflexiven Bildern (Kunstwerke) unterscheidet.

2.2 Bild oder Sprache - was ist überlegen?

Die Frage nach der Überlegenheit von Sprach- oder Bildzeichen ist eng verknüpft mit Frage, was diese im Einzelnen zu leisten imstande sind.

Das semiotische Potential von Sprache und Bild teilt Winfried Noeth folgendermaßen auf:

1) Raum und Zeit
2) Visuelles und Nichtvisuelles
3) Konkretes und Abstraktes
4) Einzelnes und Allgemeines[13]
5) Selbstreflexion und Metaierung
6) Negation, Affirmation, Kausalität
7) Informationsmenge (Definition über Wissen, dessen Relevanz, evtl. Neuigkeitswert, Personen…)

Die Sprache ist überlegen in der Beschreibung von Zeit, Nichtvisuellem, Abstraktem[14], Allgemeinem[15] und der Metaierung, also vor allem im Bereich des Symbolischen und außerdem in dem des Negierens. Dem Bild kommen bezüglich des Ertragreichtums die übrigen Kategorien Raum, Visuelles, Konkretes, Einzelnes und Selbstreflexion zu.

Weitere Stärken des Bildes sind seine internationale Verständlichkeit- es liegt hier keine Sprachgebundenheit vor (visual esperanto[16] )- und seine weiter oben schon erwähnte Realitätsnähe: „Sprachliche und visuelle Texte durchdringen sich unter der Voraussetzung, dass man Realität besser in Bildern verdichten kann als in Worten“[17], schreibt auch Straßner. „Schon 1922“, führt er im Weiteren aus, „befand Walter Lippmann: „Photographien haben heute eine Autorität über die Vorstellungskraft gewonnen, die das gedruckte Wort gestern hatte und das gesprochene Wort davor.““[18]

Da bestimmte Bilder bei ihrer Rezeption mit Emotionen gekoppelt werden, sind sie oftmals um ein Vielfaches eindringlicher als eine Schilderung eines Vorfalls es sein könnte. Solche Bilder erschüttern stärker, ihre Wirkung kann lange andauern und immer wieder aktiviert werden: „Der Aufmerksamkeits- und Reizwert bzw. die Appell-, Ausdrucks- und Darstellungsfiktion von Bildern können wahrnehmungspsychologisch begründet werden (Weidenmann 1988)“, so Straßner. Dabei ergibt sich für ihn „dass das Bild auf der Appellebene der Sprache überlegen, im Ausdruck aber nicht gleichwertig und bei der Darstellung unterlegen ist, d.h. ohne sprachliche Unterstützung nicht an die präzise Informationsübermittlung der Texte herankommt.“[19]

Zusammenfassend und verallgemeinernd ließen sich die Unterschiede zwischen Sprache und Bild wohl auf die funktionale Differenz von Erzählen/ Berichten (Sprache) und Präsentieren/ Zeigen (Bild) reduzieren.

[...]


[1] Bibel, 1. Joh 1

[2] So zu lesen bei Straßner, Erich: „Text-Bild-Kommunikation, Bild-Text-Kommunikation“. Tübingen: Niemeyer, 2002

[3] verwiesen wird hier auf den Missbrauch der Worte „Volk“, „völkisch“, „Volksgemeinschaft“ etc. in der Nazi-Zeit

[4]: „Bei deutschen Kindern stieg in neuester Zeit die Zahl der Sprachentwicklungsstörungen um etwa 600%. Etwa 33% der Achtklässler an Hauptschulen halten sich selbst für nur eingeschränkt lese- und schreibfähig; 14 % der erwachsenen Deutschen sind kaum, weitere 34 nur mäßig in der Lage, den Inhalt von Texten zu verstehen. Und schließlich gibt es bei uns mehr als drei Millionen Analphabeten.“ (Straßner, Erich: „Text-Bild-Kommunikation, Bild-Text-Kommunikation“. Tübingen: Niemeyer, 2002. S.1)

[5] ebd.: S.14

[6] Sachs-Hombach, Klaus: „Bild und Medium. Kunstgeschichtliche und philosophische Grundlangen der interdisziplinären Bildwissenschaft.“ Köln: Herbert von Halem, 2006. S.7

[7] „Einerseits gibt es innerhalb der Kunstgeschichte das Bemühen, diese zu Bildwissenschaft umzuformen und verstärkt auf die vielfältigen Bildphänomene auszurichten. Andererseits haben sich in den Sozialwissenschaften zahlreiche empirisch ausgerichtete und in der Philosophie etliche begrifflich orientierte Forschungsansätze zur Bildthematik herausgebildet. Beide Strömungen streben eine interdisziplinäre Ausrichtung an…“ (Sachs-Hombach, Klaus: „Bild und Medium. Kunstgeschichtliche und philosophische Grundlangen der interdisziplinären Bildwissenschaft.“ Köln: Herbert von Halem, 2006. S.8)

[8] Dieses Prinzip hat sich auch die Bild-Zeitung zunutze gemacht. Sie wendet sich an „den ‚optischen’ Menschen, den modernen Analphabeten“ (Straßner, S.23). Ihr Herausgeber Axel Springer erklärt 1959, er sei sich darüber im Klaren gewesen, „dass der deutsche Leser eines auf keinen Fall wolle, nämlich nachdenken. Und darauf habe ich meine Zeitungen eingerichtet.“ (Straßner, Erich: „Text-Bild-Kommunikation, Bild-Text-Kommunikation“. Tübingen: Niemeyer, 2002. S.23, Evangelisches Sonntagsblatt, 05.07.1959)

[9] ebd.: S.22

[10] ebd.: S.19

[11] vgl.: „Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.“ (Ludwig Wittgenstein )

[12] Sachs-Hombach, Klaus: „Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft.“ Köln: Herbert von Halem, 2003. S.88

[13] Kategorie 3 und 4 verschwimmen

[14] Dem widerspricht, dass zum Beispiel Genre-Bilder ebenfalls abstrakt sein können (pars pro toto)

[15] Dass Bilder das Allgemeine nicht ebenso ausdrücken könnten wie Sprache, kritisiert Stöckl: „…dies bedeutet jedoch nicht, dass Bilder nicht fähig wären, für eine ganze Klasse von Objekten, das heißt für einen generischen Begriff zu stehen.“ (Stöckl, Hartmut: „Die Sprache im Bild- das Bild in der Sprache. Zur Verknüpfung von Sprache und Bild im massenmedialen Kontext.“ Berlin: Walter de Gruyter, 2004. S.248) Denkbar wäre zum Beispiel die Abbildung von Affe, Hund, Katze, Krokodil etc. exemplarisch für den allgemeinen Begriff ‚Tier’.

[16] So zu lesen bei Straßner, Erich: „Text-Bild-Kommunikation, Bild-Text-Kommunikation“. Tübingen: Niemeyer, 2002

[17] ebd.: S.1

[18] ebd.: S.3

[19] Straßner, Erich: „Text-Bild-Kommunikation, Bild-Text-Kommunikation“. Tübingen: Niemeyer, 2002. S.15

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Diskursanalyse zu den Text-Bild-Beziehungen des Anschlags am 11.09.2001
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V86313
ISBN (eBook)
9783638018159
ISBN (Buch)
9783638920711
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diskursanalyse, Text-Bild-Beziehungen, Anschlags
Arbeit zitieren
Carolin Catharina Wolf (Autor), 2007, Diskursanalyse zu den Text-Bild-Beziehungen des Anschlags am 11.09.2001, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86313

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Diskursanalyse zu den Text-Bild-Beziehungen des Anschlags am 11.09.2001


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden