Lehrerbildung – wohl selten zuvor ist über diese Thematik so virulent und kontrovers diskutiert worden wie aktuell. Reforminitiativen in den Ländern, länderübergreifende Expertisen zu Inhalts- und Strukturfragen, Schaffung konsekutiver Studiengänge zur internationalen Vergleichbarkeit – die Bandbreite im Kleinen (auf Länderebene) wie im Großen (auf globaler Ebene) ist gewaltig bezüglich der Felder, die gegenwärtig auf den Prüfstand gestellt und weiterentwickelt werden: „Teacher education has become a political issue worldwide“ (Bates/Townsend 2007, S. 727). Betroffen sind hierzulande nicht nur das universitäre Lehramtsstudium, sondern ebenso die anschließende berufsfeldorientierte Phase und der Berufseinstieg. An häufigen Novellierungen länderspezifischer Lehramtsprüfungsordnungen (LPO) und Lehrerausbildungsgesetzen (LABG) in den letzten Jahren wird das deutlich.
Die Zweite Phase der Lehrerbildung – was ist darüber eigentlich bekannt? Mehr als nur das Faktum, dass damit das Referendariat oder in anderer Lesart der Vorbereitungsdienst gemeint ist? Wer sind eigentlich die Protagonisten, wer die Nebendarsteller?1 Was waren strategische Entscheidungen, die die Zweite Phase zu einem weltweit einzigartigen Lehrerausbildungssystem haben festschreiben lassen? Gilt die Zweite Phase tatsächlich als „vergessener Teil der Lehrerbildung“, wie es RECH/REICHWEIN 1977 in einer Studie symbolisch und einprägsam behaupten?
Inhaltsverzeichnis
1 Hinführung zum Untersuchungsgegenstand
2 Genereller Zustand der Lehrerbildung in der BRD
2.1 Aufbau des Lehrerbildungssystems
2.2 Zahlen zum (Lehrer-)Bildungssystem
2.3 Theoretische Zugänge zum Lehrerberuf und zur Lehrerbildung
2.3.1 Gibt es den guten Lehrer?
2.3.2 Die berufliche Professionalisierung des Lehrers
2.3.3 Professionalität und Persönlichkeit: Einflussgrößen auf den Lehrer
2.3.4 Das heutige Anforderungs- und Aufgabenprofil des Lehrers
2.4 Die Lehrerbildung in der Kritik
2.5 Reformbestrebungen
2.5.1 Konkrete Umsetzungen
2.5.2 Das Beispiel Nordrhein-Westfalen
3 Einschub: Untersuchungskonzepte
3.1 Quantitative vs. qualitative Methodik
3.2 Gründe für ein eigenes Forschungsprojekt
4 Systematische Bestandsaufnahme der Zweiten Phase der Lehrerbildung
4.1 Annäherung an die Zweite Phase
4.2 Organisatorischer und rechtlicher Überblick
4.3 Schwachstellen, Grenzen und Herausforderungen
4.3.1 Äußere Widersprüche
4.3.2 Innere Widersprüche
4.4 Forschungsbasierte Erkenntnisse zur Zweiten Phase
4.4.1 Einstellungswandel/Praxisschock
4.4.2 Befragungen von Referendaren
4.4.3 Befragungen von Ausbildern
4.4.4 Befragungen von beiden Gruppen
4.5 Reformmaßnahmen in den Bundesländern
4.6 Zwischenfazit: Künftige Perspektiven
5 Herausforderungen der Zweiten Phase für das Lehramt an berufliche Schulen
5.1 Die Bildungsgänge an beruflichen Schulen
5.2 Konsequenzen für die Zweite Phase in Abgrenzung zum allgemein bildenden Sektor
5.3 Studien zur Zweiten Phase der Lehrerbildung an beruflichen Schulen
5.3.1 Berufliche Sozialisation im Referendariat
5.3.2 Pädagogische Qualifikationen von Referendaren
5.3.3 Kooperationsmodelle zwischen Erster und Zweiter Phase
5.3.4 Konzepte zur Berufsschullehrerbildung
5.3.5 Dialogische Seminarausbildung
5.3.6 innovelle-bs
6 Fazit: Entwicklungsperspektiven und Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit liefert eine systematische Bestandsaufnahme der Zweiten Phase der Lehrerbildung in Deutschland, mit einem spezifischen Fokus auf das Lehramt an Berufskollegs. Ziel ist es, den Reformprozess im Kontext neuerer empirischer Forschungsergebnisse kritisch zu beleuchten und dabei Chancen sowie Risiken der aktuellen Entwicklungen aufzuzeigen.
- Strukturelle Analyse des Lehrerbildungssystems in der BRD
- Kritische Auseinandersetzung mit der Zweiten Phase (Referendariat)
- Empirische Fallstudie zur Tätigkeit von Studienseminarleitern
- Besondere Herausforderungen für Lehrkräfte an beruflichen Schulen
- Evaluation aktueller Reformbestrebungen (BA/MA-Umstellung, Standards)
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Gibt es den guten Lehrer?
Zunächst einmal muss bei der Fragestellung bedacht werden: Es gibt nicht den Lehrer. In der Regel sind empirische Befunde immer im Licht einer schulform- oder fachspezifischen Lehrerklientel erschlossen worden. Ein Rückschluss auf die gesamte Lehrerschaft ist dann nicht unbedingt zulässig. Allerdings besteht Konsens darüber, dass ein Lehrer bestimmte – eben „gute“ – Eigenschaften per se besitzen muss: fachliches Wissen, angemessene Vermittlung der Inhalte, Umgang mit Schülern. Dazu gehört auch die gerechte Vergabe von Noten.
Die OECD hält in ihrer vergleichenden Studie der Lehrerbildungssysteme in den Mitgliedsstaaten fest, dass ein guter Lehrer für eine in der Gesellschaft hoch angesehene Schularbeit unabdingbar ist. Doch kann ein gutes Abschneiden bei Lernstandserhebungen wie PISA zwangsläufig durch fachlich und pädagogisch gut ausgebildete Lehrern erbracht werden? Die KMK hat nach den ernüchternden Ergebnissen aus internationalen Leistungsvergleichen die Qualitätssicherung an Schulen und die Optimierung der Lehrerbildung zu den dringlichsten Aufgaben erklärt. Dahinter steht die Vorstellung, dass sich mit einer hochwertigen Lehrerbildung bessere Schülerleistungen „erkaufen“ lassen. 2002 wurden Bildungsstandards für die Schulfächer länderübergreifend festgeschrieben; 2004 folgten die ersten offiziellen Lehrerstandards für die Bildungswissenschaften.
Intuitiv für wahr befunden, wurde die Kausalkette „Lehrerbildung – Lehrerhandeln – Schülerleistung“ jedoch noch nie belegt. „Not only has there been little systematic research, but direct evidence of a link between professional development and improved learning outcomes remains elusive” (Meiers 2007, S. 409). Das Wirkungsmodell ist der amerikanischen Literatur entlehnt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Hinführung zum Untersuchungsgegenstand: Einleitung in die aktuelle Reformdiskussion der Lehrerbildung und Begründung des Fokus auf die Zweite Phase.
2 Genereller Zustand der Lehrerbildung in der BRD: Überblick über das duale Ausbildungssystem, theoretische Grundlagen der Professionalisierung und Kritik an bestehenden Strukturen.
3 Einschub: Untersuchungskonzepte: Erläuterung der gewählten quantitativen und qualitativen Methoden sowie Begründung des Forschungsinteresses an den Seminarleitern.
4 Systematische Bestandsaufnahme der Zweiten Phase der Lehrerbildung: Deskriptive Darstellung des Vorbereitungsdienstes, Analyse von Studien zur Wirksamkeit und Aufarbeitung von Praxisschock-Phänomenen.
5 Herausforderungen der Zweiten Phase für das Lehramt an berufliche Schulen: Spezifische Problematiken des Berufskollegs, wie etwa die Heterogenität der Schüler und der Bedarf an ständiger fachlicher Anpassung.
6 Fazit: Entwicklungsperspektiven und Schlussfolgerungen: Zusammenfassende Bewertung der Reformdynamiken und Ausblick auf künftige Notwendigkeiten der Lehrerbildungsforschung.
Schlüsselwörter
Lehrerbildung, Zweite Phase, Referendariat, Berufskolleg, Schulpraxis, Professionalisierung, Praxisschock, Lehrerausbildung, Unterrichtsbesuche, Studienseminar, Bildungsstandards, Kompetenzentwicklung, Reformprozesse, Berufseinstieg, Evaluation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht kritisch die Zweite Phase der Lehrerbildung (das Referendariat) in Deutschland, insbesondere unter dem Aspekt neuer empirischer Forschungsergebnisse und mit besonderem Fokus auf das Lehramt an Berufskollegs.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Felder sind die Struktur der Lehrerbildung, der Professionalisierungsdiskurs, die Problematik der Verzahnung von Theorie und Praxis sowie die spezifischen Anforderungen an Lehrkräfte an beruflichen Schulen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist eine systematische Bestandsaufnahme der Zweiten Phase, um durch eine kritische Literaturanalyse und ergänzende Experteninterviews ein deskriptives Abbild der Realität zu liefern und aktuelle Reformprozesse zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine Kombination aus wissenschaftlicher Literaturanalyse und einer qualitativen Fallstudie angewandt, die Experteninterviews mit zwei Studienseminarleitern umfasst.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil besonders im Fokus?
Im Hauptteil werden sowohl der allgemeine Zustand der Lehrerbildung in der BRD als auch die spezifische Bestandsaufnahme des Vorbereitungsdienstes (unter Berücksichtigung von Studien zu Praxisschock und beruflicher Sozialisation) detailliert behandelt.
Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit geprägt?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Lehrerbildung, Zweite Phase, Referendariat, Berufskolleg, Professionalisierung, Schulpraxis und Bildungsstandards.
Welche Rolle spielen die Experteninterviews in dieser Arbeit?
Die Experteninterviews dienen als explorative Ergänzung zur Literaturanalyse, um ein reales Abbild der Seminartätigkeit zu erhalten und die theoretisch diskutierten Herausforderungen mit der praktischen Perspektive von Seminarleitern abzugleichen.
Wie bewerten die befragten Seminarleiter die aktuelle Situation?
Sie kritisieren unter anderem das Fehlen systematischer Qualifizierungsangebote für Ausbilder, die „Zwangslage“ durch ökonomische Zwänge beim bedarfsdeckenden Unterricht und die Herausforderungen bei der Betreuung von Quereinsteigern am Berufskolleg.
- Quote paper
- Torsten Strecke (Author), 2007, Die Zweite Phase der Lehrerbildung im Spiegel neuerer empirischer Forschungsergebnisse - unter besonderer Berücksichtigung des Lehramts an Berufskollegs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86314