Style Flamboyant - Zenit des Mittelalters


Seminararbeit, 2004
111 Seiten, Note: bestanden

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Veränderung der Form - Vom Strahl zur Flamme

3. Der Formcharakter
3.1 am Rayonnant-Masswerk
3.2. am Flamboyant-Masswerk

4. Das Fenster in Wort und Bild
4.1. Villefranche-de-Rouergue - Saint Saveur
4.2. Auxerre - Cathédrale d´Auxerre
4.3. Eu - Saint Laurent versus Lisieux - Cathédrale de Lisieux
4.4. La Trinité d´Vendôme - Maßwerk der Superlative

5. Das Rosenfenster in Blüte und Blatt
5.1. Tours - Saint Gatien
5.2. Paris - Sainte Chapelle
5.3. Evreux - Notre Dame
5.4. Lyon - Saint Jean

6. A Spiral Dance - Ein Deutungsansatz

7. Historisches Layout - history of art oder l´historie de l´art

8. Einflüsse auf
8.1.die Architecture civil
8.2.die Deutsche Sondergotik
8.3.die „Gotik“ in Italien

9. Zusammenfassung

Anhang

10. Bibliographie
[ Verwendete, zitierte und weiterführende Literatur ]
[ Ungedruckte Quellen ]

11. Abbildungen

12. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Das späte Mittelalter. Die „Grenze“ zur Renaissance ist beinahe erreicht, als sich Europa in einer Reihe kriegerischer Auseinandersetzungen um Macht und Vorherrschaft befindet. Im Osten beginnen die Türken ihre Jahrhunderte andauernden Invasionen in das heilige christliche Reich - im Westen beansprucht das englische Königshaus die Nachfolge auf den französischen Thron und somit die Vorherrschaft in diesem Teil der Welt. Der Hundertjährige Krieg - ausschließlich auf französischem Boden ausgetragen - kann durchaus als Ursache für einen Entwicklungsstillstand in diesem Gebiet betrachtet werden, als gegen Ende des 14. Jahrhunderts scheinbar unvermittelt in Frankreich ein neuer Maßwerk- und Ornamenttypus auftritt - der style flamboyant. Das Fehlen von pointierten Entwicklungsetappen und -Strängen wirft die Frage auf, woher die neuen Formen und Varianten kamen und aus welchem Grund der geometrisch- strahlenförmige plötzlich durch einen bewegt-lodernden Stil abgelöst worden ist. Daher soll nun der Versuch, den Flamboyantstil anhand ausgewählter Beispiele näher zu beschreiben und die Frage seiner Herkunft zu beantworten, Ziel dieser Arbeit sein.

2. Die Veränderung der Form - Vom Strahl zur Flamme

Wie bereits erwähnt findet sich keine nachvollziehbare Entwicklungsgeschichte von der französischen Rayonnant-Gotik zum Flamboyant-Masswerk, da die Anzahl der erhaltenen und ursprünglich belassenen Sakralbauten seit der Mitte des 15. Jahrhunderts abnimmt.1 Allerdings finden sich Einzelformen, die im Flamboyant benutzt werden, schon seit 1260. Solche Formen sind Stern- und (Zwickel-) Fischblase (Abb.1), die aber lediglich eine Variation in den geläufigen Maßwerk- Themen darstellen und deren eigentlichen Charakter bis zum Ende des 14. Jahrhunderts nicht merklich verändern. Reines Flamboyant tritt Mitte des 14. Jahrhunderts allenfalls an Grabarchitektur, wie dem Grab von Papst Johannes XXII. von 1334 in der Kathedrale Notre-Dame-des-Doms in Avignon auf - wird als merkwürdig und seltsam empfunden.

Binding folgend haben diese überzogen wirkenden Ausbildungen allerdings keinen Einfluss auf die Architektur-Entwicklung von geometrischen zu bewegteren Motiven, sondern dienen lediglich einer Superlativ-Aufwertung des Grabmales.2

Geht man allerdings davon aus, dass Flamboyant-Formen erstmals neben den eben genannten Grab- und Friedhofsarchitekturen (Abb.2) hauptsächlich an Sakralraumausstattungen, wie Baldachinen, Tabernakeln, Lettnern (Abb.3), Monstranzen, Chorschranken und liturgischem Gerät auftauchten, ist diese Annahme zu kritisieren: Der Hinweis auf die filigrane Ornamentik von flamboyanten Kathedralen-Fassaden (Abb.4 vgl. Abb.21, 25, 29, 31, 61) legt den Bezug zu erwähnter Kirchenausstattung und damit dem Handwerk, speziell der Goldschmiedekunst nahe.3 Was also noch im einen Moment im inneren Kirchenraum als überzogenes und mikrokosmisches Zitat auf den Kathedralen-Corpus zu verstehen ist, setzt sich nun in der entmonumentalisierten und kleinteiligen Gestaltung des makrokosmischen Baukörpers durch.

3. Der Formcharakter …

Um die Wandlungen im Flamboyant-Masswerk deutlich zu illustrieren, soll an dieser Stelle ein Vergleich zu dem zeitlich vorangehendem Rayonnant-Stil herangezogen werden.

3.1. … am Rayonnant-Masswerk

Das Masswerk-Muster des Rayonnant - französisch etwa Strahlenstil - ist zu seinem „Beginn“ etwa um 1270 noch von rein klassischen Formen4 bestimmt. Charakteristisch ist der sich langsam verdichtende Einsatz von sphärischen Rahmungen, stumpfen Nasen5 und das Verbreitern der Fenster auf bis zu 16 Bahnen.

Das bestehende Maßwerk-Schema wird vor allem dahingehend verändert, dass das gesamte Couronnement durch eine große Rose aus zahlreichen Pässen oder Spitzbogenvarianten (Abb.5) ausgefüllt wird.6 Bei den Passformen überwiegen Drei- und Vierpässe. Diese können nun neben der liegenden Variante auch stehend angeordnet sein (Abb.6).

Neu in der Rayonnant-Gotik ist die sphärische Form.(Abb.7) Diese wandelt vor allem die Fensterrose, welche nun ausgehend vom nördlichen Frankreich und der Île-de-France - den führenden Regionen der Maßwerk- Entwicklung - auch als rhombus-artiges Gebilde eingebunden werden kann und somit eine einheitlich gegliederte Maßwerk-Fläche bei größt- möglichst aufgelöster Wand schafft.(Abb.8) Aus mehreren Architekturgliedern wird auf diese Weise eine großflächige Ornamentkomposition.7

Bei genauerer Betrachtung der Rayonnant-Rose fällt auf, dass mehrere gruppenrahmende Speichen oder Strahlen um einen zentrischen oder zentripetalen Mittelpunkt angeordnet sind. Dieser Bezugspunkt kann durch eine Figur, meist ein mehrzackiger Stern oder eine Blüte, deren Ausläufer die Richtung und Anordnung der auseinanderstrebenden Formen angeben, gekennzeichnet sein.8 Die strahl-internen Motive werden zumeist durch Spitzbogen-Formen, Zwickel und Pässe, seit etwa 1325 auch durch Fischblasen9 gebildet. Im Unterschied zum Flamboyant entsteht hierbei aber eine gleichmäßig geradlinige Bewegung, die entweder als Mittelpunkt-zustrebend oder -fliehend zu beschreiben ist (Abb.9 und Abb.10). Seltener treten Beispiele auf, in denen beide Richtungen in einem Motiv vorkommen (Abb.11).

Durch den motivischen Reichtum und die Einführung der flexiblen Fischblase entsteht eine erhöhte Kombinationsfähigkeit der Formen untereinander. Eine steigende Verdichtung des Rosenmusters ist die Folge.

Von einem Ende des Rayonnant kann nicht wirklich gesprochen werden.10 Die geometrische Struktur der Rosen, die Bahnenanzahl der Fenster und die Grundformen werden im Flamboyant-Maßwerk größtenteils beibehalten. Die Unterschiede äußern sich hauptsächlich in einer umfassenden Modifikation der Füllungen und Motive.11 Auch spricht dagegen, dass diese Variationen bereits seit spätestens 1334 - also etwa zur Mitte des Rayonnant - vereinzelt aufgetreten sind.12 Geht man aber davon aus, dass die ersten dominierenden Flamboyantformen an Sakralbauten um 1380 verwendet wurden, so ist für den Rayonnant-Stil (als ausschließliche Form) eine End- oder Übergangsphase zwischen 1360- 1380 evident.13

3.2. … am Flamboyant-Masswerk

Der Begriff style flamboyant wurde von Arcisse de Caumont, dem „Erfinder“ der Romanik, um etwa 1830 für den von ca. 1370/80 bis Anfang des 16. Jahrhunderts auftretenden französischen Maßwerk-Typus und seine Strukturen geprägt.14 Flamboyant bedeutet lodernd - züngelnd - flammend und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Formprinzipien der lang gestreckten und gewundenen Einzelmotive dieser Epoche, welche bereits seit dem Rayonnant, dort aber noch als geradlinige Maßwerk-Formen auftreten. (Abb.8, 10 vgl. Abb.16, 19)

Wie bereits erwähnt, basiert die Flamboyant-Gotik größtenteils auf den entwickelten Strukturen, Gliederungen und Couronnementisierungen der Wandöffnungen im Rayonnant. Die strahlenförmige Ausrichtung der Motive tritt jetzt aber zu Gunsten schwingender Muster in den Hintergrund.

4. Das Fenster in Wort und Bild

In der Fensterunterteilung folgt der Stil weiterhin den im Rayonnant entwickelten Formen und Systemen - erhält aber durch Anwendung und Variation der Grundformen Fischblase, Schneuß (Abb.12) und dem Spitz- und Lanzettbogen ablösenden und meist bahnenübergreifenden (Abb.13) Kiel-(Abb.14) und Eselsbogen (Abb.15) kurvig auseinanderlodernde Muster.15 (Abb.16) Manche Motive scheinen versteinerten flackernden Kerzen ähnlich.(Abb.17) Das geradlinige Rayonnant-Maßwerk-System wird nun durch die Kreis-Geometrie - basierend auf den verschiedenen Kreis- Mittelpunkten und Achsenbeziehungen - einer Figur aufgelöst. Dadurch verlässt die Einzelform ihren statischen Rahmen und ruft einen Bewegungs-Eindruck hervor. Weiterhin tritt das Soufflet, eine Art Zwickelfeld mit der Eigenschaft sich gekrümmten Umrissen anpassen zu können in Erscheinung. (Abb.18)

4.1. Villefranche-de-Rouergue - Saint Saveur

Ein schönes Beispiel der Flamboyant-Gotik stellen die Fenster des Kreuzganges der Kartause Saint Saveur in der Nähe von Villefranche-de- Rouergue aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts dar.16 (Abb.20) Beinahe sämtliche Bahnen der Fenster, des von reichen Kaufleuten gestifteten Ganges, werden kielbogig abgeschlossen, wobei diese Bogenform mehrdeutig über jeder Zusammenfassung eingesetzt worden ist.17

Das auf der Abbildung ganz rechts gelegene Fenster besteht aus 4 Lanzetten, welche in einem angedeutetem Dreiblattbogen auslaufen. Jeweils zwei Bahnen und schließlich die Bahnengruppen selbst sind durch einen breit gelagerten Kielbogen abgeschlossen. Der innere Kiel schwingt sich zur Fensterlaibung auf und bildet die Rahmung für zwei gekrümmt aufsteigende Fischblasenformen. Entsprechend der Rahmenführung bilden zwei Soufflete seitlich abgleitende Fischblasen. Das Zentralmotiv des Musters bildet ein unauffällig eingegliedertes Vierblatt. Diese Form erinnert durch ihre Gestaltung und Situierung gleichsam an ein Herz.18

Dem Schenkel des Ganges zur Mitte folgend befindet sich ein weiteres ebenfalls auf vier aufstrebenden Lanzetten basierendes Fenster. Die einzelnen Bahnen werden durch einen flachen Spitzbogen überfasst. Durch die stumpfwinklig gestaltete Lösung entsteht hier ein breiteres Couronnement-Feld. Aus dem Mittelstab entspringt ein aufstrebendes Lilienmotiv, das sich vornehmlich aus gekrümmten Fischblasen und Dreiblättern zusammensetzt. Die Soufflete bleiben in dieser Komposition frei.

Das Fenster am Scheitel des Ganges beinhaltet eine dreibahnige Lösung. Die Bahnen sind hier ebenfalls durch einen flachen Spitzbogen mit Dreiblattabschluss überwölbt. Das Couronnement wird durch sphärische Dreiecke mit eingelagerten Dreipässen gebildet. Auch hier bleiben die Soufflete unberührt und leer.

Die Gestaltung dieser „Fensterreihe“ zeigt deutlich die Wandelbarkeit der Flamboyant-Motive, welche ,zahlenmäßig gering, durch Variation, Anordnung und graduelle Veränderung stetig neue Muster hervorbringen.

Ein weiteres Merkmal der Gestaltung mit Flammen-Elementen sind die gekrümmten Kiele der den Stützpfeilern aufsitzenden Filialen.

4.2. Auxerre - Cathédrale d´Auxerre

Ein anderes Stilmittel der Epoche lässt die Nordfassade des Querschiffes der zwischen 1415 und 1478 entstandenen Kathedrale von Auxerre erkennen.(Abb.21) Augenfällig ist hier der stark überhöhte Portal- Wimperg, welcher im Flamboyant teilweise bis in Obergadenfenster-Höhe gezogen wird. Das Beispiel von Auxerre zeigt eine gänzlich durchbrochene Variante, von der lediglich noch das Gerüst vorhanden zu sein scheint. Dieser latente Rahmen ist mit Fischblasenformen gefüllt, welche sich entlang dem Wimperg-Giebel fallend voneinander weg schlängeln. Die Zwickel sind ebenfalls mit kurvigen Fischblasenmodifikationen ausgefüllt.

Das Eigentümliche an dieser Konstruktion ist die scheinbare Negation der tragenden Funktion des Maßwerkes durch seine Schlängel-Bewegung. Der Wimperg erscheint dadurch filigran und federleicht.

Im oberen Teil der Fassade befindet sich über einer achtbahnigen Fensterkonstruktion eine Rosenvariante. Das florale Motiv zeigt sechs Blütenblätter um einen Mittelpunkt, welche sich im äußeren Kranz auf zwölf Blätter verdoppeln. Die Füllung der gruppenrahmenden Elemente beruht auf gegenläufigen Fischblasenformen. Auffällig ist, dass die Rose auf Rundbögen gelagert ist, die wiederum auf subtile Art und Weise flammenähnliche Ornamente umschließen. Durch die Anwendung rundbogiger Elemente als Rahmung für die bewegten Flammenzungen muten erstere bewegungskorrigierend auf die aufstrebenden Motive des Fensters an.19

4.3. Eu - Saint Laurent versus Lisieux - Cathédrale de Lisieux

Ein anderes Modell der netzartigen Füllung des Couronnement soll am Beispiel der Chorfenster der Abteikirche Saint-Laurent/Eu (Abb.22) im Vergleich mit den südlichen Kapellenfenstern der Kathedrale von Lisieux erbracht werden (Abb. 23, 24).

Die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ausgeführten Versionen zeigen drei vierbahnige Fenster. Abbildung 22 und Abbildung 23 präsentieren ähnliche Motive von jeweils zwei durch einen Kielbogen zusammengefasste Bahnen. In Abbildung 24 fehlt diese Überspannung.

Auf den ersten Blick scheinen die gruppenrahmenden Komponenten der drei Beispiele in den Hintergrund zu treten und durch ein teppichhaftes Netz ersetzt zu werden. Bei näherer Betrachtung erweist sich aber die Gemeinsamkeit der Fenster darin, dass die Laibung im Couronnement durch zwei gebeugte Flammen aus Fischblasen gebildet wird, welche ein knospenähnliches Motiv umschließen. Dieses ist bei allen drei Darstellungen Mittelstab-orientiert, wobei sich die oberen Knospen- Figuren der Laibung anpassen.

Die Hauptdifferenzen zwischen Eu und Lisieux bestehen darin, dass Eu in diesem Beispiel ausschließlich Fischblasenvarianten benutzt und Lisieux eher auf Vierblätter und Lilienmotive als Couronnementfüllung zurückgreift. (vgl. Abb.17)

Flammen, werden durch die aufgelagerten Rundbögen in ihrer Aufwärtsbewegung gedämpft. 11

4.4. La Trinité d´Vendôme - Maßwerk der Superlative

Ein besonders phantasievolles Beispiel des Flamboyant-Maßwerks findet sich in der Gestaltung der um 1506 vollendeten Westfassade der Kathedrale La Trinité in Vendôme.(Abb.25) Unzählige abstrahierte Stein- Flammen umzüngeln die aufstrebenden Tympanons, Wimperge, Filialen und Hochfenster der Fassade. Das Maßwerk scheint die Fassade mit seinen Formen zu überwuchern und zieht den Blick des Betrachters unweigerlich aufwärts. Die Breitenwirkung des Baues hebt sich durch das netzartig aufstrebende Couronnement und die luftigen Strebepfeiler beinahe radikal auf. Die lodernde Feuersbrunst der Fenster bildet im starken Gegensatz zu geläufigen zentrisch-auseinander-stiebenden Motiven eine seltene und individuelle Alternative. Da dieser Bau in seiner Maßwerk-Gestaltung und Behandlung der flammenden Definitions-Motive wohl einzigartig ist, kann er fraglos als flamboyant par excellénce gelten.

5. Das Rosenfenster in Blüte und Blatt

Im Norden Frankreichs tritt im ausgehenden 14. Jahrhundert bei der Couronnement-Rose erstmals ein Übergang von der geometrischen Rayonnant-Form zu einer - durch Kurven und Gegenkurven - aufgelockerten, netzartigen Flamboyant-Linienführung auf. Hauptmerkmal hierbei ist die konkave Rahmung der einen als gleichzeitig konvexe Schale der angrenzenden Figur. Durch die wechselseitige Durchdringung und das scheinbar fließende Ineinander-Übergehen entsteht eine allumfassende, unaufhaltsame Bewegung.20 Unmittelbare Folge ist ein teppichhaftes Muster.(Abb.26) Die Unterscheidung in Haupt- und Nebenstäbe tritt durch die netzhaft-gleichrangige Auflösung der Füllungen in den Hintergrund.

Schwingende Muster entstehen und überspielen streng geometrische Figuren.21 (Abb.27) Dies geschieht durch meist gegenläufig angeordnete Fischblasen, welche verschlungene Kränze und Figuren um einen zentralen Mittelpunkt bilden. Der verschiedenartige Einsatz solcher Varianten und Kombinationen kann die Einzel- und Gesamtwirkung des Rosenfensters deutlich variieren.

5.1. Tours - Saint Gatien

Die Westfassade der Kathedrale Saint Gatien in Tours (Abb.29) im Norden Frankreichs wird durch die rhombenförmige Rose (Abb.30) dominiert. Die um 1500 entstandene Konstruktion schmiegt sich über einem offenen Wimperg (Abb.31) restlos in den vom Fenster vorgegebenen Spitzbogen ein. Durch die stehende Lagerung der Form werden sämtliche Freiräume zur Fensterlaibung verhindert.

Die Rose lagert vier Spitzbögen auf, welche deren Rhombenform zitieren und jeweils zwei Lanzetten überfassen. Die flamboyanten Formen an diesem Bau äußern sich durch knospenartige Gebilde in den Spitzbögen. Diese Formen werden in der Rosenblüte wiederholt. Die Blüte besteht aus einem Okkulus in einem sechsblättrigem Kelch, der sich im äußeren Kranz auseinanderstrebend verdreifacht. Die Füllungen der Blätter unterteilen sich im inneren Kranz in je zwei sich verjüngende Lanzetten mit Dreiblattbogenabschluss und einem stehendem Vierpass unter einem Zwickelfeld. Im äußeren Kranz wird dieses Motiv wiederholt, wobei sich jedoch hier die Formen der Biegung des jeweiligen Blütenblattes anpassen. Insgesamt besteht der äußere Kranz aus drei verschieden kombinierten Blattvariationen.

Mit ihrer außergewöhnlichen sphärischen Gesamtform stellt diese Rose ein Musterbeispiel der nord-französischen Maßwerk-Entwicklung dar und lehnt sich mit ihrer Trennung von Stab- und Maßwerk im Couronnement an englische Vorbilder an.

5.2. Paris - Sainte Chapelle

Die nachträglich Ende des 15. Jahrhunderts eingefügte Fensterrose der Pariser Schlosskirche Sainte Chapelle verfügt ebenfalls über ein engmaschiges Ornament-Netz.(Abb.32 vgl. Abb.19, 37, 38) Deutlich verschwindet gänzlich die Ähnlichkeit zwischen Rad zur Rose. Von der als Blüte gestalteten Nabe sind radähnliche Motive aufgelöst und durch annähernd gleichgroße Fischblasen ersetzt. Die Fischblasenformen breiten sich vom Zentrum ausgehend über die Rose aus. Es entstehen annähernd gleichgroße Felder, wobei die gruppenrahmenden Linien vor allem in der Innenansicht der Konstruktion zurück treten. Auch hier findet ein Verdoppelungsmotiv der Blütenblätter von innen nach außen steigend statt.

Eine ähnliche Rose findet sich an der, nach dem Pariser Vorbild erbauten Chapelle Royale in Vincennes.(Abb.33) Allerdings ist die Rose hier vertikal zwischen zwei offene Wimperge gelagert und wird in den Füllmotiven des Fassadenornamentes wiederholt.

5.3. Evreux - Notre Dame

Am Beispiel der Hauptrose des Nordquerschiffes der Kathedrale Notre Dame in Evreux von 1511 - 1531 zeigt sich besonders deutlich die Verdrängung der strengen Rayonnant-Stäbe durch konkave und konvexe Linien.(Abb.27)

Die blütenähnlichen Flammenmotive sind durch die gegenseitige Figurenrahmung mehrdeutig zusammenfassbar. In die einzelnen Parzellen sind Fischblasen eingelagert. Im innersten Kranz sind diese gerade und leicht gestreckt, im Folgenden leicht gebogen, im Nächsten gestaucht und zuletzt durch eine vierblättrige Figur ersetzt. Der äußere Kranz wird von minimalen Souffleten gerahmt. Die Ausbreitungsrichtung findet vom Zentrum zum Rosenrand hin statt.

Wie so oft im Flamboyant erscheint das Rosen-Maßwerk nicht nur in seinen Segmentgruppierungen ambivalent und vom Betrachter abhängig, sondern bildet auch in der Deutung seiner Gliederung eine Hybridform zwischen Flammen- und Blütenmotiv, wobei sich die einzelnen Fächer explosionsartig über die Fläche auszubreiten scheinen.

Besonders anschaulich ist diese Zwitterform ebenfalls an der Rose der Kathedrale von Amiens zu Anfang des 16. Jahrhunderts zu sehen.(Abb.28)

5.4. Lyon - Saint Jean

An der Kathedrale Saint Jean von Lyon wird deutlich, dass die Entwicklung vom Rad zur Rose nicht erst im Verlauf des Flamboyant stattgefunden haben muss. Die um 1392, also früh-flamboyant entstandene Rose der Westfassade gliedert sich ähnlich der Rose von Sainte Chapelle in Paris (Abschnitt 5.2.) in mehrere Blattsegmente um einen floralen Mittelpunkt auf.(Abb.34) Die Lyoner Version besitzt gleich Paris sechs Blätter, welche sich im Außenkranz verdoppeln und hauptsächlich mit Fischblasenformen und Souffleten ausgefüllt sind.

Daneben weist der Inhalt der Glassegmente darauf hin, dass sich der Inhalt der Rosenfenster nicht von früheren Themen unterscheidet. Geläufig sind weiterhin biblische Motive; in diesem Falle Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers und dem heiligen Stephanus. Allerdings treten im Flamboyant beeinflusst durch Formung und Gestalt der Rosenmotive auch alternative Themen auf. Vor allem bloße Farbspiele bieten sich auf Grund der flammenden Form bevorzugt neben Stifterwappen an.(Abb.35)

6. A Spiral Dance - Ein Deutungsansatz

Betrachtet man die Rosenfenster der gotischen Kathedrale, so scheint es frevelhaft, achtlos an ihren Glasfenstern und deren Inhalten vorbei zu gehen. Im Zusammenspiel der neuen Formen mit Glas, Farbe und wechselndem Licht setzt die Flamboyant-Gotik einen Höhepunkt der mittelalterlichen Lichtdramaturgie frei. Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird zu bestimmten Tageszeiten auf spezielle Fenster und deren Motive gelenkt.22 Geht man davon aus, dass die Farbigkeit und Anordnung der Fensterscheiben auf räumliches Verhalten angelegt wurden, so öffnet sich dem Besucher des jeweiligen Sakralbaus ein bewegtes Farbspektrum.23

Die Steigerung des Marienkultes und der Christusverehrung stellt neben Heiligen-, Engel-, Propheten- und Königsdarstellungen den Hauptinhalt der Glasfenster dar.(Abb.36 vgl. Abb.37, 38) Jedoch sind die Details durch die atemberaubende Höhe und Größe der Fenster meist schwer zu erkennen.24 Für den mittelalterlichen Laien aber dürfte fraglos der Gesamt-Eindruck das wichtigere Kriterium gewesen sein; dieser muss nun Fenster und Fensterprogramm nicht mehr namentlich kennen. So liegt nahe, dass Farb- und Bewegungseindruck „selbsttätig wirkten“ und durch den genauen Inhalt nur mehr verstärkt worden sind. Die genaue Auslegung der Motive blieb daher dem Priester überlassen, der (damit) seine Predigt argumentiert. Das Licht wird primär durch Form und Farbe vergöttlicht - sekundär durch den Inhalt; die Jungfrau und andere Themen werfen hier persönlich das (göttliche) Licht auf den Laien.

Bildhaft ist ebenfalls, dass im Besonderen zu Terz- oder Sept-Messe in den Glassegmenten der ohnehin schwingenden Maßwerk-Muster durch Staubpartikel, Schwebeteilchen und Sonnenstand (Abb.39) ein flimmernder Lichtkegel entsteht, der durch den Kirchenraum auf den Boden projiziert wird.(Abb.40, 41) Das vom Priester studierte Ritual wird so auch für den Laien nachvollziehbar und visuell abschließbar; in dessen das Sakralfenster neben einem Bühnenraum auch Platz für Inszenierungen schafft..

Daran anknüpfend nimmt die rotierende Form der Maßwerk-Muster alternativ ebenfalls Bezug auf traditionale Vor-Christliche Religionen.25 Cowen behauptet, dass deren Symbolik für den Adressaten frei interpretierbar wären.26 Allerdings ist anzuzweifeln, ob ein mittelalterlicher Prior dies genauso gesehen hätte: Während auf der einen Seite biblische Ikonographie vorherrscht, findet sich auf der anderen Seite im gleichen Werk durch die Spirale das Hauptsymbol des Heidentums wieder: … Geburt-Leben-Wachstum-Alter-Tod-Wiedergeburt… - christlich verwertet mit Maria als Göttin im Zentrum. Der „Tanz des Kosmos“27 wird also im Flamboyant wiederentdeckt und fortgeführt.28 Gleichsam bildet das Rosenfenster aber auch eine zwei-dimensionale Darstellung jener Spirale, welche möglicherweise als drei-dimensionale Version in der Turmhaube einer Kathedrale zitiert wird.

Fest steht, dass Glas- und Maßwerk-Gestaltung in einigen Fällen sehr stark an hinduistische Mandalas (Abb.42) erinnert, weitestgehend aber rotierend angeordnet sind und die genauen Inhalte hinter dem kleinteiligem Ornament und komplizierten Gruppierungen oftmals zurücktreten.

7. Historisches Layout - history of art oder l´historie de l´art

Die Frage der Herkunft des französischen Flamboyant-Stiles ist umstritten.29 Unbestritten ist dagegen, dass bedingt durch die ErbAuseinandersetzungen zwischen Frankreich und England im Hundertjährigen Krieg von 1337 - 1453 die Bautätigkeit auf französischem Boden größtenteils eingestellt oder unterbrochen worden und dieser nach Beendigung des Krieges selbst verwüstet war.

Für Frankreich bestand dieser Krieg nicht allein in der Gefahr einer Besetzung durch England, sondern auch einer inneren Zerreißprobe auf Grund politischer Aufstände. England gelang es schließlich den gesamten Norden Frankreichs bis ins Herz des Landes nach Paris einzunehmen, so dass die Valois - eine Nebenlinie der ausgestorbenen Kapetinger - lediglich im Süden Land hielten. Geht man davon aus, dass die Höhepunkte der „französischen“ Maßwerk-Entwicklung dieser Zeit aber in Bretagne, Normandie und Île-de-France zu suchen sind, so liegt der Schluss nahe, dass es sich im Falle des Flamboyant-Maßwerk keinesfalls um französische Innovation handelt, sondern dessen Ursprünge auf englische Formen zurück zu führen sind.30

Mit Hinblick auf die kontinuierlich weiterlaufende Architekturentwicklung in England wird deutlich, dass dort eine ähnliche MaßwerkForm bereits um 1315 auftritt.

Der als Curvilinear bezeichnete Stil ist durch streng voneinander abgegrenzte Figuren, welche ein netzartiges Gesamtensemble bilden, gekennzeichnet. Die Zwickel werden zwischen Kreisformen aufgelöst oder gänzlich eingespart. Stehende Vier- und Mehrpässe sind spätestens seit 1280 im Frühgeometrischen Stil gebräuchlich.(Abb.43, 44) In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts treten dann wellenartige Linien und schmiegsame, blasenartige Formen auf. Dieses Flowing-Tracery gibt dem Stil seinen Namen. Die Bahnen werden paarweise überfasst.(Abb.45) Neue Form ist der Kielbogen, welcher erstmals an Eleanor-Kreuzen31 auftaucht und zu Beginn des 14. Jahrhunderts auch im Maßwerk nachgewiesen werden kann.(Abb.46) In der mittleren Phase des Curvilinearen-Stils32 geht der Kielbogen auf die Rose über und bildet dort konkave und konvexe Linien.(vgl. Abb.45) Ein deutliches Beispiel derartiger Gestaltung ist das Bishop´s Eye in der Südquerhausfassade der Kathedrale von Lincoln.(Abb.47)

Die Konstruktion entstand um 1320 und zeigt einen kleinteilig ausgefüllten Kreiskörper. Hauptaugenmerk sind die zwei blattartigen Felder, welche mit verschieden variierten Fischblasenformen gefüllt sind und in sich weitere Blattkonstruktionen bilden. Die entstehenden Zwickel ober- und unterhalb der Blätter sind ebenfalls mit Fischblasenformen und minimalen Souffleten belegt. Auf Grund seiner Anordnung einem belaubten Ast oder seiner Teile ähnlich, wird dieses Motiv als leafed stem - belaubter Ast - bezeichnet.33 Diese Art der Rosengestaltung bewegt sich jedoch allein auf britischem Boden.

Etwa gleichzeitig tritt flüchtig eine Art englisches Rayonnant auf. Die Fensterbahnen werden von genasten Spitzbögen überfasst und bilden ein teilweise offenes, übersichtliches Couronnement.(Abb.48) Die Füllung kennzeichnet sich durch einfach gehaltene, strahlenförmige Muster um einen zentrischen Mittelpunkt. Füllformen sind auch hier bevorzugt verjüngte Fischblasen und Zwickel - allerdings ungebeugt und geometrisch angeordnet.(Abb.49)

Zurückkehrend zum Curvilinearen-Stil findet in England ab etwa 1330 eine Parallel-Entwicklung statt. Auf der einen Seite entwickelt sich der englische Reticulated-Style mit seinen netzartigen Couronnements unter Benutzung von scharfgratigem Maßwerk und kongruenten Füllmotiven.(Abb.50) Auf der anderen Seite entsteht ein englischer Flamboyant-Stil mit gleichfalls netzartigem Ornament34 und gebogenen Fischblasenvarianten im Couronnement.(Abb.51) Eine weitere englische Form ist der so genannte Flammenbogen - eine modifizierte Kielbogen- Doppel-Form mit flammen- oder lilienähnlichen Nasen.(Abb.52)

Vergleicht man nun die Gliederung und Anwendung der Motive englischer und französischer Beispiele, so ist eine auffallend schablonenhafte Ähnlichkeit zwischen den Maßwerk-Bildungen beider Nationen zu erkennen.(Abb.50, 53 vgl. Abb. 54, 55)

zurück, welche in der christlichen Ikonographie als Baum mit verschiedenen abzweigenden Ästen dargestellt ist, die die verschiedenen Zweige der Abstammung Jesses symbolisieren.

Davon ausgehend ist anzunehmen, dass die englischen Besatzer ihre eigenen - etwa 50 Jahre früher als in Frankreich eingesetzten - Formen und Strukturen um 1380 auf das europäische Festland einführten. Als England seine besetzten Gebiete gegen Ausgang des 15. Jahrhunderts immer mehr einbüßte und lediglich Calais behielt, breiteten sich diese Formen im Zusammenhang mit einem neuen Aufschwung ausgehend von den führenden (nun ehemals englischen) Bauhütten der Normandie, Bretagne und Île-de-France über das gesamte französische Kronland aus.

Das florale Motiv des leafed stem wird in Frankreich nicht aufgenommen, findet aber ein würdiges Pendant in der Fleur de lis.(Abb.56) Die Anwendung der Wappen-Lilie des französischen Königshauses35 in Maßwerk und spätgotischem Bogenschluss (Abb.57) könnte als Stil-Annektierung gedeutet werden und englische Vorbilder im Verhältnis mit extrem gesteigerter Fischblasen- und Schneuß-Variation verleugnen. Somit wird ein autarker Stil vorgetäuscht, der französisch belegt und markiert ist.

8. Einflüsse auf…

Neben dem französischen Sakralbau findet der Flamboyant-Stil auch auf weitere Bautypen und andere Regionen Anwendung. So sind zum Beispiel Form-Einflüsse im Profanbau - der Architecture civil -, in Deutschland und auf die italienische „Gotik“ vorhanden.

8.1. … die Architecture civil

Vor allem im Vallon-du-Loire finden sich schöne Beispiele des Einflusses von Flamboyant-Formen auf den Profanbau. Eines davon ist das äußere Treppenhaus des Grafen Dunois am Schlossbau Chateaudûn.(Abb.63)

Die ursprünglich weltliche Architekturaufgabe wurde auf eine Weise behandelt, die sakrale mit profanen Elementen verbindet. Zwei benachbarte Spitzbogen-Zwillingsfenster bilden in sich zwei kielbogen- überwölbte Bahnen aus. Diese Bahnen sind über dem steinernen Fensterkreuz in wiederum zwei Kielbögen geteilt, welche jeweils ein Soufflet entlang der Kielbogenlaibung und eine Blasenform in ihrer Mitte bilden. Diese ist mit zwei gekurvten, gegenläufig bewegten Fischblasen gefüllt. Die Motivierung der inneren Kielbögen wird in der Gestaltung der überfassenden Kielbögen wiederholt: die Seiten der Fensterlaibung werden von Souffleten flankiert und der Mittelstab des steinernen Fensterkreuzes öffnet sich zu einem Couronnement-Feld, welches in drei gegenläufige Fischblasengruppen unterteilt ist und die Spitze der Fensterlaibung berührt.

Die Form des Fensterkreuzes mit seinem eingegliedertem Couronnement erinnert an ein altägyptisches Insignium.36

Über der Fensterlaibung richtet sich als Blendwerk ein Wimpergähnliches Gebilde empor.

Die Kleinteiligkeit des Flamboyant ist anschaulich in der Gestaltung der Fenster-flankierenden Filialen und Baldachine zu sehen und wirkt teilweise bis in die Renaissance fort. Man denke nur einmal an die Gestaltung des Loire-Schlosses Chambord.

8.2. … die Deutsche Sondergotik

Genau genommen sind speziell Einflüsse der französischen Spätgotik auf die Architektur in Deutschland nicht nachgewiesen. Allerdings finden sich die in Frankreich verwendeten Formen auch auf deutschem Gebiet wieder, sind aber vielmehr im Schaffenskreise Peter Parlers zu suchen und wahrscheinlich ebenfalls auf englische Vorbilder zurückzuführen.37

Die Gestaltung der Turmhaube des Ulmer Münsters von 1477-1493 lässt deutlich Kielbogen, gebeugte Fischblasen, sphärische und rotierende Formen erkennen.(Abb.64) Ebenso und in Kombination mit SchneußFiguren, Sternblasen und Mehr-Blatt-Formen das Altstädter Rathaus zu Brandenburg (Abb.65, 66), sowie die Spitalkirche38 (Abb.67) und St. Leonhard in Stuttgart (Abb.68).

Betrachtet man sich diese nun im Zusammenhang mit den Maßwerk- Formen westfälischer Fenster, so liegt eine Verwandtschaft mit englischen Beispielen nahe.(Abb.69 vgl. Abb.70) Gleichfalls erinnert die Gestaltung des Mainzer Domportals in seiner Grundform an englische Flammenbogen, ist aber französisch-kleinteilig und mit ebensolchen

Fischblasenvariationen dekoriert.(Abb.71) Die Fenster des Bautzener Domes St. Peter und der Görlitzer Peterskirche sind ungefähr zeitgleich entstanden, sowie in Form und Gliederung beinahe identisch.(Abb.73 vgl. Abb.74) Auch hier finden sich rotierende Elemente und Verweise auf englische Gotikarchitektur.

8.3. … die „Gotik“ in Italien

In Italien wurde der gotische Baustil nördlich der Alpen größtenteils als barbarisch und grotesk empfunden. Demzufolge ist es auch nicht verwunderlich, dass Italien so gut wie keine „nord-gotisch“ geformten Bauwerke aufzuweisen hat. Eine Ausnahme bildet „die am meisten französische Kathedrale Italiens“39 - der Dom zu Mailand. Das Rosenfenster der Apsis aus dem 15. Jahrhundert zeigt rotierend angeordnete Blasenformen um eine achtblättrige Blüte.(Abb. 75) Die Segmente des äußeren Kranzes sind mit Fischblasenvariationen, Souffleten, sowie Rauten gefüllt und bewegen sich deosil und gegenläufig zu denen des Inneren. Besonders deutlich wird hier auch das scharfgratige Maßwerk, welches die Motive gestochen und netzartig hervorhebt.

[...]


1 Binding, Günther: Maßwerk; Wissenschaftliche Buchgesellschaft - Abt.-Verlag, Darmstadt 1989: S. 97

2 Binding: S. 97 vgl. S. 27

3 Vgl. Recht, Roland: Die Baukunst; In: Triumph der Gotik - Band 2: Ausklang des Mittelalters 1380 - 1500; in: Universum der Kunst, Verlag Ch. Beck München 1989: S. 20

4 Anm.: Das klassisch-französische Maßwerk-Schema besteht aus dem Motiv zwei-vierbahniger Lanzettfenster mit Säulchenstabwerk unter einem Okulus mit Sechs-Pass. [Quelle: Binding: S. 23]

5 Binding: S. 73

6 Binding: S. 106

7 Binding: S. 25 vgl. S. 82

8 Binding: S. 113 f.

9 Binding: S. 82

10 Anm.: Ich ziehe diesen Schluss aus den gemachten Angaben, sowie den verschiedenen Angaben zum zeitlichen Gebrauch des Flamboyant-Maßwerks, wobei Angaben mit mehr als 60 Jahren Unterschied existieren. Bei der vorliegenden Arbeit soll auf Grund der Bauten der Chapelle-de-la-Grange/Kathedrale von Amiens um 1375 und der Saint-Chapelle/Vincennes [Quelle: Binding: S. 97] um 1380 dafür 1380 angenommen werden.

11 Vgl. Binding: S. 105 f.

12 Anm.: An dieser Stelle soll noch einmal auf das Grabmal Papst Johannes XXII. in der Kathedrale NotreDame-des-Doms d´Avignon hingewiesen werden, welches nach Binding gebündelt reine Flamboyantformen benutzt. [Quelle: Binding: S. 97]

13 Anm.: Binding gibt 1370 an [vgl. S. 25 und S. 73]. Allerdings spricht der Autor an dieser Stelle von Bauten, deren Gestaltung nicht eindeutig als flamboyant angesehen werden dürfte, sondern sowohl zeitlich als auch von den benutzten Formen eher in Richtung Rayonnant tendiert.

14 Recht: S. 11 vgl. http://www.eschule.de/romanica/ id~56UgeQ6XwEIqOCJu/text/16.htm 7

15 Binding: S. 97 vgl. S. 105 f.

16 1452, vgl. Recht: S. 11

17 Anm.: Jeweils zwei Lanzetten-Bahnen sind durch einen Kielbogen zusammengefasst. Fischblasen und Soufflete bilden neben der Rahmung für die innere Figur gleichzeitig einen weiteren Kielbogen, welcher die zwei unteren Kielformen überfasst und sich bis zur Fensterlaibung aufschwingt.

18 Anm.: Möglich wäre bei dieser Zentralfigur auch eine Anlehnung an die Fleur de lis (Abb. 56) und die damit ausgedrückte Verbundenheit zwischen Kirche und Staat, wobei der Staat im „Herzen der Kirche“, also untergeordnet, zu liegen kommt. Auf die Wappenlilie und eine mögliche Funktion in der Flamboyant-Gotik soll in Punkt „7. Historisches Layout - history of art oder l ´ historie de l ´ art “ noch einmal eingegangen werden.

19 Anm.: Mit „bewegungskorrigierend“ sei an dieser Stelle bewegungshemmend gemeint. Die Flamboyantformen der Lanzettenbahnen, welche eher an gehörnte Tierköpfe oder Knospen erinnern, als an 10

20 Recht: S. 14

21 Binding: S. 28

22 Cowen: S. 44

23 Cowen: S. 84

24 Cowen: S. 41

25 Simos, Miriam: The Spiral Dance. A Rebirth of the Ancient Religion of the Great Goddess; Harper & Row Publishers, New York 1979: S. 187 ff. vgl. HYPERLINK "http://www.puramaryam.de/ symbolspirale.html" www.puramaryam.de/ symbolspirale.html

26 Cowen: S. 81

27 Anm.: Merkwürdig ist, dass Cowen hier den selben Begriff für die Form gotischer Rosenfenster verwendet, wie Miriam Simos in ihrem Buch „The Spiral Dance“ für die Beschreibung vor-christliche Riten. [vgl. Cowen: S. 47 und Simos: S. 187 ff.)

28 Cowen: S. 47

29 Binding: S. 100

30 http://www.frankreich-experte.de/fr/1/1204.html 18

31 Anm.: Eleanor-Kreuze wurden an den Stellen aufgestellt, an denen der Leichenzug der verstorbenen Frau König Edwards auf dem Weg von Lincoln nach London Station gemacht hatte. Dies bildet eine Beutungskongruenz mit dem erstmaligen Auftreten von Flamboyant-Formen an Grabmonumenten in Frankreich um etwa dieselbe Zeit. [vgl. Binding: S. 114 f.] - Weiterhin ist der Kultur-Einfluss britischer Baumeister eindeutig in Bezug auf das Baldachin-Grabmonument Papst Johannes XXII. in der Kathedrale Notre-Dame-des-Doms d´Avignon gegeben: „…made by english stonecutter around 1330…“. [zitiert nach www.avignon.fr/en/visites/visite1en.php]

32 Anm.: Gleichsam Endphase des Flowing-Tracery. [Quelle: Koch: S. 192, Grafik]

33 Binding: S. 155 f. vgl. Koch S. 197.; Anm.: Möglicherweise geht dieses Motiv auf die Genealogie Jesses 19

34 Anm.: Netzartige Gitterornamente finden sich bereits in islamischer und maurischer Architektur (CelosíaFenster). Möglicherweise sind diese von Europäern als märchenhaft und phantasievoll empfundenen Formen über die Kreuzzüge aus dem islamischen Architekturfundus durch begleitende Baumeister über Kulturaustausch in das englisch-christliche Repertoire aufgenommen und dort von Schleier- über Gitter- zu „großmaschigem“ Maßwerk modifiziert worden. [Quelle: Brockhaus Geschichte-Band II: Mittelalterliche Welt und Frühe Neuzeit: S. 306 vgl. Koch: S. 82 ff., 196 f.; Cowen: S. 41, 44;Halliday, Fred: Islam and the Myth of Confrontation. Religion and Politics in the Middle East, London 1995]

35 Anm.: Die Bourbonen-Lilie befindet sich seit 1179 im Wappen der französischen Könige. [Quelle: Koch: S. 447]

36 Anch-Zeichen oder Lebensschleife, vgl. In: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter; Scherz-Verlag, Bern - München - Wien 1987, S. 124 f.

37 Binding: S. 317

38 Anm.: Dieses Fenster der Stuttgarter Spitalkirche weist zwar spätgotische Flamboyant-Formen auf, erinnert in deren Anordnung aber sowohl an französische, als auch an englische Vorbilder. [Vgl Abb. 63 und Abb. 64]

39 Zitiert nach Cowen: S. 71

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Style Flamboyant - Zenit des Mittelalters
Hochschule
Universität Leipzig  (Kunstgeschichte und Orientwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Maßwerk. Entwicklung und Funktion einer gotischen Bau- und Schmuckform
Note
bestanden
Autor
Jahr
2004
Seiten
111
Katalognummer
V86327
ISBN (eBook)
9783638020664
ISBN (Buch)
9783638921299
Dateigröße
12278 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit enthält über 70 Abbildungen auf ca. 70 Seiten (Anm. der Red.).
Schlagworte
Style, Flamboyant, Zenit, Mittelalters, Seminar, Maßwerk, Entwicklung, Funktion, Schmuckform, Gotik, Frankreich, Architektur, Kunstgeschichte, Fenster, Fensterformen, Formen, Geschichte, England, Bauform, Kathedrale, Kirchenbau, Dom, Dombau, Mitteleuropa
Arbeit zitieren
Ronny Barthold (Autor), 2004, Style Flamboyant - Zenit des Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86327

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