Lesbische Neigungen - abartig?

Weibliche Homosexualität in der Antike


Seminararbeit, 2003

45 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Terminologie und Begriffseingrenzungen
1.1 Homosexualität? Lesbische Liebe?
1.2 Liebe zwischen Frauen aus der Sicht der Männer
1.3 Was machen zwei Frauen eigentlich miteinander?
1.4 Weibliche Homosexualität im 19./ 20. Jahrhundert
1.5 „Moderne“ Ansichten

2 Archaik
2.1 Sappho
2.1.1 Die Zeugnisse
2.1.2 Die Rezeption in Antike und Neuzeit
2.2 Chorlyrik
2.2.1 Alkmans Partheneia
2.2.2 Weiblicher Chor – männlicher Dichter
2.3 Homosexualität als Erziehungsform in der Archaik?

3 Griechische Klassik, Hellenismus und die griechischsprachige Welt bis in römische Zeit
3.1 Die Klassik - Platon
3.2 Hellenismus und Folgezeit
3.3 Zauberei
3.4 Zwischen Desinteresse und offener Feindseligkeit

4 4. Rom
4.1 Weibliche Homosexualität im Spiegel der römischen Literatur
4.2 Religiöse Feste als Teil einer weiblichen ‚Gegenkultur’?
4.3 Julia Balbilla – Eine weibliche Stimme zum Thema?
4.4 Mannweiber’ als Bedrohung – Die römische Sicht der Dinge

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

Einleitung

Über diese Sache sind viele verkehrte Vorstellungen verbreitet, die eine ernsthafte Forschung auch auf die Gefahr hin Schmutz aufzuwühlen, bekämpfen muß.[1]

In dieser Arbeit werde ich der Frage nachgehen, ob und in welchen Formen die Existenz weiblicher Homosexualität für die Antike überliefert ist. Dem Titel entsprechend möchte ich auch den Umgang der Gesellschaft mit diesem Phänomen beleuchten. Ich werde dabei – nach einer ersten Annäherung an das Thema - chronologisch vorgehen, da wohl nicht anzunehmen ist, daß ein so komplexes Thema für die ganze Antike gleich zu behandeln ist.

Das erste Kapitel ist der Versuch einer Begriffsbestimmung. Was ist weibliche Homo­sexualität/ lesbische Liebe, woher stammen diese Termini, gab es sie in der Antike und - wenn ja - in welcher Form?

Im zweiten Kapitel wende ich mich der griechischen Archaik zu. Hier sind es zwei Themen, die uns – möglicherweise – einen Blick auf Homosexualität unter Frauen erlauben: Zum einen natürlich Sappho, eine der wenigen weiblichen Stimmen zum Thema, zum zweiten die Chorlyrik mit Alkman als interessantestem Vertreter.

Die Klassik und den Hellenismus werde ich nicht gesondert behandeln, genausowenig wie die griechischsprachige Welt in römischer Zeit, da mir scheint, daß sich hier die Ansichten der männlichen Autoren zum Thema nicht sehr voneinander unterscheiden und für mein Gebiet eine scharfe Trennung nicht zwingend notwendig ist.

Anders verhält es sich mit Rom, um das es im vierten Abschnitt geht. Auch hier haben wir keine Quelle aus der Feder einer Betroffenen, wieder nur viele Meinungen und auch Schmähungen von Männern. Interessant ist es hier vielleicht, nach dem Grund für solche Schmähungen zu fragen, und auch das möchte ich in diesem Kapitel tun.

1 Terminologie und Begriffseingrenzungen

1.1 Homosexualität? Lesbische Liebe?

Der Begriff Homosexualität existierte in der Antike nicht und stammt aus dem 19. Jahrhundert. Er wurde 1896 vom Schweizer Arzt Karoly Maria Benkert geprägt[2] und bezieht sich von seiner griechischen Wurzel her auf Liebe unter ‚Gleichen’, also sowohl auf männliche als auch auf weibliche Gleichgeschlechtlichkeit. Zuerst war er noch eher pathologischer Natur, um 1920 drang er aus dem medizinischen Diskurs in den öffentlichen und wurde allmählich von den tatsächlich Betroffenen vereinnahmt.

Frauen wurden jedoch auch in der aufkommenden Homosexuellenbewegung marginalisiert. Mit dem Ergebnis, daß in der Praxis ‚Homosexualität’ und der Begriff ‚Homosexuelle’ fast ausschließlich für Männer, die Männer lieben, verwendet wurden und werden. Für Frauen bleiben das in den 70ern durch die Frauenbewegung aufgewertete Wort ‚Lesben’ und die ‚lesbische Liebe’.

Unschwer ist zu erkennen, daß diese Begriffe sich auf Sappho, hochstilisiert zu einer Art Urmutter weiblicher Homosexueller und auf Lesbos als ihre Heimat und den Ort ihres Schaffens bezieht. Lesbische Liebe lesbizein oder lesbiazein, ‚es wie LesbierInnen machen’, ist ein Verb, das nicht eindeutig einordenbar ist, aber nicht oder nur in einzelnen Fällen auf Handlungen Bezug nimmt, die wir heute als ‚lesbisch’ einordnen würden. Es kann sich auf Fellatio beziehen, meint aber häufig auch nur allgemein sexuell abweichendes Verhalten, „sexuelle Unternehmenslust“[3].

Die Antike kannte unsere Begriffe für gleichgeschlechtliche Liebe also nicht, hatte jedoch andere. Üblich war tribaV, ins Lateinische übersetzt frictrix, das am eindeutigsten den Sachverhalt einer sexuellen Handlung zwischen Frauen wiedergibt. Bei Platon (symp. 191 e) und Lukian in den Hetären­gesprächen (5, 2) kommt der Begriff etairistria vor.

Nun ist es natürlich sehr problematisch, einen Begriff wie ‚homosexuell’ auf Personen und Sachverhalte anzuwenden, zu deren Zeit er noch gar nicht existierte. Ich werde das in dieser Arbeit der Einfachheit halber trotzdem tun, jedoch mit aller gebotenen Vorsicht. Auch Dover weist darauf hin, daß das Fehlen des heute so unumstößlichen Gegensatzpaares Homo- und Heterosexalität in der griechischen Welt durchaus gute Gründe gehabt haben könnte: Die Vorstellungswelt der damaligen Menschen war in diesem Aspekt nicht so zweigeteilt wie unsere, man (und frau) mußte sich nicht für eines von beiden entscheiden, wobei die Entscheidung für die Homosexuelität das Überschreiben der Grenze zur Perversität bedeutet hätte.[4] Bei unserer Quellenlage kann das natürlich vor allem für die Sphäre der Frauen nur eine Hypothese sein. Ich werde mich jedoch in der vorliegenden Arbeit auch auf sie stützen, da es bei diesem Thema, wie sich zeigen wird, fast unmöglich ist, mit etwas anderem als Hypothesen zu arbeiten.

1.2 Liebe zwischen Frauen aus der Sicht der Männer

Wie ich in der Einleitung bereits erwähnt habe, stammen die meisten unserer Quellen auch über weibliche Homosexualität aus der Feder von Männern. Daß das gerade bei diesem Thema besonders unglücklich ist, braucht wohl nicht explizit erwähnt zu werden. Nicht nur, daß immer ein (meist negatives) Urteil in der Berichterstattung mitschwingt, den Männern muß auch vieles verborgen geblieben sein, das für die heutige Forschung sehr aufschlußreich wäre. Vieles könnte sie auch einfach nicht interessiert haben, denn durch zwei Freundinnen, die Zärtlichkeiten miteinander austauschen, ist - anders als bei einem möglichen Liebhaber der Frau - keine männliche Erbfolge gefährdet. Für eine Geringschätzung des Themas spricht vielleicht auch die Tatsache, daß für die römische Zeit keinerlei Gesetze weibliche Homosexualität betreffend überliefert sind.[5]

Dazu kommt noch eine gewisse, aus der prinzipiellen Separiertheit männlicher und weiblicher Sphäre resultierende Unwissenheit. Ich denke hier z. B. an Frauenfeste wie das der Bona Dea, auf das ich weiter unten kurz eingehen werde.

Es gibt auch die Möglichkeit, daß weibliche Gleichgeschlechtlichkeit zumindest in der griechischen Antike ein Thema war, über das zu sprechen sich vor Männern nicht schickte.[6] Lukians um einiges später verfaßte Hetärengespräche bilden insofern eine Ausnahme, als daß sie sich nicht auf freie Bürgerinnen, sondern auf Prostituierte beziehen.[7] Auch in den Vasenbildern ist „trotz ihrer Vorliebe für obszöne Darstellungen“[8] so gut wie nichts erhalten, das sich als sexuelle Handlung zwischen Frauen deuten ließe. .

In der römischen Welt ist das etwas anders. Fällt der Blick schreibender Männer einmal auf homosexuelles Verhalten bei Frauen, wird das scharf kritisiert und in negativem Licht dargestellt.

Bei allen in dieser Arbeit zusammengetragenen Quellen, die die männliche Sicht wieder­geben, sollte also immer die naturgemäße Unvollständigkeit ihrer Angaben zum Thema im Hinterkopf behalten werden.

1.3 Was machen zwei Frauen eigentlich miteinander?

Wie oben bemerkt, bezieht sich die Bezeichnung tribaV auf eine sexuelle Handlung zwischen zwei Frauen. Um diese sexuelle Handlung drehen sich die Quellen immer wieder, wenn sie auch vielfach umschrieben wird. Tatsächlich dürfte Homosexualität in einer Zeit, in der praktisch keine Frau ab einem gewissen Alter unverheiratet blieb, keine Frage des prinzipiellen Homosexuell seins, sondern eine Frage einzelner homosexueller Handlungen gewesen sein. Eheähnliche Beziehungen zwischen Frauen, wie sie heute lebbar sind, waren allein aufgrund der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abhängigkeit von Frauen wohl nur schwer möglich. Eine solche Beziehung wird nichts desto weniger von Lukian (Het. 5) dargestellt, allerdings in der ohnehin nicht der gängigen Moral unterworfenen Sphäre der Prostituierten.

Was hat man(n) sich nun unter der eigentlichen Handlung vorzustellen? Wie schildern schreibende Männer etwas, das sie in den wenigsten Fällen wohl tatsächlich gesehen haben? Hier dürfte auch auf die Antike zutreffen, was Lillian Fadermann für das Europa des 16./17./18. Jahrhunderts festgestellt hat: Männer, die sich an die Beschreibung weiblichen homosexuellen Verhaltens wagten, waren nicht willens oder in der Lage, sich einen Geschlechtsakt ohne Penis, ohne Penetration vorzustellen. Jegliche Darstellung sexueller Praktiken zwischen zwei Frauen imitiert nur gängiges heterosexuelles Verhalten. Wo kein Mann ist, muß eine der beiden Frauen die Rolle des Mannes übernehmen.[9]

Meistens ist sogar nur diese eine die eigentliche Tribade. Sie verführt andere, ‚normale’ Frauen (Megilla bei Lukian Het. 5; Philaenis bei Martial 7,67). Das paßt klar in ein Konzept, in dem dem männlichen Part allein – in diesem Fall der vermännlichten Frau – die sexuelle Initiative zugestanden wird, und die Frau eine eher passive Rolle einnimmt. Dies trifft auch auf das Verhalten beim Geschlechtsakt selbst zu: Es gibt einen aktiven und einen passiven Part, es sind Hilfsmittel im Spiel, die den fehlenden Penis ersetzen sollen (so bei Lukian).

Das Verb tribw bedeutet ‚reiben’, aus so gut wie keiner der antiken Stellen geht allerdings hervor, was genau man sich darunter zu verstehen hat. Faderman führt als Beispiel aus der Neuzeit Brantôme, einen Schriftsteller des 17. Jahrhunderts an, der sich unter Tribadie eine Art Missionarsstellung vorstellt, bei der die beiden Beteiligten ihre Genitalien aneinander reiben.[10] Der Realität näher kommen dürfte, was Kroll leicht verschämt mit dem lateinischen Begriff masturbatio mutua umschreibt. „Genauere Schilderungen“, fügt er hinzu, „finden sich begreiflicherweise nicht.“[11] Von einer tatsächlichen Gegenseitigkeit ist in den Quellen, getreu der aktiv-passiv-Rollenverteilung, und wohl auch aus Mangel an Sachkenntnis nie die Rede.

Genauere Schilderungen bietet Martial in seinem Angriff auf Philaenis (7,67). Hier ist Cunnilingus erwähnt, den sie aber auch nicht ‚normal’ vollzieht, sondern in einer Art Hard-core-Variante, um ‚männlich’ genug zu sein.

1.4 Weibliche Homosexualität im 19./ 20. Jahrhundert

Zum besseren Verständnis der antiken Situation, aber auch um Fehler in den Überlegungen früherer, zumeist männlicher Gelehrter als solche zu erkennen, sei hier ein kurzer Blick auf die Forschungsgeschichte zur weiblichen Homosexualität im 19. und 20. Jahrhundert geworfen, bevor ich mich mit den antiken Zeugnissen beschäftige.

Frühe Forschungen im 19. Jahrhundert, männliche wie weibliche Homosexuelle betreffend, erklärten Homosexualität als etwas Pathologisches, als eine Geisteskrankheit, was – obwohl wenig schmeichelhaft – eine Verbesserung gegenüber er bisherigen Situation darstellte. Bisher war sie nämlich beispielsweise im preußischen Strafgesetzbuch ein Verbrechen gewesen (das galt jedoch nur für sodomitische Handlungen unter Männern). Homosexuelle sollten also als Kranke behandelt werden, nicht als Verbrecher.[12]

Naturgemäß waren die Forscher mehrheitlich Männer. Sie zogen ihre Schlüsse, die weibliche Homosexualität betreffend, aus wenigen Fallbeispielen, vielfach aber auch als Umkehr­schlüsse aus ihren Forschungen zur männlichen Homosexualität.[13]

Ein wichtiger Vertreter der Homosexuellenforschung im deutschsprachigen Raum war Richard von Krafft-Ebing. Als Ursachen weiblicher Homosexualität sah er unter anderem „Hypersexualität“, „Automasturbation“, „Homosexualität faute de mieux“, also aus Mangel an Alternativen wie in Frauengefängnissen, Mädchenpensionaten etc. und aus Ekel vor Männern aufgrund vorhergehender schlechter Erfahrungen. Daneben gibt es laut Krafft-Ebing noch angeborene Varianten, wobei einige davon mit stark maskulinen Merkmalen in Charakter und Erscheinungsbild einhergehen.[14]

Die sexuelle Praxis vollzieht sich in mehreren Stufen vom „Küssen und Umarmen“ über „Kunnilingus“, „mutuelle Masturbation“ und „Tribadie“ bis zur „Benutzung von Priapen“.[15] Auch hier stellt interessanterweise die höchste Stufe eine Nachahmung des heterosexuellen Geschlechtsaktes dar.

Mit dieser Pathologisierung wie auch immer gearteter Beziehungen zwischen Frauen wurde nicht nur Gutes erreicht. Frauenfreundschaften ohne eindeutig sexuelle Basis, in vorangegangenen Jahrhunderten noch gefördert und in durchaus leidenschaftlichen Worten von den Frauen selbst gefeiert, wurden plötzlich als die Vorstufe zu etwas Widernatürlichem gesehen. Frauen, die Frauen liebten, waren nicht länger weiblich, eine Art ‚drittes Geschlecht’ entstand. Ab etwa 1920 war ‚lesbische Liebe’ ein allgemein anerkannter Begriff. Zärtliche Äußerungen zwischen Frauen, wie sie vorher noch üblich gewesen waren (ein berühmtes Beispiel sind die Briefe zwischen Virginia Woolf und Vita Sackville-West), sind nun nicht mehr möglich, ohne den Verdacht von Perversion auf sich zu lenken. Die Literatur von Frauen, die sich zu Frauen hingezogen fühlen, spiegelt zunehmend Schuldgefühle und Selbsthaß wieder.[16]

Auch am Beginn des 20. Jahrhunderts werden wie in den oben zitierten Beispielen aus der Antike einzelne Frauen als Homosexuelle definiert und mit männlichen Attributen ausgestattet. Ihnen als Ausnahmefrauen werden der Zugang zu bestimmten Männerinstitutionen (Universitäten, Parlamenten u.Ä.) und auch das Recht auf eine Partnerin zugestanden, als gesellschaftlicher Schutzmechanismus gegen die aufkommende Frauen­bewegung: „Offenbar sollte ihre Teilhabe am öffentlichen Leben in männlicher Kameradschaft, nicht in frauenbewegter Solidarität Ausdruck finden.“[17]

1.5 „Moderne“ Ansichten

Nicht länger kriminalisiert oder pathologisiert wird weibliche Homosexualität in den Kinsey-Reporten. In Das sexuelle Verhalten der Frau wird 1954 weibliche Homosexualität unvoreingenommen beschrieben: Entgegen allgemeiner Meinung existiert sie unter Säuge­tieren, ist also nicht „widernatürlich“[18]. Homosexualität wird als eine Spielart des men­schlichen Sexualverhaltens beschrieben, Schubladisierungen werden kritisiert.[19] Statistische Erhebungen liefern nun Daten, die nicht länger auf einzelnen Fällen und persönlichen Urteilen der Forscher beruhen.

Vor allem im Hinblick auf die sexuellen Techniken sind diese Erhebungen interessant. Anders als nach allgemeiner, wie oben beschrieben schon in der Antike anzutreffender Meinung Unbeteiligter, kommt vaginale Penetration mit Objekten, die als Penisersatz dienen, relativ selten vor. Es überwiegen gegenseitige Masturbation und oraler Verkehr. Auch die oben beschriebene Form des sich aneinander Reibens ist weniger häufig, aber immer noch öfter anzutreffen als Verkehr mit einem Penisersatz.[20] Die Häufigkeit der unterschiedlichen Praktiken variiert offenbar leicht je nach Schichtzugehörigkeit und Hautfarbe der Beteiligten[21] - sodaß diese Ergebnisse selbstverständlich nicht direkt auf antike Verhältnisse zu übertragen sind.

Zu denken sollten sie uns jedoch trotzdem geben, da ähnliche Vorurteile wie die in der Antike anzutreffenden auch heute noch kursieren, und trotz dieser weiten Verbreitung jeder Grundlage entbehren - wie man an den Forschungen Kinseys und seiner NachfolgerInnen erkennen kann.

Gerade die Maskulinisierung einer der beiden Partnerinnen und die Projizierung der gängigen Rollenverteilung in einer heterosexuellen Beziehung auf eine Partnerschaft zwischen Frauen hat sich tief im Volksglauben verankert. Neben der diese Stereotypen reproduzierenden Butch-femme-Bewegung innerhalb der lesbischen Subkultur des 20. Jahrhunderts gibt es jedoch moderne Untersuchungen, die in lesbischen Beziehungen eine gänzlich andere Dynamik als in heterosexuellen feststellen.[22]

In der Frauenbewegung der späten 60er und 70er Jahre war der lesbische Feminismus schließlich eine sehr wichtige Strömung. Lesbisch zu leben bot eine Alternative zu den als gängigen, als Formen der Unterdrückung wahrgenommenen heterosexuellen Paar­be­ziehungen. Es wurde gleichsam von der Krankheit oder der Veranlagung zu einer Wahl, die jede Frau hatte, wie es z.B. in Verena Stefans Häutungen, einem Kultbuch der Frauen­bewegung im deutschsprachigen Raum, beschrieben ist.

Neuere Ansätze in der queer theory gehen so weit, die Dichotomie Hetero-/Homosexuell als Ganzes als ein gesellschaftliches Konstrukt entlarven zu wollen.[23]

Alle modernen Forschungsergebnisse lassen sich aufgrund der spärlichen Zeugnisse auf die Antike natürlich nicht oder nur auf sehr hypothetischer Basis übertragen. Wir haben es mit anderen sozialen Bedingungen zu tun. So ist zum Beispiel Homosexualität als Mittel der Erziehung im christlichen Abendland ein absolutes Tabuthema. Mit ihr werde ich mich im folgenden Kapitel über die Archaik beschäftigen.

2 Archaik

2.1 Sappho

2.1.1 Die Zeugnisse

Vermutlich ist über keine Frau der griechischen Antike so viel geschrieben worden wie über die um 630 geborene Dichterin Sappho. Es gibt nur wenige biographische Nachrichten über sie, die nahe genug an ihrer eigenen Zeit liegen, um als einigermaßen authentisch gelten zu können. Vieles, wie z.B. die Legende um Sapphos Selbstmord aus unglücklicher Liebe zu dem schönen Jüngling Phaon, sind spätere Zuschreibungen.[24].

Ihre Gedichte sind nur in Fragmenten erhalten, vieles ist widersprüchlich, und die darin enthaltenen biographischen Angaben sind spärlich. So wissen wir beispielsweise, daß Sappho eine Tochter namens Kleis hatte (152 D). Die Suda berichtet, sie wäre mit einem Mann namens Kerkylas von der Insel Andros verheiratet gewesen.[25] Sie muß einer Familie der adeligen Oberschicht angehört haben, befand sich zeitweilig auf Sizilien im Exil, wie der Marmor Parium berichtet (FGrH 239,36).

Das Hauptaugenmerk der Forschung liegt allerdings vielfach auf ihren Aktivitäten auf Lesbos. Aus ihren spärlich überlieferten Gedichten geht hervor, daß sie junge Mädchen in Gesang und Tanz unterrichtet hat. Ein als Mahnung an ihre Tochter überliefertes Fragment gibt darüber Auskunft, wie Sappho ihre Institution verstanden wissen wollte:

[...]


[1] Wilhelm Kroll: RE Bd 12, II (1925) Sp. 2100 – 2102, s.v. Lesbische Liebe, Sp. 2100.

[2] Vgl. Annamarie Jagore: Queer Theory. Eine Einführung. Berlin: Querverlag 2001, S. 95.

[3] Kenneth J. Dover: Homosexualität in der griechischen Antike. Aus dem Englischen übertragen von Susan Worcester. München: Beck 1983, S. 160.

[4] Vgl. ebda. S. 161.

[5] Vgl. Elke Hartmann: Der neue Pauly. Encyklopädie der Antike. Bd 6. Stuttgart, Weimar: Metzler 1998. S.v. Homosexualität. Sp. 705.

[6] Vgl. Werner Krenkel: Tribaden. In: Wayne R. Dynes, Stephen Donaldson (Hrsg.): Homosexuality in the Ancient World. New York, London: Garland 1992 (= Studies in Homosexuality. 1.) S. 292.

[7] Vgl. Krenkel: Tribaden, S. 292.

[8] Kroll: Lesbische Liebe, Sp 2101.

[9] Vgl. Lillian Faderman: Köstlicher als die Liebe der Männer. Romantische Freundschaft und Liebe zwischen Frauen von der Renaissance bis heute. Aus dem Amerikanischen von Fiona Dürler und Anneliese Tenisch. Zürich: eco 1990. S. 31f.

[10] Vgl. Faderman: Köstlicher als die Liebe der Männer, S. 31.

[11] Wilhelm Kroll: Lesbische Liebe. Sp. 2101.

[12] Vgl. Barbara Gissrau: Die Sehnsucht der Frau nach der Frau. Psychoanalyse und weibliche Homosexualität. Von der Autorin erweiterte und aktualisierte Ausg. München: dtv 1997, S. 22.

[13] Vgl. Hanna Hacker: Männliche Autoren der Sexualwissenschaft über weibliche Homosexualität (1870 – 1930). In: Rüdiger Lautmann (Hrsg.): Homosexualität. Ein Handbuch der Theorie- und Forschungsgeschichte. Frankfurt, New York: Campus 1993. S. 137.

[14] Vgl. ebda. S. 136.

[15] Vgl. ebda.

[16] Vgl. Gissrau, Die Sehnsucht der Frau nach der Frau, S. 24 f..

[17] Hacker, Männliche Autoren der Sexualwissenschaft über weibliche Homosexualität, S. 138.

[18] Vgl. Alfred Kinsey u.a.: Das sexuelle Verhalten der Frau. Berlin: G.B.Fischer 1954, S. 242 ff.

[19] Vgl ebda. S. 242.

[20] Vgl ebda. S.359.

[21] Vgl. Alan P. Bell und Martin S. Weinberg: Der Kinsey Institut Report über weibliche und männliche Homosexualität. München: Bertelsmann 1978, S. 127 f.

[22] Vgl. Gissrau, Die Sehnsucht der Frau nach der Frau, S. 236 ff.

[23] Vgl. Annamarie Jagore, Queer Theory, S. 78 ff.

[24] Vgl. Marion Giebel: Sappho. Reinbeck bei Hamburg: rowohlt 1980, S. 124.

[25] Vgl. Suid. s.v. Sapjw.Zit. nach: Sappho. Griechisch und deutsch herausgegeben von Max Treu. München: Heimeran 1954, S. 112 f.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Lesbische Neigungen - abartig?
Untertitel
Weibliche Homosexualität in der Antike
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
45
Katalognummer
V86332
ISBN (eBook)
9783638018524
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lesbische, Neigungen
Arbeit zitieren
mag.a Cornelia Gugganig (Autor:in), 2003, Lesbische Neigungen - abartig?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86332

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