Rilke und Rodin - Eine intensive Freundschaft auf dem Weg in die Moderne

Eine Analyse und Interpretation der "Dingdichtung" Rilkes und der Einfluss des Künstlers Rodin anhand der drei Gedichte "Der Panther", "Archaischer Torso Apollos" und "Römische Fontäne" aus der Sammlung der "Neuen Gedichte" (1907)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

25 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

1. Einleitung

2. Rilke „vor“ und „mit“ Rodin

3. Rilkes Veränderungen

4. Das „Dinggedicht“

5. Gedichte 1: “Der Panther”

6. Gedichte 2: „Archaischer Torso Apollos“

7. Gedichte 3: „Römische Fontäne“
7.1 Formale Interpretation
7.1.1 Gedichtform
7.1.2 Kurzinhalt des Gedichtes
7.1.3 Sinngruppen
7.1.4 Rhythmus
7.1.5 Metrik
7.2 Reimklang
7.2.1 Klangfolge der Endreime
7.2.2 Klangwert der Endreime
7.2.3 Klangwert der Stabreime
7.3 Signalwert der Ausdrucksmittel Satz und Wort
7.3.1 Satzbau
7.3.2 Wortformen
7.3.3 Wortwahl und Metaphern

8. Zusammenfassende inhaltliche Interpretation

9. Schlussbetrachtung

10. Literaturverzeichnis

0. Vorwort

Der am 4. Dezember 1875 in Prag geborenen Dichter René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke, uns besser unter der Kürzung Rainer Maria Rilke bekannt, ist wohl einer jener deutschsprachigen Schriftsteller, die den Anspruch erheben können als „besonders lesenswert“ eingestuft zu werden, um einen Ausspruch Marcel Reich-Ranickis zu verkürzen, für den „Generationen deutscher Leser galt und gilt er als die Verkörperung des Dichterischen, sein klangvoll-rhythmischer Name wurde zum Inbegriff des Poetischen“ (Reich-Ranicki 681).

Rilke ist ein Phänomen. Ein Mann, der viele dichterische und künstlerische Phasen, literarische Gattungseinstufungen und bestehende Auffassungen seiner Lebenszeit sprengte. Einer derjenigen, die sich immer verändern und doch nie ändern, denn Rilke war und ist ein Meister der Sprache und Form, er ist die Melodie der Literatur, die er in unzähligen Facetten und Nuancen seinen Lesern zuteil kommen lässt.

Wie erwähnt wird das Hauptaugenmerk dieser Hausarbeit auf Rilkes „Römische Fontäne“ (Villa Borghese) gelegt, welches Rilke im Jahr 1906 verfasste und in seinem 1907 erschienenen Band die „Neuen Gedichte“ veröffentlichte.[1]

Dieses Gedicht zeigt den sprachlich-stilistischen und rhythmisch-melodischen Wert einer Kunstauffassung verbunden mit einer dichterischen Genauigkeit und spiegelt einen wesentlichen Lebensabschnitt Rilkes wider, den er durch die Zusammenkunft mit einem, für ihn interessantesten und begabtesten impressionistischen Künstlern der Welt, Auguste Rodin, erfahren hat. In dieser Eigenschaft lässt der Dichter die „Wirklichkeit“ der Kunst und Natur erklingen.

Wie und mit welchen Mitteln Rilke diese Art der Dichtung erschaffen hat und wie weitreichend der Rodin`sche Einfluss auf dieses Werk einging, werde ich im Folgenden genau untersuchen und eine formale und inhaltliche Interpretation der „Römischen Fontäne“ geben.

1. Einleitung

Rainer Maria Rilke und Auguste Rodin sind zwei Künstler, der eine in der literarischen, der andere in der bildenden Kunst, die nicht ohne Schwierigkeiten einer einzelnen Epoche oder eines bestimmten Stils zugeordnet werden können, haben beide doch so vielfältige und weitlaufende Einflüsse in ihrem Leben erfahren, umgesetzt und erzeugt.

Folgt der Dichter und Schriftsteller Rilke noch zu Beginn seines Wirkens der Tradition der Neoromantiker, durch die er das Musikalische und das Religiöse zum Hauptthema seiner Gedichte erklärt und deren Bedeutungen er erhöht und stilisiert, so tritt eine weitgehende Veränderung zur Jahrhundertwende ein. Durch ausgedehnte Reisen in Länder Europas und Afrikas und durch Zusammenkünfte mit unterschiedlichen literarischen und künstlerischen Persönlichkeiten, erlangt er dabei über den Impressionismus, den Jugendstil und den Symbolismus zu einem Kernstück seines Lebenswerkes, dass er durch Symbiose zwischen der Bekanntschaft der Kunst- und Lebensauffassung Auguste Rodins und der Weltmetropole paris erlangt. Durch Rodin erfährt er das „Erlernen des Schauens“ und es bildet sich eine neue Welt heraus, in der Rilke die Objekte, die Dinge, in den Fokus nimmt. Diese Sachlichkeit erweckt er zu einer ganz neuen Art von Poetik, die er in seinen „Dinggedichten“ niederschreibt und 1907 in der Sammlung „Neue Gedichte“ publiziert.

Ziel dieser Arbeit ist es den Pariser Aufenthalt Rilkes (mit Unterbrechungen ist dieser für die Jahre 1902 – 1914 zu verzeichnen) und die neue Kunstauffassung des Dichters aufzuführen. Dabei wird der Rodin´sche Einfluss, der Einfluss der Stadt Paris und die Veränderungen der Kunst und Literatur Rilkes erörtert, sowie die Wirkung und Wichtigkeit der Dinggedichte und ihre Auswirkungen als Zeichen der Modernität.

Neben einem detaillierten Forschungs- und Überblicksbericht über die Entstehungsgeschichte und das Wesen der Dinggedichte, werden diese Merkmale in einer Betrachtung der drei Gedichte „der Panther“, „Archaischer Torso Apollos“ und am ausführlichsten bei der „Römischen Fontäne“ gezeigt.

2. Rilke „vor“ und „mit“ Rodin

Von der böhmischen Heimat losgelöst, tritt Rainer Maria Rilke um die Wende zum 20. Jahrhundert „in die Welt hinaus“ (Schneditz 12). In dieser Welt bilden sich künstlerische Reife und die formale Gestaltungskraft des Dichters aus.

Rilke besuchte in seinem Leben viele Länder, er unternahm unzählige Reisen, die ihm jeweils nachhaltigen Eindruck vermittelten und ihn zu seinen Werken inspirierten .

In seinen Reisen nach Russland in den Jahren 1899 und 1903 wurde Rilkes arteigene dichterische Ausprägung und vor allem das religiöse Element in dessen Bewusstsein erweckt.

Ergebnisse dieser Reisen waren die Werke Das Stundenbuch und Die Geschichten vom lieben Gott.

Bei einem Kurzaufenthalt in Worpswede, einem norddeutschen Künstlerdorf, in welchem Rilke das Sujet der Malerei sowie seine Ehegattin Clara Westhoff kennen lernte, erhob er das Gefühl der Landschaft über das Medium der Malerei (Schneditz 13).

Im November 1903 reiste Rilke zusammen mit Clara nach Rom. Dort bewohnten sie ein kleines Gartenatelier, das seine Frau für ihre Studienzwecke nahe der Villa Borghese mietete. Im Borghese Garten fühlte sich der Dichter sehr wohl, was ein Brief an Arthur Holitscher vom 5. November 1905 beweist: Die Villa und der Garten sind ihm „schon in den ersten Tagen ein vertrauter Zufluchtsort“ so schreibt Rilke, der Getriebene, der es zumeist nicht länger als ein paar Monate, manchmal auch nur Wochen oder Tage an einem Ort aushielt.“, wie ihn Hans- Ulrich Treichel charakteristisch bezeichnet (116).

Durch seinen darauf folgenden zwölfjährigen Aufenthalt in Paris änderte sich seine dichterische und künstlerische Einstellung nun maßgeblich. In der französischen Hauptstadt, die für Rilke ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis ausmachte, wie aus dem folgenden Schreiben an Clara hervorgeht: „(...) truly a great, strange city ... very, very strange to me. I am perturbed by the many hospitals that I come upon everywhere. I understand why they continually recur in Verlaine, Baudelaire and Mallarmé. One sees the sick going there on foot or by conveyance in all the streets. One sees them at the windows of the Hộtel-Dieu in their peculiar attire, the gloomy, drab, prescribed garb of the sick. One feels, suddenly, that in this vast town there are armies of the sick, hosts of the dying, nations of the dead” (31. August 1902). Das positivste oder für Rilke einschneidende Erlebnis aber waren natürlich nicht die Menschenmassen an Kranken und Ausgestoßenen oder die apokalyptischen Eindrücke der dekadenten Grosstadtmetropole (obwohl diese Beobachtungen den Motivstoff der „Aufzeichnungen“ weithin ausfüllten), sondern Rilke lernte den Bildhauer und Künstler Auguste Rodin kennen, den er aufgrund einer Recherche über eine zu verfassende Künstlermonographie befragen wollte und mit dem er als Sekretär und Freund zeitweise sehr verbunden war. Unter Einfluss des „Phänomen Rodin (Holthusen 67) sollte er von nun an seine Bewunderung für die Kunst der „Dinge“ entfalten und eben dieser Rodin erwuchs zu seiner stilistischen Ikone, zu einem Vorbild ohnegleichen heran, welches für Rilke die schöpferische Lebenskraft in größter Intensität darstellte. Rilkes Bewunderung für diesen Mann, der durch sein Dasein eine menschliche Analogie zum Dasein der Natur“ repräsentierte und das „Ganze“ (Kusenberg 70) in sich verkörperte, spiegeln Briefe Rilkes, wie der folgende von 1905, an seine Frau Clara wider:

[...] was sind alle Ruhe Zeiten, alle Tage in Wald und Meer, alle Versuche, gesund zu leben, und die Gedanken an all dieses: was sind sie gegen diesen Wald, gegen dieses Meer, gegen das unbeschreiblich getroste Ausruhen in seinem haltenden und tragenden Blick, gegen das Anschauen seiner Gesundheit und Sicherheit. Es rauscht von Kräften, [...]Sein Bespiel ist so ohnegleichen, seine Größe steigt so vor einem an wie ein ganz naher Turm, und dabei ist seine Güte, wenn sie kommt, wie ein weißer Vogel, der einen schimmernd umkreist, bis er sich zutraulich auf der Schulter niederlässt. Er ist alles, weithin alles. (Gesammelte Briefe, 1904-1907).

Der Pariser Aufenthalt an der Seite Rodins bedingte den entscheidenden Umformungsprozess in Rilkes dichterischer Haltung: Das Neuromantische, Musikalische und Religiöse, das in der ersten Phase seiner Erschaffungswerke überwiegend und vorherrschend erscheint, wird nun in den Hintergrund gedrängt. Rilkes Orientierung zielt von nun an auf das Künstlerische, das Plastische. Seine Versform wird hart, streng, umgrenzt (Schneditz 13).

Die Faszination für den Künstler Rodin, die Rilke durch die Begegnung mit ihm entdeckte, ist die Antriebsfeder, die treibende Kraft, um die Kunst, die Dingwerdung, in einer modern-komplizierten Seelenwelt zu fassen (Kusenberg 72).

Rodin war für Rilke der Künstler, der Bildner, der auf sich nicht mehr acht hat, der sich selbst unwichtig wird vor dem Werk, und der ´Schauende´ im eminenten Sinne. Der dem Wirklichen zugewandte.

So beschreibt Dehn vortrefflich das Bild Rodins, die Verzückung und den Sinn die Rainer Maria Rilke durch die Zusammenkunft mit diesem Mann erlangte (Dehn 26).

Den Einfluss Rodin sieht man an der „Römischen Fontäne“, die er in Zurückerinnerung an den wundervollen Borghese Garten aus seiner Zeit in Rom (1903) nun im Juli 1906 in Paris als Gedicht zu Papier bringt. Es entsteht nun die neue Sphäre der „Dinggedichte“.

Der große Künstler nimmt sich sehr viel Zeit für den jungen deutschsprachigen Dichter, der sich bemüht den französischen Spracherwerb äußerst rasch zu erlangen. Als Rilke 1905 nach Paris zurückkam, wohnte er als „Sekretär“ bei Rodin in Meudon. Bald übernimmt er für den vielbeschäftigten Franzosen dessen gesamte Korrespondenz in „einem Französisch, für das es sicher irgendwo ein Fegefeuer gibt“ (Brief an Andreas-Salomé vom 14. November 1905).

3. Rilkes Veränderungen

In einem Brief vom 11. September 1902 schreibt Rilke an Rodin:“(...) meine Arbeit, weil ich sie so liebte, sie ist während dieser Jahre zu etwas Feierlichem geworden, zu einem Fest, gebunden an die seltenen Momente der Eingebung, und es gab Wochen, da ich nichts anderes tat, als mit unendlicher Traurigkeit die schöpferische Kraft zu erwarten.“

Rodin lehrte nun Rilke durch sein Vorbild, Lebensmotto, Kunstverständnis und Arbeitmoral, die er als „il faut travailler, rien que travailler, et il faut avoir patience“ (Pagni 49) beschrieb, sodass ein Warten auf Inspiration und Muse diesem entgegenwirkt und den Sinn des „travailler toujours“ verneint bzw. vergeudet . Rodin führte Rilke somit mit aller Strenge und durch konkrete Anleitungen weg von dessen subjektiven Eingaben und der Hoffnung auf die „göttliche Fügung“ bzw. das „poetisierte Erleben“: Rilke sollte den Gegensatz des Subjekts, das Objekt oder „Ding-an-sich“ erkennen. Diese Einstellung erfuhr Rilke schon innerhalb der ersten gemeinsam verbrachten Tagen, während dieser er oft in dem Hause des Künstlers verweilte und bei gemeinsamen Spaziergängen in den Gärten erklärte Rodin seine Auffassung über Kunst durch lebenspraktische Vergleiche:

Here, objects do not deceive. This little snail reminds me of the great works of Greek art; it has the same simplicity, the same smoothness, the same inner glow, the same joyous and festive kind of surface… (Bauer 39).

Fasziniert von diesen Ausführungen über Kunst, erweiterte Rilke daraufhin seine Kunst- und Lebensauffassung und „lernte Sehen“. Das eine Schnecke soviel Gedankengut und künstlerische Verbindungen im Geiste erzeugen konnte, veranlasste Rilke nun über alle Dinge seiner Umwelt gedankenreiche Verbindungen zu Kunst und Natur anzustrengen und dem Verständnis Rodins folgend entwickelte er seine Dinggedichte der Neuen Gedichte, in denen er Kunst, Plastiken, Gemälde, Objekte und Tiere beschrieb, die er durch „concentrated watching and learning“ (Bauer 41) erfasste und als eine Reflexion der Welt in poetische Sprache verwandelte.

Somit konnte Rilke schon relativ kurz danach seine Kunstauffassung erneuern und erklären: „(...) aber wenn meine Arbeiten langsam vorangehen, dann darum weil ich lerne besser zu arbeiten. Und es gibt auch bei mir keinen Fortschritt, den ich nicht Ihnen verdanke.“(Brief an A. Rodin, 1904).

Die Lobpreise auf den zeitweise geradezu angebeten erscheinenden Auguste Rodin sollten auch in den nächsten Jahren nicht verklingen und wurden in die Innerlichkeit des Dichters eingebettet, in der er aus der Rodin´schen Antriebsfeder eine treibende Kraft für sein Schaffen entwickelte. So schreibt er am 11. September 1902:

You are the one man in the world, full of balance and strength, to develop in harmony with his own work. And if that work, so right and so great, has for me become an event of which I can speak only in a voice trembling with utter devotion, it also represents, as you do yourself, an example offered to my life, to my art, to all that there is of purity in my spirit (Hendry 46),

[...]


[1] Um einen unmittelbaren Eindruck über Rilke vor der Zusammenkunft mit Rodin zu bekommen, habe ich die unter 1. beschriebenen Phasen des Dichters, seine Aufenthalte und Reiseziele, sowie seine literarische Auffassung kurz angeführt. Sie besitzen deshalb nicht den Anspruch auf Vollzähligkeit und sollen nur ein knappes Rilke Verständnis geben.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Rilke und Rodin - Eine intensive Freundschaft auf dem Weg in die Moderne
Untertitel
Eine Analyse und Interpretation der "Dingdichtung" Rilkes und der Einfluss des Künstlers Rodin anhand der drei Gedichte "Der Panther", "Archaischer Torso Apollos" und "Römische Fontäne" aus der Sammlung der "Neuen Gedichte" (1907)
Hochschule
West Virginia University
Note
1,00
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V86355
ISBN (eBook)
9783638018456
ISBN (Buch)
9783638919845
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rilke, Rodin, Eine, Freundschaft, Moderne
Arbeit zitieren
Achim Zeidler (Autor), 2004, Rilke und Rodin - Eine intensive Freundschaft auf dem Weg in die Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86355

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rilke und Rodin - Eine intensive Freundschaft auf dem Weg in die Moderne



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden