Antikenrezeption in der Barocklyrik - Untersuchung des humanistischen Bildungsideals im 17. Jahrhundert am Beispiel des Nymphenmotivs


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die barocke Literaturlandschaft: Gelehrtenrepublik und elitäres Literaturbewusstsein
2.1. Das Ideal des „poeta doctus“ als Abgrenzung zum „gemeinen Mann“
2.2. Antikenrezeption: Nachahmung der Lateiner und Griechen

3. Die Nymphen in der Griechischen Mythologie

4. Gedichtvergleich
4.1. Martin Opitz: „Elegie“
4.1.1. Allgemeine, kurze Gedichtanalyse und Interpretation
4.1.2. Die Rolle der Nymphen im Gedicht
4.2. Paul Fleming: „Wolte sie nur wie sie solte“
4.2.1. Allgemeine kurze Gedichtanalyse und Interpretation
4.2.2. Die Rolle der Nymphen im Gedicht

5. Schluss

6. Literatur
6.1. Forschungsliteratur
6.2. Internetquellen

7. Anhang

1. Einleitung

Zu der These, die hier zur Diskussion gestellt werden soll, nämlich, dass die deutsche Lyrik im barocken Zeitalter erheblich geprägt war von einer sich auf sozialer Ebene entwickelnden Besessenheit von Bildung und Gelehrtheit, wurden bereits in der Vergangenheit prominente Stimmen laut. So stellte schon Wilhelm Schlegel 1802 / 03 in seinen Vorlesungen fest: „Mit dem Anfange des 17. Jahrhunderts ungefähr eröffnet sich das, was ich die gelehrte Periode unserer Poesie genannt habe“ (Zitiert nach BARNER, 221). Mehr noch: wir werden sehen, dass diese Gelehrtheit bald zum unentbehrlichen Schlüssel für diejenigen wurde, die Zugang zur Poesie erlangen wollten, sei es als Rezipient oder als Schaffender selbst. 1928 heißt es dazu bei Viëtor: „Bildung und Fertigkeit sind die Voraussetzungen des gestaltenden Verfahrens damaliger Zeit“ (Ebd.). Außerdem werden wir uns mit dem funktionalistischen, sowie dem sozial elitären Charakter der Literatur im 17. Jahrhundert beschäftigen, welcher aus der deutschen Dichtkunst das „Monopol einer exklusiven kosmopolitischen Gelehrtenzunft“ machte, wie 1965 Alewyn das Problem bezeichnete (Ebd.).

„Als besonders charakteristischer Aspekt der literarischen Gelehrtheit gilt die Bindung an die antiken Vorbilder“ (Zitiert nach BARNER, 222). Schon Schlegel war darum bemüht, aufzuzeigen, „wie alle unsere Dichter insofern gelehrt oder literarisch zu Werke gingen, daß sie fremde Muster vor Augen hatten“ (Zitiert nach BARNER, 223). Die Arbeit mit diesen Mustern schlug sich konkret in den Texten nieder, und zwar „in den so charakteristischen, umfangreichen gelehrten Anmerkungen mancher Autoren“ (Zitiert nach BARNER, 221). Wir werden solche Hinweise in zwei exemplarischen Texten, je einem Gedicht von Martin Opitz und Paul Fleming, näher betrachten. Die Textbeispiele sind sehr gut vergleichbar im Hinblick auf ein gemeinsames Motiv: Beide Gedichte werden uns mit mythologischen Figuren konfrontieren, den Nymphen. Im Speziellen werden wir uns die Frage stellen, ob die Erwähnung dieser Nymphen in beiden Fällen vielleicht „ nur Hinweis auf die in den Texten selbst verarbeitete mythologische, […] philologische Gelehrsamkeit“ ist (Ebd.).

2. Die barocke Literaturlandschaft: Gelehrtenrepublik und elitäres Literaturbewusstsein

Am Anfang soll die Frage stehen, welchen Platz die Literatur im frühneuzeitlichen, absoluten Fürstenstaat einnahm. Ohne das Wissen um die allgemeine Zweckgebundenheit von Poesie in der besprochenen Epoche, lassen sich nachfolgende Überlegungen schwerer nachvollziehen.

Zwar in den verschiedensten Ausprägungen hatte Literatur jedenfalls stets einen gesellschaftlichen, „ öffentlichen Charakter“.

Sie war etwas Funktionelles, bestenfalls etwas Nützliches (Zitiert nach MEID, 8). Kaum jemals kam es vor, dass Literatur nur um ihrer selbst willen in Auftrag gegeben, produziert, vorgetragen oder rezipiert wurde. Auf einen speziellen Funktionsaspekt der Dichtung werde ich nun näher eingehen.

2.1. Das Ideal des „poeta doctus“ als Abgrenzung zum „gemeinen Mann“

Die Literaturlandschaft des späten 16. und des 17. Jahrhunderts hatte einen auffallend elitären, sozial ausgrenzenden Charakter, da es in den ausschlaggebenden Kreisen einen nahezu universalen Konsens darüber gab, dass Dichtung einer gelehrten Grundlage bedürfe (vgl. NIEFANGER, 70). Für die hier eingeführte Ausprägung des barocken Zeitgeistes wird häufig auch der Begriff des Späthumanismus gewählt „als Inbegriff einer sozioliterarischen Formation, wie sie für die deutschen Verhältnisse im scholastischen Gelehrtenhumanismus des 16. Jahrhunderts ausgebildet worden ist“ (Zitiert nach KÜHLMANN, 10).

BARNER stellt in seinen Untersuchungen zur „Barockrhetorik“ unter anderem die Auffälligkeit „des `gelehrten´ Elements (als Gegensatz zum `natürlichen´, `volkstümlichen´)“ heraus (223)[1]. Philipp Harsdörffer schreibt in seinem Poetischen Trichter, „dass der den Namen eines Poëten / mit Fug / nicht haben möge / welcher nicht in den Wissenschaften und freyen Künsten wol erfahren sey“. Des Weiteren eigne sich die Poesie nicht für den „gemeinen Mann […] weil sie ihm zu hoch / und er nicht loben kann / was er nicht versteht“ (Zitiert nach NIEFANGER, 70).

Martin Opitz selbst, der noch konkreter Bestandteil dieses Aufsatzes sein wird, äußert sich wie folgt zu dieser Problematik in seinem „Buch von der Deutschen Poeterey“ (1624), der wohl bedeutsamsten der rund 60 erschienenen Poetiken der Barockzeit[2]:

„Vnd muß ich nur bey hiesiger gelegenheit ohne schew dieses erinnern / das ich es fuer eine verlorene arbeit halte / im fall sich jemand an unsere deutsche Poeterey machen wollte / der / nebenst dem das er ein Poete von natur sein muß / in den griechischen vnd Lateinischen buechern nicht wol durchtrieben ist / vnd von jhnen den rechten grieff erlernet hat“ (Zitiert nach OPITZ, 25).

Auch von Paul Fleming, dem zweiten Dichter, dem hier eine größere Bedeutung zukommen soll, weiß man, dass er eine am Humanismus orientierte, gelehrt-philologische Ausbildung zu den Grundvoraussetzungen für den Dichterberuf zählte.

Besonders wichtig erscheinen hier ein versierter Umgang mit der literarischen Tradition, sowie die ausschließlich durch klassische Bildung zu vermittelnde Kenntnis und Berücksichtigung von Themen, Gattungen und Formen „als Voraussetzung für ein Verfassen, Rezipieren und Diskutieren von Dichtung“ (Zitiert nach POHL, 69)[3]. Als `gelehrt´ galten alle, die Gymnasium und Universität durchlaufen hatten, wobei der wichtigste Bestandteil ihrer eruditio das Lateinische war (vgl. BARNER, 225). Die sogenannten „studia humanitatis“ umfassten vor allen Dingen Grammatik, Ethik und Geschichtswissenschaft, das genaue Studium begleitender, akademischer Sekundärliteratur, sowie das der Rhetorik, deren Bedeutung für die Produktion von Kunstdichtung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann (vgl. KÜHLMANN, 10).

[...]


[1] Was paradox ist, wenn man bedenkt, dass das eigentliche Ziel von Opitz, Büchner und Anderen ja gerade die Etablierung einer eigenständigen, repräsentativen Dichtung in der Volkssprache war. Diese Ungereimtheit sei hier nur am Rande erwähnt.

[2] Als Beispiele weiterer wichtiger Poetiken sind zu nennen August Buchners „Anleitung zur Deutschen Poeterey“ (1665), der „Deutsche Helicon“ Philipp von Zesens (1640), der bereits erwähnte „Poetische Trichter“ Philipp Harsdörffers (1647 – 1653), sowie Christian Weises „Curiöse Gedancken Von Deutschen Versen“ (1692) (vgl. NIEFANGER, 70). „Bei Unterschieden im Detail und im Umfang orientierten sich alle diese Poetiken in klassizistischer Weise an Aristoteles und Horaz und an Mustern antiker und Renaissance-Literatur“ (JEßING / KÖHNEN, 21).

[3] Martin Opitz wurde als Sohn eines Metzgers geboren, eignete sich jedoch die notwendige klassische Bildung zwischen 1605 und 1617 zunächst auf der Lateinschule seines Geburtsortes Bunzlau, sodann auf dem Maria-Magdalena-Gymnasium in Breslau an, wo er mit dem Späthumanismus in Berührung kam. Paul Fleming war von 1623 an Schüler der berühmten Thomasschule in Leipzig, wo ihn der Unterricht bei Kantor und Komponist Herman Schein besonders prägte. Anschließend besuchte er die Leipziger Universität und setzte seinem Medizinstudium eine einschlägige gelehrt-philologische Ausbildung an der Artistenfakultät voraus. Die Artistenfakultät lehrte hauptsächlich Rhetorik, Philologie und Disputation und war an mehreren Universitäten Vorstufe der drei oberen Fakultäten: der theologischen, juristischen und medizinischen (vgl. BARNER 408).

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Details

Titel
Antikenrezeption in der Barocklyrik - Untersuchung des humanistischen Bildungsideals im 17. Jahrhundert am Beispiel des Nymphenmotivs
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Proseminar "Lyrik des 17. Jahrhunderts
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V86367
ISBN (eBook)
9783638018746
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antikenrezeption, Barocklyrik, Untersuchung, Bildungsideals, Jahrhundert, Beispiel, Nymphenmotivs, Proseminar, Lyrik, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Sarah Triendl (Autor), 2007, Antikenrezeption in der Barocklyrik - Untersuchung des humanistischen Bildungsideals im 17. Jahrhundert am Beispiel des Nymphenmotivs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86367

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