Das Seminar, in dessen Rahmen diese Arbeit entstand, beschäftigte sich mit der Mobilität und Migration in der Vormoderne und Moderne. Dabei standen immer wieder Fragen nach Moti-ven, Möglichkeiten und Risiken von Migration und Mobilität im Mittelpunkt. Von zentraler Bedeutung war die Frage, ob Wanderungen und Wanderungsbewegungen als „Normalfälle“ oder als Ausnahmeerscheinungen des menschlichen Seins zu betrachten sind. Im Fall derjeni-gen Bevölkerungsgruppe, die in dieser Arbeit betrachtet werden soll, ist die Frage eindeutig zu beantworten. Im Wesen der Herrnhuter Brüdergemeine war die Mobilität ein fester Be-standteil. Was waren aber die Motive und Gründe für dieses Verhalten, welche Intentionen lagen ihm zugrunde? Was trieb die Herrnhuter dazu, unter widrigen Bedingungen durch die Welt zu reisen und wie erging es ihnen dabei? Diese Fragen sollen im Verlauf der Arbeit ge-klärt werden. Hierzu sollen neben den Schriften Nikolaus Ludwigs von Zinzendorfs, dem Begründer der Herrnhuter Brüdergemeine, die auf die missions-theologischen Grundlagen der Herrnhuter hin zu untersuchen sind, auch Reisetagebücher und Diarien der Missionare heran-gezogen werden. Diese sollen auch helfen, die Umstände zu klären, unter denen die Missiona-re in den Zielländern ihre Arbeit aufnahmen und Fragen nach der Verweildauer und nach den Gründen einer eventuellen Ab- oder Weiterreise zu klären. Dies scheint von besonderem Inte-resse zu sein, sind doch heute Menschen, die andere Menschen vom „rechten Glauben“ über-zeugen wollen, nicht immer gern gesehene Leute, noch dazu, wenn sie aus fremden Ländern kommen. Es ist also der Frage nachzugehen, wie dies in der Zeit der Herrnhuter Mission aus-sah, vor welchen Problemen standen also die Missionare aufgrund ihres Fremdseins? Wie sah es mit ihrer Integration aus, oder wurden sie in den Zielländern doch eher isoliert, wie gingen sie mit der fremden, neuen Umgebung um?
Die Arbeit widmet sich dabei nur Fragen, die mit der Mobilität beziehungsweise mit der Mig-ration im Zusammenhang stehen. Sie soll ausdrücklich keinen Beitrag zur Diskussion um die Inhalte der Herrnhuter Religionsauslegung, deren theologische Grundannahmen und Theorien oder um die Stellung der Herrnhuter in der evangelischen Kirche leisten. Auch religionsge-schichtlichen Fragen um Pietismus und Erweckungsbewegung im Zusammenhang mit der Herrnhuter Brüdergemeine sollen nur im Falle der Relevanz bezüglich der mobilen Lebens-weise der Herrnhuter nachgegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Basisteil - Die Herrnhuter Brüdergemeine – eine Gesellschaft ohne Staatsgrenzen
2.1 Geschichte, Intentionen und Wesen der Herrnhuter Brüdergemeine
2.2 Die Quellen zum Alltag der Herrnhuter
3. Kernteil – Migration im Namen Gottes
3.1 „Mein Predigtstuhl ist die ganze Welt“ – die Missionstheologie Zinzendorfs
3.2 Aufbruch zu weltweiter Missionstätigkeit
3.2.1 Ausbreitung, erste Anlaufpunkte und Zielgebiete
3.2.2 Die staatlichen Rahmenbedingungen in den Zielländern
3.2.3 Die besondere Rolle der Frau in der Herrnhuter Mission
3.3 Die Realitäten von Mission und Migration der Herrnhuter Brüder anhand von Reiseberichten
3.3.1 Vorbemerkungen
3.3.2 Die Finanzierung der Missionsreisen
3.3.3 Der Reiseverlauf
4. Schlussteil – Migration oder Passion?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die mobile Lebensweise der Herrnhuter Brüdergemeine im 18. und 19. Jahrhundert, um zu klären, ob deren weltweite Missionstätigkeit als Migration oder als eine in der religiösen Passion begründete Form des Reisens zu bewerten ist.
- Missionsmotive und Theologie des Grafen von Zinzendorf
- Strukturen der weltweiten Herrnhuter Missionstätigkeit
- Die gesellschaftliche und religiöse Rolle der Frau in der Mission
- Lebensweltliche Realitäten und Finanzierung der Missionsreisen
- Verhältnis von Mobilität, Migration und Pilgerschaft
Auszug aus dem Buch
3.3.3 Der Reiseverlauf
In den 250 Jahren Herrnhuter Mission waren zahllose Menschen unter den verschiedensten Bedingungen unterwegs. Zu Fuß und mit dem Pferd, mit Ochsenkarren oder mit Segelschiffen, über Urwaldströme und über Schneefelder. Dabei nahmen sie größte Entbehrungen auf sich, um ihren Auftrag zu erfüllen. Manche von ihnen waren froh, wenn sie nur die notwendigen Reisen irgendwie hinter sich brachten. Andere haben sie offenen Auges erlebt und mit wachsamen Sinnen genossen und dabei viel gesehen. So berichtet Anna Zacharias, verwitwete Böhnisch, von einer Reise von Grönland nach Deutschland, welche sie allein mit ihren zwei Kindern unternahm, um ihrem Mann zu folgen, von den widrigen Bedingungen an Bord: „ich musste mit meinen kleinen Kindern im Schiffsraume liegen, wo die Luke zuweilen Tage lang zugenagelt war, so daß ich kein Tageslicht erblickte. Überdies bekam ich nichts zu essen, als was die Matrosen in der Schüssel übrigließen; so unangenehm dies auch war, so war doch der Durst, den ich und die Kinder ausstehen mussten, noch weit drückender“75. Auf dem nächsten Schiff, auf welches sie umsteigen musste, stellte sich die Situation dann wieder völlig anders dar: „Auf dem Schiff überließen mir zwei ledige Frauenpersonen auf Vorstellung des Schiffers die Koje in der Kajüte für meine Kinder. […] Der Schiffer war sehr besorgt für mich, daß ich mit meinen Kindern alle Tage etwas Warmes zu essen und zu trinken bekam.“76 In der Aussage Anna Zacharias’ „Es wurde mir in meinem Herzen so, mich zutraulich an den Heiland zu wenden, der mich bisher so gnädig geleitet hatte.“ wird dabei auch hier deutlich, wie sehr die Herrnhuter Missionare dem Herrn vertrauten, dass er ihnen den Weg bereiten würde. Zum einen gilt dies für die Missionare selbst und zum anderen gilt dies für die Brüdergemeine, die ihre Mitglieder in die Welt schickte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob die Wanderungsbewegungen der Herrnhuter als Migration oder als passionierte, religiös motivierte Mobilität zu verstehen sind.
2. Basisteil - Die Herrnhuter Brüdergemeine – eine Gesellschaft ohne Staatsgrenzen: Das Kapitel erläutert die geschichtlichen Ursprünge der Gemeinschaft und deren transnationale Organisation als „Pilgergemeinschaft“.
2.1 Geschichte, Intentionen und Wesen der Herrnhuter Brüdergemeine: Hier werden die Wurzeln in der böhmischen Brüderunität und die Prägung durch Zinzendorf als christozentrische Glaubensgemeinschaft beschrieben.
2.2 Die Quellen zum Alltag der Herrnhuter: Es wird ein Überblick über die reiche Quellenlage, insbesondere Reiseberichte, Diarien und Briefe der Missionare, gegeben.
3. Kernteil – Migration im Namen Gottes: Dieser Abschnitt analysiert das Zentrum der Arbeit, die weltweite missionarische Aktivität und die damit verbundene mobile Lebensweise.
3.1 „Mein Predigtstuhl ist die ganze Welt“ – die Missionstheologie Zinzendorfs: Das Kapitel legt dar, dass die Missionstheologie als praktisches Handeln aus der Liebe zu Christus und dem Bewusstsein eines göttlichen Auftrags entsprang.
3.2 Aufbruch zu weltweiter Missionstätigkeit: Es wird die Ausdehnung der Mission von ersten Anlaufpunkten bis hin zur weltweiten Expansion dargestellt.
3.2.1 Ausbreitung, erste Anlaufpunkte und Zielgebiete: Hier werden die frühen Missionsreisen, etwa nach St. Thomas oder Grönland, und die Rolle der handwerklichen Laienmissionare thematisiert.
3.2.2 Die staatlichen Rahmenbedingungen in den Zielländern: Die Analyse zeigt, wie die Missionare politische Neutralität wahrten und sich mit den Regierungen verschiedener Staaten arrangierten.
3.2.3 Die besondere Rolle der Frau in der Herrnhuter Mission: Das Kapitel beleuchtet die im Vergleich zur damaligen Gesellschaft ungewöhnliche, aktive Rolle der Frau und deren Wandel innerhalb der Brüdergemeine.
3.3 Die Realitäten von Mission und Migration der Herrnhuter Brüder anhand von Reiseberichten: Hier werden die konkreten Bedingungen der Mission anhand von Quellenauszügen erfahrbar gemacht.
3.3.1 Vorbemerkungen: Einführung in die methodische Untersuchung der Reiseberichte zur Veranschaulichung des Missionsalltags.
3.3.2 Die Finanzierung der Missionsreisen: Erläuterung der ökonomischen Herausforderungen und der unterschiedlichen Strategien zur Sicherung des Fortkommens.
3.3.3 Der Reiseverlauf: Darstellung der beschwerlichen und oft gefährlichen Reisen sowie des tiefen Gottvertrauens der Reisenden.
4. Schlussteil – Migration oder Passion?: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die mobile Lebensweise der Herrnhuter als eine Sonderform, die mehr der Pilgerschaft als der Migration entspricht.
Schlüsselwörter
Herrnhuter Brüdergemeine, Migration, Mission, Zinzendorf, Mobilität, Pilgerschaft, Pietismus, Missionsgeschichte, Reiseberichte, Christozentrismus, Frauenrolle, 18. Jahrhundert, Glaubensgemeinschaft, Missionsmethodik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die mobile Lebensweise der Herrnhuter Brüdergemeine im 18. und 19. Jahrhundert und beleuchtet die Hintergründe ihrer weltweiten Missionstätigkeit.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Missionstheologie Zinzendorfs, der weltweiten Verbreitung der Mission, der besonderen Rolle der Frau sowie den lebensweltlichen und finanziellen Bedingungen der Missionsreisen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das zentrale Ziel ist die Klärung der Frage, ob die ausgedehnte Reisetätigkeit der Herrnhuter als Migration oder als eine spezifische, in der christlichen Passion begründete Form des Reisens ("Pilgerschaft") zu klassifizieren ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine tiefgehende Analyse historischer Quellen durch, insbesondere werden Reiseberichte, Tagebücher (Diarien) und Briefe der Missionare sowie theologische Schriften Zinzendorfs ausgewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert untersucht?
Der Hauptteil analysiert die Praxis der weltweiten Mission, die Rolle der Frauen in der Gemeine sowie die praktischen Realitäten des Reisens, wie Finanzierung und die Bewältigung schwieriger Lebensumstände.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Herrnhuter Brüdergemeine, Mission, Migration, Mobilität, Pilgerschaft, Zinzendorf und Christozentrismus.
Welchen Stellenwert nimmt die Rolle der Frau in dieser Studie ein?
Die Arbeit widmet der Frauenrolle ein eigenes Kapitel, da die Herrnhuter ein für ihre Zeit ungewöhnliches Verständnis von religiöser Gleichberechtigung hatten, das jedoch im Laufe des 19. Jahrhunderts einen Wandel erfuhr.
Wie wurde die Finanzierung der Mission damals bewerkstelligt?
Die Finanzierung basierte anfangs primär auf dem Gottvertrauen der Laienmissionare und ihrer eigenen Arbeit; später bildeten sich organisierte "Reisenetzwerke" und Unterstützung durch Freundeskreise sowie ökonomische Erträge der Gemeineorte.
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- Matthias Kolodziej (Autor), 2007, Herrnhuter Brüdergemeine in aller Welt - Migration im Namen Gottes, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86390