Die Frau in der männlichen Bedeutungsökonomie: Luce Irigarays „Das Geschlecht, das nicht eins ist“ im Kontext feministischer Forschung und psychoanalytischer Untersuchung


Seminararbeit, 2007
22 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Luce Irigaray innerhalb des feministischen Diskurses 2.1 Die patriarchale Prägung von weiblicher Sexualität und Theoriebildung
2.2 Schaffung einer Weiblichkeit auf Basis binären Geschlechterdenkens

3 Luce Irigaray und die Psychoanalyse
3.1 Sigmund Freud und die Entstehung der Weiblichkeit
3.2 Die Erschaffung der Frau in der männlichen Ökonomie Irigaray vs. Freud.
3.2.1 Die Auto-Erotik der Frau und deren Zerstörung durch den Mann.
3.2.2 Die Bedeutung der Geburt und Irigarays Lösungsansätze für neue (alte?) Weiblichkeit

4 Fazit

1. Einleitung

„Jede bisherige Theorie des Subjekts hat dem ‚Männlichen’ entsprochen.“[1] Luce Irigaray beschreibt in ihrer Schrift „Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts“ die Unterrepräsentation von Frauen in einer patriarchalen, männlich betrachteten Kultur. In den 1970er Jahren begannen Feministinnen, auf diese Unterrepräsentation von Frauen hinzuweisen – und damit auf die Rollenzuweisungen und Kategorisierungen. Die Frau als kulturelle Größe wurde hinterfragt und patriarchale Strukturen aufgedeckt und bemängelt.

Eine Feministin, die sehr wichtig ist für die 70er und die 80er Jahre, ist Luce Irigaray – ihre Theorie schlägt eine radikale Position ein: die der aus dem Diskurs verbannten, abwesenden Frau. Eine Arbeit von ihr fasst ihre Grundaspekte zusammen: Mit „Das Geschlecht, das nicht eins ist“ schreibt sie einen Text, der in der vorhandenen feministischen Theorie neue Perspektiven öffnet und entgegen der Gleichheitsbewegung agiert. Das Ergebnis ist eine interessante Studie über die Frau innerhalb der vom Mann angeführten Hierarchie und einer neuen weiblichen Sexualität.

Die vorliegende Arbeit möchte Luce Irigaray anhand dieser Arbeit in den feministischen Diskurs einbetten. Auf diese Art und Weise soll die Besonderheit des Textes deutlich werden und auch die Vielfältigkeit der Philosophie Irigarays, die Wissenschaftskritik und Feminismuskritik beinhaltet. So wie man ihr dekonstruktives Vorgehen zuschreiben kann, wäre auch denkbar, den Vorwurf des Essentialismus auszusprechen. Aufgrund dieser Vielfältigkeit ist es verständlich, dass Luce Irigaray selbst nicht in den institutionellen Rahmen eingebettet werden möchte[2]. Dennoch soll hier ein solcher Versuch unternommen werden: Die vorliegende Arbeit möchte Luce Irigaray zunächst im feministischen Diskurs verorten. Das soll geschehen, indem zunächst Irigarays Rolle bei der weiblichen Theoriebildung dargestellt wird und anschließend die Methodik des Differenzansatzes beleuchtet wird.

In einem nächsten Kapitel geht es um Luce Irigarays Beschäftigung mit der Psychoanalyse und somit um ihre Antwort auf die Freudsche Theorie zur Sexualität der Frau. Dazu wird erst Freuds Theorie und anschließend Irigarays Gegenentwurf dargelegt. Das Ergebnis soll eine Einordnung sowohl von Inhalt als auch zeitlichem Erscheinen der Irigarayschen Theorie sein und das Aufwerfen einiger Fragen. Aufgrund des begrenzten Rahmens der Arbeit kann und soll das Werk Irigarays in keiner Weise erschöpfend behandelt werden (sollte dies überhaupt möglich sein), aber dennoch sollen wichtige Aspekte beachtet und grundsätzliche Kritikpunkte herausgearbeitet werden.

2. Luce Irigaray innerhalb des feministischen Diskurses

2.1. Die patriarchale Prägung von weiblicher Sexualität und Theoriebildung

„Die weibliche Sexualität ist immer von männlichen Parametern aus gedacht worden.“[3] Diese erste Aussage stellt die Basis für Luce Irigarays gesamte feministische Theorie – denn erst die männliche Sichtweise macht die weibliche Sexualität zu dem, was sie ist und zwingt sie somit in eine Rolle, die nicht die Ihre ist.

Das weibliche Geschlecht wird somit zunächst vom männlichen Standpunkt aus betrachtet: Die Frau ist kein Geschlecht, das neben dem männlichen Penis existiert, sondern die Frau ist „ein Nicht-Geschlecht, oder ein männliches Geschlecht, das sich umgestülpt hat, um sich selbst zu affizieren“[4] Weil der Mann die Frau in Abgrenzung zu sich selbst als ein Mangelwesen begreift, ist auch die weibliche Sexualität und das anatomische weibliche Geschlecht am Mann gemessen: Die Klitoris wird als kleiner Penis verstanden, die Vagina als „Schlupfloch“ für das männliche Geschlecht[5]. - Sowohl die klitorale Aktivität als auch die vaginale Passivität ist männlich inszeniert: der kleine Penis, der kein eigenes Geschlecht bedeutet, kann sich nicht mit dem männlichen Geschlecht messen – ist ein Mangel - und ansonsten bietet die Frau Ersatz für die Hand des Mannes[6], ist also Vorlage und Nutzgegenstand für die männliche Lust. Nach Luce Irigaray wird dem Mangelwesen Frau deswegen Penisneid unterstellt. Unter anderem nach Freud spricht sie das Verhältnis der Frau zum Vater an, das von dem Wunsch geprägt ist, sich den Penis durch die Liebe zum Vater, zum Mann oder zum männlichen Kind doch zu beschaffen[7].

Luce Irigaray möchte dieser Auffassung ihre feministische Theorie gegenüberstellen und die weibliche Lust außerhalb des männlichen Rahmens positionieren: „Von der Frau und ihrer Lust ist bei einer solchen Konzeption des Geschlechtsverkehrs nicht die Rede. [...] All dies erscheint ihrem Lustempfinden reichlich fremd, es sei denn, daß es die dominierende phallische Ökonomie nicht verläßt.“[8] Ein wahres Lustempfinden der Frau kann es also nur durch ein Außen männlicher Bedeutungen geben. Damit wagt sich Luce Irigaray auf ein Feld, das vor ihr wenige Frauen beschritten haben.

Anne Bussmann schreibt in ihrer Arbeit über Luce Irigarays Werk, dass Irigaray die Theoriefeindlichkeit der Frauenbewegungen überwunden hätte. Denn Theoriebildung war Mitte der 1970er Jahre Männerdomäne: „Zunächst lehnten die engagierten Frauen besonders im deutschen Raum die Theorie als rein männliches Produkt ab. Sie befürchteten, daß theoretische Auseinandersetzung von ihrer Seite aus der Festigung des Primats patriarchalischer Wissenschaftsvernunft zuarbeiten würde.“[9] Das bedeutet nicht nur, dass der männliche Bedeutungsrahmen die Sexualität umfasst und Kategorien aus patriarchaler Sicht schafft, sondern dass dieser Rahmen auch von der Wissenschaft abhängt – die Theorie ist dem Patriarchat eigen und führt erst zur bestehenden Rollenverteilung. Die Frau hat so keine Möglichkeit, sich aus der ihr auferlegten Position zu befreien – ihre Sexualität und Lust außerhalb der männlichen, wissenschaftlich belegten Zuweisung zu finden.

Doch kann die Frau überhaupt Kenntnis von einer Lust haben oder einer ihr eigenen Sexualität, wenn ein Wissen besteht, das als Wahrheit anerkannt ist? Ist deshalb die einzige Möglichkeit, bestehende Kategorien aufzulösen und neue Sichtweisen zu schaffen, auf der theoretischen Ebene die Relativität der wissenschaftlichen Perspektiven und deren Naturalisierung aufzuzeigen?

Die theoretische Ebene wurde seit Mitte der Siebziger angestrebt, indem sich die Frauenforschung zur Gender-Forschung wandelte. Im vorigen Jahrzehnt – den sechziger Jahren - wollten die Frauen zunächst, dass sie selbst über ihr Leben berichten durften und nicht die Männer ein Bild der Frau zeichneten, indem sie über die Frauen, deren Eigenschaften, Rollen und Leben schrieben. Die Frauenforschung bestand demnach daraus, dass die Frauen gesellschaftliche Wichtigkeit und politische Relevanz erlangen wollten und das führte zu einer Hinterfragung der Rollen, die vom Patriarchat verteilt wurden. Heidrun Zettelbauer schreibt, das Reden über Frauen sollte in den Sechziger Jahren vom Reden von Frauen abgelöst werden[10] und wissenschaftliche Fundierungen von gesellschaftlichen Erklärungen und Theorien wurden hinterfragt. Anne Bussmann schreibt: „Im Verlauf der neuen Frauenbewegungen beginnen Frauen, ihrem Bedürfnis einer universellen Erkenntnisintention dahingehend nachzugehen, daß sie zu erkennen suchen, warum sie jahrtausendelang als das zweite Geschlecht in der Gesellschaft galten.“[11] In den siebziger Jahren trat gemäß Heidrun Zettelbauer der Paradigmenwechsel ein und dieser ging mit der Trennung von sex und gender einher und mit der Ausrichtung auf die diskursive Konstruktion gesellschaftlicher Beziehungen[12].[13]

Hier lässt sich Luce Irigaray einordnen: „Das Geschlecht, das nicht eins ist“ stellt eine Theorie der Geschlechter dar, die auf einer wissenschaftlichen Ebene den männlichen Bedeutungsrahmen und das patriarchale Rollenbild hinterfragt und insbesondere die Sprache berührt. Das führt zurück zu Irigarays Vorreiterrolle im Bezug auf die feministische Theoriebildung – denn mit ihrer Arbeit wagt sie es, nicht nur von Frauen zu sprechen, sondern die Frau und die weibliche Sexualität fernab der gesamten männlichen Ökonomie zu betrachten.

[...]


[1] Irigaray, Luce: Speculum, S. 169.

[2] Vgl.: Bussmann, Anna: Elemente feministischer Philosophie im Werk Luce Irigarays, S. 2.

[3] Irigaray, Luce: Das Geschlecht, das nicht eins ist, 22.

[4] Ebd.

[5] Vgl.: ebd.

[6] Irigaray, Luce: Das Geschlecht, das nicht eins ist, S. 23.

[7] Vgl.: ebd.

[8] Irigaray, Luce: Das Geschlecht, das nicht eins ist, 22f.

[9] Bussmann, Anne: Elemente feministischer Philosophie im Werk Luce Irigarays, S. 2.

[10] Vgl.: Zettelbauer, Heidrun: Geschlecht. Nation. Körper, S. 240.

[11] Bussmann, Anne: Elemente feministischer Philosophie im Werk Luce Irigarays, S. 4.

[12] Vgl.: ebd., S. 240ff.

[13] Anmerk.d.Verf.: Die Einschätzung Heidrun Zettelbauers wird nicht durchgehend geteilt – so positionieren Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp den Paradigmenwechsel Mitte der achziger Jahre, weil sie Ursula Beers Begriff des Geschlechts als „Strukturkategorie“ als Anfangspunkt bestimmen. Jedoch beschreiben sie ebenfalls ungefähr Mitte der siebziger Jahre eine Veränderung: „Das Verhältnis von Macht und Geschlecht wurden zum Fokus der politischen Orientierung, die Mikropolitiken in diversen sozialen Bereichen zum weit verzweigten Gegenstand feministischer Sozialwissenschaft.“ (S. 33). Außerdem wird die deutsche Theorie als beeinflusst durch die angloamerikanische Perspektive betrachtet und Luce Irigarays erzielte hauptsächlich in anderen Ländern Wirkung (vgl.: S. 8).

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Details

Titel
Die Frau in der männlichen Bedeutungsökonomie: Luce Irigarays „Das Geschlecht, das nicht eins ist“ im Kontext feministischer Forschung und psychoanalytischer Untersuchung
Hochschule
Universität Lüneburg  (Insitut Sprache und Kommunikation)
Veranstaltung
Gender Studies und Körper
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V86413
ISBN (eBook)
9783638020886
ISBN (Buch)
9783640750191
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frau, Bedeutungsökonomie, Luce, Irigarays, Geschlecht, Kontext, Forschung, Untersuchung, Gender, Studies, Körper
Arbeit zitieren
Daniela Steinert (Autor), 2007, Die Frau in der männlichen Bedeutungsökonomie: Luce Irigarays „Das Geschlecht, das nicht eins ist“ im Kontext feministischer Forschung und psychoanalytischer Untersuchung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86413

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