Frühkindliche Förderung der musikalischen Entwicklung


Examensarbeit, 2007
100 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Entwicklungspsychologie des frühen Kindesalters
2.1 Die Entwicklung vor der Geburt
2.2 Entwicklung von 0-18 Monaten: Vom Säugling zum Kleinkind
2.3 Die Zeit von 18 bis etwa 36 Monaten

3. Die musikalische Entwicklung von 0-3 Jahren
3.1 Vorgeburtliche Hörerfahrungen
3.2 Musikalische Entwicklung im Säuglingsalter
3.3 Musikalische Entwicklung beim Kleinkind
3.3.1 Verstehen und Wiedergeben von Harmonik und Rhythmus
3.3.2 Entwicklung des Singens beim Kleinkind
3.4 Allgemeines über das Lernen im Kleinkindalter und den musikalischen Lern- sowie Begabungsbegriff

4. Möglichkeiten der musikalischen Förderung
4.1 Förderung im Elternhaus
4.2 Förderung in Kindertagesstätten und Krippen
4.3 Förderung in Eltern-Kind-Gruppen

5. Rückblick: Geschichte der vorschulischen Musikerziehung.

6. Entstehung, Aufbau, Chancen und Problematik der Gruppenform „Eltern-Kind-Gruppe“

7. Bestandsaufnahme: Angebote für die „Kleinsten“ an baden-württembergischen Musikschulen 2006
7.1 Die VdM-Initiative „Musikalische Bildung von Anfang an“
7.2 Fragebogenauswertung

8. Vorstellung und Vergleich von aktuellen Konzepten und
Programmen für Eltern-Kind-Musikkurse
8.1 Lorna Lutz Heyge und der„Musikgarten“
8.2 Mutter-Kind-Rhythmik: die Urform der Eltern-Kind-Kurse?
8.3 Elementare Musikpädagogik nach J. Ribke und
M. Rebhahn (Seeliger)
8.4 Das Projekt „Kindliche Lernwelt Musik“ in Freiburg
8.5 „Kindermusik International“ und die Elementarerziehung
an den „Yamaha-Musikschulen“
8.6 Verschiedene sonstige Materialsammlungen im Vergleich

9. Begründung, Gefahren und eigene Empfehlungen für den Eltern-Kind-Musikunterricht
9.1 Sinn und Un-Sinn der „noch früheren Früherziehung“
9.2 Qualifikation der Lehrkraft
9.3 Unterrichts- und Stundenziele
9.4 Organisation und Stundenaufbau
9.5 Umgang mit Störungen
9.6 Auswahl von Materialien
9.7 Auswahl des Liedguts
9.8 Auswahl der Bewegungsarten und –spiele
9.9 Fazit

Anhang:
- Literaturverzeichnis
- Sonstige verwendete Medien
- Abbildungsverzeichnis
- Fragebogen 1
- Fragebogen 2

1. Einleitung

Kürzlich machte eine kommunale Musikschule im Landkreis Heilbronn Werbung für ihr neues Angebot: „Musikgarten für Babys“. Nachdem eine Bekannte, die Mutter eines zweijährigen Jungen, diese Anzeige in der Zeitung gelesen hatte, kam sie auf mich zu und fragte mich, was ich als Musikpädagogin davon halten würde: „Muss das denn sein, dass man schon mit wenigen Monaten alten Babys in die Musikschule geht? Ist das sinnvoll? Überfordert das nicht die Kleinen? Und warum sollte ich mit dem Kind in die Musikschule gehen und nichts ins PeKiP[1] oder ins Babyschwimmen? Mit der Musik kann er doch auch noch anfangen, wenn er im Kindergarten ist…“

Ich wusste der Mutter, trotz einigem Vorwissen aus meinem Zusatzstudium der Elementaren Musikpädagogik, keine plausible Antwort zu geben, da ich mir selbst sehr unsicher war, was ich von derartigen Angeboten halten sollte. Im Studium hatten wir uns nur mit Kursen für Kinder ab vier Jahren beschäftigt.

Daraufhin suchte ich in Veröffentlichungen von Maria Rebhahn, Professorin für Elementare Musikpädagogik in Mannheim, nach einer Begründung für solche Kurse und entdeckte, dass diese sogar mit schwangeren Frauen in ihren Kursen arbeitet, also noch früher ansetzt als der „Musikgarten für Babys“.

Ich begann, mir darüber Gedanken zu machen: Ist es wirklich zu früh, schon gleich nach der Geburt oder sogar vor der Geburt mit dem Kind spezielle Musik-Kurse zu besuchen? Können Säuglinge überhaupt schon etwas über Musik lernen? Was nehmen sie mit aus den Kursen? Sind es vielleicht nur die Eltern, die ihre musikalischen Kenntnisse auffrischen und von dem Kurs profitieren? Ist das Ganze nur ein zusätzliches Angebot zum Mütter-Treff, um Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen? Oder bieten die Kurse hauptsächlich eine neue Finanzquelle für die von Zuschuss-Kürzungen geplagten Musikschulen, die ja mit Gruppenunterricht weit mehr verdienen als mit Einzelunterricht?

Je mehr ich las, desto mehr wurde mir bewusst, dass dieses Thema gerade sehr aktuell ist und immer mehr Musikschulen sowie Familienbildungsstätten seit einiger Zeit Kurse für Kinder anbieten, die noch zu jung für die reguläre „Musikalische Früherziehung“ ab vier Jahren sind. Doch woher kommt dieser Trend?

Der allgemeine Ruf nach mehr Frühförderung ist nach dem schlechten Abschneiden der deutschen Schüler bei den PISA und IGLU Studien[2] selbst bei Politikern hochaktuell. So forderte beispielsweise auch Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang 2006 einen Ausbau der Frühförderung in Deutschland.

Früher begann die kindliche Bildung erst mit dem Eintritt in das öffentliche Bildungssystem, also der Schule. Doch so griff das System oft erst ein, wenn es bereits „zu spät“ war. Migrantenkinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse haben es beim Schuleintritt mit sechs oder sieben Jahren schwer, mit ihren deutschen Mitschülern mitzuhalten. Auch heute noch ist die frühe Sprachförderung ein Manko im deutschen Bildungssystem.

Für gut situierte Familien gibt es in letzter Zeit für ihre Klein- und Kindergartenkinder ein breites Angebot zur gezielten Förderung: Musikalische Früherziehung, Ballett, Englisch für Kids, Babyschwimmen, PeKiP und vieles mehr. Mit all diesen Programmen wird jedoch immer nur ein Bruchteil der Familien erreicht. Kinder aus den unteren sozialen Schichten haben meist keinen Zugang zu solchen Bildungsmöglichkeiten. Deshalb setzt man derzeit auf einen Ausbau der Betreuungsmöglichkeiten und der gezielten Förderung in Kindertagesstätten.

Da etwa 90 Prozent der Kinder im letzten Jahr vor der Einschulung einen Kindergarten besuchen[3], wird dieser als idealer Ort gesehen, möglichst viele Kinder, auch aus sozial niedrigeren Schichten, mit Programmen zur frühkindlichen Bildung zu erreichen. Kindergärten werden daher momentan von Betreuungs- zu Bildungsstätten umgestaltet. Hierfür entwickelten die Bundesländer in den letzten Jahren verbindliche Bildungspläne. Der Bildungs- und Orientierungsplan für baden-württembergische Kindergärten ist im Dezember 2006 erschienen.[4] Ein neues System von Fortbildungen zum neuen Bildungsplan hat aktuell begonnen, flächendeckend und verpflichtend für alle Erzieherinnen. Man überlegt außerdem, ob man die Ausbildung der Erzieherinnen in Zukunft in ein universitäres Studium einbettet, wie es in vielen anderen europäischen Ländern bereits der Fall ist. In Finnland, dem Sieger der PISA-Studie, zählt die Kindergärtnerinnen-Ausbildung beispielsweise zur Lehrerausbildung. An das Lehramtsstudium in Finnland ist zusätzlich ein strenges Auswahlverfahren gebunden, das nur etwa 10 Prozent der Bewerber bestehen. Die Erzieherinnen erwerben mit ihrem Studium einen Bachelor-Abschluss.[5] In Deutschland erhofft man sich von diesen Veränderungen außerdem, in Zukunft auch das schlechte Image des Berufsbilds „Erzieher/in“ zu verbessern.

Zur Verbesserung der Frühförderung schaut Deutschland, das einst als das Land der Pädagogen galt, momentan stark auf das Ausland, vor allem auf die USA und die nordischen Länder: „Skandinavisch ist in“[6], so begann auch Prof. Asmus Hintz, Direktor der Yamaha Academy Of Music in Hamburg seinen Vortrag über frühkindliches Lernen beim Forum Musikpädagogik auf der Frankfurter Musikmesse Frankfurt im Februar 2006. In Schweden und Dänemark haben Eltern ein Recht auf Kinderbetreuung bis zum sechsten Lebensjahr. Die Hälfte aller schwedischen Männer nimmt Vaterschaftsurlaub. In Finnland gibt der Staat mehr Geld für die Frühförderung eines Kindes als für einen Studenten aus. In Deutschland ist die Verteilung der Bildungszuschüsse genau umgekehrt: Die Gesellschaft investiert derzeit ca. 11.000 Euro jährlich in einen Studenten, 6.000 Euro in ein Schulkind und nur 5.000 Euro in ein Kleinkind.[7]

Daher gibt es in letzter Zeit auch in Deutschland für die Altersgruppe U3/4 (von der Geburt bis zum gewöhnlichen Eintrittsalter für den Kindergarten) immer mehr spezielle Angebote zur Frühförderung. Eines davon ist die Eltern-Kind-Musikgruppe. Doch was bringt diese musikalische Frühförderung konkret? Gibt es nachweisbare Belege, dass Kinder, die solche Kurse besucht haben, später begabter sind? Fällt es ihnen leichter, ein Instrument zu erlernen als Kindern, die nicht eine derartige Spezialförderung genossen haben? Wie verläuft das musikalische Lernen in der frühen Kindheit genau und welchen Einfluss hat dies auf die spätere musikalische Entwicklung des Kindes?

Um das herauszufinden, werde ich mich zu Beginn dieser Arbeit mit der allgemeinen und der musikalischen Entwicklungspsychologie und aktuellen Ergebnissen aus der neurobiologischen Forschung zum Thema „Frühkindliches Lernen“ beschäftigen. Um später eigene Empfehlungen für einen sinnvollen Eltern-Kind-Unterricht aufstellen zu können und bestehende Konzepte kritisch untersuchen zu können, benötige ich allgemeine Grundkenntnisse der Kindesentwicklung vom Zeitpunkt der Zeugung bis zum dritten Lebensjahr.

Lehrkräfte, die mit Babys und Kleinkindern arbeiten, sollten ein Grundwissen über allgemeine Entwicklungsvorgänge haben. Für die Leitung von Eltern-Kind-Kursen wird dies besonders wichtig sein, da die Lehrkräfte auch Fingerspiele und Bewegungsspiele zur Musik mit der Gruppe durchführen. Um die Stundeninhalte, wie beispielsweise geeignete Bewegungsspiele, optimal auf das Alter der Kinder abzustimmen, müssen Lehrkräfte also auch über die grobmotorische, feinmotorische und kognitive Entwicklung im jeweiligen Alter informiert sein.

Statistiken über die Zahl der angebotenen Kurse gibt es zurzeit noch nicht. Deshalb habe ich selbst einen Fragebogen für Musikschulen formuliert, um in Kapitel sieben eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Situation des Musikunterrichts für Kinder von null bis drei Jahren durchzuführen. Bei der Recherche für diese Arbeit stieß ich außerdem auf eine bereits recht große Vielfalt von derzeit praktizierten Konzepten für den Eltern-Kind-Musikunterricht. Doch welche sind geeignet und besonders gut für die musikalische Förderung des Kindes, welche nicht?

Auf was sollten Eltern bei der Auswahl der Kurse achten? Wie verläuft die Ausbildung der Lehrkräfte, die diese Konzepte unterrichten? Auf welchen theoretischen pädagogischen Hintergründen basieren die Materialien?

Mit dem erworbenen Wissen aus der Entwicklungspsychologie versuche ich anschließend, einige Konzepte näher zu beschreiben und kritisch zu betrachten. Danach werde ich, aufbauend auf den vorangehenden Kapiteln, hoffentlich die Frage klären können, inwieweit die „noch frühere musikalische Früherziehung“ sinnvoll ist. Am Ende dieser Arbeit möchte ich eine Art eigenes Konzept entwerfen und zusammenfassen, welche Inhalte mir persönlich bei der Arbeit mit Eltern-Kind-Gruppen besonders wichtig sind und was ich mir für die Zukunft der Musikerziehung beim Kleinkind wünsche.

2. Entwicklungspsychologie des frühen Kindesalters

2.1 Die Entwicklung vor der Geburt

Das erste Drittel der Schwangerschaft nach der Verschmelzung von Ei und Samenzelle nennt man Embryonalzeit. Als erstes Organsystem bildet sich der Blutkreislauf mit dem pulsierenden Herz. Es schlägt ab dem 21. Tag rhythmisch. Am Ende der vierten Woche sind bereits alle Organe angelegt. Der Embryo hat Kopf, Rumpf, einen Schwanz und winzige Armansätze. Auch Augen, Nase und Ohren beginnen zu wachsen. In den Ohrmuscheln werden bereits die Gehörgänge angelegt. Ab dieser Zeit, also vier bis sechs Wochen nach der Empfängnis, kann die Schwangerschaft eindeutig festgestellt werden.[8]

Zwischen der siebten und zwölften Woche findet der Übergang vom Embryo zum Fötus statt. In dieser Übergangszeit lassen sich erste Greif- und Saugreflexe feststellen, das Gesicht erhält menschliche Züge. Finger sind zu erahnen, ein Hals ist erkennbar und wichtige Hirnzentren wie Thalamus und Hypothalamus sind jetzt ausgebildet. Wo vorher Knorpel waren, bilden sich nun Knochen.[9]

Ab der dreizehnten Woche ist der Körper des Kindes vollständig geformt, Muskeln und Gelenke sind funktionstüchtig. Dem Kind wächst eine Körperbehaarung, die „Lanugo-Behaarung“. Es kann so noch mehr taktile Reize aufnehmen. Dieser Flaum verschwindet jedoch kurz vor der Geburt wieder. Zwischen der 16. und 28. Woche, im zweiten Drittel der Schwangerschaft, spürt die Mutter das erste Mal Bewegungen ihres Kindes. Dies ist für sie ein wichtiger Moment, um eine Beziehung zum Kind zu entwickeln.[10]

Im letzten Drittel der Schwangerschaft entwickelt sich vor allem das Gehirn weiter. Das Kind nimmt jetzt deutlich an Gewicht zu. In der 25. Woche wiegt es um die 1000g. Voll entwickelt bei der Geburt wiegt es dann zwischen 3000 bis 3500g oder mehr. Das Kind kann bereits sehen und schon seit etwa der 18.Woche hören. Die Geburt schließlich ist für Mutter und Kind ein einschneidendes, schmerzhaftes und stressiges Erlebnis. Das Kind kommt urplötzlich in eine völlig neue, grelle Welt. Mit dem ersten Schrei des Kindes wird Restwasser aus der Lunge ausgestoßen und das Kind atmet erstmals. Die vertraute Stimme und körperliche Nähe zur Mutter (das Kind hört ihren Herzschlag) kann dem Neugeborenen in der ersten Zeit helfen, die vielen neuen Eindrücke besser zu verarbeiten.[11]

2.2 Entwicklung von 0-18 Monaten: Vom Säugling zum Kleinkind

Durch Forschungen vor allem in den letzten 50 Jahren hat sich das Bild vom Neugeborenen sehr verändert. Säuglinge gelten heute nicht mehr als Mängelwesen, als die man sie noch bis ins frühe 20. Jahrhundert betrachtete. Heute wissen wir, dass das Neugeborene ein riesiges Potential hat und sich der jeweiligen Umgebung, in der es aufwächst, perfekt anpassen kann. Deshalb spricht man heute meist vom „kompetenten Säugling“.[12]

Trotzdem ist der kleine Mensch anfangs vollkommen abhängig von erwachsenen Bezugspersonen, die seine elementaren Bedürfnisse wie Hunger oder Nähe und Trost befriedigen. Wenn diese das zuverlässig tun, entwickelt das Kind das nach Erik Erikson benannte „Urvertrauen“. Dieses ist sehr wichtig für die weitere Entwicklung des Kindes. Ein Kind mit gesundem Urvertrauen wird auch in Zukunft fähig sein, Vertrauen in seine Umgebung zu entwickeln. Vernachlässigt die Bezugsperson jedoch das Kind, entwickelt das Kind ein „Urmißtrauen“. Ein häufig vernachlässigtes Kind hört irgendwann auf zu schreien und wird lustlos und apathisch. Ein Urvertrauen kann dann kaum wiederhergestellt werden.[13]

Das Kind fühlt sich anfangs noch eins mit der Mutter und seiner Umwelt. „Es erlebt sich noch nicht losgelöst von seiner Umgebung […] – das Kind und die Umgebung sind eine Einheit.“[14]

Das Neugeborene kann nach der Geburt hören, riechen, fühlen und schmecken. Es sieht in einer Entfernung von ca. 25 Zentimeter am besten. „Dies entspricht genau der Entfernung von der Brust der Mutter zu ihrem Gesicht.“[15] Es kann seine Augen noch nicht auf Nähe und Ferne einstellen. Doch schon nach sechs Wochen ist die Sehfähigkeit recht gut entwickelt. Das Neugeborene schläft im ersten Monat zwischen 12 und 20 Stunden am Tag.[16]

Das Neugeborene hat viele angeborene Reflexe: Mit dem Greifreflex umklammert es beispielsweise den Finger der Mutter. Durch den Suchreflex geleitet, findet das Baby die Nahrungsquelle ohne große Schwierigkeiten und durch den Saugreflex kann es die Nahrung aufnehmen. Durch das Schreien kann es Kontakt zu seiner Umwelt aufnehmen, Hunger, Schmerzen oder den Wunsch nach Nähe damit bekunden. Diese Signalfunktion des Schreiens hat das Kind bereits nach wenigen Wochen begriffen.

Zwischen dem zweiten und sechsten Monat werden die Schlafphasen des Kindes kürzer, es lächelt, wenn es angelächelt wird und hält Blickkontakt mit der Person gegenüber. Es bestimmt nun selbst, wohin es schauen möchte.

Das Kind lernt langsam gezielte Greifbewegungen und es entsteht ein Lallen, die erste Stufe des Spracherwerbs.

Nach neuen Forschungen ist jeder Säugling ein „Tragling“.[17] Wenn er unter den Armen hochgehoben wird, winkelt er reflexartig die Beine an und spreizt sie ein wenig auseinander – die ideale Körperhaltung, um auf der Hüfte der Mutter getragen zu werden. Deshalb empfehlen Forscher heute, das Kind möglichst viel mit einem Tuch herumzutragen, so wie es bei vielen Urvölkern und sogar im Tierreich seit jeher üblich und notwendig war, um die „Jungen“ vor Feinden und Gefahren zu beschützen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Frau eines Urwaldstammes in West-Papua (Indonesien) trägt ihr Kind.

Das Tragen entspricht der Anatomie des Säuglings optimal, stimuliert sein proprio-vestibuläres System und somit die sensorische Integration. Das Tragen wirkt zudem beruhigend und unterstützt somit auch die enge Bindung zur Bezugsperson.[18]

Heute liegen Babys oft lange Zeit in der Babywippe, während die Mutter z.B. Hausarbeit erledigt. Das fördert ein Kind aber überhaupt nicht. Es macht sogar eventuelle Rückschritte und wird träger statt mobiler.[19]

Im Alter von wenigen Monaten steckt das Kind seine Hände und alle Dinge, die ihm in die Quere kommen, in den Mund, wodurch es etwas über Materialien lernt. Etwa mit fünf Monaten kann sich das Baby vom Bauch auf den Rücken und wieder zurück drehen, es kann seinen Kopf dabei schon recht gut kontrollieren und ihn aus der Bauchlage heraus heben und halten. Ab etwa dem sechsten Monat versucht das Kind, sich zum Sitzen aufzurichten, ohne Rückenstütze kann das Kind den Oberkörper noch nicht halten, da der Rücken noch gerundet ist. Das Kind hat nun auch den Greifreflex überwunden, es kann Spielzeug fallenlassen und von einer Hand in die andere geben.[20]

Das Kind hat in diesem Alter große Freude an Bewegung, am Schaukeln und In-der-Luft-Schwingen. Wenn die Bewegungen jedoch zu stark sind, so dass das Kind die Reize nicht integrieren kann, beginnt eine Desorganisation im Nervensystem und das Kind fängt an zu schreien.[21]

Etwa ab dem achten Monat beginnt das Kind, sich fortzubewegen. Es rollt sich um die eigene Achse, versucht zu kriechen und zu krabbeln. So macht es wichtige Raumerfahrungen. Es lernt, Abstände und Größe von Gegenständen einzuschätzen. Etwa ab dem neunten Monat können viele Babys robben. Wenn die Beinmuskulatur kräftiger wird, kommen sie in den Vierfüßlerstand und krabbeln. Das Kleinkind kann jetzt problemlos sitzen.[22]

Das Kind lernt jetzt, kleine Dinge mit dem „Pinzettengriff“ anzufassen. Es schlägt gern Gegenstände aneinander, lässt sie fallen, wirft sie weg, macht damit Krach und hebt sie auf. Langsam begreift das Kind auch, dass es eine eigenständige Person ist.[23]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Säugling ca. 9 Monate: Das Kind entdeckt sein anderes „Ich“ im Spiegel

Zwischen dem neunten und zwölften Monat gelingt es den meisten Kindern, sich aus eigener Kraft in die Vertikale hochzuziehen. Sie laufen seitlich an Möbeln entlang und können sich, wenn sie sich festhalten, aus dem Stand bücken und etwas aufheben.

Lauflernhilfen, in denen das Kind steht und sich festhält, sind überhaupt nicht förderlich. „Mit dem Lauflerngerät verlernt das Kind die Freude an der eigenen Bewegung und sich durch eigene Anstrengung weiterzuentwickeln. […] Wir bieten dem Kind einen bequemen Weg an, gerade so, als würden wir Brötchen mit dem Auto holen, obwohl wir wissen, dass Bewegung gesünder für uns ist.“[24] Bis zum 18. Monat haben die meisten Kinder von ganz allein ihren ersten eigenen Schritt getan.[25]

2.3 Die Zeit von 18 bis etwa 36 Monaten

Mit 18 Monaten können die meisten Kinder laufen und fangen an zu sprechen. Der aufrechte Gang ist ein großer Schritt in der Entwicklung des Kindes. Mit zwei Jahren können viele Kinder schon schnell rennen. Sie können „mit beiden Füßen für kurze Zeit hochspringen, auf Zehenspitzen gehen, in die Hocke gehen, auf Möbelstücke hochklettern, mit Anhalten eine Treppe hinauf und hinunter gehen.“[26] Das Kind lernt, einige Schritte rückwärts zu gehen, es kann kurz auf einem Bein stehen, es klettert gerne und steigt in alles hinein. Bei all diesen Bewegungen spürt das Kind, wie die Schwerkraft auf sein Gleichgewichtsorgan im Innenohr einwirkt. Die Reize werden durch die Wiederholung der Bewegung integriert (sensorische Integration), so dass das Kind bei jeder Wiederholung die Bewegung motorisch feiner ausführen kann. Das Kind gewinnt so nach und nach auch eine Vorstellung von seinem Körper. Jean Ayres bezeichnet dies als „Körperschema“.[27]

Im zweiten und dritten Lebensjahr entwickelt sich auch die Feinmotorik: die Auge-Hand-Koordination, die hierfür besondere Bedeutung hat, verbessert sich. Das Kind kann jetzt beispielsweise einen Löffel halten, aus einem Becher trinken oder in einem Pappbilderbuch umblättern. Es versucht, sich alleine an- und auszuziehen, baut Türme mit vier bis acht Klötzchen und es beginnt zu malen, wobei es den Stift erst noch mit der ganzen Hand, dann mit einzelnen Fingern festhält.[28]

Das Kind lernt im Alter von zwei bis drei Jahren auch, seine Schließmuskeln von Darm und Blase zu kontrollieren. Mit ca. 15-18 Monaten wird vielen Kindern die nasse Windel erstmals unangenehm. In dieser sensiblen Phase ist es dann ideal, mit der Sauberkeitserziehung (Töpfchen) zu beginnen.

Die Sprachentwicklung von Kindern in diesem Alter kann sehr unterschiedlich verlaufen. Die meisten Kinder sprechen mit einem Jahr Einwortsätze, z.B. „Tee“ für „Ich will Tee“ oder „Der Tee schmeckt mir nicht“. Mit zwei Jahren kommunizieren sie dann in Zweiwortsätzen. Ich selbst konnte beobachten, wie die kleine Tochter (heute 4 Jahre) einer Freundin bereits mit knapp über einem Jahr munter anfing, Zweiwortsätze zu sprechen. Ihr jüngerer Bruder spricht hingegen auch mit 2 Jahren und 3 Monaten erst wenige Einzelwörter.

Die Kinder erweitern ihren Wortschatz einerseits durch Nachahmung und andererseits Analogiebildung.[29] Typisch für diese Zeit sind deshalb die ausdauernden Fragen des Kindes nach Wörtern wie etwa „Was das?“.

Die Entwicklung des intelligenten Denkens beim Kind hat vor allem Jean Piaget untersucht. Er hat unter anderem herausgefunden, dass das Kleinkind noch bis ins Schulalter „egozentrisch“ denkt, d.h. es nicht in der Lage ist, sich in andere hineinzuversetzen. Diesem Denken geht voraus, dass das Kind sich als selbständige Person betrachtet. Es entdeckt sein eigenes „Ich“, verbindet nur sich mit diesem Begriff und hat deshalb oft noch Probleme mit der richtigen Zuordnung von „Ich“ und „Du“. Wenn eine andere Person sich mit „Ich“ bezeichnet, ist das Kind verwirrt. Es merkt, dass es eigene Wünsche und einen eigenen Willen hat und fordert diesen mittels seiner neuen verbalen Kommunikationsfähigkeiten auch ein. Es sagt häufig „Nein!“ und „Alleine!“. Deshalb wurde diese Phase früher auch häufig als „Trotzalter“ bezeichnet. Dieser Begriff ist aus der Sicht des Erwachsenen geprägt. Heute wird meist aus Sicht des Kindes vom „Selbständigkeitsalter“ gesprochen.[30] Das Kind lernt durch das Ausprobieren und Ausreizen von Grenzen die Regeln und Normen aus seiner Familie und Umgebung und übernimmt diese schließlich.

Die Gedankenwelt des Kindes ist geprägt vom „magischen Denken“.[31] Es schreibt Objekten wie Teddys, Autos oder Tieren menschliche Fähigkeiten zu. Alles ist belebt, und alles, was es sich nicht erklären kann, wird durch magische Kräfte verursacht. So beschimpft ein zweijähriges Kind beispielsweise den „bösen Stuhl“, der ihm absichtlich wehgetan hat, oder der Teddy wird zum Freund, der einen tröstet, wenn man traurig ist.[32]

Das zwei- bis dreijährige Kind ist gerne mit anderen Kindern zusammen. Das Kind spielt noch für sich, sucht aber Kontakt zu anderen über Berührungen.[33]

[...]


[1] Prager Eltern-Kind-Programm, u.a. nach: Polinski. Liesel: PEKiP: Spiel und Bewegung mit Babys, Reinbek bei Hamburg 2001.

[2] Studien der Organization for Economic Cooperation and Development (OECD): Die Studie “Program for International Student Assessment” (PISA) testet seit 2000 im dreijährigen Turnus internationale Fähigkeiten von fünfzehnjährigen Schülern. Die “Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung” (IGLU) wurde bisher 2001 und 2006 durchgeführt. Die internationale Bezeichnung der Grundschul-Studie ist “PIRLS”.

[3] Hintz, Asmus, Prof.: Frühkindliche Bildung – Treibstoff fürs Leben. Vortrag auf der Musikmesse Frankfurt im Februar 2006 anlässlich des Forum Musikpädagogik mit dem Thema „Frühkindliche Bildung“, Quelle: www.yamaha-academy.de.

[4] Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hg.): Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für die baden-württembergischen Kindergärten. Pilotphase. Weinheim/Basel 2006.

[5] Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hg.): Vertiefender Vergleich der Schulsysteme ausgewählter PISA-Staaten, Bonn 2003, S.232 f.

[6] Hintz, Asmus, Prof.: Frühkindliche Bildung - Treibstoff fürs Leben. Vortrag www.yamaha-academy.de.

[7] Ebd.

[8] Seeliger, Maria: Das Musikschiff. Kinder und Eltern erleben Musik., Regensburg 2003, S.153 f.

[9] Ebd. S.156.

[10] Ebd. S.160.

[11] Seeliger, Maria: Das Musikschiff, S.162 f.

[12] Dornes, Martin: Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen, Frankfurt am Main, 1994, S.41.

[13] Hammershøy, Henny: Die musikalische Entwicklung des Kindes, Weinheim/Basel 1995, S.17-18.

[14] Ebd. S.18.

[15] Seeliger, Maria: Das Musikschiff, S.182.

[16] Ebd. S.182 f.

[17] Kasten, Hartmut: Die Bedeutung der ersten Lebensjahre, in: Fthenakis, Wassilios E.(Hg.): Elementarpädagogik nach PISA, Freiburg 2003, S.60f.

[18] Ebd. S.60f.

[19] Vgl: Polinski,Liesel: PEKiP: Spiel und Bewegung mit Babys., S.82.

[20] Seeliger, Maria: Das Musikschiff, S.187 ff.

[21] Ayres, A. Jean: Bausteine der kindlichen Entwicklung, S.34.

[22] Seeliger, Maria: Das Musikschiff, S.190 f.

[23] Seeliger, Maria: Das Musikschiff, S.191.

[24] Polinski, Liesel: PEKiP: Spiel und Bewegung mit Babys, S.164.

[25] Seeliger, Maria: Das Musikschiff, S.192 f.

[26] Seeliger: Das Musikschiff, S.202.

[27] Ayres: Bausteine der kindlichen Entwicklung, S.40.

[28] Seeliger: Das Musikschiff, S.203.

[29] Aus einem Begriff wird ein anderer abgeleitet, der zwar nicht die korrekte Bezeichnung ist, aber für das Kind Sinn macht, z.B. „lappeln“ für das Aufwischen mit einem Lappen oder auch unkorrekte Beugungen wie „er ist gegangt“.

[30] Seeliger: Das Musikschiff, S.206.

[31] Hammershøy: Die musikalische Entwicklung des Kindes, S.43.

[32] Hammershøy: Die musikalische Entwicklung des Kindes, S.43.

[33] Seeliger: Das Musikschiff, S.207.

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Frühkindliche Förderung der musikalischen Entwicklung
Hochschule
Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
100
Katalognummer
V86450
ISBN (eBook)
9783638003728
ISBN (Buch)
9783638913287
Dateigröße
8856 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit galt gleichzeitig als Examensarbeit im Studiengang Schulmusik/Fach Musikpädagogik als auch als Diplomarbeit im Diplom-Studiengang "Musiklehrer" für die Fächer Querflöte und Elementare Musikpädagogik.
Schlagworte
Bedeutung, Förderung, Entwicklung, Kindes
Arbeit zitieren
Diplom-Musiklehrerin Bettina Eitzenhöffer (Autor), 2007, Frühkindliche Förderung der musikalischen Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86450

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