Joseph von Eichendorff, die Revolution und der Gedichtzyklus 1848


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

28 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Eichendorff und die Revolution in seinem Werk

2) Eichendorffs politische Haltung und Einstellung zur Revolution:
2.1) Einflüsse bei der politischen Prägung Eichendorffs:
2.2) Eichendorffs politische Gesinnung
2.3) Eichendorffs Einstellung gegenüber der Revolution und ihren Folgen

3) Die Gedichtgruppe 1848 als ein Zyklus
3.1) I „Die Altliberalen“
3.2) II „Ihr habt es ja nicht anders haben wollen“
3.3) III „Kein Pardon“
3.4) IV„Will’s Gott“
3.5) V „Wer rettet?“
3.6) VI „Das Schiff der Kirche“
3.7) VII „Der welsche Hahn“
3.8) VIII „Spruch“
3.9) IX „Familienähnlichkeit“
3.10) Der Gesamtzyklus

4) Ein Resümee

5) Bibliographie
5.1) Primärwerke
5.2) Sekundärwerke

1) Eichendorff und die Revolution in seinem Werk

Joseph von Eichendorff, geboren am 10.3.1788 auf Schloß Lubowitz in Oberschlesien, verfasste in seinem Todesjahr in den Skizzen seiner Memoiren unter dem Titel, Erlebtes (1788) folgende Worte: „Ich bin mit der Revolution geboren, der politischen, wie der geistigen, literarischen, und die letztere habe ich mitgemacht.“[1] Und so war es auch. Er machte schon früh Kontakt mit der Thematik der französischen Revolution, las wohl als Zwölfjähriger schon ein Buch hierüber und hat gewiss zahlreiche Gespräche von Erwachsenen darüber gehört. Während seiner Studienzeit musste er die Universität wechseln von Halle nach Heidelberg, weil die Universität von Napoleon geschlossen wurde. Später nahm er dann 1813 und 1815 an den Freiheitskämpfen gegen Napoleon teil.[2] Bei der deutschen Revolution 1848, die am 14. März in Berlin begonnen hatte und am 18. und 19. März ihren Höhepunkt erreicht hatte, fanden die Barrikadenkämpfe der königstreuen Armee gegen die revolutionäre bürgerliche Bewegung im selben Stadtviertel statt, in dem Eichendorff wohnte, und zwar so heftig, dass er mit seiner Familie das Quartier wechselte. Demnach war er sich durchaus bewusst, dass er in einer Zeit der Umbrüche und Übergänge lebte.[3]

Eichendorff war weitaus mehr als nur der "Dichter des deutschen Waldes", seine Welt war alles andere als naiv und harmlos, wie es vielleicht aus seinen Gedichten der Naturbeschreibung erscheinen mag. Die Romantik ist mit sozialen und politischen Kategorien verschränkt, und Eichendorff entwirft dichterische Gegenbilder zur Wirklichkeit einer Zeit der politischen und industriellen Revolutionen, die er als Teilnehmer an den Befreiungskriegen und als preußischer Beamter in verschiedenen Diensten kritisch miterlebt hat. Daher war Eichendorff nicht nur ein romantischer Autor, der die Natur in seinen Gedichten beschrieb, sondern er verfasste auch zahlreiche theoretische und politische Schriften, auch in Erzähl- oder Versform, in der er sich der Thematik der Revolution widmete, wie zum Beispiel in seinen früheren Werken Das Schloβ Dürande, Auch ich war in Arkadien!, in seinen späteren Werken in Robert und Guiscard, und in den Entwürfen zu seiner Autobiographie Erlebtes, die sich vor allem auf die französische Revolution beziehen und schlieβlich auch noch im Gedichtzyklus 1848, der die Ereignisse der deutschen Revolution von 1848 behandelt. Diese Komponente der Revolution, die sein Werk über Jahrzehnte hinweg infiltriert, weist darauf hin, dass Eichendorff die Französische Revolution nicht als ein abgeschlossenes historisches Ereignis auffasste, sondern als eine Gegebenheit, die seine ganze Lebenszeit erfüllte:

So verstand er Revolution in ihrer Bedeutung über das Einzelereignis hinausgehend als den revolutionären Pol im Gesellschaftskonflikt seiner Zeit, worauf schon rein äuβerlich der Zusammenhang seiner Lebendsdaten mit den gleichzeitigen revolutionären Erschütterungen von 1830 und 1848 hinweist.[4]

Vor diesem Hintergrund ist es wohl eine nähere Betrachtung wert, wie Eichendorff zu seiner Erkenntnis über die Revolution kam, und wie er letztlich die deutsche Revolution von 1848 in seinem Gedichtszyklus 1848 verarbeitet hat, nachdem er seine anderen, meist früher entstandenen Werke mit der Revolutionsthematik ja vorwiegend der Französischen Revolution gewidmet hatte. Aus der Behandlung des Zyklus geht Eichendorffs Einstellung zum deutschen Revolutionsgeschehen hervor und der Augenschein soll vor allem auf den Zyklus als Ganzes gerichtet werden, da dieser Aspekt in der bisherigen Forschung nur wenig Beachtung fand.

2) Eichendorffs politische Haltung und Einstellung zur Revolution:

Eichendorff unterlag im Laufe seines Lebens verschiedenen Einflüssen, die ihn zum konservativen Lager hinzogen. Darauf baute dann auch seine Sicht von der Revolution als nicht enden wollende Krise auf, die er immer wieder mit der allgemein verbreiteten konservativen Metapher des Gewitters und Feuers umschrieb.

2.1) Einflüsse bei der politischen Prägung Eichendorffs:

In erster Linie spielten Eichendorffs Herkunft und Erziehung bei seiner politischen Meinungsbildung eine groβe Rolle.

Geboren als Joseph Karl Benedikt, Freiherr von Eichendorff, war er Mitglied des oberschlesischen Adels, was ihm das konservative Grundgerüst seiner politischen Haltung lieferte: er verteidigte grundsätzlich das bestehende politische System.

Auch seine Studienzeit trug ihren Teil zur Formung seiner politischen Überzeugungen bei, wobei er vor allem von den Dozenten seiner Studienzeit geprägt wurde. Die Haupteinflüsse gingen vorwiegend auf Eichendorffs Bekanntschaft mit Görres, Müller und Schlegel zurück, die er wohl nicht nur zufällig gemacht hat, sondern absichtlich gesucht, bzw. ausgebaut hat, weil er sich in diesem Kreise als Katholik und Adeliger zu Hause fühlte.[5]

Joseph Görres, gab in Heidelberg 1807-1808 die Vorlesung Teutschland und die Revolution, durch die er den jungen teilnehmenden Studenten Eichendorff von der so

genannten „konservativen Verschwörertheorie“[6] überzeugte. Diese besagt, dass die französische Revolution keine Sache des Volkes war, sondern lediglich von einigen wortgewandten Führern ausging. Es ist die Rede von einer „unterirdischen Revolution“[7], in Deutschland gebe es eine drohende revolutionäre Gefahr von Geheimbündlern.[8] Des Weiteren führte der Professor den Grundgedanken aus, „daß die Revolution innerhalb eines theologischen und heilsgeschichtlichen Bezugsrahmens zu deuten sei“, welchen Eichendorff in seiner Schrift „Erlebtes“ übernahm. Die Revolution wird als „Gottesgericht“[9] bezeichnet, und Görres verwendet in seiner Schrift „Resultate meiner Sendung nach Paris“ 1800, wie auch sein Schüler später, das Motiv der Feuer- und Gewittermetapher, um die elementare, unberechenbare und verheerende Macht der Revolution zu veranschaulichen.[10]

Zudem findet sich in Eichendorffs Werk auch Görres Gedankenführung, in der sich der Geburtsadel durch die Verbindung mit einem, dem dritten Stand entstammenden, Verdienstadel regenerieren solle.[11]

Letztlich teilten Görres und Eichendorff auch dasselbe Verhältnis zum Problem einer deutschen Revolution, wie sie Görres formulierte. Dieser fürchtete die Revolution, sieht sie aber durch die Unfreiheit und Verlogenheit der Restaurationsepoche in Deutschland zwangsläufig heraufbeschworen.[12] Die Folgen werden von Görres grell ausgemalt:

Eine teutsche Revolution würde mit der Vertreibung aller herrschenden Dynastien, mit der Zerbrechung aller kirchlichen Formen, mit der Ausrottung des Adels, mit der Einführung einer republikanischen Verfassung unausbleiblich endigen; sie würde dann, wenn sie ihren glücklichen Wallenstein gefunden, weil jedes revolutionierte Volk nothwendig ein eroberndes wird, über ihre Gänze treten, und das ganze morsche europäische Staatsgebäude bis an die Gränze Asiens werfen […][13]

Genau dieser „Wallenstein“, jene groβe geschichtliche Persönlichkeit, die den Prozess der Veränderung hätte lenken können ist es, wegen dem nach Eichendorff das Scheitern der Revolution letztlich schon vorprogrammiert war.[14]

Der Einfluss Görres auf Eichendorff reichte über die Studienzeit hinaus, sie wurden Freunde und Letzterer war so stark von seinem Lehrmeister beeindruckt, dass dies sogar aus seinem eigenen Werk hervorgeht: „Es ist unglaublich, welche Gewalt dieser Mann […] über alle Jugend, die irgend geistig mit ihm in Berührung kam, nach allen Richtungen hin ausübte.“[15]

Während der Wiener Studienzeit 1810-1813 machte Eichendorff die Bekanntschaft mit seinen Lehrern Adam Müller und Friedrich Schlegel. Diese vermittelten dem Studenten entscheidende Anregungen für sein Geschichtsbild und seine Einstellung gegenüber der französischen Revolution.[16]

Eichendorffs Kritik an den zentralen Motiven der französischen Revolution, Freiheit und Gleichheit, basiert wohl auf Adam Müllers Schrift Fragment über den Adel. So findet sich in Eichendorffs Schrift Erlebtes Freiheit als die „möglichst ungehinderte Entwicklung der geistigen Eigentümlichkeit“[17] und Gleichheit als „diese alles verwischende Gleichmacherei“[18]. Und genauso wie Müller im Fragment über den Adel prangert Eichendorff in Erlebtes und auch in Form des alten Grafen im Schloß Dürande, wie auch in Robert und Guiscard den „verhängnisvollen Fatalismus der Vertreter des Ancien Régime vor der Revolution“ an. Auβerdem solle, wie auch sein Schüler später ausführte, der Adel sich durch bürgerliche Kräfte regenerieren, da die Gesellschaft ohne Adel überhaupt nicht bestehen könne. Das Mittelalter gab den Maβstab für bürgerliche Lebensformen vor.[19]

[...]


[1] Ulrike Ehmann; Sibylle von Steinsdorff. Ich bin mit der Revolution geboren… Joseph von Eichendorff, 1788 – 1857. Ratingen. 1988. S. 26.

[2] Paul Stöcklein. Joseph von Eichendorff. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg. 1963.

S.55.ff.

[3] Volkmar Stein. Joseph von Eichendorff. Ein Lebensbild. Neumarkt/ Opf. 1953. S.46.

[4] Heidrun Frieβem. Tradition und Revolution im Werk Joseph von Eichendorff. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Philipps-Universität Marburg/ Lahn. Marburg/ Lahn. 1972. S.1f .

[5] vgl. Klaus Lindemann. Eichendorffs „Schloβ Dürande“. Konservative Rezeption der Französischen Revolution. Paderborn, München u.a. 1980. S. 36.

[6] Lindemann. S.29.

[7] Johann Joseph Görres. „Teutschland und die Revolution“. In: Politische Schriften 1817-1822. Gesammelte Schriften XIII. Hrsg. v. Günther Wohlers. Köln. 1929. S.86f.

[8] Lindemann. S.29.

[9] Görres. S.61.

[10] Lindemann. S.32.

[11] Lindemann. S.29.

[12] Helmut Koopmann. „Eichendorff, das Schloβ Dürande und die Revolution.“ (S.132) In: Ansichten zu Eichendorff. Beiträge der Forschung 1958 bis 1988. Hrsg. Alfred Riemen. Sigmaringen. 1988. S.119-146.

[13] Görres. „Teutschland und die Revolution“. S.127 f.

[14] Helmut Bernsmeier. Literaturwissen für Schule und Studium. Joseph von Eichendorff. Stuttgart. 2000. S. 50.

[15] Joseph von Eichendorff. „Erlebtes. Halle und Heidelberg“. In: Eichendorff. Adel und Revolution. Hrsg. v. Hartwig Schultz. Frankfurt a. M.1993. S.431.

[16] Lindemann. S.33.

[17] Eichendorff, „Erlebtes. Halle und Heidelberg.“ S.418.

[18] Eichendorff, „Erlebtes. Halle und Heidelberg.“ S.418.

[19] Vgl. Lindemann. S.34.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Joseph von Eichendorff, die Revolution und der Gedichtzyklus 1848
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Department für Germanistik, Komparatistik und Nordistik)
Veranstaltung
Bild gewordenes Innere: Joseph von Eichendorffs Lyrik
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V86461
ISBN (eBook)
9783638047173
ISBN (Buch)
9783638943383
Dateigröße
665 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Joseph, Eichendorff, Revolution, Gedichtzyklus, Bild, Innere, Eichendorffs, Lyrik
Arbeit zitieren
Anuschka Burkhardt (Autor), 2006, Joseph von Eichendorff, die Revolution und der Gedichtzyklus 1848, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86461

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