Bei Zwangsstörungen mit Beginn im Kindes- und Jugendalter handelt es sich um ein schweres und belastendes Krankheitsbild, das sowohl für den Betroffenen als auch für seine Angehörigen und seine weitere soziale Umgebung ein schwer zu ertragendes psychisches Leiden darstellt. Umso bedeutender ist ein umfassendes Wissen um das Krankheitsbild, eine möglichst frühe Diagnostik und eine spezifisch wirksame Therapie, um eine Chronifizierung der Krankheit zu vermeiden.
Zwangsstörungen sind komplexe psychische Störungen, bei denen sich den Betroffenen Gedanken und Handlungen aufdrängen, die zwar als quälend empfunden werden, aber dennoch umgesetzt werden müssen. Der Betroffene erkennt, dass diese Zwänge übertrieben und sinnlos sind, kann sich ihnen jedoch nicht entziehen.
In Deutschland sind ca. 2-3% der Bevölkerung von Zwangsstörungen betroffen, unter den Heranwachsenden liegt die Rate bei ca. 1%. Nach den Depressionen, den Phobien und den Suchterkrankungen sind Zwänge die vierthäufigste psychische Krankheit.
Dennoch sind Zwangsstörungen kaum in der Öffentlichkeit bekannt. Retrospektive Untersuchungen zeigen, dass durchschnittlich erst 7-10 Jahre nach Beginn der Zwangsstörung eine Behandlung in Anspruch genommen wird. Dies liegt daran, dass häufig eine Unkenntnis der Problematik vorherrscht. Auch bei vielen Ärzten findet man immer noch veraltete Vorstellungen, was die Behandlungsmöglichkeiten für Zwänge betrifft.
Lange Zeit galten Zwangsstörungen als seltene und unheilbare Krankheit, für die man keine wirksamen Behandlungsmöglichkeiten kannte. Jahrzehntelang wurden Zwangsstörungen mit tiefenpsychologischen Verfahren therapiert, diese bewirkten allerdings keine Besserung der Symptomatik. Erst seit Anwendung der Verhaltenstherapie in den 60er Jahren können Zwänge wirksam behandelt werden. Heute stehen mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Techniken wirksame und empirisch erprobte Verfahren zur Behandlung von Zwängen zur Verfügung. Eine Verbesserung der Symptomatik kann auch durch die Einnahme bestimmter Psychopharmaka erreicht werden. Trotz dieser Fortschritte ist die Forschung von einer Ideallösung noch weit entfernt, denn selbst die heutigen Therapiemöglichkeiten erreichen nicht immer eine vollständige und dauerhafte Heilung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Terminologische Abgrenzungen
2.1. Zwangsstörung
2.1.1. Klassifikation nach ICD-10
2.1.2. Klassifikation nach DSM IV
2.1.3. Lebenszeitprävalenz
2.2. Zwanghafte Persönlichkeitsstörung
2.3. Beziehung der Zwänge zu anderen Störungen
2.3.1. Zwänge und Phobien
2.3.2. Zwänge und Depressionen
2.3.3. Zwänge und Schizophrenie
2.3.4. Zwänge und Ticstörungen
2.3.5. Zwänge und Trichotillomanie
3. Verlauf und Erscheinungsformen
3.1. Verlauf
3.2. Erscheinungsformen
3.2.1. Kontrollzwänge
3.2.2. Wasch- und Reinigungszwänge
3.2.3. Zwangsgedanken
3.2.4. Ordnungs-, Wiederholungs- und Zählzwänge
3.2.5. Sammel- und Hortzwänge
3.2.6. Zwanghafte Langsamkeit
3.2.7. Abergläubische Zwangsgedanken und -handlungen
4. Ursachen
4.1. Vererbung
4.2. Erziehung
4.3. Kindheit
4.4. Persönlichkeit
4.5. Belastende Erfahrungen und ungünstige Lebensumstände vor Krankheitsbeginn
4.6. Erklärungsmodelle für Zwangsstörungen
4.6.1. Das lerntheoretische Modell
4.6.2. Kognitive Modelle
4.6.3. Theorie zu Netzwerkstruktur von Zwängen
4.6.4. Gedächtnisschwäche
4.6.5. Paradoxer Effekt der Gedankenunterdrückung
4.6.6. Psychoanalyse
4.7. Biologische Faktoren
4.7.1. Neuropsychologische Einflüsse
4.7.2. Neurochemische Einflüsse
4.7.3. Verschiedene körperliche Krankheiten
5. Diagnose und Therapie
5.1. Diagnose und Differentialdiagnose
5.2. Therapiemöglichkeiten
5.2.1. Stationäre Behandlung
5.2.2. Zielsetzungen
5.2.3. Konfrontation/Exposition mit Reaktionsverhinderung
5.2.4. Kognitive Therapie
5.2.5. Familiäre Interventionen
5.2.6. Pharmakotherapie
5.2.7. Behandlung reiner Zwangsgedanken
5.3. Vorbeugung gegen Rückschritte und Rückfälle
5.4. Neurochirurgie
6. Familiäre und psychosoziale Aspekte
6.1. Sozioökonomische und religiöse Faktoren
6.2. Genetische Faktoren
6.3. Die Verstrickung der Familie
6.4. Familienklima, Erziehung und intrafamiliäre Kommunikation
7. Verallgemeinerung der Ergebnisse und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist eine umfassende theoretische Betrachtung des Krankheitsbildes der Zwangsstörung bei Kindern und Jugendlichen, mit besonderem Fokus auf den familiären Kontext und dessen Rolle bei Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptomatik.
- Klassifikation und Terminologie der Zwangsstörung
- Symptome, Verlauf und Erscheinungsformen bei Heranwachsenden
- Genetische, biologische und psychosoziale Ursachen
- Diagnostische Verfahren und therapeutische Interventionsmöglichkeiten
- Der Einfluss familiärer Faktoren auf den Therapieverlauf
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Kontrollzwänge
Kontrollzwänge beziehen sich auf mehrere Situationen: Auf Elektrogeräte (z.B. Herd, Kaffeemaschine, Bügeleisen, etc.), die einen Brand verursachen könnten und auf Türen oder Fenster, die wegen Einbruchsgefahr immer verschlossen sein müssen. Auch die Sorge, einen anderen Menschen verletzt haben zu können, löst häufig komplexe Kontrollvorgänge aus (z.B. mehrmaliges Abgehen der Wegstrecke; ständige Anrufe bei der Polizei, ob ein Unfall geschehen ist) (vgl. Lakatos; Reinecker, 1999 und 2001, S.15).
Die Betroffenen haben das Gefühl, von ihnen gehe eine permanente Gefahr aus; sie versuchen infolgedessen mit den Kontrollzwängen wieder Sicherheit herzustellen, Gefahren abzuwenden und alles in Ordnung zu halten (vgl. Hoffmann, 1994b, S. 90f; S. 101).
Viele Kontrollzwänge sind nicht beobachtbar, sondern laufen ausschließlich auf der kognitiven Ebene ab (z.B. ständige Angst, etwas Schlechtes über eine Person zu sagen und in Folge dessen jeden Tag im Kopf durchspielen, ob nicht doch etwas herausgerutscht ist) (vgl. Lakatos; Reinecker, 1999 und 2001, S.16).
Hoffmann unterscheidet drei Arten von Kontrollzwängen: das Kontrollieren und Absichern, die zwanghafte Langsamkeit sowie Sammeln, Stapeln und Horten. Auf die beiden letzteren Formen der Zwangsstörung wird in den Kapiteln 3.2.5 und 3.2.6 separat eingegangen.
Zwangskontrollen müssen nicht in allen Lebensbereichen auftreten, sie können sich beispielsweise nur auf den häuslichen Bereich beschränken; im Beruf kann der Betroffene symptomfrei sein. Auch ist es möglich, dass den Kontrollzwängen nur ein bestimmter Tagesabschnitt gewidmet wird, z.B. am Abend (vgl. Hoffmann, 1990, S. 51).
Bei Kontrollzwängen sind die Beurteilungskriterien für Sachverhalte verschoben. Die Betroffenen sehen, dass z.B. der Wasserhahn richtig zugedreht ist, haben aber nicht das Gefühl, dass der Hahn in Ordnung ist. Sie wissen zwar vor und während der Kontrolle, dass der Sachverhalt korrekt ist, sind aber mit dem Erleben nicht zufrieden. „Dieses Erleben ist es, das sie durch weitere Kontrollen verändern wollen“ (Hoffmann, 1990, S. 55). Baer bezeichnet dieses Phänomen als „seinen Sinnen nicht trauen“ (Baer, 1993, S. 28) können. Dies ist die Folge der Unsicherheit, ob man einen Fehler begangen hat und die darauf folgende ständige Überprüfung des Sachverhalts (vgl. Baer, 1993, S. 28).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Krankheitsbild der Zwangsstörung bei Heranwachsenden ein und umreißt die Struktur sowie die Zielsetzung der Arbeit.
2. Terminologische Abgrenzungen: In diesem Kapitel werden Zwangsstörungen definiert, von Alltagszwängen und anderen Störungen abgegrenzt sowie Klassifikationssysteme (ICD-10, DSM IV) erläutert.
3. Verlauf und Erscheinungsformen: Dieses Kapitel beschreibt den typischen Verlauf und die verschiedenen Symptomgruppen wie Kontroll- oder Waschzwänge bei Kindern und Jugendlichen.
4. Ursachen: Dieses Kapitel analysiert umfassend verschiedene Ursachenfaktoren wie Genetik, Erziehung, Persönlichkeit und biologische Erklärungsmodelle.
5. Diagnose und Therapie: Dieses Kapitel befasst sich mit diagnostischen Verfahren sowie therapeutischen Ansätzen wie der kognitiven Verhaltenstherapie, Medikation und der Rolle der Familie.
6. Familiäre und psychosoziale Aspekte: Dieses Kapitel vertieft die Bedeutung sozioökonomischer Faktoren sowie die Verstrickung der Familie in das Zwangssymptom.
7. Verallgemeinerung der Ergebnisse und Ausblick: Dieses abschließende Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und bietet einen Ausblick.
Schlüsselwörter
Zwangsstörung, Heranwachsende, Kindheit, Jugendalter, Symptomatik, Klassifikation, Verhaltenstherapie, Familiärer Kontext, Ursachenforschung, Kognitive Modelle, Diagnostik, Therapie, Rückfallprävention, Serotoninsystem, Zwangshandlungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet eine fundierte theoretische Betrachtung von Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen unter besonderer Berücksichtigung des familiären Umfelds.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen Klassifikation, Erscheinungsformen, Ursachen, diagnostische Methoden sowie verschiedene therapeutische Interventionsformen bei Zwangserkrankungen.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, ein umfassendes Wissen über das Störungsbild bei Heranwachsenden zu vermitteln und die Rolle der Familie bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Zwänge kritisch zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer umfangreichen Literaturanalyse und einer theoretischen Betrachtung aktueller psychologischer und medizinischer Erkenntnisse zur Zwangsstörung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Terminologie, Verlauf, Ursachen (einschließlich neurobiologischer und psychologischer Modelle) sowie die Diagnose und Therapie unter Einbeziehung der Familie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören Zwangsstörung, Kognitive Verhaltenstherapie, Familiärer Kontext, Symptomatik, Ursachenforschung und Diagnostik.
Inwiefern beeinflusst die Familie den Therapieverlauf?
Die Einbindung der Familie ist entscheidend; eine "Verstrickung" kann die Therapie erschweren, während die Unterstützung bei der Verhaltensänderung den Heilungsprozess massiv fördern kann.
Welche Bedeutung hat das Kindesalter für die Zwangsstörung?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Zwangsstörungen häufig bereits im Kindesalter manifestiert werden und daher eine möglichst frühzeitige Diagnostik zur Vermeidung einer Chronifizierung essenziell ist.
- Quote paper
- Donata Sorg (Author), 2007, Zwangsstörungen bei Heranwachsenden – Eine theoretische Betrachtung mit Blick auf den familiären Kontext, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86474