Diese Arbeit will sich dem Reigen von Arthur Schnitzler von der literaturhistorischen Seite nähern. Nicht das Werk an sich steht im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern die geschichtlichen Ereignisse um dieses, der große Skandal und die darauffolgenden Prozesse.
Auf der inhaltlichen Seite gilt es allerdings aufzuzeigen, woran sich die Gesellschaft der Zeit gestoßen hat, wo sie Schnitzler eventuell falsch verstanden hat oder vor allem: wo sie ihn falsch verstehen wollte. Denn wie so oft war die Frage, ob der Reigen Schmutz und Schund oder gar Pornographie sei, vorrangig der Aufhänger für politische Zwecke und wurde vor allem von Menschen bemüht, denen die Kunst kaum am Herzen lag und deren machtpolitischen Ziele all` zu leicht zu durchschauen gewesen sein dürften. In dieser Hinsicht können die Vorgänge um den Reigen als Vorboten des Dritten Reiches gedeutet werden. Die faschistischen Bewegungen und die konservativen Schichten arbeiteten sich hier in die Arme:
So erreichten die rechtsradikalen Horden das Bürgertum über die allgegenwärtigen Sexualängste und darin implizierte Angst vor Krankheit und Tod. Die Konservativen konnten sich froh wähnen, in den Schlägertruppen die vermeintlichen Beschützer der alten Weltordnung mit ihren vermeintlich gesunden und richtigen Werten gefunden zu haben.
Die Vorgänge um den Reigen können also nicht nur von literaturwissenschaftlicher Warte aus als ein eindrucksvolles und wichtiges Zeitdokument für die schlimme politische Entwicklung im 20. Jahrhundert angesehen werden
So möchte ich mich zunächst mit Schnitzler und seiner Zeit befassen, dem literarischen Wien und dem Phänomen des Kaffeehauses auf der einen Seite und der staatlichen Zensur andererseits. Die geschichtlich-politischen Umstände möchte ich an dieser Stelle noch nicht vertiefen, sie werden in den Kapiteln um Skandal und Prozesse ausführlich als Bedingung dieser behandelt und diskutiert werden.
Die eigentliche Skandalgeschichte möchte ich in zwei Kapitel aufteilen. Zum einen die langwierigen und zermürbenden Vorgänge um das Erscheinen des Buches und das Spielen auf dem Theater, denen ich die sehr unterschiedlichen Vorwürfe, die man dem Stück seitens der verschiedenen politischen Lager gemacht hat, voranstellen möchte.
Anschließend werde ich auf die beiden Prozesse aus dem Jahre 1921 eingehen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Arthur Schnitzler und seine Zeit
1.1 Der Autor
1.2 Die Zensur
2. Der Skandal um den Reigen
2.1 Vorwürfe an den Reigen
2.2 Der Reigen verlegt
2.3 Der Reigen gespielt
3. Die Reigen-Prozesse
3.1 Der erste Prozess (3.-6. Januar 1921)
3.2 Der zweite Prozess (5.-18.November 1921)
4. Zusammenfassung und Ausblick
Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Stück „Reigen“ von Arthur Schnitzler nicht primär unter literaturästhetischen Gesichtspunkten, sondern fokussiert sich auf die historisch-politischen Ereignisse, den Skandal um das Werk sowie die darauf folgenden juristischen Prozesse. Ziel ist es, die gesellschaftlichen Dynamiken, die moralischen Vorurteile und die Instrumentalisierung von Zensur im Kontext der Weimarer Republik und darüber hinaus zu beleuchten sowie die Frage nach dem Umgang von Politik und Gesellschaft mit Kunst zu stellen.
- Die literaturhistorische Einordnung und die Bedeutung von Arthur Schnitzler als Chronist seiner Zeit.
- Die Analyse des gesellschaftlichen Skandals um das Stück „Reigen“ und die verschiedenen politischen Vorwürfe.
- Die detaillierte Untersuchung der Reigen-Prozesse von 1921 als Zeichen der gesellschaftlichen Spaltung.
- Der Vergleich historischer Zensurmechanismen mit der Situation in der Bundesrepublik Deutschland.
Auszug aus dem Buch
2.1 Vorwürfe und Verteidigung
Die Vorwürfe, die von konservativer und nationalistischer Seite an den Reigen herangetragen wurden, brauchen an dieser Stelle kaum weiter erörtert zu werden. Sie sind der Ausgangspunkt für die Leidensgeschichte um Publikation und Aufführung des Stückes. Somit werden sie im Laufe der Arbeit immer wieder angeführt werden. Wichtig ist, dass der Reigen als Pornographie deklariert und als Unverschämtheit und Geschmacklosigkeit bezeichnet wurde. Es wurde Anstoß daran genommen, dass der Geschlechtsverkehr auf die Bühne gebracht wurde, und das in einer vermeintlich besonders schamlosen Sichtweise. „Daß Schnitzler im Text entsprechend Gedankenstriche anbrachte, daß die körperliche Vereinigung ihn hier eigentlich gar nicht interessierte, daß im Theater dabei sozusagen der Vorhang fiel, konnte Kritiker, die Politiker zur Hilfe riefen, nicht tangieren.“
Aber auch von sozialdemokratischer bzw. liberaler Seite wurde das Stück kritisiert. Der Reigen wurde als ein Drama von gestern, eine Erscheinung bürgerlicher Dekadenz, die nichts zu sagen hat, sondern nur ihre genusssüchtige Doppelbödigkeit zur Schau stellt, gesehen. Besonders Karl Kraus war Wortführer dieser Interpretation: „Seine erotische Psychologie geht auf eine Nußschale der Erkenntnis (...) Dieser Humor geschlechtlicher Dinge lebt von der Terminologie und erst recht von deren Unterlassung: dem Gedankenstrich.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema der Arbeit, die sich mit dem historischen Kontext, dem Skandal und den Prozessen rund um Schnitzlers „Reigen“ befasst.
1. Arthur Schnitzler und seine Zeit: Untersuchung der Person Schnitzlers, seines Einflusses als Autor sowie der Rolle staatlicher Zensur und gesellschaftlicher Verdrängung um 1900.
2. Der Skandal um den Reigen: Analyse der Vorwürfe gegen das Stück, der Publikationsgeschichte und der schwierigen Aufführungsversuche sowie der Reaktionen durch Politik und Gesellschaft.
3. Die Reigen-Prozesse: Detaillierte Darstellung der juristischen Verfahren im Jahr 1921, ihrer Hintergründe und der verschiedenen Zeugenaussagen im Kontext der damaligen politischen Atmosphäre.
4. Zusammenfassung und Ausblick: Fazit über die Instrumentalisierung des Stücks und kritische Reflexion des Zensurbegriffs in der Geschichte bis hin zur Situation in der Bundesrepublik Deutschland.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Reigen, Zensur, Skandal, Literaturgeschichte, Wiener Moderne, Reigen-Prozesse, Antisemitismus, Sexualität, Moral, Weimarer Republik, Kunstfreiheit, Sittlichkeit, Schmutz- und Schundliteratur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die historische Skandalgeschichte und die juristischen Prozesse rund um das Stück „Reigen“ von Arthur Schnitzler.
Welche Themenfelder sind zentral?
Im Mittelpunkt stehen das literarische Wien um 1900, die Mechanismen der staatlichen Zensur, die gesellschaftliche Rolle der Sexualmoral und die politische Instrumentalisierung von Kunst.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um das Stück als Vorboten einer tieferen politischen Entwicklung und den Umgang mit Zensur von der Kaiserzeit bis zur Bundesrepublik kritisch zu hinterfragen.
Welche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse von zeitgenössischen Berichten, Gerichtsprotokollen und Forschungsbeiträgen, um den Verlauf des Skandals und der Prozesse nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Schnitzlers zeitlichem Kontext, die Skandalgeschichte um Buch und Theateraufführungen sowie die juristische Aufarbeitung in den Prozessen von 1921.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Schnitzler, Reigen, Zensur, Skandal, Moral und Kunstfreiheit.
Warum war das Stück „Reigen“ für die damaligen Behörden so anstößig?
Das Stück wurde als Pornographie und Bedrohung für das „sittliche Empfinden“ gewertet, da es explizit Themen der Sexualität behandelte, was vor allem von konservativen und nationalistischen Kreisen als Angriff auf die bestehende Gesellschaftsordnung wahrgenommen wurde.
Welche Rolle spielten die Prozesse für das spätere Verständnis von Kunst?
Die Prozesse zeigten, dass Kunst oft nur dann „gerettet“ werden konnte, wenn man sie als „sittlich“ und moralisch wertvoll umdeutete, was laut der Autorin ein falscher und rückschrittlicher Verteidigungsweg war, der die eigentliche Intention des Autors verkannte.
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- Michelle Grothe (Autor), 2002, Arthur Schnitzlers 'Reigen' und die Zensur, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8648