Nach üblichen Statistiken (Blaues Kreuz, 1987) sind in der Bundesrepublik Deutschland 1,8 Millionen, also etwa drei Prozent aller Bundesbürger, alkoholabhängig. Da aber die meisten Alkoholiker nicht alleine leben, sondern Familie haben, sind 4 bis 5 Millionen Angehörige unmittelbar vom Alkoholismus betroffen.
Alkoholabhängigkeit tritt meist im mittleren Lebensalter auf, zu einer Zeit in der Kinder aufwachsen und erzogen werden, was auf das Ausmaß des Problems für die beteiligten Kinder bzw. Jugendlichen hindeuten soll.
Während in der Literatur hauptsächlich auf die Auswirkungen alkoholauffälliger Familien auf die Entwicklung im Kindesalter eingegangen wird, fehlen für den Bereich des Jugendalters jedoch zuverlässige Untersuchungen. Ziel meiner Arbeit ist es daher, verstärkt auf die betroffenen Jugendlichen einzugehen und von ihnen selbst zu erfahren, wie sie versucht haben mit der elterlichen Sucht umzugehen.
Zunächst werden jedoch die für mein Thema relevanten Ausgangspunkte und Problemstellungen besprochen bzw. Definitionen zur Hauptthematik festgelegt. In der familientherapeutischen Literatur zu Suchtproblemen wird heute weitgehend davon ausgegangen, daß Abhängigkeit nicht nur ein individuelles Problem, sondern immer auch ein Familienproblem darstellt. Daher soll im Rahmen dieser Arbeit die Alkoholismusfamilie nach systemischen Gesichtspunkten betrachtet werden.
Anschließend werden die Auswirkungen des Alkoholmißbrauchs besprochen, wobei zwischen den Auswirkungen auf die Familie als Ganzes und den Auswirkungen auf die Kinder unterschieden wird. Die in diesem Kapitel beschriebenen Folgen für die Kinder können, wegen der fehlenden Unterscheidung in der vorhandenen Fachliteratur, zumindest auch für das frühe Jugendalter gelten. Bevor ich dann näher auf die Entwicklung Jugendlicher in alkoholbelasteten Familien eingehe, soll anhand des Entwicklungsaufgabenkonzeptes von DREHER & DREHER (1985a) aufgezeigt werden, welche Aufgaben und Erwartungen für die Adoleszenz geltend gemacht werden. Wenn auch die von ihnen aufgestellten Entwicklungsaufgaben als Gebrauchsanleitung für das Erreichen eines Entwicklungszieles mißverstanden werden können, haben sie dennoch einige ‚Meilensteine’ für den Entwicklungsabschnitt Adoleszenz zusammengetragen.
Nach den dargestellten Entwicklungsaufgaben wird der Frage nachgegangen, inwiefern Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien in ihrer Entwicklung beeinflußt werden. Dieser Beitrag kann nur einen skizzenhaften Einblick geben, da wie bereits erwähnt, wissenschaftlich fundierte Ergebnisse zu diesem Aspekt weitgehend fehlen.
Eine Kategorienentwicklung zur Erstellung eines Interviewleitfaden soll erste Hinweise für die Durchführung einer möglichen empirischen Untersuchung im Feld Familie geben, die auf die Erfahrungen Jugendlicher in einem alkoholbelasteten Familiensystem abzielen und aufzeigen, wie diese Erfahrungen wahrgenommen und verarbeitet werden. Dieser Interviewleitfaden kann als Vorlage für weiterführende empirische Forschungsarbeiten dienen. Anhand dieses teilstrukturierten Gesprächsleitfadens ist es möglich empirisch in Erhebungsstudien die folgenden Schwerpunktthemen herauszuarbeiten:
• Wahrnehmung der elterlichen Alkoholprobleme;
• Auswirkungen der elterlichen Alkoholprobleme;
• Bewältigungsversuche der ganzen Familie.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
1.0 Definitionen
1.1 Alkoholismus
1.2 Die Familie als System
2.0 Der Alkoholismus im Familiensystem
2.1 Systemische Betrachtung
2.1.1 Forschungsverlauf in den USA
2.1.2 Forschungsverlauf im deutschen Sprachraum
2.1.3 Aspekte für die Familienbehandlung
2.2 Auswirkungen
2.2.1 Auf die Familie als Ganzes
2.2.2 Auswirkungen auf die Kinder
3.0 Entwicklung im Jugendalter
4.0 Entwicklung Jugendlicher in alkoholbelasteten Familien
5.0 Kategorienentwicklung für die Erstellung eines Interviewleitfaden zu den Erfahrungen Jugendlichen in alkoholbelasteten Familien
5.1 Wahrnehmung der elterlichen Alkoholprobleme
5.1.1 Zeitpunkt
5.1.2 Verlauf/Ereignis
5.1.3 Merkmale des Alkoholikers
5.1.4 Verständigung mit dem anderen Elternteil
5.2 Auswirkungen der elterlichen Alkoholprobleme
5.2.1 Entwicklung
5.2.2 Anforderungen und Aufgaben
5.2.3 Verhalten gegenüber dem Alkoholiker
5.2.4 Verhalten gegenüber dem gesunden Elternteil
5.3 Bewältigungsversuche
5.3.1 Des Jugendlichen
5.3.2 Bewältigungsversuche des Kranken
5.3.3 Bewältigungsversuche der Angehörigen
6.0 Schlußbemerkung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen von elterlichem Alkoholismus auf die Entwicklung von Jugendlichen aus einer systemischen Perspektive. Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Erlebnisse und Bewältigungsstrategien dieser Jugendlichen zu gewinnen, da wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesem speziellen Lebensalter bislang unterrepräsentiert sind.
- Systemische Betrachtung des Alkoholismus im Familiensystem
- Auswirkungen elterlicher Suchtproblematiken auf Kinder und Jugendliche
- Entwicklungsaufgaben im Jugendalter nach dem Konzept von Dreher & Dreher
- Kategorienentwicklung für einen empirischen Interviewleitfaden
- Bewältigungsstrategien von Jugendlichen in alkoholbelasteten Familien
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Auswirkungen auf die Kinder
Die Liste der negativen Auswirkungen des elterlichen Alkoholismus auf die Kinder ist in der Literatur sehr umfangreich. Es wird jedoch kaum zwischen Kindern und Jugendlichen unterschieden. Die im Folgenden aus dieser Literatur beschriebenen Merkmale können also zumindest auch für das frühe Jugendalter gelten.
Der Familie wird in der Forschung zum Gesundheitsverhalten Jugendlicher als ‚Lernort Nr.1’ ein besonderer Stellenwert zugewiesen. Im Kontext der Familie werden die ersten entscheidenden Lernprozesse geprägt, entscheidende Ressourcen und Defekte erworben und Weichen für die spätere Entwicklung gestellt (vgl. SEIFERT-SCHRÖDER, 1983, 21ff). Die Mutter beeinflußt im Allgemeinen mehr im emotionalen Bereich, während der Vater eher den autoritäten Bereich abdeckt.
Da in den häufigsten Familien mit Alkoholproblemen der Mann und seltener die Frau der Problemträger ist (vgl. FEUERLEIN & DITTMAR, 1989, S.49), soll im folgenden verstärkt auf die Auswirkungen der Alkoholsucht des Vaters auf das Kind eingegangen werden. Prinzipiell muß jedoch an vielen Stellen nicht unbedingt ein geschlechtsspezifischer Unterschied gesehen werden.
Der Vater hat für die kindliche Entwicklung hin zur selbständigen Persönlichkeit wichtige Funktionen. KÖPPL & REINERS (1987) schreiben dazu: „Vor allem für die Söhne ist er das Identifikationsvorbild, das durch seine Autorität Ordnungen, Normen und Werte verkörpert (die Mädchen spielen in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle, weil für sie keine Vater-Identifikation angenommen wird)“ (S.19). Der alkoholkranke Vater verkörpert jedoch ein völlig falsches Bild einer Autorität und eines Leitbildes. Er versucht oft vermehrte Autorität in der Familie zu zeigen. Häufig herrscht ein knapper, bestimmter Ton mit Befehlscharakter, der den Kindern keine Möglichkeit gibt, ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche auszudrücken.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Definitionen: Dieses Kapitel erläutert grundlegende Begriffe wie Alkoholismus und das Familiensystem als Basis für die weitere systemtheoretische Untersuchung.
2.0 Der Alkoholismus im Familiensystem: Es werden die systemische Betrachtungsweise, der Forschungsverlauf in den USA und Deutschland sowie die weitreichenden Auswirkungen auf Familien und deren Kinder dargestellt.
3.0 Entwicklung im Jugendalter: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Jugendphase und die Bedeutung von Entwicklungsaufgaben für den Reifungsprozess diskutiert.
4.0 Entwicklung Jugendlicher in alkoholbelasteten Familien: Dieses Kapitel untersucht spezifisch, wie die elterliche Alkoholabhängigkeit die individuellen Entwicklungsschritte der Jugendlichen beeinflusst.
5.0 Kategorienentwicklung für die Erstellung eines Interviewleitfaden zu den Erfahrungen Jugendlichen in alkoholbelasteten Familien: Es wird die methodische Vorbereitung zur Erfassung der Wahrnehmung, der Auswirkungen und der Bewältigungsversuche innerhalb dieser Familienkonstellation dargelegt.
6.0 Schlußbemerkung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit für weitere empirische Studien aus der Sicht der Jugendlichen.
Schlüsselwörter
Alkoholismus, Familiensystem, Jugendalter, Systemanalyse, Sozialpädagogik, Sucht, Co-Abhängigkeit, Entwicklungsaufgaben, Bewältigungsstrategien, Identitätsbildung, Familienbehandlung, Interviewleitfaden, Adoleszenz, Eltern-Kind-Dyade
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit den Auswirkungen von Alkoholismus im Familiensystem, wobei der Schwerpunkt auf den Erfahrungen und der Entwicklung der jugendlichen Familienmitglieder liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Feldern gehören die systemische Sicht auf Suchtfamilien, die Herausforderungen der jugendlichen Entwicklung unter Belastung und die Erstellung von Kategorien zur Untersuchung dieser Erfahrungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Perspektive der Jugendlichen in alkoholbelasteten Familien wissenschaftlich zu beleuchten und eine Grundlage für zukünftige empirische Erhebungen zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer Literaturanalyse sowie der Kategorienentwicklung für einen teilstrukturierten Interviewleitfaden im Rahmen der qualitativen Sozialforschung basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen (Alkoholismus, Familiensystem, Adoleszenz) und die daraus abgeleitete Kategorienentwicklung zur Untersuchung von Wahrnehmung, Auswirkungen und Bewältigungsversuchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Alkoholismus, Familiensystem, Adoleszenz, Sucht und Bewältigungsstrategien maßgeblich charakterisiert.
Warum ist eine systemische Betrachtung wichtig?
Weil Abhängigkeit nicht als isoliertes Problem eines Individuums verstanden werden darf, sondern als Symptom eines gestörten Familiensystems, in dem sich alle Mitglieder wechselseitig beeinflussen.
Was macht das "Entwicklungsaufgabenkonzept" für Jugendliche so relevant?
Es dient als Maßstab, um zu bewerten, welchen erschwerenden Einfluss das Aufwachsen in einer alkoholbelasteten Familie auf die Erfüllung notwendiger Reifungsschritte wie Identitätsfindung oder Ablösung vom Elternhaus hat.
- Arbeit zitieren
- Diplom-Pädagoge Ralf-Peter Nungäßer (Autor:in), 1992, Alkoholwirkungen auf die Familie und Adoleszenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86500