Dimensionen kirchlicher Macht in "La Regenta" von Leopoldo Alas


Seminararbeit, 2006

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

A Einleitung

B Mittel kirchlicher Machtausübung
1. Einfluss in materieller Hinsicht
1.1 Der Wohlstand der Kirche
1.2 Kirchliche Geschäfte
2. Macht und Kontrolle
2.1 Don Restituto Mourelo und Don Custodio
2.2 Don Fermín und sein Machtstreben
3. Einfluss auf Lebensführung und Gesinnung
3.1. Schicksalsbestimmung durch den Klerus
3.2 Der Einfluss auf Nichtchristen
4. Die Kirche als Mittelpunkt des Lebens und des sozialen Prestiges
4.1 Schauplatz Kirche
4.2 Christliche Feiertage als soziales Event
4.3. Christlichkeit als Bezeugung des Ansehens
4.4. Scheinheiligkeit bei Laien und Klerikern
5. Der psychisch-moralische Druck der Kirche
5.1 Die Bedeutung der Beichte
5.2 Die Macht der Sprache
5.3 Mystizismus
5.4 Einfluss der Kirche auf Körper und Seele
6. Der Roman als Mittel für Gesellschaftskritik

C Schluss

Literaturverzeichnis

A Einleitung

„La Regenta es un rechazo absoluto del vivir español contemporáneo con el que Alas estaba en disconformidad; una muestra de su degradación e insignificancia y una elusiva aspiración a modificarle algún día (…) nos muestra: así se vive en la provincia española”[1]

Wie dieses Zitat zeigt, war Clarín anscheinend mit den Lebensumständen speziell in der Provinz, wo er auch zu Hause war, nicht zufrieden. Er lebte in einem Spanien, das stark konservativ und klerikal war und in dem der Katholizismus eine dominante Rolle spielte. In der Stadt Vetusta seines Romans „La Regenta“ beschreibt er eine Provinzstadt des 19. Jahrhunderts, die noch nicht sehr von der Industrialisierung eingeholt worden war. Die Aristokratie hatte noch ihren festen Platz in der Gesellschaft, aber die Anfänge des aufstrebenden Bürgertums waren schon zu spüren. Der Klerus war sozusagen die Lunge, durch die die Stadt atmete, die das soziale Leben der Stadt regelte und auf die Leute moralischen Einfluss hatte.[2]

Clarín war keinesfalls antiklerikal eingestellt. Er war selber katholisch erzogen worden und konnte, trotz des Einflusses von positivistischen und materiellen Strömungen auf ihn, nicht aus seiner christlich-ethischen Erziehung ausbrechen. Er war nicht gegen die Religion, sondern kritisierte in seinem Roman vielmehr, wie sich die Kirche als Institution verhielt. Der Klerus war für ihn viel zu sehr in weltliche Angelegenheiten verstrickt, wobei die eigentliche Lehre, die eigentlichen Prinzipien des christlichen Glaubens immer mehr in den Hintergrund rückten. Er spricht von Korruption und Verschwörung, von Machtsucht und Geiz unter den Klerikern, aber vor allem von dem unbändigen Einfluss, den die Kirche auf die Bevölkerung hatte, und den sie auch oftmals ausnutzte.[3]

Um diese Kritik am Besten auszudrücken, wählte Clarín die Gattung des Romans. Gerade in der Zeit des Realismus eignete sich der Roman sehr gut zur Gesellschaftskritik. Inwiefern dies zutrifft möchte ich in meinen Ausführungen behandeln und dabei untersuchen, auf welchen Ebenen und mit welchen Mitteln sich der Einfluss der Kirche zeigte. Ich werde hierbei sowohl auf die materielle, als auch auf die soziale, sowie auf die psychologische Dimension eingehen, um am Schluss die Frage zu beantworten, warum sich der realistische Roman besonders gut zur Gesellschaftskritik eignete.

B Mittel kirchlicher Machtausübung

1. Einfluss in materieller Hinsicht

1.1 Der Wohlstand der Kirche

In der Behandlung des Themas, mit welchen Mitteln die Kirche Macht auf die Gesellschaft ausübte, möchte ich zunächst den ökonomisch-materiellen Aspekt beleuchten.

Die lange Beschreibung der Kathedrale weist schon darauf hin, dass die Kirche von zentraler Bedeutung ist. Zusammen mit den umliegenden Gebäuden wie Klöstern und Büros nimmt sie einen großen Teil der Stadt ein,[4] und muss somit einen gewissen Reichtum erlangt haben. Wie kommt es zu diesem Wohlstand der Kirche, oder was sind zumindest ansatzmäßig Gründe dafür? Anhand der Figur des Magistrals Fermín de Pas zeigt Clarín, wie dieser im Laufe seiner Karriere Reichtum durch Simonie und Ausbeutung einzelner Menschen erwirbt. Fermín ist in Bezug auf seine Machtgier einer der am meisten im Roman kritisierten Kirchenmänner. Seit dem Beginn seiner Karriere nutzt er unter der Direktion seiner Mutter Doña Paula jede Chance, an Macht oder Geld zu kommen. Einigen Bewohners Vestustas fällt dies natürlich auf und kritisieren sein Verhalten auch dem entsprechend: „¿Y las casas que compra el Magistral por esos pueblos? ¿Y las fincas que ha adquirido doña Paula en Matalerejo, en Roaces, en Cañedo, en Somieda? ¿Y las acciones del Banco?“. (LR S. 310)

Don Santos, zum Bespiel, ist einer der Leute, die wegen Fermín alles verloren haben. Er hatte ein Geschäft, in dem er heilige Objekte verkaufte und es ging ihm damit recht gut. Als aber Fermín ein ähnliches Geschäft eröffnet, und alle Geistlichen gezwungen sind, darin einzukaufen, geht Don Santos Bankrott und muss den Laden schließen (vgl. LR S. 311). Den Rest seines Lebens hungert er und spült seinen Ärger über die Kirche mit Alkohol hinunter, wobei es öfter vorkommt, dass er in seinem Rausch nachts laut rufend durch die Straßen geht und die Kirche, insbesondere Fermín, denunziert. (vgl. LR S. 465-472) Als er schließlich verarmt stirbt, ohne die heiligen Sakramente empfangen zu haben, wird ihm ein kirchliches Begräbnis versagt. Seine Freunde, wie Don Santos aus der niedrigen Klasse, machen aus seiner Bestattung in einem Feld eine große Demonstration gegen die Ungerechtigkeit und Kälte der Kirche:[5] „Eso tiene que ser una manifestación –decía el ex alcalde a muchos correligionarios y otros enemigos del Magistral reunidos en la tienda, al pie del cadáver-. (…) esto es una iniquidad: ese pobre viejo ha muerto de hambre, asesinado por los acaparadores sacrílegos de La Cruz Roja. Y para mayor deshonra y ludibrio, ahora se le niega honrada y cristiana sepultura, y habrá que enterrarle en los escombros (…).” (LR S. 694)

Das Beispiel des Don Santos zeigt, dass der Klerus mit seiner Vormachtstellung einzelnen Menschen die Existenzgrundlage rauben konnte, und viele deswegen verarmten. Die Gesellschaft war also durchaus ökonomisch vom Klerus abhängig, da dieser teilweise den Markt beeinflusste, und es damit für andere unmöglich machen konnte, ihr täglich Brot zu verdienen.

1.2 Kirchliche Geschäfte

Fermín hat auch außerdem noch großen Einfluss auf wichtige und wohlhabende Gemeindemitglieder der Stadt, die stets große Summen für kirchliche Projekte spenden und so der Kirche zu materiellem Reichtum verhelfen.[6]

Kapitel XII des Romans zeigt sehr ausführlich den normalen Tagesablauf Fermíns, nämlich wie er seinen Geschäften nachgeht und was er über Macht und Reichtum denkt. Dies bereitet ihm dann und wann auch ein schlechtes Gewissen, zum Beispiel als Ana anfängt, ihm blind zu vertrauen und Gerüchte, die über in der Stadt verbreitet werden, zu ignorieren. Diese Gewissensbisse sind im folgenden Gedankenfluss Fermíns gut sichtbar: „¡Calle usted, señora!, yo no soy digno de que la majestad de su secreto entre en mi pobre morada; (…)yo peor, yo soy avariento, yo guardo riquezas mal adquiridas, sí, mal adquiridas; yo soy un déspota en vez de un pastor; yo vendo la Gracia, (…)“. (LR S. 337)[7] Manchmal hat man deshalb den Eindruck, er sei nur das Werkzeug seiner Mutter, jedoch kommen an einigen Stellen im Roman auch arrogante Züge Fermíns zum Vorschein: „La Encimada era toda suya; la Colonia la iba conquistando poco a poco. (…) En el fondo de su alma despreciaba a los vetustenses. «Era aquello un montón de basura.» Pero muy buen abono. Por lo mismo: él lo empleaba en su huerto; todo aquel cieno que revolvía, le daba hermosos y abundantes frutos.” (LR S. 316/317) Die Nutzung seiner Position für materielle Zwecke war also durchaus auch in seinem Sinne. Für Clarín ist Fermín de Pas die Art von Klerikern, die als primäre Mission der Kirche die Anhäufung von Macht, Reichtum und Prestige ansehen und dafür alles tun.[8]

[...]


[1] vgl.: Poncela, Serrano S. “Un estudio de La Regenta”, in: Sergio Beser (Hg.), Clarín y “La Regenta”, Barcelona: Ariel, 1982, S. 145.

[2] vgl.: Poncela, “Estudio”, S. 148.

[3] vgl.: Poncela, “Estudio”, S. 149.

[4] vgl.: Rutherford, John. La Regenta y el lector cómplice, Murcia: Universidad de Murcia 1988, S. 151.

[5] vgl.: Brent, Albert. Leopoldo Alas and La Regenta, A Study in Nineteenth Century Spanish Prose Fiction. Columbia/Missouri: 1951, S. 78, Fußnote 45.

[6] vgl.: Brent, Leopoldo Alas and La Regenta, S. 78 f.

[7] vgl.: Rutherford, John. Critical Guides to Spanish Texts, Leopoldo Alas: La Regenta, London: Grant & Cutler in association with Tamesis Books, 1974, S. 13.

[8] vgl.: Rutherford, Critical Guides to Spanish Texts, S. 13.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Dimensionen kirchlicher Macht in "La Regenta" von Leopoldo Alas
Hochschule
Universität Regensburg  (Romanistik)
Veranstaltung
Der Spanische Realismus
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V86582
ISBN (eBook)
9783638021388
ISBN (Buch)
9783638923392
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"La Regenta" ist ein gesellschaftskritisches realistisches Werk, in dem sich Leopoldo Alas unter anderem kritisch zum Einfluss der Kirche äußert. Gerade in der Zeit des Realismus eignete sich der Roman sehr gut zur Gesellschaftskritik. Inwiefern dies zutrifft wird in in den Ausführungen behandelt und dabei untersucht, auf welchen Ebenen und mit welchen Mitteln sich der Einfluss der Kirche zeigte. Es wird hierbei sowohl auf die materielle, als auch auf die soziale, sowie auf die psychologische Dimension eingegangen, um am Schluss die Frage zu beantworten, warum sich der realistische Roman besonders gut zur Gesellschaftskritik eignete.
Schlagworte
Dimensionen, Macht, Regenta, Leopoldo, Alas, Spanische, Realismus
Arbeit zitieren
B.A. Maria Rieder (Autor), 2006, Dimensionen kirchlicher Macht in "La Regenta" von Leopoldo Alas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86582

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