Subkulturen und ihr Einfluss auf die Identitätsfindung im Jugendalter unter gesellschaftspolitischen Aspekten


Examensarbeit, 2007
122 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

I. Vorwort

II. Begriffsbestimmungen
2.1. Jugend/Adoleszenz
2.2. Kultur
2.3. Subkultur
2.4. Jugend(sub)kultur
2.5. Szene
2.6. Jugendkultur vs. Subkultur

III. Das Jugendalter und seine Besonderheiten
3.1. Jugend als Lebensphase
3.2. Abgrenzung der Jugendphase von anderen Lebensphasen
3.2.1 Abgrenzung des Jugendalters von der Kindheit
3.2.2 Abgrenzung des Jugendalters vom Erwachsenenalter
3.3. Psychobiologische Aspekte des Jugendalters
3.4. Psychosoziale Aspekte des Jugendalters
3.5. Jugend im 21. Jahrhundert
3.6. Sozialisationsinstanzen und ihre Wirkung auf die Gestaltung der Jugendphase
3.6.1 Familie: zunehmende Ambivalenz
3.6.2 Gleichaltrigen-Gruppe (Peers): flexibler Erfahrungsraum
3.6.2.1 Jugendkulturen als Sozialisationsinstanz
3.6.3 Die Schule: instrumentalisierter Lebensbereich
3.7. Die Wertorientierung der Jugendlichen

IV. Jugend(sub)kulturen
4.1. Die Theorie der Subkultur
4.2. Normen der Subkulturen
4.3. Zwischen Selbstinszenierung und Kommerzialisierung
4.4. Entstehung und Erscheinungsformen
4.5. Ein- und Ausstieg
4.5.1 Allgemeines
4.5.2 Rolle der Musik

V. Heutige Jugend(sub)kulturen unter der Lupe
5.1. Punks
5.1.1 Entstehung
5.1.2 Einstellungen
5.1.3 Mode, Accessoires und Symbole
5.1.4 Musik und Events
5.2. Skinheads
5.2.1 Entstehung
5.2.2 Skinheadgruppierungen
5.2.2.1 Blood and Honour
5.2.2.2 S.H.A.R.P
5.2.2.3 Oi!
5.2.3 Lebensstil – Ein „way of live“, der mit Gewalt einher geht
5.2.4 Mode, Accessoires und Symbole
5.2.5 Musik, Medien und Treffpunkte
5.3. „Schwarze Szene“: Gothics/Grufties
5.3.1 Entstehung
5.3.2 Daten und Fakten
5.3.3 Soziale Räume und Treffpunkte
5.3.4 Einstellungen und Lebensgefühl
5.3.5 Glauben und Religiosität
5.3.6 Lebensstil
5.3.7 Mode und Styling
5.3.7.1 Kleidung
5.3.7.2 Frisuren
5.3.7.3 Accessoires
5.3.8 Musik und Medien
5.4. Techno- und House-Szene
5.4.1 Entstehung
5.4.2 Soziale Räume und Treffpunkte
5.4.3 Stil
5.4.4 Mode
5.4.5 Musik
5.4.6 Ekstase, Tanz und Drogen
5.4.7 Medien
5.4.8 Wertorientierung: „Love, peace, unity and happyness“
5.5 HipHop
5.5.1 Entstehung
5.5.2 Zahlen und Fakten
5.5.3 Mode
5.5.4 Sprachcode
5.5.5 Treffpunkte
5.5.6 Musik und Medien

VI. Identität
6.1. Zum Begriff der Identität
6.2. Identitätsentwicklung (Erikson)
6.3. Das Jugendalter als besondere Phase der Identitätssuche
6.4. Identitätsfindung in der Jugendkultur: Chance oder Gefahr?

VII. Umgang mit Jugendkulturen im schulisch-erzieherischen Kontext
7.1. Politisches Interesser der Jugendlichen
7.2. Gedanken zu einem schülernahen, an der Lebenswelt orientierten (Politik-)Unterricht
7.3. Grenzen eines an der Erfahrungswelt der Jugendlichen anknüpfenden (Politikunterrichts

VIII. Fazit

IX. Literatur

I. Vorwort

Der Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen ist ein schwieriger Prozess, der auch von den Lehrerinnen und Lehrern viel pädagogisches Feingefühl erfordert. Um die Schülerinnen und Schüler in dieser entscheidenden Lebensphase besser unterstützen zu können, ist es wichtig, dass sich Lehrerinnen und Lehrer darüber bewusst sind, was „Jugend“ heute im 21. Jahrhundert bedeutet.

Das Anliegen meiner Arbeit mit dem Titel „Bedeutung von Jugendsubkulturen für die Identitätsfindung im Jugendalter unter gesellschaftspolitischen Aspekten“ ist es, ein möglichst präzises Bild „der Jugend“ zu zeichnen und damit die Voraussetzungen eines schülernahen und an der Lebenswelt orientierten (Gemeinschaftskunde-)Unterrichts zu schaffen.

Nachdem im II. Kapitel wichtige Basisbegriffe dieser Arbeit eingeführt und erläutert werden, soll im III. Kapitel die Jugendphase in all ihren Facetten beschrieben werden: Was ist eigentlich „Jugend“? Welche physischen und sozialen Aspekte stehen in dieser Lebensphase im Vordergrund? Welche Sozialisationsinstanzen gestalten die Jugendphase mit? Das IV. Kapitel beschäftigt sich mit dem Begriff der Jugend(sub)kultur: Was sind Subkulturen? Normen liegen ihnen zugrunde? Wie sind sie entstanden und wie haben sie sich seither ausgeformt und gewandelt? Auf welchen Weg finden Jugendliche in Jugend(sub)kulturen? Was finden die dort, was sie in Familie und Schule nicht finden? Im V. Kapitel sollen heutige Jugendkulturen näher beleuchtet werden. Ich habe die Jugendkulturen der „Punks“, „Skinheads“, der „Schwarzen Szene“ und die des „Techno“ und des „HipHop“ ausgewählt, da sie heute noch am bekanntesten und am häufigsten vertreten sind.

Die Entwicklung der Identität soll im VI. Kapitel im Mittelpunkt stehen. Was ist „Identität“? Wie wird sie entwickelt? Was tragen Jugendkulturen zur Identitätsentwicklung bei?

Im letzten Kapitel möchte ich versuchen das Thema „Jugendkulturen“ auf den gesellschaftlichen Kontext – genauer: die Schule – zu übertragen. Meine Fragestellung lautet deshalb: Wie sollen Lehrerinnen und Lehrer mit dem Phänomen der Jugendkulturen umgehen? Noch präziser: Wie soll ein Gemeinschaftskundeunterricht aussehen, der die Schülerinnen und Schüler ernst nimmt, ihr politisches Interesse weckt und ihnen gleichzeitig auch Gefahren ihres eigenen Handelns deutlich macht?

II. Begriffsbestimmungen

Um sich mit dem Thema dieser Arbeit beschäftigen zu können, ist die Kenntnis der Bedeutung einiger Begrifflichkeiten nötig. Auf den aufgeführten Begriffsbestimmungen basiert die Thematik dieser Arbeit, daher ist es sinnvoll, sich zum Einstieg in das Thema dieser Arbeit, mit den folgenden Begriffsbestimmungen vertraut zu machen.

2.1. Jugend/Adoleszenz

Es ist schwer zu beschreiben, wer oder was Jugend ist. Es gibt weder den Jugendlichen noch die Jugend. Es gibt verschiedene Möglichkeiten Jugendliche einzuteilen (…) es gibt aber keinen Prototypen eines Jugendlichen. Jugendliche sind Teil eines sozialen Netzes (Familie, Freunde usw.) und Teil der Gesellschaft. Sie verändern sich und werden verändert. Jeder Jugendliche ist also ein einmaliges Individuum“ (Kandlbinder 2005, S. 11).

Den Begriff der Kindheit versteht man als Zeitraum bis zum Einsetzen der Pubertät. Die daran anknüpfende Lebensphase bis zum Erwachsensein gilt als Zeit der Jugend oder der Adoleszenz.

Im Deutschen Wörterbuch aus dem Jahr 1996 heißt es unter Jugend: „Die Zeit, in der sich ein Mensch sich physisch (= körperlich) und psychisch (= seelisch) entwickelt (nach der Kindheit, d.h. ca. zwischen dem 13. u. dem 30. Lebensjahr)“ (Vgl. Farin kick 2002, S. 27).

Während man den Begriff Jugend auch für eine bestimmte soziale Gruppe oder Alterskohorte, sowie einen bestimmten Zeitraum des eigenen Lebenslaufes, verwenden kann, wird Adoleszenz eher im strengeren Sinne verwendet. Dieser Begriff beschreibt den speziellen Zeitraum für eine spezielle Altersgruppe und wird umgangssprachlich meist unter dem Terminus Jugendliche zusammengefasst (Vgl. Lenzen 1983, S.452).

In diesem Zeitraum finden physiologisch-biologische Veränderungen statt, wie das Erlangen der Geschlechtsreife oder der puberale Wachstumsschub.

Während die Abgrenzung der Jugendphase zur Kindheit noch relativ leicht fällt, gestaltet sich die Abgrenzung von Adoleszenz und Erwachsenenalter um einiges schwerer. Auch Soziologen sind sich über genaue Altersangaben, die dem Jugendalter einen zeitlichen Rahmen geben, uneinig. In den 50er Jahren wurden 15 bis 20jährige als Jugendliche bezeichnet, in den 90ern erfand man den Begriff Twentysomethings und heute ist die Altersspanne noch erheblich größer geworden.

Ein Großteil der Probleme bei der zeitlichen Eingrenzung ist dadurch bedingt, dass Gesellschaften unterschiedliche Vorstellung über dessen Natur haben. Während die körperlichen Veränderungen dieser Zeit universell sind, hängen die sozialen und psychologischen Erfahrungsdimensionen stark vom jeweiligen kulturellen Kontext ab (Vgl. Zimbardo 1982, S. 86).

Je länger die Entwicklung von Lebens- und sozialen Strukturformen andauert, desto länger wird die Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter und umso bedeutender werden die Probleme der Jugend als Übergangsphase von familiären zu kooperativen Sozialstrukturen. Durch die Verlängerung der Ausbildungszeiten und eine veränderte Auffassung über die „Abschließbarkeit“ von Lernprozessen und der Identitätsbildung ist die Grenze zwischen Jugend und Erwachsensein heute nur noch sehr schwer zu bestimmen. Die Entwicklung eines Menschen bis weit ins dritte Lebensjahrzehnt wird mit dem Begriff Post-Adoleszenz umschrieben (vgl. Schäfers 1986, S.146f.)

Jugend kann also weniger an einer bestimmten Altersspanne festgemacht werden, sondern ist viel eher ein eigener Lebensabschnitt, der durch die Pubertät eingeleitet und durch die Bewältigung bestimmter gesellschaftlich erwarteter Aufgaben beendet wird. Im Gliederungspunkt III „Das Jugendalter und seine Besonderheiten“ soll dieser Gedankengang näher erläutert werden.

2.2. Kultur

Der Begriff Kultur stammt ursprünglich von dem Lateinischen Wort corele (deutsch = pflegen) ab und bezog sich zunächst auf den Ackerbau. Später entwickelte sich daraus der Begriff cultura, dessen Bedeutung sich auf materielle sowie geistige Produkte und Fähigkeiten erweiterte.

In den Sozialwissenschaften wird der Begriff Kultur im Hinblick auf die Werke der Hochkultur (Kunst, Philosophie, Wissenschaft) verwendet, aber vielmals auch in einem umfassenderen Zusammenhang: „Als Formen der Kultur gelten auch Sprachen und Symbole, Werte und Normen, Rituale und Alltagsästhetiken bzw. Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster sozialer Gruppen, sozialer Klassen und Milieus“ (Schäfers 2005, S.134).

Entsprechend diesem Verständnis von Kultur ist von der Arbeiterkultur, der Kultur der Drogenszene, der Kultur der Mittelklassen die Rede, wenn es darum geht, bestimmte charakteristische Muster der Lebensführung und der Kommunikation zu analysieren (vgl. Schäfers 2005,S.134).

Kultur ist ein Begriff, der sehr vielfältig gebraucht wird, sich hauptsächlich auf die Ethnologie bezieht, jedoch auch von anderen Sozialwissenschaften genutzt wird.

„Heute versteht man unter K. die raum-zeitliche eingrenzbare Gesamtheit gemeinsamer matrerieller und ideeller Hervorbringungen, internalisierter Werte und Sinndeutungen sowie institutionalisierte Lebensformen von Menschen.“ (Schäfers 1986, S.169).

Eine Kultur kann eine Haupt- oder Standardkultur haben und dazu noch eine Vielzahl von Teil - oder Subkulturen beinhalten.

2.3. Subkultur

Der Begriff Subkultur bedeutet so viel wie „Unter-Kultur“. Gemeint ist damit ein System von Werten und Normen, Verhaltensweisen und Symbolen, die von der Gesamtgruppe mit deren bestimmten Eigenschaften allgemein anerkannt und geteilt werden, sofern dieses System innerhalb des Systems der Gesamtkultur ein relatives Eigenleben führt. Die Subkultur bietet dem Individuum ein vielseitigeres Angebot an Identifikationsmöglichkeiten, da sie spezielle Lebensprobleme und Daseinsbedingungen besser berücksichtigt. Dies stärkt einerseits die Solidarität des Einzelnen zur Subkultur und verstärkt andererseits die Gefahr von Konflikten mit anderen Gruppen (Vgl. Hartfield 1976, S.652).

„Somit ist die Subkultur ein Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Weltordnungssystemen, Präferenzen, Bedürfnissen […] in einem wesentlichen Ausmaß von den herrschenden Institutionen etc, der jeweiligen Gesamtkultur unterscheidet.“ (Schwendter 1993, S.10).

Fuchs-Heinritz u.a. (vgl. Fuchs-Heinritz u.a. 1994, S.655) ergänzen hierzu, dass mehrere Bereiche mit Hilfe des Begriffs der Subkultur untersucht werden. Hierzu lassen sich z.B. deviante Gruppen wie beispielsweise Kriminelle, die Lebens- und Wertvorstellungen von Schichten, Klassen und ethnischen Gruppen, die Gesellungsformen und Eigenheiten von Jugendkulturen wie auch die Lebensstile und gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen von Protestbewegungen und entsprechenden Szenen, zählen.

Die Begriffe Kultur und Subkultur werden hier nur allgemeinbedeutend dargestellt. In dieser Arbeit soll der Fokus auf jugendliche Subkulturen oder Jugendkulturen gerichtet werden. Es soll darum gehen eben diese Gemeinschaften genauer zu beschreiben.

2.4. Jugend(sub)kultur

Der Begriff Jugendkultur verweist auf die kulturellen Aspekte von Jugend durch die sich die Jugendlichen von Erwachsenen unterscheiden. Er wurde maßgeblich durch die Pädagogen Gustav Wynecken (1875-1964) und Siegfried Bernfeld (1892-1953) geprägt, welche die Jugend als eigenständige Lebensphase betrachteten und so eine Abgrenzung zur „Alterskultur“ schaffen wollten.

Der Gebrauch des Begriffs ist manchmal recht unscharf. Die Jugendkultur ist eine eigenständige, von der Jugend bestimmte und für die Jugend angemessene Lebensweise. Andere Soziologen verstehen unter der Jugendkultur ein Geflecht altershomogener Gruppen, Bekanntschaftsnetze und Cliquen. Coleman gibt an, dass sie eine autonome Wertewelt besitzen, die sich von dem allgemeingängigen Weltbild unterscheidet. Andere wiederum verstehen darunter vor allem jene Gruppen, die sich in ihrer Lebensweise ausdrücklich gegen die bestehende Gesellschaft richten. Ein integrativer Ansatz besagt, dass der Begriff der Jugendkultur als Bereich der von den Jugendlichen getragenen Vorstellungen, Lebensentwürfen, Stilelemente, Gesellungsformen usw. gilt.

Thiele (Vgl. Thiele 1998, S.49ff.) versteht unter Jugendkulturen relativ geschlossene kulturelle Systeme, Teilsysteme der jugendlichen Population, die innerhalb des Gesamtsystems unserer Kultur eine Welt für sich darstellen. Sie entwickeln strukturelle und funktionale Eigenheiten, die ihre Mitglieder in gewissem Maße von der übrigen Gesellschaft unterscheiden.

Der Begriff Jugendkultur meint im Hinblick auf den allgemeinen Kulturbegriff, dass hier spezifische Inhalte und Formen materieller, vor allem aber geistiger Kultur ausgebildet werden: als Ausdruck von Eigenständigkeit, einem eigenen Lebensgefühl und eigenen Wertvorstellungen (Vgl. Thiele 1998, S.49ff.).

Bei der näheren Bestimmung des Begriffs treten Probleme auf. Es existiert nicht nur eine Jugendkultur, sondern es gibt viele einzelne Jugendkulturen.

„Die Verwendung des Plurals […] verdeutlicht, dass es nicht um eine spezifische Kultur geht, die Jugendliche kreieren, sondern um ein breites Spektrum jeweils generationsspezifischer angeeigneter, entwickelter und ausgeprägter Stile, Verständigungsmuster, Orientierungen zur unverwechselbaren eigenen personellen Entfaltung.“ (Thiele 1998, S.51).

Mit dem Begriff der Jugendkultur oder jugendlicher Subkultur wird oft der Ausdruck „Szene“ verbunden oder sogar gleichgesetzt. Wann spricht man von einer Szene?

2.5. Szene

„Szene“ beschreibt eine moderne Gesellungsform, die durch ein gemeinsames Interesse an einer Freizeitbeschäftigung oder einem gemeinsamen Lebensstil konstituiert ist. Diese Form der Gemeinschaft beruht weder auf persönlicher Bekanntschaft aller Beteiligten noch auf stabilen Organisationsformen, also anders als eine Protestbewegung oder ein Verein (Vgl. Fuchs-Heinritz 1994, S.666). „Es ist eine relativ offene Form von Gemeinschaft, die nicht lokal begrenzt, sondern meist global ist, deren Ränder verschwimmen und zu der man deshalb in der Regel einen problemlosen Zugang hat, und die man ebenso problemlos auch wieder verlassen kann“ (Hitzler 2006:18).

Jede Szene hat so etwas wie ein zentrales Thema, das meist mit Musik, Sport, Mode oder mit neuen Medien zu tun hat. Um dieses zentrale Thema herum bildet sich dann so etwas wie ein Lifestyle mit eigenen Sprachgewohnheiten, Umgangsformen, Treffpunkten, Ritualen, Festen und zum Teil eben auch mit einem als szenespezifisch erkennbaren Outfit. (Vgl. Hitzler 2006:18).

Jugendliche sind auf der Suche nach Verbündeten. Sie möchten ihre Neigungen und Interessen mit anderen – bevorzugt gleichaltrigen – teilen. Diese Gesinnungsfreunde finden Jugendliche meist nicht in ihrer direkten Umgebung oder im Sportverein. Sie finden sie eher in so genannten single-issue-Gruppierungen wie den Technoiden oder den Skatern, eben in Szenen (Vgl. Hitzler 2001, S.20).

Jugendszenen haben im Alltag der Jugendlichen eine große Bedeutung. Großegger (Großegger 2002, S.2002) gibt an, dass Szenen die alles überstrahlende Leitkultur der Jugend sei. Sie schaffe nicht nur attraktive Freizeitumgebung, sondern sorge auch für ein unverwechselbares Lebensgefühl. Sie umgeben Themenbereiche, die für Jugendliche attraktiv sind, wie z.B. die Musik.

Jugendliche durchlaufen während der Jugendphase oftmals gleich mehrer Szenen: Szenen-Hopping und Crossover sind heute üblich: Mann schnuppert in eine Szene hinein und sieht sich dann nach einer Weile in der nächsten um. Verschiedene Szenenzugehörigkeiten zugleich zu pflegen und jeweils das mitzumachen, was einem am meisten Spaß macht, führt zu relativ individuellen Mixturen insbesondere von musikalischen mit modischen oder mit sportlichen Neigungen.

Das Durchschnittsalter von Menschen mit Szene-Affinitäten liegt es bei um die zwanzig Jahre. Die meisten Szenegänger verlassen ihre Szene nach ein paar Jahren wieder. Das hat meist recht banale Gründe. Der wichtigste ist wohl, dass man alles mitgemacht hat, was es mitzumachen gibt. Und: Die Lebensumstände verändern sich – am gravierendsten offensichtlich durch die Suche nach einer Beziehung. Häufig lässt sich der Zeitaufwand für die Teilnahme am Szeneleben auch nicht mehr mit den zunehmenden beruflichen Anforderungen in Einklang bringen. (Vgl. Hitzler 2006)

2.6. Jugendkultur vs. Subkultur

Während in den 60er und 70 er Jahren noch der Begriff der Subkultur dominierte, wird er heute meist durch den Plural Jugendkulturen ersetzt.

Offene, nicht von Erwachsenen betreute und kontrollierte jugendkulturelle Gruppen entstehen in großer Vielzahl. Ein Grund hierfür ist, dass Jugendliche nur noch selten in altersheterogenen Gruppen (Eltern, Großeltern und Geschwister in einem Haushalt) aufwachsen, nach denen sie ihr eigenes Verhalten bestimmen können. Sie haben kaum Orientierungspunkte in der Vergangenheit, da sie in einer Gesellschaft leben, die sich viel mehr nach der Zukunft als nach der Vergangenheit richtet. Die Orientierung in alterhomogenen Gruppen ersetzt Sozialisationsdefizite von Familie, Schule und Ausbildung (Vgl. Baacke 1999, S.126f.).

Die Jugendlichen bleiben zwar wirtschaftlich, sowie im Lernen und der Ausbildung in die Gesamtgesellschaft eingegliedert, in ihrer Freizeit haben sie jedoch ganz eigene Symbole (Kleidung, Musik usw.). Sie schließen Freundschaften in Peer-Groups (Gleichaltrigengruppen) und gestalten dort ihr Freizeitaktivitäten.

Der Begriff Subkultur erweckt den Eindruck, dass es sich hierbei um Teilkulturen handelt, die unter der akzeptierten Grenze der elitären Kultur liegen. Dies ist jedoch nicht immer der Fall, weswegen dieser Ausdruck vermieden werden sollte. Der Begriff legt ebenso nahe, dass es sich um „Teilsegmente“ der Gesellschaft handelt, die genau auszudifferenzieren sind. Auch das trifft nicht immer zu, da die Jugendlichen in vielen Bereichen der Gesamtkultur „normal“ funktionieren – nur in ihrer Freizeit leben sie ihre eigene Kultur aus. Zudem geht die Subkultur-Theorie davon aus, dass einzelne Subkulturen problemlos zu lokalisieren seien (in einer bestimmten schicht oder politischen Grundhaltung). Das ist häufig auch nicht der Fall: Beispielsweise können Punks weder rechts, noch links oder grün, teils unabhängig, teils kommerziell sein. Unter dem gleichen Erscheinungsbild sind also ganz unterschiedliche Formen der Selbstständigkeit und Abhängigkeit zu finden (Vgl. Baacke 1999, S.133ff.).

„Und dennoch ist der Begriff [Jugendkultur] noch am ehesten geeignet, Jugendliche in ihrer freizeitbezogenen Gruppenzugehörigkeit zu charakterisieren. Denn es handelt sich um eine „Kultur“ von Jugendlichen, verstanden als Art uns Weise, wie die sozialen Beziehungen einer Gruppe strukturiert und geformt sind“ (Thiele 1998, S.50).

Heute spricht man in Folge dieser Jugendkultur-Subkultur-Diskussion meist von der Jugendkultur. Es wird versucht die beiden Begriffe zu differenzieren. Fest steht jedoch, dass Jugendkulturen oder die Subkultur als eine besondere Form von abweichendem Verhalten angesehen werden. Sie stellen eine Absetz- oder Widerstandsbewegung dar und gelten als Katalysator der gesamtgesellschaftlichen Probleme und als gesellschaftsverändernde Potenz (Vgl. Baacke 1999, S.148).

Ganz gleich, wie die Diskussion über die „richtige“ Bezeichnung ausgehen wird, „vor allem für die Angehörigen der ´unfreiwilligen Subkulturen (Odachlose, Gefängnisinsassen usw.) dürfte sich wenig verändern“ (Farin kick 2001, S.S.19).

Farin und Baacke (Vgl. Baacke 1999, S.155) sind der Ansicht, dass der Begriff Subkultur für die etlichen „freiwilligen“ Subkulturen (z.B. Punks) weiterhin Sinn macht. Auch ich werde deshalb den Begriff der Jugendkultur synonym mit dem der Subkultur verwenden. Beide Begriffe haben eine klar erkennbare Bedeutung, so dass man mit ihnen arbeiten und das Gemeinte verstehen kann.

Im Begriff Jugendkultur steckt das Wort „Jugend“. Sie ist eine Kultur der Jugend für die Jugend. Wie kommt es, dass die meisten Jugendlichen heute einer Jugend- oder Subkultur angehören? Welche Besonderheiten hat das Jugendalter?

III. Das Jugendalter und seine Besonderheiten

In diesem Teil meiner Arbeit möchte ich auf das Jugendalter eingehen. Die Besonderheiten dieser Lebensphase sind wichtig, um zu verstehen, wie Jugendliche in ihren Gemeinschaften denken und welche Werte sie haben. Die Adoleszenz wird als der Zeitraum gesehen, der zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter liegt. In dieser immens wichtigen Entwicklungsphase muss der Jugendliche einige Probleme bewältigen. Sei es die neu erlangte Geschlechtsreife, das Auskommen mit der Familie oder aber die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Die Jugendphase beinhaltet eine Menge Hürden, die es für den Jugendlichen zu überwinden gilt.

3.1. Jugend als Lebensphase

Das Jugendalter ist eine Lebensphase, die durch das Zusammenspiel biologischer, intellektueller und sozialer Veränderungen zur vielfältigen Erfahrungsquelle wird. Diese Entwicklungsphase bedeutet – wie bei anderen Lebensabschnitten auch - für manche eine gute Zeit, für andere ist sie mit Problemen in persönlichen, familiären oder außerfamiliären Bereichen verbunden.

Im Alltagsdenken verbinden wir Jugend meist mit Erwachsenwerden.

In den meisten primitiven Gesellschaften gibt es eine Jugend wie man sie in den westlichen Industriegesellschaften kennt, gar nicht. Vor der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert gab es auch in den westlichen Gesellschaften noch keinen Begriff der Jugend, der sie als einen besonderen Entwicklungsabschnitt beschrieb. Die meisten Kinder wuchsen in bäuerlichen oder handwerklichen Verhältnissen auf, in denen schulische Ausbildung oder gar berufliche Entscheidungen nicht erforderlich waren. Der Übergang vom Kind zur Arbeitskraft fand etwas zwischen dem 8. und 10. Lebensjahr statt, die Pubertät trat erst sehr viel später ein. Erst im Zuge der Industrialisierung, als der Bedarf von Kindern als „billige Arbeitskräfte“ reduziert worden war, „erfand“ man die Adoleszenz – angetrieben von dem Wusch, die jungen Leute vom Arbeitsmarkt fernzuhalten. „Die Jugend wurde zur selben Zeit erfunden wir die Dampfmaschine. Der Konstrukteur des letztgenannten war Watt im Jahre 1765, der Erfinder des erstgenannten Rousseau im Jahre 1762“(Musgrove 1968 zit. nach Tillmann 1995, S. 193

„Jugend“ hatte von Beginn an klare Funktionen. In dieser Phase sollten die schulische und später berufliche Ausbildung, sowie der Ablösungsprozess vom Elternhaus erfolgen, der Jugendliche sollte seine neuen Rollen als eigenständige Produktions- und Konsumeinheit, als Sexualpartner und in die Gesellschaft integrierter Mitbürger erlernen (Vgl. Farin 2002, kick.de, S. 27).

Während die Jugendphase noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Zeitspanne von vier bis fünf Jahren umfasste und mit der Pubertät ihren Anfang und dem Eintritt ins Berufsleben ihr Ende fand, hat sie sich in den letzen Jahrzehnten deutlich verlängert.

Heute geht man in den westlichen Industriegesellschaften von einem Jahrzehnt (oder länger) aus, über die sich die Lernphase Jugend erstrecken kann. Vom Teenageralter bis in die Mittzwanziger, wenn die Erwachsenenrolle angenommen wird. Dieser Prozess hat keinen eindeutigen Anfangs- und Endpunkt (Vgl. Zimbardo 1992, S. 86).

Vor allem die Expansion des Schulwesens hat die Jugendphase deutlich verlängert. Während im Jahr 1960 beispielsweise nur 38 Prozent der 15jährigen eine Vollzeitschule besuchten, waren es 1990 schon 92 Prozent, bei den 17jährigen stieg der Anteil von 25 auf 70 Prozent. Auch der Anteil der Schülerinnen, die ein Gymnasium besuchen, hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich erhöht. Im Jahr 1960 gingen 14% der 14-Jährigen auf ein Gymnasium, 2004 waren 33,1 % Gymnasiasten (Vgl. Schäfers 2005, S.111). Man spricht hier von einer „umgreifenden Verschulung“ (Tillmann 1995, S.195) der Jugendzeit.

Weitere Phänomene, die im Rahmen der Industrialisierung zu einer Ausweitung der Jugendphase geführt haben, sind im politischen, kulturellen, ökonomischen und sozialen Bereich zu suchen.

Die Jugendlichen sehen sich damit konfrontiert, dass sie die Auswahl aus einer Vielzahl möglicher Rollen und Werte zu treffen haben. Sie sehen sich den Erwartungen von Eltern, Gleichaltrigen und der Gesellschaft ausgesetzt, bestimmte Rollen erfüllen zu müssen, die divergieren können und sich manchmal sogar widersprechen. Letztendlich bleibt es dem Individuum überlassen, eine Identität zu entwickeln, für welche Werte es sich einsetzt und in welche Richtung sein Lebensweg gehen wird. Angesichts der Komplexität und des raschen sozialen Wandels, wie sie für westliche Gesellschaften charakteristisch sind, verwundert es kaum, dass die Entwicklung einer erwachsenen Identität ein häufig langsamer und schwieriger Prozess ist.

3.2. Abgrenzung der Jugendphase von anderen Lebensphasen

Geht man davon aus, dass es sich bei der Jugendphase um eine eigenständige Lebensphase mit individuellen Merkmalen und spezifischem Stellenwert handelt, muss sie sich klar von den anderen Phasen des menschlichen Lebenslaufs abgrenzen lassen.

Im Folgenden wird nun beschrieben, wie sich die Phasen voneinander unterscheiden.

3.2.1 Abgrenzung des Jugendalters von der Kindheit

Aus entwicklungspsychologischer Sicht beginnt die Jugendphase in aller Regel mit dem Eintreten der Geschlechtsreife, der Pubertät.

Hier liegt auch schon der erste Unterschied zwischen Kindheit und Jugend: Während die Kindheitsphase durch „ein verhältnismäßig kontinuierliches Wachstum verschiedener Körper- und Sinnesfunktionen gekennzeichnet ist, kommt es durch die Geschlechtsreife zu einem abrupten Ungleichgewicht in der psycho-physischen Basisstruktur der Persönlichkeit“ (Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 11).

Um auf die veränderten Körperfunktionen einerseits, und die veränderten Umweltanforderungen andererseits, reagieren zu können, wird eine „umfassende Neuprogrammierung von Verhaltensmustern“ (Hurrelmann; Rosewitz, Wolf 1989, S. 11) notwendig.

In beiden Lebensphasen muss ein Spannungs- und Konfliktfall gelöst werden, welcher sich aus der Heterogenität zwischen biologischer- und psychosozialer Entwicklung ergibt. Die Lösung dieses Spannungszustands ist die Bedingung für eine „gesunde“ weitere Entwicklung der eigenen Persönlichkeit (Vgl. Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S.11).

Die Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung in den beiden Lebensphasen Kindheit und Jugend unterscheiden sich allerdings maßgeblich durch die Verfahren, die zur Lösung des Konflikts eingesetzt werden. Im Unterschied zur Kindheit wird in der Adoleszenz eine Bewältigung nur dann möglich, wenn sich der junge Mensch von seinen elterlichen Bezugspersonen ablöst und eine eigene Persönlichkeit aufbaut. Dieser Ablösungsprozess bildet die Grundlage dafür, dass sich der Jugendliche außerfamiliären Bezugspersonen und Institutionen und deren Anforderungen und Aufgaben zuwenden kann (Vgl. Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S.12).

Ein weiteres Unterscheidungskriterium von Kindheit und Jugend ist in den jeweiligen „Entwicklungsaufgaben“ zu sehen. Unter Entwicklungsaufgaben werden von der Gesellschaft vorgegebene Erwartungen und Anforderungen verstanden, die an eine bestimmte Altersgruppe gestellt werden.

Während es im Kindesalter um die Entwicklung elementarer kognitiver, sprachlicher Kompetenzen, sozialer Kooperationsformen und moralische Grundorientierungen geht, stellen die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters komplexere Anforderungen.

Für die Phase der Adoleszenz lassen sich die vier folgenden Entwicklungsaufgaben benennen:

„1. Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz, um selbstverantwortlich schulischen und anschließend beruflichen Qualifikationen nachzukommen, mit dem Ziel, eine berufliche Erwerbsarbeit aufzunehmen und dadurch die eigene ökonomische und materielle Basis für die selbstständige Existenz als Erwachsener zu sichern.
2. Entwicklung der eigenen Geschlechtsrolle und des sozialen Bindungsverhaltens zu Gleichaltrigen des eigenen und des anderen Geschlechts, Aufbau einer heterosexuellen Partnerbeziehung, die langfristig die Basis für eine Familiengründung und die Geburt und Erziehung eigener Kinder bilden kann.
3. Entwicklung eigener Handlungsmuster für die Nutzung des Konsumwarenmarktes und des Freizeitmarktes einschließlich der Medien mit dem Ziel, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln und zu einem gesteuerten und bedürfnisorientierten Umgang mit den entsprechenden Angeboten zu kommen.
4. Entwicklung eines Werte- und Normensystems und eines ethnischen und politischen Bewusstseins, das mit dem eigenen verhalten und Handeln in Übereinstimmung steht, so dass die verantwortliche Übernahme von gesellschaftlichen Partizipationsrollen im kulturellen und politischen Raum möglich wird“ (Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 12f.).

Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist die Jugendphase demnach als eigenständige Lebensphase anzusehen, weil in ihr der Prozess der Identitätsbildung und Individuation einsetzt und einem – zumindest vorläufigen – ersten Abschluss kommt, der die Grundlage für spätere Umformungen und Weiterentwicklungen im Erwachsenenalter bildet. Diese Identität wird herausgebildet durch die intensive Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Werten und Normen, mit denen der Jugendliche bei der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben immer wieder konfrontiert wird (Vgl. Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 13).

3.2.2 Abgrenzung des Jugendalters vom Erwachsenenalter

Über das Konstrukt der Entwicklungsaufgaben lässt sich auch eine Abgrenzung der Jugend vom Erwachsenenalter ableiten: Wenn alle jugendalterspezifischen Entwicklungsaufgaben erfolgreich bewältigt wurden, ist der Übergang ins Erwachsenenalter möglich (Vgl. Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 13).

Zimbardo hebt als Voraussetzung für diesen Übergang vor allem die Entscheidung über die Fortsetzung der Ausbildung, den Berufsweg und den Lebensgefährten heraus. Er sieht die wichtigste Aufgabe des jungen Erwachsenenalters in der Intimität, d.h. die Fähigkeit zur festen Bindung (Vgl. Zimbardo 1992, S.92).

Zeitlich wird dieser Übergang meist zwischen dem 18. und 21. Lebensjahr datiert, doch meist brauchen die Jugendlichen heute erheblich länger bis sie die erwarteten Aufgaben bewältigt haben und den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Mögliche Gründe dafür sind die verlängerte (schulische) Ausbildung, die damit verbundene finanzielle Abhängigkeit, aber auch der aus Bequemlichkeit fehlende Wille, sich früh vom Elternhaus zu lösen und auf eigenen Beinen zu stehen.

3.3. Psychobiologische Aspekte des Jugendalters

Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen ist für den Jugendlichen von großer Bedeutung. Es herrscht oftmals eine gewisse Übergangsangst. Der junge Mensch tritt in völlig neue Rollenverhältnisse - wie z.B. die Rolle eines Mannes – ein, ohne zu wissen, wie man sich in ihnen zurechtfinden wird. Viele Jugendliche fühlen sich überrannt, da diese Entwicklung häufig ganz plötzlich beginnt. Bei manchen Jugendlichen ist die Entwicklungsphase schneller abgeschlossen als bei anderen. Spätentwickler haben daher, ebenso wie Frühentwicker, enorme Probleme. Sie müssen damit klar kommen, dass sie anders sind als Gleichaltrige (Vgl. Asubel 1971, S. 67ff.).

Das Jugendalter schließt nicht nur physische Veränderungen, wie das Wachstum der Hoden, Brüste und der Schambehaarung sowie den Stimmbruch ein, sondern auch alle Veränderungen des Verhaltens, der Emotionen, des sozialen Bereichs und der Persönlichkeit, die während dieser Entwicklungsphase auftreten. Jungen vergleichen ihre Genitalien, Mädchen ihre Brüste, woraus sich psychische Probleme bei einigen Jugendlichen ergeben können.

Ganz gleich, ob der erste Samenerguss und die erste Regelblutung früher oder später einsetzen – sie sind für Jungen und Mädchen häufig ein dramatisches Ereignis, das ihnen vor allem dann Probleme bereitet, wenn sie darauf nicht angemessen vorbereitet worden sind“ (Mietzel 2002, S. 354).

Das Skelett der Heranwachsenden verändert sich. Es werden die Proportionen der Erwachsenen angenommen. Der etwas zu große Kopf wird den anderen Körperteilen angepasst und der Jugendliche erhält das Erscheinungsbild eines Erwachsenen. Mit dem Wachstumsschub geht eine Zunahme des Körpergewichts und der Kraft einher, wodurch der gesamte Bewegungsapparat verbessert wird.

Zudem ändern sich in der Pubertät die Interessen der Jugendlichen. Das Bild vom eigenen Körper gelangt genauso wie das sexuelle Bewusstsein in den Fokus. Die Jugendlichen werden an ihre biologische Geschlechtsrolle herangeführt und verändern ihren emotionalen Ausdruck (Vgl. Asubel 1971, S. 177ff.).

Im Jugendalter reift die Persönlichkeit. Der Jugendliche löst sich von der Abhängigkeit der Eltern und wendet sich den Gleichaltrigen (Peers) zu. Sie werden damit zum bedeutendsten Faktor für die Persönlichkeitsentwicklung. Die Veränderungen des Körpers in Kombination mit neuen Gefühlserlebnissen und Erfahrungen können das Selbstwertgefühl des Jugendlichen in Frage stellen. Oftmals sind hier die Eltern nicht mehr die bevorzugten Gesprächspartner.

„Eine zunehmende Bedeutung gewinnen in dieser Situation aber die Gleichaltrigen, vor allem solche, die sich mit gleichen Problemen auseinander zu setzten haben und allein schon deshalb am besten wissen, wie einem zumute ist, wenn Krisensituationen die eigene Sicherheit erschüttern“ (Mietzel 2002, S. 361).

Ebenso findet in der Phase des Jugendalters verstärkt die moralische und religiöse, wie auch intellektuelle Entwicklung, also neben körperlichen auch soziale Veränderungen statt.

3.4. Psychosoziale Aspekte des Jugendalters

Wenn Kinder in das Jugendalter eintreten, streben sie nach Unabhängigkeit und Gleichstellung mit den Erwachsenen. Die Jugendlichen werden von der Gesellschaft jedoch noch nicht als erwachsen angesehen. Sie befinden sich noch im Entwicklungsprozess und haben nicht die typischen Merkmale, die einen Erwachsenen auszeichnen, wie z.B. eine abgeschlossene Schulausbildung, einen Beruf etc. Deshalb gilt: Je komplexer die Kultur einer Gesellschaft ist, desto länger dauert die psychische Entwicklung, bis die Jugendlichen den Erwachsenenstatus erreicht haben. Die Länge der Jugendphase wird auch durch die Schichtzugehörigkeit mitbestimmt. Während die Unterschicht großen Wert auf Familientraditionen legt, spielt für die Mittelschicht die Schulbildung eine entscheidende Rolle. Die Jugendlichen der unteren gesellschaftlichen Schichten heiraten beispielsweise sehr früh, wohingegen sich Angehörige der Mittelschicht damit mehr Zeit lassen. Die psychische Entwicklung ist zudem abhängig von den Wertvorstellungen der Familie und des sozialen Umfelds (Vgl. Asubel 1971, S. 299ff.).

Wie schon mehrfach erwähnt, erfolgt im Jugendalter die Hinwendung zu Gleichaltrigen. Die Peer-Group (Gleichaltrigengruppe) hilft bei der Ablösung vom Elternhaus, bietet Entscheidungshilfen, lädt zum Vergleich ein – was die Voraussetzung zur Bildung des eigenen Selbstbilds und der Identität ist – und trainiert die sozialen Fähigkeiten, mit deren Hilfe Jugendliche ihre sozialen Kontakte pflegen können (Vgl. Mietzel 2002, S. 363f.).

Der Heranwachsende ist an einer Gemeinschaft interessiert und möchte Erfahrung in der Gruppe sammeln. Zudem ist er in dieser Phase viel empfindsamer für das Entgegenkommen oder Ablehnen durch bestimmte Personen. Der Freundschaftsbegriff hat sich verändert. Während es im Kindesalter Freundschaften im Sinne von Spielpartnern gab, ist der Freundschaftsbegriff im Jugendalter viel spezieller. Es entstehen Freundschaften, die oft für viele Jahre, manchmal sogar ein Leben lang, halten.

In der Gruppe der Gleichaltrigen gewinnt der Jugendliche an Selbstachtung, ihm wird ein bestimmter Status zuteil. Das „Wir“- Gefühl der Gruppe gibt ihm ein Gefühl der Zugehörigkeit und Geborgenheit. Die Angehörigen der Gruppe sind wichtige Bezugspersonen und helfen bei der Orientierung. Sie sind eine Abgrenzung gegen die Autorität des Elternhauses und verhelfen zu Autonomie (Vgl. Asubel 1971, S. 328ff.).

3.5. Jugend im 21. Jahrhundert

Die Jugend hat sich schon seit 1900 in schnellen Schritten immer weiter ausgedehnt. Sie ist aufgrund ihrer Länge und biografischen Bedeutung heute eine eigene Lebensphase geworden und hat eine Schlüsselstellung für den gesamten Lebenslauf inne. Heute scheint es für uns selbstverständlich von „der Jugend“ als eigenständige Lebensphase zu sprechen. Sozialhistorisch betrachtet, ist „Jugend“ aber erst durch die Einführung der Schulpflicht und die anschließende Vorbereitung auf den Beruf entstanden. Noch bis zur Industrialisierung gab es keine Zwischenphase in Form der Lebensphase der Jugend. Nach der Geschlechtsreife galt ein junger Mann oder eine junge Frau als voll erwachsen. Es handelte sich damals noch um eine kurze Phase, die zwischen dem Eintreten der Geschlechtsreife und dem nur wenige Jahre später erfolgenden Eintritt ins Berufsleben und der Gründung einer eigenen Familie lag. Im Durchschnitt war es eine Zeitspanne von höchstens fünf Jahren, die als „Jugend“ bezeichnet werden konnte.

Heute, Anfang des 21. Jahrhunderts sind aus dieser zeitlichen Spanne mindestens 10, bei immer mehr jungen Menschen sogar 15 oder 20 Jahre geworden. Die Lebensphase Jugend hat sich ausgedehnt und hat sich zu einem umfassenden Lebensabschnitt entwickelt, der nicht mehr den Charakter einer Übergangsphase hat, sondern als eigenständiger Lebensabschnitt betrachtet werden muss.

Die Verlängerung der Lebensphase Jugend liegt darin begründet, dass im Industrie- und Dienstleistungsbereich hoch qualifizierte junge Arbeitskräfte benötigt wurden, die durch eine allgemeine Schulbildung und eine auf den Beruf ausgerichtete Ausbildung auf diese Anforderungen vorbereitet werden sollten. Inzwischen hat sich einiges verändert. Durch die stetigen Rationalisierungs- und Technisierungsprozesse, durch die Globalisierung und damit verbundene Verstärkung internationaler Konkurrenz, verstärkt durch eine Übernachfrage von starken Jahrgängen nach Arbeitsplätzen, kommt das Angebot an Arbeitsstellen nicht mehr hinter der Nachfrage her. Für bis zu einem Fünftel der jungen Menschen fehlen in Deutschland die Arbeitsplätze.

In Anbetracht dieser strukturellen Veränderungen ist das Streben nach immer höheren Bildungsabschlüssen konsequent. Viele Lehrberufe, die früher Schülerinnen und Schülern mit einem Hauptschulabschluss offen standen, sind heute de facto nur noch mit Abitur zugänglich. Die Wahrscheinlichkeit eines Arbeitsplatzes steigt mit dem Niveau des Bildungsabschlusses an.

Von 1985 kann man die Verlängerung der Ausbildungszeiten nicht mehr in erster Linie darauf zurückführen, dass die Qualifikation des gesellschaftlichen Nachwuchses gefördert werden sollte. Vielmehr ging es jetzt darum, die „zu vielen jungen Arbeitskräfte“ (Shell Jugendstudie 2006, S. 34) so lange wie möglich vom überlasteten Arbeitsmarkt fern zu halten. „Das deutsche Bildungssystem wurde zu einem biografischen Warteraum auf dem Weg zum Erwachsenenalter“ (Shell Jugendstudie 2006, S. 34).

Wie reagieren Jugendliche auf diese veränderte Lebenssituation? Die Ausweitung der Jugendphase wird von vielen Jugendlichen bisher überwiegend positiv aufgenommen. Viele genießen die Freiräume und haben keine Probleme damit, länger in Schulen oder Hochschulen zu gehen. Abgekoppelt von der Erwerbsarbeit stecken sie viel Zeit in den Konsum-, Medien und Freizeitbereich. Sie treffen sich mit Freunden zu gemeinschaftlichen Aktivitäten und zeigen durchaus auch Engagement im sozialen Bereich.

Neben den positiven Aspekten, die eine verlängerte Phase der Jugend mit sich bringt, gibt es auch negative Seiten. Jugend heute bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen soziokultureller Selbstständigkeit und sozioökonomischer Unselbstständigkeit, das für manche Jugendlich nur schwer zu ertragen ist.

Mit zunehmendem Alter steigen die Autonomiebedürfnisse der Jugendlichen an, können aber aufgrund der ökonomischen Hemmnisse oft nicht befriedigt werden.

„Die Angehörigen der Lebensphase Jugend finden sich in einer zwar ökonomisch ungesicherten aber soziokulturell und in den sozialen Bindungen und Wertorientierungen ziemlich frei gestaltbaren Lebenssituation“ (Shell Jugendstudie 2006, S. 35).

Über ihren Köpfen schwebt die Unsicherheit wie ein Damokleschwert. Die Unsicherheit über die Gestaltung ihres weiteren Lebenswegs und die Angst, keinen Platz in der Gesellschaft zu finden, sind für alle Jugendlichen belastend und bauen einen immensen mentalen Druck auf.

Typisch für die Bewältigung der Lebensphase Jugend ist heute ein hohes Maß an Selbstorganisation, Problemlösekompetenz und flexibler Anpassung des eigenen Verhaltens. Jugendliche müssen sehr früh ihren eigenen Lebensstil finden und einen Lebensplan für sich entwerfen. Wer es schafft, ein gutes Selbstmanagement zu entwickeln, kommt mit den gesellschaftlichen Anforderungen der Jugendphase gut zurecht (Vgl. Shell Jugendstudie 2006, S. 32ff.). Die Jugendphase darf keinesfalls nur nicht nur als angenehmer Schonraum vor dem Eintritt in das Berufsleben gesehen werden. Die Bewältigung dieser Lebensphase stellt hohe Ansprüche an die Jugendlichen.

Wer begleitet sie auf diesem Weg? An wen wenden sich Jugendliche bei Problemen? Welche Rollen spielen Familie, Schule und Gleichaltrige in dieser besonderen Lebensphase?

3.6. Sozialisationsinstanzen und ihre Wirkung auf die Gestaltung der Jugendphase

Sozialisation wird verstanden „als der Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisiert wird dabei (…) wie sich der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt entwickelt “ (Geulen/Hurrelmann 1980 zit. nach Tilmann 1995, S. 10).

Sozialisation wird verstanden als ein Prozess, der nebenbei im Alltag stattfindet und im Gegensatz zur Erziehung nicht bewusst auf das Individuum einwirken will.

Familie, Schule und Freizeit – das sind auch heute die wichtigsten Lebenswelten der Jugendlichen. Hier halten sie sich jeden Tag auf, sammeln Erfahrungen und gewinnen wichtige Impulse für ihre Entwicklung (Vgl. Shell Jugendstudie 2006, S. 49).

Im Folgenden soll geklärt werden, wie sich die Bedeutung der Sozialisationsinstanzen Familie, Gleichaltrigengruppen und Schule in der Jugendphase entwickelt und verändert.

Dabei umfassen Familie und Gleichaltrigengruppe die Sozialisationsinstanzen, die sich im primären sozialen Umfeld der Jugendlichen befinden, während die Schule eine Instanz ist, die stärker durch „gesamtgesellschaftliche Steuerungseinflüsse“ (Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 63) gekennzeichnet ist und den jungen Menschen als Institution gegenüber tritt.

3.6.1 Familie: zunehmende Ambivalenz

Die Bedeutung der Familie verschiebt sich in der Jugendphase. Während sie in der Kindheitsphase noch die „ungebrochene Funktion als universaler Umweltvermittler und umfassendes soziales Bindungsnetz“ (Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 63) innehatte, treten nun die Prozesse der Ablösung vom Elternhaus in den Vordergrund. Dieser Loslösungsprozess findet auf mehreren Ebenen statt. Es lassen sich eine kulturelle Ebene (eigener Lebensstil), eine räumliche Ebene (Auszug) und eine materielle Ebene (wirtschaftliche Unabhängigkeit) von einander abgrenzen. Der Ablösungsprozess kann sich in den verschiedenen Bereichen zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in variierender Intensität vollziehen (Vgl. Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 63).

Die Familienstruktur hat sich in allen westlichen Gesellschaften in den vergangenen drei Generationen stark verändert. Sie sind heute meist sehr klein und umfassen häufig nur noch zwei Personen – einen Elternteil und ein Kind. Familien sind heute viel häufiger von Trennungen und Scheidungen betroffen und setzen sich oft aus Angehörigen unterschiedlicher regionaler Herkunft zusammen. Es ist eine „bunte Familienlandschaft“ (Shell Jugendstudie 2006, S. 49) entstanden. Da heute also nur noch wenige Personen zur Familie gehören, entsteht zwischen ihnen eine tiefe emotionale Bindung, die oft auch dann weiter entsteht, wenn sich die Jugendlichen längst räumlich von ihren Eltern gelöst haben.

Familien haben aber entgegen aller Befürchtungen ihre Bedeutung nicht verloren. Die Familie nimmt in der Jugendphase als Sozialisationsinstanz eine bedeutende Rolle ein: Auf der einen Seite nimmt ihre Bedeutung als Lebens- und Wohngemeinschaft je nach Ausformung der räumlichen Ablösung, ab und ihr direkter Einfluss auf die Lebensgestaltung der Jugendlichen wird geringer. Auf der anderen Seite stellt die Familie für Jugendliche oft ein wichtiges emotionales Bezugssystem – den sozialen „Heimathafen“ - dar, zu dem sie eine enge Bindung haben und von dem ausgehend sie andere Lebenswelten erschließen. Ablösung und Bindung kennzeichnen in gleichem Maße das Verhältnis der Jugendlichen zu ihrer Familie.

Aufgrund gesellschaftlicher struktureller Veränderungen hat sich der Ablösungsprozess der Jugendlichen von der Familie in seinen verschiedenen Dimensionen auseinander gezogen. Während die Ablösung im kulturellen Bereich, etwa beim Medienkonsum, schon in der Kindheit einsetzt und sich die räumliche Ablösung deutlich verfrüht hat, zeichnet sich bei der materiell-finanziellen Loslösung eine gegensätzliche Tendenz ab.

Insgesamt ist für das Jugendalter eine Verlagerung der primären Bedeutung der Familie in Richtung materielle Sicherung und Unterstützung festzustellen, wodurch sie trotz des soziokulturellen Ablösungsprozesses an Einfluss auf die Gestaltungsphase gewinnt. Die Familie verliert als Sozialisationsinstanz im Jugendalter nicht generell an Bedeutung, vielmehr müssen die verschiedenen Dimensionen des Loslösungsprozesses differenziert und in ihrer Gesamtkonstellation betrachtet werden (Vgl. Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 64ff.).

3.6.2 Gleichaltrigen-Gruppe (Peers): flexibler Erfahrungsraum

Gleichaltrigen-Gruppen werden deshalb den gesellschaftlichen Grundgebilden zugeordnet, weil sie zum „Normalfall der Jugendkultur“ (Schäfers 2005, S.117) geworden sind und für die Mehrzahl der Jugendlichen einen sehr bedeutsamen Erfahrungs- und Handlungskontext darstellen. Ihr Stellenwert hat seit den 1960er Jahren stark zugenommen. Peer-Groups können heute „als der Ort jugendspezifischer Erfahrungsbildung und –Artikulation par exellence“ (Bohnsack 1995 zit. nach Schäfers 2005, S.117) beschrieben werden.

Beziehungen zu Gleichaltrigen entwickeln sich in der Jugendphase zu einem wandlungsfähigen und vielseitigen Erfahrungsraum, wodurch die Einflusssphären der Familie teilweise substituiert werden.

Der Aufbau von sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen stellt eine bedeutende Entwicklungsaufgabe des Jugendalters dar und leistet einen wichtigen Beitrag zur Identitätsentwicklung des Jugendlichen. Während im Alter von 12 bis 14 Jahren gleichgeschlechtliche Zweierbeziehungen eine große Rolle spielen, gewinnt ab dem 15. Lebensjahr eine lockere Form von Gleichaltrigen-Gruppierungen an Bedeutung.

Viele Jugendliche schließen sich Jugendszenen an und verbringen dort ihre Freizeit. Im weiteren Verlauf der Jugendphase gewinnen heterosexuelle Beziehungen an Bedeutung und entwickeln sich nicht selten aus dem Kontext einer Clique heraus.

Empirische Ergebnisse verdeutlichen, dass die Peer-Groups als Sozialisationsinstanz in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung zugenommen haben. Sie bieten den Jugendlichen die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, Alternativen zum Familien- und Schulalltag, sowie soziale Anerkennung, Sicherheit und Solidarität und befriedigende soziale Kontakte . „Peer-groups können als der soziale Freiraum gesehen werden, in dem sich Jugendkultur „ereignet“ und von dem aus sich gegebenenfalls eine Gegenkultur entwickelt“ ( Schäfers 2005, S118).

Im Vergleich zur Familie sollte der Einfluss der Peergroups jedoch nicht überschätzt werden, denn ihre Orientierungskraft richtet sich vor allem auf den Konsum- und Freizeitbereich, während ihr Einfluss auf die zentralen Bereiche des Übergangs zum Erwachsenenalter – im Sektor von Bildung und Beruf – eher als schwach zu bezeichnen ist. Eine amerikanische Studie zur Analyse des Sozialisationseinflusses von Eltern und Gleichaltrigen kommt zu dem Ergebnis, dass Eltern im Jugendalter einen größeren Einfluss im Bereich grundsätzlicher Normen und Werte habe, während die Peergroups mehr als „unmittelbare alltägliche Verhaltensvorbilder“ (Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 74), beispielsweise bei der Einstellung und dem Verhalten im Drogen- und Alkoholkonsum, wirken. Man kann also von einem Ergänzungsverhältnis dieser beiden Sozialisationsinstanzen sprechen, das in bestimmten Entwicklungsphasen auch zu einem Konkurrenzverhältnis werden kann.

Die Bedeutung der Gleichaltrigen-Gruppen wächst dann an, wenn eine innere Ablösung der Jugendlichen von den Eltern erfolgt. Oftmals haben die Eltern Probleme sich nach der relativ klar definierten Kindheitsphase mit der eher weniger klaren und teilweise diffusen jugendlichen Rolle zurechtzufinden. Es kommt häufig zu einer Verunsicherung auf beiden Seiten. In dieser Situation können die Peergroups die Funktion einer psychischen Stabilisierung übernehmen.

Inhaltlich ist die Bedeutung der Gleichaltrigen-Gruppe typischerweise in den Bereichen groß, in denen der familiäre Einfluss am frühesten zurückgedrängt wird. Hier ist vor allem der Konsumsektor zu nennen. Trotz materieller Abhängigkeit von den Eltern können Jugendliche schon früh zumindest in Teilbereichen des Warenmarktes als Konsumenten auftreten. Hierbei spielen die Gleichaltrigen eine große Rolle, indem sie Standards und Anregungen vorgeben, wie sich Jugendliche im Konsumsektor orientieren sollen. Gleichaltrigen-Gruppen können so quasi als Reflex auf die komplexe Anforderungssituation und die unzureichende Orientierungskompetenz der Familie in diesem Bereich verstanden werden.

Jugendkulturen stellen eine Art „Auffangraum für die Entwicklung von Bewältigungskompetenzen und die Strukturierung von Identitätsmustern im Jugendalter“ (Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 75). Sie kommen dem Bedürfnis der Jugendlichen nach jugendspezifischen Entfaltungsmöglichkeiten und einer Definition der Jugend als Lebensphase nach. Bezeichnenderweise kommen die symbolischen Hauptdimensionen, mit denen auf denen Jugendliche ihre Zugehörigkeit zu einer Subkultur ausdrücken, aus dem Konsum- und Unterhaltungsbereich. Der eigene Lebensstil wird durch bestimmte Kleidung und Musik, Nutzung von Medien und Drogen zur Schau gestellt (Vgl. Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1989, S. 75f.).

3.6.2.1 Jugendkulturen als Sozialisationsinstanz

„Nicht mehr als 20 bis 25 Prozent der Jugendlichen schließen sich wirklich Jugendkulturen an, werden also mit ganzem Herzen Punk oder Skinhead, Gruftie oder Skateboarder. Doch der Einfluss […] sollte nicht unterschätzt werden. Denn die Angehörigen der Jugendkulturen sind so etwas wie die Avantgarde der Jugend, die Meinungsbildner und kulturellen Vorbilder für die große Mehrzahl der Gleichaltrigen, die sich mit keiner Jugendkultur voll identifizieren können – aber sich doch an diesen orientieren. […] Wer sich mit Jugendkulturen beschäftigt, erfährt also auch eine Menge über ´die Jugend´ “ (Farin Jugendkulturen in D. 2006, S.9).

Neben den so genannten „Cliquen“, denen sich Jugendliche anschließen und dort ihre Freizeit verbringen, spielen auch Jugendkulturen eine Rolle. Auch sie stehen zu den Sozialisationsinstanzen „Familie“ und „Schule“ in einem ergänzenden Verhältnis. In Jugendkulturen machen Jugendliche Erfahrungen, die in anderen Lebensbereichen gar nicht oder nur begrenzt möglich sind. Jugendkulturen gleichen quasi Defizite der anderen Sozialisationsinstanzen aus. Begegnungen mit Liebe, Hass, Feindschaft, aber auch Drogen und Sexualität stehen in der Jugendkultur auf der Tagesordnung, während sie in den „pädagogischen Provinzen“ (Baacke 1999, S. 274) eher herausgehalten, zumindest aber abgemildert und kontrolliert werden. In den Jugendkulturen finden dagegen finden „radikale Experimente des Daseins (von den Drogen bis zur Sexualität)“ (Baacke 1999, S. 274) statt. Jugendliche machen hier die Erfahren, dass sie einem bestimmten Sinn schon erwachsen sind: Sie können, wollen und dürfen für sich selbst und ihre Beziehungen einstehen. Niemand darf ihnen in diesen Lebensbereich hineinreden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 122 Seiten

Details

Titel
Subkulturen und ihr Einfluss auf die Identitätsfindung im Jugendalter unter gesellschaftspolitischen Aspekten
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Veranstaltung
Zulassungsarbeit Päd. Hochschule
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
122
Katalognummer
V86605
ISBN (eBook)
9783638003841
Dateigröße
936 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Subkulturen, Einfluss, Identitätsfindung, Jugendalter, Aspekten, Zulassungsarbeit, Hochschule
Arbeit zitieren
Lena Patruno (Autor), 2007, Subkulturen und ihr Einfluss auf die Identitätsfindung im Jugendalter unter gesellschaftspolitischen Aspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86605

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