Um kulturelle Transformationen näher betrachten zu können, ist zunächst eine grobe Erläuterung des Kulturbegriffs notwendig. Nach Auernheimer (1990) lässt sich Kultur anhand dreier Funktionen knapp zusammenfassen:
- ihr ist ein symbolischer Charakter innerhalb von Kommunikation und Repräsentation eigen
- sie hat eine Orientierungsfunktion bezogen auf menschliches Handeln
- durch eine Identitätsfunktion ermöglicht sie soziale Verortung sowie Differenzierung gegenüber anderen Lebensentwürfen
Das heißt, Kultur umfasst die Gesetze nach denen menschliches (Zusammen-) Leben geregelt ist (vgl. Auernheimer 1990, S. 73).
Alltagskulturen müssen diese Funktionen erfüllen können, auch wenn sich die äußeren Bedingungen eines Individuums ändern. Sie sind generell heterogen, prozesshaft und dynamisch. Bei einer erlebten Veränderung der Lebensverhältnisse wird eine Neuorientierung des Individuums notwendig. „Die Menschen werden genötigt, sich mit ökonomischen und sozialen Strukturveränderungen auseinander zu setzen und neue angemessene kulturelle Formen zu finden“ (Auernheimer 1990, S. 75). Da moderne Gesellschaften sich in stetigen Wandlungsprozessen befinden, arbeiten alle Menschen fortwährend an ihrer Kultur. Selbstverständnis und Lebensentwürfe müssen an den sich ändernden Rahmenbedingungen ausgerichtet werden, dabei entscheidet vorwiegend die lebenspraktische Relevanz über eine Aktualisierung oder Neuschöpfung kultureller Inhalte und Formen. Lösungen sind auch unter Rückgriff auf Traditionen oder der Übernahme von Elementen aus anderen Kulturen möglich. Hierbei gilt: nur das wird übernommen, was eine Lösung für die aktuelle Problemlage verspricht. Gewohnte oder tradierte Lebensstrategien müssen also bewusst hinterfragt und aktiv verändert werden. „Die Erfahrung von Veränderung verlangt eine aktive Antwort; sie verlangt dem Individuum ab, sich seinen besonderen Weg durch die Gesellschaft zu suchen“ (Schiffauer 1991, S. 162). Dies betrifft Werte und Einstellungen ebenso wie soziales Rollenverhalten und gesellschaftliche Organisation. So kann die subjektive Funktion von Religion ebenso einer kulturellen Transformation unterworfen sein wie z.B. familiäre Rollensysteme einschließlich Erziehungsvorstellungen und -praktiken; oder die traditionelle Geschlechtertrennung und Aufgabenteilung innerhalb einer sozialen Gruppe abgelöst werden durch pragmatischere, flexiblere Auslegungen wenn die Rahmenbedingungen dies erforderlich machen (vgl. Auernheimer 1990, S. 77).
Inhaltsverzeichnis
I: Kulturelle Transformationen
II: Kulturelle Transformationen in Biographien türkischer Migranten in Deutschland
Yasar – zwischen Familienpflicht und Selbstverwirklichung
Die Familienrolle
Transformationsleistung Yasar
Fatma – die richtige Rolle als Frau in einer Männerordnung
Die Frauenrolle
Transformationsleistung Fatma
Männerfreundschaften
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der Fallbeispiele von Yasar und Fatma sowie der Analyse von Männerfreundschaften, wie sich kulturelle Alltagspraktiken und Werteorientierungen bei türkischen Migranten durch die radikal veränderten Lebensbedingungen in Deutschland transformieren. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Auseinandersetzung zwischen traditionellen Mustern und notwendigen Anpassungsleistungen im Kontext von Migration.
- Kulturelle Transformationsprozesse in der Migration
- Werte- und Einstellungswandel bei Migranten
- Die Rolle von Familie und Geschlechterrollen im Wandel
- Strategien der Identitätsbehauptung und Selbstverwirklichung
- Funktion und Bedeutung von Männerfreundschaften
Auszug aus dem Buch
Die Familienrolle
In Yasars Biographie lässt sich eine kulturelle Transformation am deutlichsten anhand seiner Auseinandersetzung mit seiner Rolle innerhalb der Familie erkennen. Auffällig ist die Konsequenz, mit der er sich zu seinen Familienpflichten bekennt und trotz tradierter Rollenerwartungen unbeirrt dem selbstgewählten Weg folgt. Diese Ambivalenz innerhalb seiner Position zur Familie verlangt ihm eine stetige Neuorientierung aufgrund der sich wandelnden Rahmenbedingungen ab.
Yasars Migration erfolgt in zwei Schritten. Vor dem in Schritt in die kulturelle Fremde, der Arbeitsmigration nach Deutschland, schafft der Umzug innerhalb des eigenen Landes in die Metropole Istanbul mit veränderten sozialen Strukturen und alltagspraktischen Voraussetzungen zahlreiche Herausforderungen für Yasar.
Sein eigener städtischer Haushalt in Istanbul verlangt von ihm Entscheidungen, die sich deutlich von den Traditionen seines Heimatdorfes abheben.
Ein prägnantes Beispiel für eine erste kulturelle Transformation ist Yasars Heirat. Er nimmt entgegen der Tradition die Organisation seiner Heirat selbst in die Hand und wählt sogar seine Braut eigenständig, wobei er hierbei einen anderen Fokus setzt als es in seiner Heimat üblich ist: nicht innerdörfliche Koalitionen zwischen Familien, sondern die Frage, ob man – auch in Klassenlage und Lebensstil – zueinander passt, sind ausschlaggebend für die Brautwahl.
Zusammenfassung der Kapitel
I: Kulturelle Transformationen: Dieses Kapitel erläutert den Kulturbegriff und dessen Funktionen und verdeutlicht, dass Alltagskulturen prozesshaft und dynamisch auf äußere Veränderungen reagieren müssen.
II: Kulturelle Transformationen in Biographien türkischer Migranten in Deutschland: Hier wird der theoretische Rahmen durch die Untersuchung der Einzelschicksale von Yasar und Fatma sowie durch eine Analyse von Gruppenstrukturen bei Jugendlichen konkretisiert und illustriert.
Yasar – zwischen Familienpflicht und Selbstverwirklichung: Das Kapitel beschreibt den Lebensweg Yasars und beleuchtet die Spannungen zwischen seinen dörflichen Traditionen, seiner Migration nach Deutschland und seinen Verpflichtungen gegenüber der Familie.
Die Familienrolle: Dieses Kapitel analysiert Yasars Auseinandersetzung mit seiner familiären Rolle und zeigt auf, wie er tradierte Erwartungen in der Migration aktiv umformuliert.
Transformationsleistung Yasar: Eine grafische und inhaltliche Zusammenfassung der Entwicklungsschritte vom dörflichen Leben über die Stadt bis hin zur Migration in die Fremde.
Fatma – die richtige Rolle als Frau in einer Männerordnung: Der Text porträtiert den Lebensweg von Fatma, die unter schwierigen Bedingungen aktiv ihre Rolle und ihre Position in einer patriarchalen Struktur neu definiert.
Die Frauenrolle: Dieses Kapitel untersucht, wie Fatma durch ihre Migration in Männerdomänen eindringt und die normative Instanz in ihrer Familie übernimmt, was mit einer Kollision der traditionellen Frauenrolle einhergeht.
Transformationsleistung Fatma: Eine grafische und inhaltliche Darstellung der Entwicklung Fatmas von der Passivität in dörflichen Strukturen hin zur aktiven Gestaltung ihres Lebens in der Migration.
Männerfreundschaften: Abschließend wird untersucht, wie sich junge türkische Männer in Deutschland organisieren und welche Bedeutung Freundschaftsstrukturen für Identität und Abgrenzung in einer diskriminierenden Umwelt haben.
Schlüsselwörter
Kulturelle Transformation, Arbeitsmigration, Alltagskultur, Werteorientierung, Familienrollen, Geschlechterrollen, Biographieforschung, Identitätsbildung, Männerfreundschaften, Ethnologie, Sozialpädagogik, Integrationsprozesse, Selbstbehauptung, Subay, Transformationsleistung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kulturelle Veränderungsprozesse bei türkischen Migranten, die ihre traditionelle Lebensweise aufgrund von Arbeitsmigration nach Deutschland an neue, fremde Gegebenheiten anpassen müssen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen den Werte- und Einstellungswandel bei Migranten, die Transformation von Rollenbildern innerhalb der Familie sowie die Bedeutung von sozialen Gruppenstrukturen bei Jugendlichen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Wandel von Lebensentwürfen und Alltagskulturen in einer Migrationssituation anhand konkreter Biographien und sozialer Interaktionen nachvollziehbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird ein qualitativer Ansatz gewählt, der auf biographischen Fallstudien und teilnehmender Beobachtung (im Kontext der Forschung von Werner Schiffauer) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in detaillierte Analysen der Lebensgeschichten von Yasar und Fatma sowie in eine Untersuchung von Männerfreundschaften bei türkischen Jugendlichen in Berlin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind kulturelle Transformation, Migration, Identitätsbildung, Familienpflicht, Geschlechterrollen und soziale Netzwerke.
Wie verändert sich Yasars Einstellung zu seiner Familie im Laufe der Zeit?
Anfangs ist das Versprechen, die Familie zu versorgen, ein Motor für seine Migration. Mit der Zeit und durch die Belastungen in Deutschland wächst jedoch seine Bitterkeit über die eigene Entfremdung und das Zurückstehen eigener Ziele.
Warum ist Fatmas Hinwendung zur Religion bemerkenswert?
Fatmas religiöses Engagement ist ungewöhnlich, da sie sich in Bereiche begibt, die in ihrer Herkunftskultur traditionell Männern vorbehalten waren, und sie nutzt diese Stellung, um eine normative Autorität in ihrer Familie zu festigen.
Welche Bedeutung haben Männerfreundschaften für Jugendliche in der Migration?
Sie dienen als funktionaler Schutzraum, um sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen und innerhalb der Gruppe Identität, Gleichheit und gegenseitige Unterstützung aufrechtzuerhalten.
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- Jacqueline Gräf (Author), 2007, Kulturelle Transformationen - eine Betrachtung anhand von Fallbeispielen türkischer Migranten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86646