Kulturelle Transformationen - eine Betrachtung anhand von Fallbeispielen türkischer Migranten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

15 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I: Kulturelle Transformationen

II: Kulturelle Transformationen in Biographien türkischer Migranten in Deutschland
Yasar – zwischen Familienpflicht und Selbstverwirklichung
Die Familienrolle
Transformationsleistung Yasar
Fatma – die richtige Rolle als Frau in einer Männerordnung
Die Frauenrolle
Transformationsleistung Fatma
Männerfreundschaften

Verwendete Literatur:

I: Kulturelle Transformationen

Um kulturelle Transformationen näher betrachten zu können, ist zunächst eine grobe Erläuterung des Kulturbegriffs notwendig. Nach Auernheimer (1990) lässt sich Kultur anhand dreier Funktionen knapp zusammenfassen:

- ihr ist ein symbolischer Charakter innerhalb von Kommunikation und Repräsentation eigen
- sie hat eine Orientierungsfunktion bezogen auf menschliches Handeln
- durch eine Identitätsfunktion ermöglicht sie soziale Verortung sowie Differenzierung gegenüber anderen Lebensentwürfen

Das heißt, Kultur umfasst die Gesetze nach denen menschliches (Zusammen-) Leben geregelt ist (vgl. Auernheimer 1990, S. 73).

Alltagskulturen müssen diese Funktionen erfüllen können, auch wenn sich die äußeren Bedingungen eines Individuums ändern. Sie sind generell heterogen, prozesshaft und dynamisch. Bei einer erlebten Veränderung der Lebensverhältnisse wird eine Neuorientierung des Individuums notwendig. „Die Menschen werden genötigt, sich mit ökonomischen und sozialen Strukturveränderungen auseinander zu setzen und neue angemessene kulturelle Formen zu finden“ (Auernheimer 1990, S. 75). Da moderne Gesellschaften sich in stetigen Wandlungsprozessen befinden, arbeiten alle Menschen fortwährend an ihrer Kultur. Selbstverständnis und Lebensentwürfe müssen an den sich ändernden Rahmenbedingungen ausgerichtet werden, dabei entscheidet vorwiegend die lebenspraktische Relevanz über eine Aktualisierung oder Neuschöpfung kultureller Inhalte und Formen. Lösungen sind auch unter Rückgriff auf Traditionen oder der Übernahme von Elementen aus anderen Kulturen möglich. Hierbei gilt: nur das wird übernommen, was eine Lösung für die aktuelle Problemlage verspricht. Gewohnte oder tradierte Lebensstrategien müssen also bewusst hinterfragt und aktiv verändert werden. „Die Erfahrung von Veränderung verlangt eine aktive Antwort; sie verlangt dem Individuum ab, sich seinen besonderen Weg durch die Gesellschaft zu suchen“ (Schiffauer 1991, S. 162).

Dies betrifft Werte und Einstellungen ebenso wie soziales Rollenverhalten und gesellschaftliche Organisation. So kann die subjektive Funktion von Religion ebenso einer kulturellen Transformation unterworfen sein wie z.B. familiäre Rollensysteme einschließlich Erziehungsvorstellungen und -praktiken; oder die traditionelle Geschlechtertrennung und Aufgabenteilung innerhalb einer sozialen Gruppe abgelöst werden durch pragmatischere, flexiblere Auslegungen wenn die Rahmenbedingungen dies erforderlich machen (vgl. Auernheimer 1990, S. 77).

Stimmen die kulturellen Muster nicht mit den aktuellen Formen der sozialen Organisation überein, werden sie entsprechend den Möglichkeiten des Individuums oder der Gruppe verändert. Es findet eine Umwandlung von Alltagskultur in Abhängigkeit von äußeren Veränderungen statt.

II: Kulturelle Transformationen in Biographien türkischer Migranten in Deutschland

Der Ethnologe und Sozialpädagoge Werner Schiffauer (geboren 1951) erforschte während eines Feldaufenthalts Sozialstrukturen und Alltagskultur im anatolischen Dorf Subay. In den 1970er und 1980er Jahren begleitete er fünf Menschen aus diesem Dorf, die in die Arbeitsmigration nach Deutschland gegangen waren, und hielt die kulturellen Transformationen innerhalb deren Biographien infolge der radikal gewandelten Lebensverhältnisse fest. Die Fallbeispiele Yasar und Fatma sollen hier einen Werte- und Einstellungswandel illustrieren, der auf die Aufgabe einer subsistenzwirtschaftlichen Existenz im türkischen Dorf und auf die Neuorientierung an Lohnarbeitsverhältnissen in einer fremden Kultur folgte.

Yasar – zwischen Familienpflicht und Selbstverwirklichung

1949 wurde Yasar als ältester Sohn von 7 Geschwistern geboren, er wuchs unter ärmlichen Verhältnissen in einem anatolischen Dorf auf. Sein Vater wollte ihn nach fünf Jahren Dorfschule zur Mittelschule schicken, doch Yasar lehnte ab, weil seine Geschwister wegen des Finanzaufwands zu leiden gehabt hätten. Als Yasar 15 Jahre alt war, sollte er wegen der schlimmen ökonomischen Situation seiner Familie verheiratet werden, Yasar aber wollte nach Istanbul um Geld zu verdienen.

Er verließ sein Dorf und fand in Istanbul Arbeit in einer Hosenfabrik. 1972 heiratete er und ging kurz darauf allein in die Migration nach Deutschland, um Geld zu verdienen für ein Haus und eine eigenständige Existenz in Istanbul. Doch aus den geplanten zwei Jahren wurden vier, in denen Yasar im Arbeiterwohnheim lebte. 1976 kam seine Frau nach Deutschland, die dreijährige Tochter blieb zunächst bei den Großeltern. Yasars Aufenthalt in Deutschland wurde immer wieder um zwei Jahre verlängert. 1979 kam seine Frau nach erneuter Trennung zurück nach Deutschland, wo sie nun bald als fünfköpfige Familie lebten.

1988 konnte Yasar Laden und Wohnung in Istanbul kaufen, doch war die Familie nun verschuldet und das Kapital zur Geschäftsgründung fehlte. Die Rückkehr in die Türkei schien immer ferner

Die Familienrolle

In Yasars Biographie lässt sich eine kulturelle Transformation am deutlichsten anhand seiner Auseinandersetzung mit seiner Rolle innerhalb der Familie erkennen. Auffällig ist die Konsequenz, mit der er sich zu seinen Familienpflichten bekennt und trotz tradierter Rollenerwartungen unbeirrt dem selbstgewählten Weg folgt. Diese Ambivalenz innerhalb seiner Position zur Familie verlangt ihm eine stetige Neuorientierung aufgrund der sich wandelnden Rahmenbedingungen ab.

Yasars Migration erfolgt in zwei Schritten. Vor dem in Schritt in die kulturelle Fremde, der Arbeitsmigration nach Deutschland, schafft der Umzug innerhalb des eigenen Landes in die Metropole Istanbul mit veränderten sozialen Strukturen und alltagspraktischen Voraussetzungen zahlreiche Herausforderungen für Yasar.

Sein eigener städtischer Haushalt in Istanbul verlangt von ihm Entscheidungen, die sich deutlich von den Traditionen seines Heimatdorfes abheben.

Ein prägnantes Beispiel für eine erste kulturelle Transformation ist Yasars Heirat. Er nimmt entgegen der Tradition die Organisation seiner Heirat selbst in die Hand und wählt sogar seine Braut eigenständig, wobei er hierbei einen anderen Fokus setzt als es in seiner Heimat üblich ist: nicht innerdörfliche Koalitionen zwischen Familien, sondern die Frage, ob man – auch in Klassenlage und Lebensstil – zueinander passt, sind ausschlaggebend für die Brautwahl. Auch die Heiratsvermittlung nimmt urbanen Charakter an: Yasar schickt den Direktor seiner Fabrik als Brautwerber.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Kulturelle Transformationen - eine Betrachtung anhand von Fallbeispielen türkischer Migranten
Hochschule
Universität zu Köln  (Seminar für Pädagogik)
Veranstaltung
Methoden interkultureller Bildung
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V86646
ISBN (eBook)
9783638030878
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturelle, Transformationen, Betrachtung, Fallbeispielen, Migranten, Methoden, Bildung
Arbeit zitieren
Jacqueline Gräf (Autor), 2007, Kulturelle Transformationen - eine Betrachtung anhand von Fallbeispielen türkischer Migranten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86646

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