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Weisheit ist weiblich

Zeugnisse spätantiker Gnosis

Title: Weisheit ist weiblich

Doctoral Thesis / Dissertation , 2001 , 171 Pages , Grade: cum laude

Autor:in: Dr., M.A. Bettina Küpper Latusek (Author)

Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)
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Inhaltsangabe zur Dissertation:
Weisheit ist weiblich- Zeugnisse spätantiker Gnosis -
vorgelegt von Bettina Küpper Latusek -


Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Gnosis, einer zu ihrer Zeit ( 2. und 3. Jhd.n.Chr.) einflussreichen und im östlichen Mittelmeerraum bis hin nach Vorderasien verbreiteten Weltanschauung. Zielsetzung der Untersuchung ist die Darstellung der Geschlechterproblematik und der anthropologisch wichtigen Frage der Geschlechterdifferenz. Grundlage hierfür sind Berichte der Kirchenväter und ausgewählte original gnostische Texte, die fast alle aus dem Papyri-Fund im oberägyptischen Nag-Hammadi (1945) stammen.
Die gnostische Kosmogonie basiert auf paarweise angeordneten, männlichen und weiblichen Hypostasen, die sich in ihren Qualitäten ergänzen. Die weiblichen Hypostasen zeichnen sich durch Stärke, Selbständigkeit und Macht aus und sind den männlichen in keiner Weise untergeordnet. Eine der wichtigsten und interessantesten weiblichen Hypostasen ist die der Weisheit, Sophia. Sie spielt eine Schlüsselrolle in der gnostischen Kosmogonie und ist Protagonistin eines Dramas, das in letzter Konsequenz zur Entstehung der materiellen Welt führt. Als die Hypostase, die an letzter Stelle der Entstehung steht und deren Paargenosse keine erwähnenswerte Rolle spielt, steht sie dem Schöpfungsbeginn, Bythos, näher als die anderen Hypostasen und scheint alle vorher personifizierten göttlichen Qualitäten zu bündeln. Sie sehnt sich nach Erkenntnis, nach dem Wissen über ihre Herkunft und nach der Verschmelzung mit ihrem Ursprung. Sie möchte, durch die Erkenntnis, zurück in die Einheit gelangen. Im Versuch, diese Sehnsucht zu erfüllen, scheitert sie und es entsteht, quasi als Nebenprodukt, der Demiurg, der die materielle Welt erschafft. Damit steht Sophia an der Schnittstelle zwischen Pleroma und der materiellen Welt und wird nun als Helferin für die vom Demiurgen geschaffenen Menschen tätig. Es läge nun nahe, zu vermuten, daß die Gnosis den Erkenntnisdrang als negativ und den Irrtum als typisch weiblich betrachtet und so die gesamte Weiblichkeit verurteilt. Aber dafür lassen sich in den Texten keine Belege finden.

Excerpt


Gliederung

1.0 Was ist Gnosis?

1.1 Weiblichkeit in gnostischen Texten

1.2 Zu Methode und Forschungsstand

2.0 Zu den Quellen

3.0 Weiblichkeit im Kosmos

3.1 Männlich und weiblich: Konträr oder komplementär?

3.2 Weibliche Schöpfer und Schöpfungsmittler

3.3 Die planende Weiblichkeit

4.0 Göttliche Weisheit

4.1 Die neugierige und die gefallene Sophia

4.2 Gerettete und rettende Sophia

4.3 Achamoth oder die „untere Sophia“

5.0 Irdische Weisheit: Eva und Norea

5.1 Eva und Norea im „Wesen der Archonten“

5.2 Eva in „die Apokalypse Adams“

5.3 Eva in der Schlangengnosis: Ophiten und Naassener

6.0 Schlußbemerkung: Die Gnosis und die Frauen

7.0 Bibliographie

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die Bedeutung und Funktion weiblicher Prinzipien in der spätantiken gnostischen Kosmogonie. Dabei wird analysiert, inwiefern diese Prinzipien – trotz eines patriarchalischen Umfelds – als eigenständige, handelnde Kräfte auftreten und ob sich daraus Rückschlüsse auf die Rolle der Frau in gnostischen Gemeinschaften ziehen lassen.

  • Analyse weiblicher Hypostasen in der gnostischen Kosmogonie
  • Untersuchung des Zusammenhangs zwischen grammatikalischem Geschlecht und Funktion
  • Vergleich gnostischer Weiblichkeitsbilder mit jüdischen, christlichen und heidnischen Traditionen
  • Kritische Reflexion über die Bedeutung von Sprache als Machtinstrument
  • Deutung der Figur der Sophia und ihrer Rolle im gnostischen Weltbild

Auszug aus dem Buch

3.1 Männlich und weiblich: Konträr oder komplementär?

Die Grenzen zwischen männlich und weiblich sind in gnostischen Texten nicht immer scharf gezogen. Funktionen überschneiden sich, viele Beschreibungen sind androgyn. Schon der Ursprung von Allem, der Schöpfer des Kosmos, die präexistente Kraft wird mit männlichen und weiblichen Attributen umschrieben, was sich deutlich von den rein männlichen Eigenschaften des Schöpfergottes der monotheistischen Religionen unterscheidet. Dieser beide Geschlechter umfassende Anfang erinnert eher an die Beschreibungen, mit denen in den altorientalischen Religionen der Schöpfungsprozess beginnt, mit dem Unterschied, daß es sich in den gnostischen Systemen nicht um Götter und auch nicht um ein geschlechtlich differenziertes Paar, sondern um ein beide Geschlechter umfassende, androgynes Wesen handelt. Man findet weder den allmächtigen „Vatergott“ noch die fürsorgliche „Muttergöttin“, obwohl beide Begriffe, Vater und Mutter, in den Beschreibungen vorkommen.

In der Megale Apophasis, der großen Verkündigung, einem Text, der Simon Magus zugeschrieben wird, findet sich eine interessante Beschreibung der präexistenten Kraft: „Es ist eine Kraft, sich scheidend nach oben und unten, sich selbst zeugend, sich selbst mehrend, sich selbst suchend, sich selbst findend, ihre eigene Mutter, ihr eigener Vater, ... ihre eigene Tochter, ihr eigener Sohn..., Eines, die Wurzel des Alls...“

Es handelt sich in dieser Beschreibung um eine Erscheinung, die wechselweise männliche und weibliche Funktionen erfüllt und nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen ist. Eine geschlechtlich undifferenzierte Gestalt also, die in sich alle oder keine (geschlechtlichen und andere) Möglichkeiten beinhaltet. Und weiter heißt es: „Zwei Sprößlinge gibt es unter allen Äonen, die weder Anfang noch Ende haben, aus einer Wurzel stammend, welche ist Kraft, Schweigen, unsichtbar, unfaßbar, deren einer erscheint von oben her, welcher ist die große Kraft, der Allgeist, alles ordnend, männlich, der andere von unten her, der große Gedanke, weiblich gebärend. Von da einander entgegenarbeitend paaren sie sich und bringen den mittleren Raum, die nicht wahrnehmbare Luft, in die Erscheinung, die weder Anfang noch Ende hat.“

Zusammenfassung der Kapitel

1.0 Was ist Gnosis?: Diese Einleitung definiert die Gnosis als komplexe religiöse Strömung, die zwischen Philosophie und Religion angesiedelt ist und sich durch eine revolutionäre Seinsinterpretation auszeichnet.

1.1 Weiblichkeit in gnostischen Texten: Hier wird das Ziel der Arbeit dargelegt, die Rolle und Funktion weiblicher Prinzipien in der gnostischen Kosmogonie zu untersuchen.

1.2 Zu Methodik und Forschungsstand: Dieser Abschnitt beleuchtet die sprachliche Behandlung des Geschlechts und setzt sich kritisch mit feministischen Linguistik- und Sprachphilosophie-Ansätzen auseinander.

2.0 Zu den Quellen: Die historische Situation der Gnosis und die Bedeutung zentraler Quellengruppen, wie Kirchenväterberichte und Nag-Hammadi-Texte, werden analysiert.

3.0 Weiblichkeit im Kosmos: Dieses Kapitel vergleicht gnostische Vorstellungen mit frühen Kulturen und betont die Eigenständigkeit weiblicher Hypostasen als planende Kräfte.

3.1 Männlich und weiblich: Konträr oder komplementär?: Die Androgynität des göttlichen Ursprungs und das Prinzip der paarweisen Anordnung werden als komplementär statt hierarchisch analysiert.

3.2 Weibliche Schöpfer und Schöpfungsmittler: Es wird die zentrale schöpferische Rolle weiblicher Gestalten wie Barbelo und Protennoia herausgearbeitet.

3.3 Die planende Weiblichkeit: Dieser Teil ordnet den Bereich des Denkens, der Planung und des Wissens eindeutig dem weiblichen Prinzip zu.

4.0 Göttliche Weisheit: Die Figur der Sophia als göttlicher Äon und ihr ambivalenter Fall werden als zentraler Schöpfungsmythos beleuchtet.

4.1 Die neugierige und die gefallene Sophia: Die Untersuchung der Neugier und des Strebens nach Erkenntnis als Ursache für den "Fall" der Sophia.

4.2 Gerettete und rettende Sophia: Die Rolle der Sophia als erlösende Instanz für die geschaffene Menschheit wird dargestellt.

4.3 Achamoth oder die „untere Sophia“: Die Unterscheidung zwischen der im Pleroma verbleibenden Sophia und der "unteren" Sophia, Achamoth, wird erläutert.

5.0 Irdische Weisheit: Eva und Norea: Die Rolle von Eva und Norea als irdische Trägerinnen der pneumatischen Weisheit steht hier im Vordergrund.

5.1 Eva und Norea im „Wesen der Archonten“: Analyse der Funktion Evas und ihrer Tochter Norea als Wissensvermittlerinnen gegen die Archonten.

5.2 Eva in „die Apokalypse Adams“: Untersuchung der spezifischen Rolle Evas als Übermittlerin göttlicher Erkenntnis an Adam.

5.3 Eva in der Schlangengnosis: Ophiten und Naassener: Eva und die Schlange werden hier in ihrer positiven, aufklärerischen Funktion neu gedeutet.

6.0 Schlußbemerkung: Die Gnosis und die Frauen: Fazit über die Bedeutung der Gnosis als spirituellen Befreiungsraum für Frauen in einer patriarchalischen Umwelt.

7.0 Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Literatur.

Schlüsselwörter

Gnosis, Weiblichkeit, Sophia, Kosmogonie, Achamoth, Demiurg, Pleroma, Eva, Norea, Sprachphilosophie, Feministische Linguistik, Erkenntnis, Pneumatisch, Androgynität, Barbelo.

Häufig gestellte Fragen

Was ist das zentrale Anliegen dieser Dissertation?

Die Arbeit untersucht, wie weibliche Prinzipien in gnostischen Texten dargestellt werden und welche Bedeutung ihnen in der Kosmogonie beigemessen wird, insbesondere im Hinblick auf deren Stärke und Selbständigkeit.

Welche Rolle spielt die Figur der Sophia?

Sophia fungiert als zentrale, ambivalente Figur: Einerseits als göttlicher Äon, dessen Neugier zur Weltschöpfung führt, andererseits als rettende Instanz für die Menschheit.

Wie definiert die Arbeit das Verhältnis von Gnosis und Christentum?

Die Autorin sieht Gnosis und Christentum als zeitgleich entstandene, konkurrierende Strömungen, wobei sich das Christentum durch Kanonbildung als orthodox abgrenzte und die Gnosis als Häresie brandmarkte.

Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?

Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche und historische Analyse, ergänzt durch sprachphilosophische und feministische Ansätze, um die Bedeutung der weiblichen Benennungen im gnostischen Kontext zu erschließen.

Warum wird die Sprache als Instrument der Macht betrachtet?

Gestützt auf feministische Linguistinnen wird argumentiert, dass der Gebrauch maskuliner Begrifflichkeiten in der Theologie bewusste weltanschauliche Setzungen sind, die das Weibliche als abgeleitet darstellen.

Was unterscheidet das gnostische Bild der Eva vom biblischen?

In der Gnosis ist Eva nicht die "Sünderin", sondern eine weise, pneumatische Frau, die Adam Erkenntnis vermittelt und damit eine positive, aufklärerische Rolle einnimmt.

Was ist das "Pneumatische" in diesem Kontext?

Es bezeichnet einen geistigen Kern oder Funken, der den Menschen mit dem göttlichen Pleroma verbindet und ihn befähigt, die materielle, vom Demiurgen geschaffene Welt zu transzendieren.

Welche Bedeutung hat die Figur der Norea?

Norea erscheint als Tochter Evas und verkörpert eine eigenständige, göttlich stammende Weisheit, die sich erfolgreich der Verfügungsgewalt der Archonten entzieht.

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Details

Title
Weisheit ist weiblich
Subtitle
Zeugnisse spätantiker Gnosis
College
University of Dusseldorf "Heinrich Heine"  (Philosophisches Institut)
Grade
cum laude
Author
Dr., M.A. Bettina Küpper Latusek (Author)
Publication Year
2001
Pages
171
Catalog Number
V86719
ISBN (eBook)
9783638059046
ISBN (Book)
9783656057819
Language
German
Tags
Weisheit
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dr., M.A. Bettina Küpper Latusek (Author), 2001, Weisheit ist weiblich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86719
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