Im Anfang war der Logos und der Logos ist Gott


Projektarbeit, 2007

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Im Anfang war der Mythos?

3. Heraklit von Ephesos

4. Die Stoiker

5. Philon von Alexandria

6. Paulus von Tarsus

7. Das Evangelium nach Johannes

8. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Geschichte als Laboratorium des Soziologen

„Im Anfang war der Logos, und der Logos ist Gott.“[1] Dieses Zitat Bennedikts des XVI. aus seiner Vorlesung in Regensburg im September des Jahres 2006, soll diesem Aufsatz als Titel und Einleitung dienen um dem Leser zu Beginn direkt mit dem Gegenstand der Untersuchung zu konfrontieren. Der Logosbegriff als jahrtausende alter Begleiter des philosophischen- und theologischen Denkens rückt hierbei in den Mittelpunkt der Analyse. Demnach versteht sich dieser Beitrag als eine Reise. Eine Reise durch die historischen Dimensionen „des Wortes“ von den „Ursprüngen des abendländischen Philosophierens im alten Hellas“[2], bis zu seiner Fleischwerdung als Inkarnation in der historischen Persönlichkeit Jesus von Nazareth im Evangelium des Johannes[3]. Somit könnte die zentrale Frage, auf welche ich am Schluss den Versuch einer Antwort unternehmen möchte, lauten: „Inwiefern hat der griechische Geist auf das Christentum eingewirkt und kann man von einer Hellenisierung dieser Religion am Beispiel des Logosbegriff sprechen?“[4]

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, möchte ich nicht auf alle großen Philosophen der Antike und deren Logosinterpretationen eingehen, sondern vielmehr mit Hilfe bestimmter Denker und Autoren einen Vergleich zwischen der philosophischen- und theologischen Logosbedeutung durchführen und dadurch auf Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Entwicklungen aufmerksam machen. Orientierung finde ich bei diesem Vorhaben primär in den besonders umfangreichen und detaillierten Ausführungen von Max Heinze[5], welcher sich ausgiebig mit der Philosophie Heraklits und der Stoa auseinander setzt, Ragnar Asting[6], dessen Arbeit als eine Art Begriffsgeschichte des „Wort Gottes“ zu bezeichnen wäre und Wilhelm Kelber[7], dessen Werk er selbst als eine Einführung in die Logoslehre benennt.[8] Auf die Vielzahl der weiterhin verwendeten Literatur möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Eine ausführliche Bibliografie befindet sich am Ende des Aufsatzes.

Bevor ich in den Hauptteil hinüber leite, möchte ich mir selbst die Fragen stellen: „Warum setzte ich mich mit so einem Thema auseinander? Wo liegt die Bedeutung für die Soziologie? Ist das wirklich Religionssoziologie? Was ist Religionssoziologie?“[9] Günther Kehrer meint: „Gegenstand der Religionssoziologie ist beobachtbares Verhalten des Menschen, sofern es auf religiöse Phänomene bezogen ist und als soziales Verhalten gedeutet werden kann.“[10] Ist das wirklich alles? Ist Religionssoziologie nicht vielmehr eine historische Disziplin um darauf zu schließen warum sich verschiedene Kulturen, und damit verbunden natürlich auch Individuen, so verhalten wie sie sich verhalten? Findet man die Antworten nicht ausschließlich in der Vergangenheit? Norbert Elias meinte mal zu sagen: „Die Geschichte ist das Laboratorium des Soziologen“[11], und da „die Geschichte der modernen Gesellschaft die Geschichte des Christentums ist, kann man doch auch nur die moderne Gesellschaft verstehen, wenn man das Christentum versteht“[12] und dazu gehört das Verständnis und die Erkenntnis vor allem über seine Wurzeln, mit unter auch in der griechischen Philosophie.[13]

2. Im Anfang war der Mythos?

Oder auch nicht?

Um die Bedeutung eines Wortes zu verstehen ist es notwendig sich seiner Entstehung bewusst zu werden und danach zu fragen: Wo kommt es her? Hat es jemand erfunden? Wie hat es sich entwickelt? Wie wurde es verwendet?[14] Um diesen Anforderungen gerecht zu werden wählen die Autoren Herbert Kummer[15] und Wilhelm Nestle[16] die Methode des Vergleichs, allerdings verfolgt Nestle eher eine Entwicklung und Ersetzung des mythologischen Denkens der Griechen Schritt für Schritt durch die Rationalität[17], wobei Kummer vorerst eine Gegenüberstellung wählt, um den Logosbegriff abzugrenzen und deutlich zu machen. Er meint: „Der Mythos ist im Bezirk des Dichterischen angesiedelt und bezieht sich auf die konkrete Wirklichkeit: Erzählung, Fabel, Sage,- während Logos meist auf Abstraktion aus ist: Gedanke, Sinn, Begriff, Vernunft. Mythos schenkt uns sinnlich Erfassbares, oft aus der Werkstatt des Dichters, Logos erschließt den Sinn und versucht verständlich zu machen.“[18] Kummer meint weiterhin: „Nicht der Logos war im Anfang, hier im Sinne einer verstandesmäßig durchgeführten, widerspruchsfreien Erklärung, sondern der Mythos, das Kind der Fantasie.“[19] Er suggeriert somit den Mythos als vorwissenschaftlichen Glauben, welcher im Laufe der Zeit durch die wissenschaftliche Logoserkenntnis abgelöst wurde. Allerdings ist es doch bei der Analyse eines Begriffes wichtig, dessen Bedeutung aus der jeweiligen chronologischen Perspektive zu beurteilen und zu betrachten. Wenn demzufolge die Deutung von Naturerscheinungen zu einem bestimmten Zeitpunkt mit der Erklärung einer göttlichen Fügung sinngemäß erschlossen werden konnte und verständlich war, war diese Erkenntnis doch ein Logos aus der Sicht des damaligen Betrachters. Zum Mythos wurden solche Deutungen und Gedanken erst von der Folgezeit gemacht.[20] Es gibt sozusagen eine Deckungsgleichheit zwischen den Termini Logos und Mythos.

Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang in dem Beispiel Kummers, welches er anbringt um gerade auf den Unterschied zwischen Logos und Mythos aufmerksam zu machen. Er meint, dass aus geologischer Sicht die Insel Rhodos in der Ägäis durch ein Seebeben aus dem Meer gehoben worden sei, was aus seiner Sicht eine Erklärung im Logossinn wäre. Dagegen zitiert er den Dichter Pindar, welcher zu seiner Zeit 464 v. Chr. verkündete, das die Götter die Welt aufteilten, aber Helios, der Sonnengott bei der Versammlung fehlte und leer ausging. Daraufhin ließen die Götter eine Insel aus dem Meer wachsen, welche noch heute als Sonneninsel bezeichnet wird. Diese Erkenntnis verbannt Kummer nun in das Reich der Mythen, dem Logos fern.[21] Allerdings ist doch die Kernaussage der beiden Versionen die Selbe. Die Insel erhob sich aus dem Meer, das sich an ihm selbst zeigende[22], der Logos, ist der gleiche, wird nur aus der jeweiligen Perspektive anders umschrieben.

Mit diesem Abschnitt wollte ich auf die verschiede Art und Weise der Logosauslegung hinweisen und darauf aufmerksam machen, das Begriffe, hier vor allem der des Logos, im Kontext der jeweiligen Zeit und natürlich auch des Ortes verstanden werden müssen. Ein Vergleich dieser verschieden Annahmen macht eine gewisse Evolution von Begriffen sichtbar und verweist auch auf ein anderes Denken der Menschen, verbunden mit neuen Lebenswelten, neuen Kulturen, kurz gesagt: an der Entwicklung von Begriffen, erkennt man die Evolution von Gesellschaften und Kulturen, was ja auch Gegenstand dieses Aufsatzes sein soll.[23]

3. Heraklit von Ephesos

Nicht ich denke, sondern Es denkt in mir!

Ephesos[24], eine berühmte Stadt der griechisch-römischen Antike befand sich auf dem von den Griechen kolonisierten Teil Kleinasiens und war Wirkungszentrum des Naturphilosophen und vorsokratischen Denkers: Heraklit, welcher in der Zeit zwischen 540 und 480 v. Chr. in dieser Region lebte.[25] Zu seinem Lebensgang ist nicht sehr viel bekannt, was allerdings nicht unbedingt negativ gedeutet werden müsste. Mit den Worten eines bedeutenden Philosophen der Zeitgeschichte ist festzuhalten: „Es wäre verkehrt das Fehlen biographischer Nachrichten zu beklagen; denn wer Heraklit ist, bestimmt sich allein aus dem, was Heraklit gedacht hat; das erfahren wir nie durch Biographien. Daher kann auch die Biographie eines Denkers weithin richtig sein, während die Darstellung seines Denkens durchaus unwahr bleibt.“[26]

Dieser Weisheit folgend, begeben wir uns nun zu den Wurzeln des hier zu untersuchenden Begriffes, welcher im Kontext Heraklits als Weltvernunft große Bedeutung erlangte.[27] Wichtige Vorraussetzung dieser Interpretation ist das Bewusstsein Heraklits darüber, das die Welt aus einem Makro- und einem Mikrokosmos besteht. „Der Mensch ist ein Mikrokosmos. Dieser Mikrokosmos entspricht in seiner ganzen Struktur und in seinen normalen Funktionen dem Makrokosmos und untersteht denselben Gesetzen, wie den dort herrschenden. Für Heraklit besteht eine Einheit des Universums, und was diese Einheit ausmacht, ist eben der Logos.“[28] Diese Einheit, welche als alles lenkende und durchdringende Weltvernunft charakterisiert wird[29], ist von entscheidender Bedeutung für die Weiterentwicklung und Interpretation des Logosmysteriums[30] durch die christliche Religion. Hierbei verweise ich auf Kapitel sieben.

Die Gesetze des Logos durchdringen das Universum, die Natur und auch der Mensch nimmt jenen Äther durch Atmung auf. Der Logos ist dem zu Folge das, was die Welt im innersten zusammenhält.[31] „Der Logos ist der Beherrscher des ganzen Daseins: „Nicht ich denke, sondern Es denkt in mir“. Auf diese Weise lenkt er die Welt und die Menschen in ihr.“[32]

Man erkennt gut die göttliche Funktion, welche λόγος in diesem Zusammenhang erfüllt. Eine Vermutung lässt erahnen, das der Logos eine Art Gott der philosophischen Denker in erster Funktion gewesen sein könnte, da jene in ihrem Streben nach Aufklärung und Rationalität den alten Göttern der Griechen abschworen oder diese als nicht relevant betrachteten, sie allerdings in ihrem Drang die Natur zu erforschen und deren Gesetzmäßigkeiten an das Licht zu bringen, sich doch die Dynamik des Lebens und des Seins nicht erklären konnten, und jene somit als Logos bezeichneten und verehrten.[33]

Der Logos erschafft sozusagen die Welt, er webt und wallt durch den Kosmos und offenbart sich auch im Inneren des Menschen als Gedanke, der sich durch die vernünftige Sprache äußert. Mikro- und Makrokosmos fallen wie erläutert zusammen und bilden eine Einheit, eine Ordnung. Somit liegt die Bedeutung des Logosbegriffs in der Weltvernunft (Makrodimension), welche sich durch die menschliche Sprache (Mikrodimension) äußert. Um das eventuell etwas besser zu verstehen, muss man sich deutlich machen, das der Kosmos im Verständnis von Heraklit denkt, oder genauer erläutert er denkt durch den Logos, so wie der Mensch durch den Logos denkt. Der Kosmos artikuliert dieses Denken folglich in Form von Naturerscheinungen und der Entstehung von Leben schlechthin, und der Mensch artikuliert sich durch die Rede, durch die Sprache. Das sich an ihm selbst zeigende wird somit sichtbar.[34]

„Wie kommt nun Heraklit dazu, diesem Wesen der Dinge den Namen Logos zu geben?“[35] Max Heinze meint, dass eine Beantwortung dieser Frage äußert schwierig ist und keinen Anspruch darauf erhebt bewiesen werden zu können. Er ist der Ansicht, das bei Heraklit der Begriff Logos als weltschaffendes Prinzip nicht mit dem schlichten „Wort“ verbunden werden kann. Heinze schließt darauf, dass er das Wort „Honover“, welches soviel bedeutet wie „es werde“, aus dem orientalischen Parsismus als Logos übersetzt hat.[36] Einen etymologischen Versuch den Logosbegriff zu deuten unternimmt Bernhard Jensdorff, welcher aus Homers Epen den Logos als „sammeln“ übersetzt und in anderen Gesängen desselben ebenfalls als „zählen“, „aufzählen“ und „erzählen“ interpretiert.[37] Man könnte demnach behaupten das Wort Logos bedeutet nicht Wort an sich in seiner ursprünglichen Bedeutung, sondern Redefluss, eine Aneinanderkettung von Wörtern zum sehen lassen einer Vernunft.[38] Gehen wir nun davon aus das Heraklit um die Bedeutung des Wortes Logos aus der Ilias wusste, könnte er doch durch die Beobachtung seiner Zeitgenossen, sowie durch die Beobachtung ihrer artikulierenden Vernunft im Gespräch, mit dem Hintergrund des Wissens um die Deckungsgleichheit des Mikro- und Makrokosmos, von der Schöpfung der vernünftigen Rede durch das Denken (Logos) auf den göttlichen Weltenäther geschlossen haben, welcher das Sein ermöglicht und hat somit den Begriff Logos in die göttliche Sphäre projiziert.[39]

[...]


[1] Benedikt XVI.: Glaube, Vernunft und Universität, Erinnerungen und Reflexionen, Ansprache des Heiligen Vaters an der Universität Regensburg am 12.09.2006, download von: http://www.kirchevorort.de/bet3/bistum/uploads/media/060915-papst-regensburg.pdf , am 22.04.2007 um 14:03, S. 2.

[2] Kummer, Herbert: Vom Mythos zum Logos, Die Ursprünge abendländischen Philosophierens im alten Hellas, Dortmunder Vorträge, Heft 121/76, Dortmund 1975.

[3] Evangelium des Johannes, in: Bibel: Bibelübersetzung Martin Luthers in der Fassung von 1912, Renningen 2004, S. 682.

[4] Formulierung des Verfassers.

[5] Heinze, Max: Die Lehre vom Logos in der griechischen Philosophie, Oldenburg 1872.

[6] Asting, Ragnar: Die Verkündung des Wortes im Urchristentum, Stuttgart 1939.

[7] Kelber, Wilhelm: Die Logoslehre, Von Heraklit bis Origenes, Stuttgart 1958.

[8] Ebenda, S. 10.

[9] Formulierungen des Verfassers.

[10] Kehrer, Günther: Einführung in die Religionssoziologie, Darmstadt 1988, S. 11.

[11] Elias, Norbert: Interview mit Carmen Thomas, Aufn. WDR 30.05.1985.

[12] Fischer, Joachim: Aussage im SS 2007 im Seminar: Stadt- und Architektursoziologie, an der TU Dresden, (Schriftlich archiviert in den Unterlagen des Verfassers.).

[13] Formulierungen des Verfassers.

[14] Ebenda.

[15] Kummer 1975.

[16] Nestle, Wilhelm: Vom Mythos zum Logos, Die Selbstentfaltung des griechischen Denkens von Homer bis auf die Sophistik und Sokrates, 2. Auflage, Stuttgart 1975.

[17] Ebenda, Vorwort.

[18] Kummer 1975, S. 2.

[19] Ebenda, S. 4.

[20] Anmerkung des Verfassers.

[21] Kummer 1975, S. 2.

[22] Heidegger, Martin: Sein und Zeit, 19. Aufl., unveränd. Nachdr. d. 15. Aufl., Tübingen 2006, S. 32ff.

[23] Anmerkung des Verfassers mit Bezug zu: Asting 1939, S.39; Kummer 1975, S. 4f.

[24] http://www.ephesos.at/home.html , download am: 25.07.2007 um 12:11.

[25] Störig, Hans-Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main 1997, S. 135.

[26] Heidegger mit Bezug auf Nietzsche, in: Heidegger, Martin: Heraklit, Gesamtausgabe, Band 55, 2. durchgesehene Auflage, Frankfurt am Main 1987, S. 5.

[27] Asting 1939, S. 42.

[28] Ebenda.

[29] Ebenda.

[30] Formulierung des Verfassers.

[31] Anmerkung des Verfassers.

[32] Asting 1939, S. 42.

[33] Anmerkung des Verfassers.

[34] Ebenda.

[35] Heinze 1872, S. 56.

[36] Ebenda, S. 56f.

[37] Jendorff, Bernhard: Der Logosbegriff, Seine philosophische Grundlegung bei Heraklit von Ephesos und seine theologische Indienstnahme durch Johannes den Evangelisten, Frankfurt am Main 1969, S. 70f.

[38] Anmerkung des Verfassers.

[39] Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Im Anfang war der Logos und der Logos ist Gott
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Soziologie)
Veranstaltung
Religionssoziologie - zugleich eine Einführung in die Kultursoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V86721
ISBN (eBook)
9783638021692
ISBN (Buch)
9783638925112
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anfang, Logos, Gott, Religionssoziologie, Einführung, Kultursoziologie
Arbeit zitieren
Erik Buder (Autor), 2007, Im Anfang war der Logos und der Logos ist Gott, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86721

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