Im Herbst 2000 verabschiedeten 189 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf der bis dahin größten Zusammenkunft von Staats- und Regierungschefs die Milleniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals, MDG). An erster Stelle der MDG steht die Halbierung der extremen Armut bis zum Jahr 2015. Um dieses Ziel zu erreichen wird vielfach eine Aufstockung der geleisteten Entwicklungshilfezahlungen gefordert. Dies wird unter anderem damit begründet, dass die Grundvoraussetzung für eine dauerhafte Reduktion der Armut das langfristige und nachhaltige Wachstum der Entwicklungsländer ist und Entwicklungshilfe dazu beitragen soll, das Wachstum dieser Länder zu fördern. Die bisher gezahlten Gelder reichten nach den Befürwortern dieser Aufstockung jedoch nicht aus, um das zu finanzieren, was Entwicklungsländer für ein nachhaltiges Wachstum am nötigsten brauchen: Investitionen in physisches Kapital wie den Ausbau von Verkehrswegen, Brücken, Wasser- und Elektrizitätsversorgung und in humanes Kapital wie Bildung und Gesundheit. Im Zusammenhang mit der Diskussion über eine Erhöhung der internationalen Kapitalhilfe macht es Sinn, zu überprüfen, ob und inwieweit Ent-wicklungshilfe dazu beitragen kann, das Wachstum der Empfängerländer zu fördern. Ziel dieser Arbeit ist es deshalb, die Wachstumseffekte von Entwicklungshilfe zu analysieren.
Zunächst erfolgt ein kurzer Abriss zum Thema „Entwicklungshilfe“, der unter anderem einen geschichtlichen Rückblick sowie notwendige Definitionen beinhaltet. Daran anschließend gibt das dritte Kapitel einen Überblick über ausgewählte empirische Studien, die sich sowohl mit dem Zusammenhang zwischen Ent-wicklungshilfe und Wachstum, als auch mit der Wirkung von Entwicklungshilfe auf die für den Wachstumsprozess notwendigen Investitionen in den Empfängerländern beschäftigt haben. Im vierten Teil wird anhand eines ausgewählten Wachstums-modells die Wirkung eines Entwicklungshilfetransfers aus theoretischer Sicht beleuchtet. Abschließend erfolgt im fünften Kapitel eine kritische Betrachtung des zuvor dargestellten Modells. Dabei werden unterschiedliche Faktoren angesprochen, welche die wachstumsfördernde Wirkung von Entwicklungshilfe beeinträchtigen können und in dem Modell nicht berücksichtigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Entwicklungshilfe: kurzer Abriss
3 Empirische Betrachtung: Entwicklungshilfe und Wachstum
3.1 Entwicklungshilfe und Wachstum: Ausgewählte empirische Studien
3.2 Entwicklungshilfe und Investitionen: Ausgewählte empirische Studien
3.3 Zentrale Aussagen der Empirie
4 Theoretische Betrachtung: Wachstumswirkung eines Entwicklungshilfetransfers
4.1 Modelltheoretischer Rahmen
4.2 Wirkung einer permanenten Transferzahlung
4.3 Wirkung einer temporären Transferzahlung
4.4 Wirkung bei elastischem Arbeitsangebot
4.5 Zentrale Aussagen der Theorie
5 Modellkritische Betrachtung: Wachstumshemmende Faktoren
5.1 Verschwendung von Entwicklungshilferessourcen
5.2 Geringe private Investitionstätigkeit
5.3 Starker Verschleiß von öffentlichem und privatem Kapital
5.4 Zentrale Aussagen der modellkritischen Betrachtung
6 Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der Wachstumseffekte von Entwicklungshilfe auf Empfängerländer. Dabei wird analysiert, inwieweit finanzielle Hilfstransfers tatsächlich dazu beitragen können, nachhaltiges Wachstum zu fördern und die Grundvoraussetzungen für eine dauerhafte Armutsreduktion zu schaffen, indem theoretische Modelle mit empirischen Erkenntnissen verknüpft werden.
- Historische Entwicklung und Definitionen der internationalen Entwicklungshilfe (ODA)
- Empirische Analyse des Zusammenhangs zwischen Entwicklungshilfe, Wachstum und Investitionen
- Dynamische theoretische Wachstumsmodellierung von Kapitaltransfers
- Kritische Beleuchtung von Hemmfaktoren wie Korruption, Ineffizienz und politischer Instabilität
Auszug aus dem Buch
Wirkung eines produktiven Transfers
Zu einem vollkommen anderen Ergebnis gelangen Chatterjee et al. (2003) bei Betrachtung der Wirkungseffekte eines an Investitionen gebundenen Transfers. Im Gegensatz zu einem permanenten „reinen“ Transfer ist bei einem „produktiven“ Transfer das Verhältnis von öffentlichem zu privatem Kapital im neuen langfristigen Gleichgewicht stark angestiegen, da der Transfer an öffentliche Investitionen gebunden ist und somit zu einer Erhöhung des öffentlichen Kapitalstocks beiträgt. Der langfristige Anstieg des öffentlichen Kapitalstocks wirkt sich wiederum positiv auf das Grenzprodukt des privaten Kapitals aus und stimuliert dadurch die private Investitionstätigkeit. Langfristig kommt es dadurch zu einer Erhöhung des privaten Kapitalstocks, wobei die private Kapitalbildung insgesamt geringer ausfällt als die Bildung des öffentlichen Kapitals. Durch den höheren nationalen Kapitalstock kann zudem mehr produziert werden. Es kommt demnach zu einem Anstieg des Outputs. Der Konsum steigt aufgrund des mit dem Transfer verbundenen Wohlstandeffektes ebenfalls an. Da der Output durch die erhöhte Produktivität jedoch stärker ansteigt als der Konsum, ist das Verhältnis von Konsum zu Output, C/Y, im neuen Gleichgewicht im Vergleich zur Ausgangssituation vor Einführung des Transfers niedriger. Insgesamt kann nach Chatterjee et al. (2003) ein vollständig an öffentliche Investitionen gebundener Transfer in Höhe von 5 % der BIP einen langfristigen Anstieg der gleichgewichtigen Wachstumsrate von 0,57 Prozentpunkten und eine Erhöhung der Wohlfahrt um 10,35 % generieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der internationalen Entwicklungshilfe und deren Ziel der Armutsbekämpfung ein, wobei die zentrale Forschungsfrage nach der Wirksamkeit von Hilfstransfers auf das Wirtschaftswachstum formuliert wird.
2 Entwicklungshilfe: kurzer Abriss: Dieses Kapitel gibt einen historischen Rückblick auf die Ursprünge der Entwicklungshilfe, definiert die offizielle Entwicklungshilfe (ODA) und erläutert deren Verteilung nach Einkommensgruppen und Regionen.
3 Empirische Betrachtung: Entwicklungshilfe und Wachstum: Hier werden ausgewählte Studien der Aid&Growth-Literatur analysiert, um den empirischen Zusammenhang zwischen Hilfszahlungen, Wachstum und Investitionen in den Empfängerländern aufzuzeigen.
4 Theoretische Betrachtung: Wachstumswirkung eines Entwicklungshilfetransfers: In diesem Kapitel wird mit Hilfe eines dynamischen Wachstumsmodells theoretisch untersucht, wie permanentes oder temporäres Kapital aus dem Ausland das Wachstum und die Wohlfahrt beeinflusst.
5 Modellkritische Betrachtung: Wachstumshemmende Faktoren: Dieses Kapitel beleuchtet reale Faktoren wie Korruption, ineffiziente Verwaltung und politische Instabilität, die in theoretischen Modellen oft nicht berücksichtigt werden, jedoch die Effektivität von Entwicklungshilfe stark mindern können.
6 Schlussfolgerung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese aus theoretischen und empirischen Ergebnissen und betont, dass eine Erhöhung der Entwicklungshilfe nur dann sinnvoll ist, wenn die institutionellen Rahmenbedingungen in den Empfängerländern gleichzeitig verbessert werden.
Schlüsselwörter
Entwicklungshilfe, Official Development Assistance, Wirtschaftswachstum, Kapitalakkumulation, öffentliche Investitionen, private Investitionen, Aid&Growth-Literatur, Modelltheorie, Korruption, Armutsbekämpfung, Pro-Poor Growth, Dynamische Wachstumsmodelle, Wohlfahrtseffekte, Humankapital, Crowding-Out Effekt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Wachstumseffekte, die durch internationale Entwicklungshilfezahlungen in Empfängerländern erzielt werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die empirische Wirkungsanalyse von Entwicklungshilfe auf Wachstum und Investitionen sowie die theoretische Modellierung dieser Prozesse in einer dynamischen Volkswirtschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, zu überprüfen, ob Entwicklungshilfe maßgeblich das Wachstum fördern kann, um so eine wesentliche Voraussetzung für die weltweite Armutsreduktion zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine umfassende Literaturanalyse empirischer Studien mit einer detaillierten theoretischen Untersuchung auf Basis eines dynamischen Wachstumsmodells.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine empirische Bestandsaufnahme, eine theoretische Analyse der Wachstumsdynamik bei Kapitaltransfers und eine modellkritische Diskussion von Hindernissen wie Korruption und politischer Instabilität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Entwicklungshilfe (ODA), Kapitalakkumulation, Investitionseffekte, institutionelle Rahmenbedingungen und die Aid&Growth-Literatur.
Wie unterscheidet sich ein „produktiver“ von einem „reinen“ Transfer?
Ein „produktiver“ Transfer ist an öffentliche Investitionen gebunden und stimuliert so die Kapitalbildung, während ein „reiner“ Transfer dem Land frei zur Verfügung steht und primär kurzfristig den Konsum erhöht.
Welche Rolle spielt die Rechtssicherheit für die Wirksamkeit von Hilfe?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass mangelnde Rechtssicherheit ein wesentliches Investitionshindernis darstellt, da sie das Vertrauen privater Akteure schwächt und somit die positiven Wirkungen von Entwicklungshilfe verpuffen lässt.
- Arbeit zitieren
- Elisabeth Kutschka (Autor:in), 2007, Wachstumseffekte von Entwicklungshilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86724