Literaturgeschichtlich betrachtet ist der Naturalismus (1880-1900) die herrschende literarische Bewegung der ersten Phase der III. Republik in Frankreich (1871-1940).
Die Schriftsteller dieser Phase haben kein gutes Verhältnis zu dem sich in den republikanischen Einrichtungen etablierenden Bürgertum und besonders die Naturalisten bringen diese ablehnende Haltung zum Ausdruck. Die politische und finanzielle Manipulation dieser Zeit wird nunmehr offen und freimütig kritisiert.
Guy de Maupassant (1850-1893) gilt als ein Vertreter der Naturalismus und wird somit in einem Atemzug mit diesem Begriff genannt.
Jedoch war er mehr der Schüler Flauberts als Zolas, welcher als der herausragende Vertreter bekannt ist.
Maupassants Werke sind durch Stilmittel und Themen des Naturalismus gekennzeichnet.
Sie befassen sich mit der Grausamkeit der Menschen gegenüber Mitmenschen, mit deren Dummheiten, mit Prostitution, Vergewaltigung, Krieg, als auch mit politischen und psychischen Problemen.
Dabei beschreibt er die Verhältnisse und die Handlungsträger mit genauer Präzision und spiegelt die Wirklichkeit ohne subjektive Beimischung wider.
Die Motivation zum Schreiben derartiger Werke resultiert aus einem Pessimismus, welcher typisch für die Epoche ist und durch seine unheilbare Syphiliserkrankung noch weiter geschärft wurde.
Er verarbeitet seinen Hass gegen den Krieg von 1870, die politischen und finanziellen Missstände seiner Zeit als auch seine aus der Krankheit resultierenden Leiden und Erfahrungen.
Gegenstand dieser Seminararbeit ist die Erläuterung des Begriffs des Naturalismus als auch des Begriffs der Novelle anhand der Ereignisnovelle „La Chevelure“ von Maupassant.
Betrachtet werden die Merkmale des Naturalismus, die Grundgedanken und Ziele, dessen theoretischen Wurzeln, die Rolle des Utilitarismus als auch die Kennzeichen der Novelle, wobei diese Faktoren auf Maupassants „La Chevelure“ bezogen werden und nachvollziehbar erläutert wird, dass es sich dabei um eine naturalistische Novelle handelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff des Naturalismus
2.1. Theoretische Wurzeln, Grundideen, Ziele, Merkmale des Naturalismus
2.2. „La Chevelure“ als naturalistisches Beispiel
3. Kennzeichen der Novelle in Bezug auf „La Chevelure“ als Beispiel der Novellenschreibung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Maupassants Novelle „La Chevelure“ unter Anwendung naturalistischer Theorieansätze und novellentheoretischer Kriterien, um aufzuzeigen, wie das Werk als Beispiel für naturalistische Erzählkunst und den Umgang mit gesellschaftlichen Tabus fungiert.
- Merkmale und theoretische Wurzeln des Naturalismus
- Anwendung des Utilitarismus auf literarische Charaktere
- Stilistische Analyse (Sekundenstil, innerer Monolog)
- Gesellschaftskritik durch die Darstellung von Stigmatisierung
- Novellenspezifische Strukturmerkmale
Auszug aus dem Buch
2.2. „La Chevelure“ als naturalistisches Beispiel
Maupassants Novellistik unterteilt sich in fünf Klassen: die Schwanknovelle, die Schauernovelle, sowie die phantastische, die sozialkritische und die psychologische Novelle. Bei „La Chevelure“ handelt es sich um eine psychologische Novelle.
Typisch für Maupassant ist die Schilderung der Menschen und deren Situationen bzw. Umstände mit einer scharfen Linienführung und unbestechlicher Wahrhaftigkeit. Er ist mit den Schichten seines Landes vertraut, da er diese persönlich erfahren hat. Zwar werden seine Enttäuschung, seine Wut, sein Hass als auch sein Mitleid jedes Mal deutlich, jedoch gibt er seinen Emotionen keinen persönlichen Ausdruck. Der Leser wird nur mit den handelnden und leidenden Personen konfrontiert, Maupassants Ich bleibt verborgen.
In der Novelle „La Chevelure“ drückt er ebenfalls seine Gefühle nur mit Hilfe der Protagonisten aus, die persönliche Wiedergabe fehlt. Sein Mitleid und seine Verachtung stellt er durch den verstoßenen Irren dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den historischen Kontext des Naturalismus sowie Vorstellung des Werkes „La Chevelure“ als Untersuchungsgegenstand.
2. Der Begriff des Naturalismus: Herleitung der theoretischen Grundlagen und Merkmale des Naturalismus, inklusive der Anwendung auf die Novelle.
3. Kennzeichen der Novelle in Bezug auf „La Chevelure“ als Beispiel der Novellenschreibung: Untersuchung der spezifischen Gattungsmerkmale einer Novelle und deren Ausgestaltung im analysierten Text.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Novelle als naturalistisches Werk und Ausblick auf die Relevanz der dargestellten Gesellschaftskritik.
Schlüsselwörter
Naturalismus, Guy de Maupassant, La Chevelure, Novelle, Literaturgeschichte, Milieutheorie, Utilitarismus, Sekundenstil, Gesellschaftskritik, Stigmatisierung, Tabus, Positivismus, Psychologische Novelle, Erzähltechnik, Werkanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Novelle „La Chevelure“ von Guy de Maupassant im Kontext der literarischen Epoche des Naturalismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der gesellschaftlichen Stigmatisierung, den moralischen Wertvorstellungen der Zeit und der naturalistischen Schreibweise.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist der Nachweis, dass „La Chevelure“ sowohl die gattungsspezifischen Anforderungen einer Novelle als auch die stilistischen und inhaltlichen Merkmale des Naturalismus erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die das Werk anhand von Milieutheorie, positivistischer Philosophie und novellentheoretischen Kriterien untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Naturalismus und die anschließende Anwendung dieser Theorie sowie der Novellenstruktur auf das konkrete Werk.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Naturalismus, Novelle, Milieutheorie, Sekundenstil, Gesellschaftskritik und Stigmatisierung.
Warum spielt der „Schrank“ in der Novelle eine zentrale Rolle?
Er dient als Dingsymbol für das Geheimnisvolle und markiert als Auslöser für den Besitzdrang den Wendepunkt im Leben des Protagonisten.
Inwiefern ist das Verhalten des Protagonisten laut Utilitarismus zu bewerten?
Die Arbeit diskutiert, ob der Protagonist durch seine Neigung zum Haarzopf tatsächlich anderen Personen schadet oder ob seine gesellschaftliche Verurteilung unverhältnismäßig ist.
Was bedeutet der Schlusssatz „L’esprit de l’homme est capable de tout“ in diesem Kontext?
Er unterstreicht die naturalistische Ansicht, dass die menschliche Natur zu Tabubrüchen fähig ist und mahnt zu einer toleranteren Haltung gegenüber vermeintlich abnormen Verhaltensweisen.
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- Anja Waschow (Author), 2004, Maupassants „La Chevelure“ als Beispiel naturalistischer Novellenschreibung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86746