Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, auf welche Weise Wissenspakete in den Leseprozess eingehen und damit Textverstehen überhaupt erst ermöglichen. Im folgenden Kapitel wird der Leseprozess und wie Schemata daran beteiligt sind zunächst anhand den Ausführungen Ballstaedts et al. (1981) dargestellt. Da deren Ausführungen allerdings in einigen Punkten zu kurz greifen, werden in Kapitel 3 die Begriffe Schema, Frame und Script einander genauer gegenübergestellt und versucht, Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede herauszustellen. In Kapitel 4 wird versucht herauszufinden, welche Struktur kognitive Schemata haben bzw. auf welche Weise sie im Gedächtnis gespeichert werden und wie sie wirksam sind. In diesem Zusammenhang wird auch darauf eingegangen, wie Schemata überhaupt erworben werden. In Kapitel 5 werden die kognitiven Operationen beschrieben, die für das Erkennen eines Wortes im Satz notwendig sind – und damit, wie Schemata aktiviert werden könnten. In Kapitel 6 schließlich wird die Wortebene verlassen und anhand des zyklischen Modells der Textverarbeitung nach van Dijk & Kintsch (1983) erörtert, auf welche Weise globalere Schemata, wie etwa Wissen um kulturelle Kontexte, das Verständnis von Einheiten auf der Satzebene beeinflussen können.
Inhaltsverzeichnis
Magisterarbeit
1. Einleitung
2. Ballstaedts Konzeption – Texte verstehen, Texte gestalten
2.1 Resümee
3. Schema-Begriff: Schema, Frame und Script
3.1 Bartletts Schemata
3.2 Schank und Abelsons Scripts
3.3 Minskys Frames
3.4 Frames bei Goffman und bei der Kontextualisierungstheorie
3.4.1 Goffmans Rahmen
3.4.2 Kontextualisierung
3.5 Resümee
4. Schemata – Erwerb, Struktur, Lernen
4.1 Erwerb von Schemata
4.2 Struktur von Schemata
4.2.1 Repräsentation von Begriffsrelationen im LZG
4.2.1.1 Der Teachable Language Comprehender
4.2.1.2 Das Aktivationsausbreitungsmodell
4.2.1.3 Das PDP-Modell
4.2.2 Konzepte
4.2.2.1 Repräsentation von Konzepten im LZG
4.2.2.2 Konzepte als Schemata
4.2.3 Schemata als konnektionistische Netzwerke
4.2.3.1 Wissenserwerb
4.2.3.2 Lernen in neuronalen Netzwerken
4.3 Funktionen von Schemata für den Wissenserwerb
4.3.1 Aufmerksamkeitssteuerung
4.3.2 Integrationsfunktion
4.3.3 Modalität der gespeicherten Informationen
4.4 Resümee
5. Bedeutungskonstitution
5.1. Der Prozess der Bedeutungskonstitution
5.2 Ein interaktives Aktivierungsmodell der Worterkennung
5.2.1 PDP-Modelle und Worterkennung: Der CID-Mechanismus
5.3 Die Satzebene
5.3.1 PABLO (Programmable Blackboard Model)
5.3.2 Semantische Analyse bei PDP-Modellen
5.4 Die Beziehung lexikalischer Einheiten zu konzeptuellen Strukturen
5.5 Resümee
6. Ein schematheoretisches Lesemodell: Das zyklische Modell der Textverarbeitung
6.1 Das Modell von Kintsch & van Dijk (1978)
6.1.1 Die Struktur des semantischen Gedächtnisses
6.1.2 Die Textbasis
6.1.3 Inferenzen
6.1.4 Zyklische Textverarbeitung
6.1.5 Die Makrostruktur
6.1.6 Die Rolle von Schemata bei der Erstellung von Makrostrukturen
6.1.7 Kritik
6.2 Die Top-down-Variante des zyklischen Modells
6.2.1 Strategiegeleitete Textverarbeitung
6.2.1.1 Kontextuelle Strategien
6.2.1.2 Sprachliche Strategien
6.2.2 Lokale und globale Kohärenz
6.2.3. Kontextuelle und textuelle Makrostrategien
6.2.4 Schematische Strategien: Superstrukturen
6.2.5 Das Situationsmodell
6.3 Resümee
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie schematheoretische Wissensstrukturen den Leseprozess und das Textverstehen maßgeblich beeinflussen und steuern. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie der Leser durch die Aktivierung von gespeichertem Vorwissen in Form von Schemata, Frames und Scripts in die Lage versetzt wird, explizite sowie implizite Informationen eines Textes zu verarbeiten, Inferenzen zu bilden und die Kohärenz des Gelesenen sicherzustellen.
- Grundlagen schematheoretischer Wissensmodelle und deren historische Entwicklung.
- Strukturelle Analyse und Erwerbsprozesse kognitiver Schemata.
- Konnektionistische Netzwerkmodelle als Erklärungsgrundlage für Wissensrepräsentation.
- Prozesse der Bedeutungskonstitution von der Worterkennung bis hin zur Satzebene.
- Das zyklische Modell der Textverarbeitung nach Kintsch & van Dijk sowie dessen Erweiterungen.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Wenn man einen Satz oder einen zusammenhängenden Text liest, oder gar ein ganzes Gespräch zwischen zwei oder mehreren Interaktanten verfolgt, dann wird schnell klar, dass es nicht allein das semantische und lexikalische Wissen ist, das benötigt wird, um die Bedeutung dessen zu verstehen, was da gelesen oder gehört wird. Dazu ein Beispiel (nach Schwarz 1992: 93): „Müllers sahen die Alpen, als sie nach Italien flogen“. Hier stößt das semantisch-lexikalische Wissen an seine Grenzen, denn durch die Ambiguität des Pronomens „sie“ wird aus dem Satzwissen allein nicht klar, wer oder was da fliegt. Für einen halbwegs kompetenten Sprecher des Deutschen birgt dieser Satz dennoch keine Schwierigkeiten, denn er weiß nun einmal, dass die Alpen ein Gebirge sind und dass diese nicht fliegen können.
Bleiben nur noch Müllers, wovon er ersteinmal wissen muss, dass dieses Wort auf eine Gruppe von Personen verweist, die zusammen eine Familie bilden, die zwar auch nicht ohne weiteres fähig sind zu fliegen, weil diese Möglichkeit nur denjenigen Tieren und Insekten vorbehalten ist, die Flügel haben oder die leicht genug sind, vom Wind getragen zu werden. Aber immerhin ist es auch menschlichen Personen möglich zu fliegen – und zwar mittels eines Fluggeräts, das normalerweise ein Flugzeug sein wird. Doch all diese Informationen, die hier explizit gemacht worden sind, standen gar nicht im obigen Beispielsatz, sondern wurden inferiert – und zwar auf der Grundlage von Wissen, das es möglich macht, auch einzelne Satzfragmente innerhalb eines Kontextes zu verstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verdeutlicht anhand von Beispielen, dass für das Textverstehen weit mehr als nur semantisches und lexikalisches Wissen erforderlich ist, nämlich die Aktivierung von umfangreichem Hintergrundwissen.
2. Ballstaedts Konzeption – Texte verstehen, Texte gestalten: Dieses Kapitel gibt einen ersten Überblick über schematheoretische Lesemodelle und diskutiert Ballstaedts Definition eines Schemas als konzeptuelles Teilsystem im semantischen Netzwerk.
3. Schema-Begriff: Schema, Frame und Script: Hier werden die zentralen Begriffe der Schematheorie anhand ihrer Vertreter Bartlett (Schemata), Schank & Abelson (Scripts), Minsky (Frames) sowie Goffman (Rahmen) detailliert differenziert und gegenübergestellt.
4. Schemata – Erwerb, Struktur, Lernen: Dieses Kapitel analysiert, wie Schemata strukturell aufgebaut sind, wie sie erworben werden und welche prozessualen Eigenschaften sie im Kontext konnektionistischer Netzwerke besitzen.
5. Bedeutungskonstitution: Der Fokus liegt hier auf den kognitiven Operationen, die von der reinen Wahrnehmung eines Wortes zur Aktivierung korrelierender Konzepte und zur Bedeutungskonstitution auf Satzebene führen.
6. Ein schematheoretisches Lesemodell: Das zyklische Modell der Textverarbeitung: Dieses Kapitel erörtert das Modell von Kintsch & van Dijk (1978) und dessen Top-down-Variante, um aufzuzeigen, wie Wissen auf Satz- und Makrostrukturebene das Verständnis steuert.
7. Schluss: Der Schluss fasst die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammen und betont das Textverstehen als hochgradig interaktiven Prozess zwischen Textinformationen und kognitiven Wissensstrukturen.
Schlüsselwörter
Textverstehen, Schematheorie, Frame, Script, Kognitive Netzwerke, Bedeutungskonstitution, Wissenserwerb, Modell von Kintsch & van Dijk, Inferenz, Arbeitsgedächtnis, Propositionen, Makrostruktur, Konnektionismus, Semantisches Gedächtnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie kognitive Schemata als Wissensstrukturen den Prozess des Textverstehens ermöglichen und steuern, indem sie über rein semantisches Wissen hinausgehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung umfasst die begriffliche Abgrenzung von Schemata, Frames und Scripts sowie deren Rolle beim Wissenserwerb und der parallelen Informationsverarbeitung durch den Leser.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Beteiligung schematisch organisierter Wissensstrukturen am Leseprozess zu ergründen und die notwendigen kognitiven Operationen zur Bedeutungskonstitution darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse psycholinguistischer Modelle der Textverarbeitung und der Verknüpfung dieser mit konnektionistischen Netzwerkmodellen der Kognitionspsychologie.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert intensiv die Struktur von Schemata, ihre Rolle im Gedächtnis, das zyklische Modell der Textverarbeitung nach Kintsch & van Dijk und die Bedeutung von Kontextualisierung für das Verstehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Textverstehen, Schematheorie, Kognitive Netzwerke, Bedeutungskonstitution, Inferenzbildung und das zyklische Modell der Textverarbeitung.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen "Schema", "Frame" und "Script"?
Die Arbeit stellt heraus, dass "Scripts" eher dynamisches Handlungswissen beschreiben, während "Schemata" und "Frames" statischere Wissenspakete über Gegenstände und Sachverhalte repräsentieren.
Welche Rolle spielen "Kontextualisierungshinweise" beim Lesen?
Kontextualisierungshinweise (wie Satzzeichen oder Überschriften) dienen im geschriebenen Text als Signale, die dem Leser helfen, das passende Schema als Interpretationsrahmen zu aktivieren.
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- M. A. Stefan Ludwig (Author), 2007, Schematheoretische Lesemodelle, Kontextualisierung und Textverstehen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86775