Die Inszenierung von türkischem Milieu in W.A Mozarts "Die Entführung aus dem Serail"


Seminararbeit, 2007

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
1.1 Thematische Einführung und Zielsetzung
1.2 Wissenschaftliche Herangehensweise

2. Ausführung
2.1 Europa und die Türkei
2.2 Die „Türkenoper“
2.3 Die Entführung aus dem Serail
2.3.1 Stoffe, Themen und Besonderheiten
2.3.2 Die Rollengestaltung und ihre Rezeption

3. Zusammenführung

4. Bibliographie
4.1 Literatur
4.2 Musikalien

1. Einführung

1.1 Thematische Einführung und Zielsetzung

Reinhard Sänger schreibt in seinem Buch über die „Karslruher Türkenbeute“:

Das Morgenland nahm in vielerlei Hinsicht Einfluss auf die Kultur und Entwicklung Europas. Auf die europäischen Zeitgenossen, die zwischen Furcht und Bewunderung hin- und hergerissen waren, wirkten die Orientalen faszinierend.[1]

Diese Furcht und Bewunderung stehen in vielerlei Bezügen; zum einen verbindet das westliche Europa, und vor allem Österreich, eine lange politische Geschichte mit dem alten Osmanischen Reich, die sowohl von Angst und Schrecken, als auch letztendlich von Überlegenheit und Schadenfreude gekennzeichnet war. Zum anderen übten „die Türken[2] “ gerade in ihrer unterstellten Wildheit und ihrem zugeschriebenen unmoralischen Verhalten eine Faszination auf das Europa des 18. Jahrhunderts aus, so dass sich - vor allem im Zeitalter Adolph Freiherr von Knigges mit dessen moralischen Kodizes - ein exotisch-türkisches Milieu ausgezeichnet als Projektionsfläche für unterdrückte und nicht-auslebbare Sehnsüchte nutzen ließ.

Diese Ambivalenz bot Autoren und Komponisten der Zeit neue Stoffe, aus denen sich ganz eigene Genres entwickelten; mit den „histoires galantes“ ergab sich vor allem in Frankreich eine Romantradition, die eine Geschichte um Europäer im östlichen Ausland in den Vordergrund stellt, welche dann auch im Musiktheater als sogenannte „Türkenoper[3] “ gerne erzählt wurde.

Mit welchen Bildern und Vorstellungen „des Türkischen“ sich genau dieses Genre der „Türkenoper“ auseinandersetzt, soll Thema dieser Hausarbeit sein. Dabei wird Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ und dessen Rollengebung, die Gestaltung der als türkisch inszenierten Figuren des Bassa Selim und des Osmin, klar im Vordergrund stehen, jedoch auch als Beispiel für Grundmuster veschiedener anderer Opern fungieren müssen. In erster Linie historische und geistesgeschichtliche, unter Aussparung musikalischer, Ideen über ein - aus europäischer Perspektive - fremdes, türkisches Milieu seien hier dargestellt und gezeigt, wie sie ihre Ausgestaltung in der „Türkenoper“ und in Mozarts Singspiel finden.

1.2 Wissenschaftliche Herangehensweise

Um die ganz eigentümliche und ambivalente Faszination der Europäer des 18. Jahrhunderts am „Türkischen“ zu verstehen, kann man nicht umhin, einen Blick auch in die Geschichte der politischen und gesellschaftlichen Umstände des 16. und 17. Jahrhunderts werfen zu müssen. So sollen verschiedene Facetten europäischer Wahrnehmung von türkischem Milieu anhand von historischem aber auch literarischem Material der Zeit vorgestellt werden. Dabei kann nicht völlig chronologisch vorgegangen werden, da sich Ideen und Gedanken wohl auch nie chronologisch entwickelt haben. Viele Bewegungen existieren lange Zeit nebeneinander, bevor sie völlig abgelöst werden, ineinander übergehen oder später wieder aufgegriffen werden, so dass hier von der Vorstellung eines epochalen Ablaufs von Geschichte Abstand genommen werden muss.

2. Ausführung

2.1 Europa und die Türkei

Im 16. Jahrhundert schrieb der Theologe Enuntius über „den Türken“: [Der Türke] spiesset auff die Zaunstecken/ schindet/ bret/ siedet/ hencket/ trencket/ nur wie es ihm gefällt/ die Heiligen Gottes.[4]

Was auf den ersten Blick als völlig willkürliche, sehr überzogene oder gar lächerliche Fremdenfeindlichkeit anmutet – „der Türke an sich“, der durch sein grundsätzlich böses und grausames Wesen eine Gefahr für den redlichen Christen darstellt spielte jedoch im 16. und 17. Jahrhundert im europäischen Raum eine große Rolle und wirkte bis ins 18. Jahrhundert. Maßgebend hierbei war die politische Situation. Das Osmanische Reich legte vor allem unter der Führung Süleymans I in großem Maße Expansionsbestrebungen an den Tag, die im Westeuropa des 16. Jahrhunderts, und vor allem im damaligen Habsburger Territorium, ängstlich verfolgt wurden. Folgt man Alexandrine St. Clair, so wurde die sogenannte „Türkengefahr neben der Reformation [als] das wichtigste Problem des 16. und 17. Jahrhunderts“[5] wahrgenommen. Es gelang dem osmanischen Militär, den Osten Kleinasiens, Mesopotamien, Aserbaidschan und Teile Dalmatiniens und des Jemens zu erobern und - damit begründet sich die akute Gefahrenangst der Österreicher - sie gelangten 1529 auch vor die Tore Wiens. Dennoch darf man diese situative Motivation nicht als spezielle Begründung für das Türkenbild des 16. und 17. Jahrhunderts überbewerten; immer wieder weist die Literatur darauf hin, dass nicht alles türkisch war, was als solches bezeichnet wurde: Man unterschied nicht zwischen Persern, Türken, Nordafrikanern und Hunnen.[6] „Der Türke“ wurde immer wieder, bis ins 18. Jahrhundert hinein, als Platzhalter für „das Andere“ eingesetzt, in religiöser und moralischer Hinsicht, und somit paradigmatisch für „das Fremde“[7], wie ein Beispiel aus der Dramatik der Zeit, Johann Gotthold Ephraim Lessings „Minna von Barnhelm“ von 1767 darstellen soll.

Unsere Vorfahren zogen fleißig wider den Türken; und das sollten wir noch tun, wenn wir ehrliche Kerls, und gute Christen wären.[8]

Deutlich werden hier schnell die ersten Ebenen der Unterscheidung. Zum einen findet eine moralische Aufwertung einer europäischen oder doch wenigstens westlichen Kultur durch die Beschreibung „ehrliche Kerls“ statt, was implizit auch „den Türken“ beschreibt - denn gegen wen sollten die „ehrlichen Kerls“ sonst in den Krieg ziehen, wenn nicht gegen die „unehrlichen Kerls“? Und desweiteren werden die religiöse Zuordnung und der unterschiedliche Grundcharakter der Religionen stark betont; so wird dem „guten Christen“ quasi der „böse Moslem“ entgegengesetzt. Norman Daniel fasst das noch präziser; das Bild des türkischen Fremden sei vor allem durch zwei Merkmale geprägt worden: sexuelle Zügellosigkeit, damit greift er den Punkt der Moral auf, sowie Anwendung von Gewalt bei der Verbreitung des Glaubens.[9]

Beide Zuschreibungen, die fehlende Moral und die Radikalität des falschen Glaubens, die sich durchweg bis ins 18. Jahrhundert und noch länger finden lassen, gestalten sich jedoch schon früh widersprüchlich.

Zum einen entwarf man ein quasi mythisches Bild vom Orient, voller Klischees und Stereotypen, die dazu dienten, das Fremde den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen oder entsprechend umzubilden. Indem man den Orientalen vor allem Irrationalität, Sinnlichkeit, eine gewisse Dekadenz, den Hang zur Ausschweifung, aber auch Grausamkeit unterstellte, wurde auf den Überlegenheitsanspruch der eigenen Kultur verwiesen. Zugleich jedoch imaginierte man einen Orient, der ausschließlich als exotische Kulisse für die eigenen verdrängten und gesellschaftlich nicht akzeptablen Wünsche und Sehnsüchte fungierte. Vor allem der mit Polygamie assoziierte Harem wurde im Abendland zum Sinnbild von Erotik und freier Liebe schlechthin.[10]

Auch die Zuschreibung einer nahezu fanatischen Religiösität und deren gewalttätige Verbreitung erweist sich schnell als doppelbödig; zwar war „jahrhundertelang der Name ‚Türke‘ gleichbedeutend mit Angst und Furcht gewesen [...] [und] man hatte ihnen alles zugetraut, was als ‚unchristlich‘ galt“[11], um Kurt Pahlen zu zitieren, dies jedoch ohne Berücksichtigung der Tatsache, dass die Christen mit den Kreuzzügen ihren ganz eigenen Begriff vom „heiligen Krieg“ ausgebaut hatten.

[...]


[1] Sänger 1997, 7.

[2] Diese Bezeichnung sei - genauso wie die Ausdrücke „Türkenoper“ und „das Türkische“ - weiterhin stets in Anführungszeichen gesetzt. Zum einen soll dies geschehen, weil diese Begriffe vor allem aus Sicht des 18. Jahrhunderts immer noch stark verallgemeinern und Perser, Nordafrikaner und Türken über einen Kamm scheren. Desweiteren soll von der Vorstellung eines „Türken an sich“ mit festen, rassistisch konstruierten Zuschreibungen deutlich Abstand genommen werden.

[3] Christoph Willibald Glucks „Die Pilgrime von Mekka“ (1767), Joseph Haydns „L’incontro improvviso“ (1775) und Wolfgang Amadeus Mozarts „Entführung aus dem Serail“ (1782) seien hier als berühmteste Vertreter der „Türkenoper“ beispielhaft genannt.

[4] Enuntius zitiert nach Brenner 1986, 160.

[5] St. Clair 1972, 315.

[6] Siehe beispielsweise Pahlen 1980, 172.

[7] Zum Begriff der „otherness“ sei hier auf Edward Said verwiesen. Said 1987, 70.

[8] Lessing 2005. I/12.

[9] Siehe Daniel 1960, 271f.

[10] Siehe Sänger 1997, 11.

[11] Pahlen 1980, 170.

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Details

Titel
Die Inszenierung von türkischem Milieu in W.A Mozarts "Die Entführung aus dem Serail"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Theaterwissenschaftliches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V86777
ISBN (eBook)
9783638021821
Dateigröße
769 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inszenierung, Milieu, Mozarts, Entführung, Serail
Arbeit zitieren
Judith K. (Autor), 2007, Die Inszenierung von türkischem Milieu in W.A Mozarts "Die Entführung aus dem Serail", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86777

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