In dieser Hausarbeit, die inhaltlich in drei Untersuchungsschwerpunkte gegliedert ist, werden die Novellen im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Bezüge zur Mode des 19. Jahrhunderts betrachtet.
Im ersten Teil 'Wenzel Strapinski - ein Idealbild seiner Zeit' wird versucht dem Rätsel um die geheimnisvolle Figur Wenzel Strapinski, dem Protagonisten in Kleider machen Leute, auf die Schliche zu kommen. Das Bedeutungsspektrum dieser Figur wird in bezug auf die Modeästhetik und -entwicklung des 19. Jahrhunderts betrachtet. Bereits existierende Interpretationen zur Figur Wenzel Strapinski werden ebenso wie verschiedene Modetheorien und -geschichten in die Untersuchung mit einfließen. Zunächst wird das ästhetische Bedürfnis Strapinskis sowie sein individueller Kleidungsstil im Vergleich zur Männermode seiner Zeit analysiert.
Im zweiten Teil 'Mode versus Tracht' wird die entwicklungsspezifische Dissonanz zwischen der traditionellen Kleidung und der Mode analysiert. Zunächst wird diese in Beziehung zu den Antagonismen des 19. Jahrhunderts gesetzt und bezüglich der konträren Zeitauffassung der unterschiedlichen Kleidungsformen betrachtet. Anschließend werden die gegensätzlichen Zeichensysteme der Tracht und der Mode auf ihre Bedeutungsproblematik, die Sein-Schein Verwechslung, hin untersucht. Anhand der Gegenüberstellung der beiden Keller Novellen Kleider machen Leute und Romeo und Julia auf dem Dorfe wird der Bruch zwischen den oppositionellen Zeichensystemen veranschaulicht. Das Sein-Schein Problem, das sowohl in der Kleidung als auch in der unterschiedlichen Darstellungsweise der Häuser zu beobachten ist, wird anhand der Novellen belegt.
Im dritten Teil 'Das Fest - der Schauplatz der Mode' wird das Erzählmotiv Fest, wie es in den beiden Keller Novellen auftritt, thematisiert. Zuerst wird der von Sigmund Freud definierte Trieb des Sehens und Gesehenwerdens, der dem modischen Neugierverhalten zugrunde liegt, an der Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe veranschaulicht und auf seine Wurzeln hin analysiert.
Schließlich werden die Ergebnisse der Diskussion in konzentrierter Form, die essentiellen Gedankengänge aufzeichnend zusammengefaßt, um abschließend einen Überblick über die Hausarbeit zu geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
2. Wenzel Strapinski - ein Idealbild seiner Zeit
2.1 Die Kleidungsästhetik als Grundbedürfnis
2.2 Strapinski als Individuum in der Gesellschaft
3. Mode versus Tracht
3.1 Der Kleidungsantagonismus
3.2 Die Sein-Schein Problematik
4. Das Fest - der Schauplatz der Mode
4.1 Sehen und Gesehenwerden
4.2 Das Ende des Festes
5. Zusammenfassung der Darstellung und offene Fragen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Hausarbeit untersucht die Novellen "Kleider machen Leute" und "Romeo und Julia auf dem Dorfe" von Gottfried Keller im Kontext der gesellschaftlichen Bezüge zur Mode des 19. Jahrhunderts. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen Kleidung, Rollenbildern und dem gesellschaftlichen Fest als Schauplatz modischer Inszenierung anhand literaturwissenschaftlicher und soziologischer Ansätze zu analysieren.
- Analyse der Figur Wenzel Strapinski als Idealbild seiner Zeit
- Kontrastierung von städtischer Mode und ländlicher Tracht
- Untersuchung der "Sein-Schein Problematik" durch das Medium Kleidung
- Bedeutung des Motivs "Fest" als Raum für das Triebverhalten des Sehens und Gesehenwerdens
- Reflexion über die Vergänglichkeit von Mode und Fest als gesellschaftliche Phänomene
Auszug aus dem Buch
Wenzel Strapinski - ein Idealbild seiner Zeit
Die Erscheinung Wenzel Strapinskis beschreibt Gottfried Keller, der an sich ein Meister in der realistischen, detailgetreuen Darstellung von Menschen und Zuständen sowie von Szenen und Landschaften ist, außergewöhnlich knapp:
(...) über seinem schwarzen Sonntagskleide, welches sein einziges war, (trug er) einen weiten, dunkelgrauen Radmantel (...), mit schwarzem Samt ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange, schwarze Haare und Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser, aber regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.
Diese auf das Wesentliche beschränkte Darstellung läßt sich einerseits dadurch erklären, daß die Erscheinung Strapinskis, wenn dieser ein Idealbild seiner Zeit verkörpert, den Zeitgenossen Kellers aus dem öffentlichen Leben sowie aus der Trivialliteratur bekannt war. Andererseits entspricht die knappe Beschreibung Wenzels der klassizistischen Nüchternheit, die dieser Kleidungsstil seinerzeit zu bezwecken beabsichtigte. Hinter der Fassade dieses äußerlichen Erscheinungsbildes verbirgt sich jedoch, wie aus den bisherigen Interpretationen zu der Figur Strapinskis bereits hervorgeht, ein immenses Bedeutungspotential.
Dem "edlen und romantischen Aussehen" des armen Schneiderleins liegt, wie Keller darstellt, "sein angeborenes Bedürfnis, etwas Zierliches und Außergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl der Kleider" zugrunde. Paul Wüst erklärt die feine, sensible Art Strapinskis in bezug auf seine Tätigkeit als Schneider, die den ästhetischen Umgang mit Stoffen und Kleidung voraussetzt bzw. evoziert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit: Einleitung in die Themenstellung und Erläuterung der drei Untersuchungsschwerpunkte zu Kellers Novellen im Kontext der Mode des 19. Jahrhunderts.
2. Wenzel Strapinski - ein Idealbild seiner Zeit: Analyse der Protagonistenfigur in "Kleider machen Leute" hinsichtlich ihrer ästhetischen Erscheinung und ihrer Rolle innerhalb des Goldacher Bürgertums.
3. Mode versus Tracht: Untersuchung der historischen und sozialen Gegensätze zwischen traditioneller Kleidung und moderner Mode sowie der daraus resultierenden Problematik von Sein und Schein.
4. Das Fest - der Schauplatz der Mode: Diskussion des Motivs "Fest" als sozialer Raum, der den menschlichen Drang zum Sehen und Gesehenwerden sowie die Vergänglichkeit modischer Erscheinungsformen verdeutlicht.
5. Zusammenfassung der Darstellung und offene Fragen: Resümee der zentralen Ergebnisse bezüglich der Kleidungssemantik, der städtisch-ländlichen Antagonismen und der Verbindung von Fest, Mode und Tod.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Kleider machen Leute, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Mode, Tracht, Wenzel Strapinski, 19. Jahrhundert, Sein und Schein, Trivialliteratur, Soziologie, Fest, Sehen und Gesehenwerden, Vergänglichkeit, Identität, Zeichensysteme.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftliche Bedeutung von Mode und Kleidung in zwei ausgewählten Novellen des Seldwyla-Zyklus von Gottfried Keller.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das individuelle Erscheinungsbild von Romanfiguren, der Kontrast zwischen ländlicher Tradition und städtischer Moderne sowie die psychologische Funktion von öffentlichen Festen.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit untersucht, wie Mode im 19. Jahrhundert als Zeichensystem fungiert und inwiefern sie durch die "Sein-Schein Problematik" zur sozialen Täuschung oder Identitätsbildung beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse, die durch sozialtheoretische Ansätze (u.a. von Jean Baudrillard, Sigmund Freud und Rene Koenig) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil des Dokuments behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Wenzel Strapinskis Idealbild, den Antagonismus zwischen Mode und Tracht sowie die Rolle des Festes als Schauplatz modischer Inszenierung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren den Inhalt?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Identität, soziale Rolle, Modetrieb, Zeichensysteme und die Dichotomie von Sein und Schein geprägt.
Inwiefern beeinflusst die Trivialliteratur die Wahrnehmung von Wenzel Strapinski?
Die Goldacher Bürger projizieren ihre durch Trivialliteratur geprägten Vorstellungen eines romantischen Helden auf den armen Schneider, was erst seine soziale Erhöhung zum "Grafen" ermöglicht.
Welche Verbindung besteht zwischen dem Motiv des Festes und dem Tod?
Sowohl das Fest als auch die Mode werden als zyklische Systeme verstanden, deren Vergänglichkeit und plötzliches Ende den Tod als existenzielle Zäsur widerspiegeln.
- Arbeit zitieren
- Astrid Wolffram (Autor:in), 1999, Gottfried Kellers Novellen "Romeo und Julia auf dem Dorfe" und "Kleider machen Leute" im gesellschaftlichen Spiegelbild der Mode des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86811