Gottfried Kellers Novellen "Romeo und Julia auf dem Dorfe" und "Kleider machen Leute" im gesellschaftlichen Spiegelbild der Mode des 19. Jahrhunderts


Seminararbeit, 1999
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

2. Wenzel Strapinski - ein Idealbild seiner Zeit
2.1 Die Kleidungsästhetik als Grundbedürfnis
2.2 Strapinski als Individuum in der Gesellschaft

3. Mode versus Tracht
3.1 Der Kleidungsantagonismus
3.2 Die Sein-Schein Problematik

4. Das Fest - der Schauplatz der Mode
4.1 Sehen und Gesehenwerden
4.2 Das Ende des Festes

5. Zusammenfassung der Darstellung und offene Fragen

6. Literaturverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

Die Novellen Kleider machen Leute und Romeo und Julia auf dem Dorfe von Gottfried Keller sind Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit. Beide zum Seldwyla-Zyklus gehörenden Novellen entstanden in der Zeit als Keller Staatsschreiber des Kantons Zürich war. Kleider machen Leute erschien erstmals im November 1874 im vierten Band der Leute von Seldwyla. Ein Jahr später erschien eine Miniaturausgabe von Romeo und Julia auf dem Dorfe.

In der Hausarbeit, die inhaltlich in drei Untersuchungsschwerpunkte gegliedert ist, werden die Novellen im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Bezüge zur Mode des 19. Jahrhunderts betrachtet.

Im ersten Teil 'Wenzel Strapinski - ein Idealbild seiner Zeit' wird versucht dem Rätsel um die geheimnisvolle Figur Wenzel Strapinski, dem Protagonisten in Kleider machen Leute, auf die Schliche zu kommen. Das Bedeutungsspektrum dieser Figur wird in bezug auf die Modeästhetik und -entwicklung des 19. Jahrhunderts betrachtet. Bereits existierende Interpretationen zur Figur Wenzel Strapinski werden ebenso wie verschiedene Modetheorien und -geschichten in die Untersuchung mit einfließen. Zunächst wird das ästhetische Bedürfnis Strapinskis sowie sein individueller Kleidungsstil im Vergleich zur Männermode seiner Zeit analysiert. Im weiteren wird das Erscheinungsbild Wenzel Strapinskis in seiner Wirkung auf das prestigebeflissene Besitzbürgertum in Goldach betrachtet. Diskutiert wird dabei sowohl seine trivialliterarische Bedeutung als auch sein rollensoziologisches Verhalten.

Im zweiten Teil 'Mode versus Tracht' wird die entwicklungsspezifische Dissonanz zwischen der traditionellen Kleidung und der Mode analysiert. Zunächst wird diese in Beziehung zu den Antagonismen des 19. Jahrhunderts gesetzt und bezüglich der konträren Zeitauffassung der unterschiedlichen Kleidungsformen betrachtet. Anschließend werden die gegensätzlichen Zeichensysteme der Tracht und der Mode auf ihre Bedeutungsproblematik, die Sein-Schein Verwechslung, hin untersucht. Anhand der Gegenüberstellung

der beiden Keller Novellen Kleider machen Leute und Romeo und Julia auf dem Dorfe wird der Bruch zwischen den oppositionellen Zeichensystemen veranschaulicht. Das Sein-Schein Problem, das sowohl in der Kleidung als auch in der unterschiedlichen Darstellungsweise der Häuser zu beobachten ist, wird anhand der Novellen belegt.

Im dritten Teil 'Das Fest - der Schauplatz der Mode' wird das Erzählmotiv Fest, wie es in den beiden Keller Novellen auftritt, thematisiert. Zuerst wird der von Sigmund Freud definierte Trieb des Sehens und Gesehenwerdens, der dem modischen Neugierverhalten zugrunde liegt, an der Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe veranschaulicht und auf seine Wurzeln hin analysiert. Anschließend wird der gesellschaftsspezifische Bedeutungsgehalt des Erzählmotivs Fest im Vergleich zum Phänomen der Mode diskutiert. Die dem Fest und der Mode immanente Vergänglichkeit bzw. Nähe zum Tod sowie die zyklische Wiederbelebung der beiden gesellschaftlichen Erscheinungsformen werden in Beziehung zur Feuerbachschen Todesauffassung gesetzt und bezüglich der beiden Keller Novellen untersucht.

Schließlich werden die Ergebnisse der Diskussion in konzentrierter Form, die essentiellen Gedankengänge aufzeichnend zusammengefaßt, um abschließend einen Überblick über die Hausarbeit zu geben.

2. Wenzel Strapinski - ein Idealbild seiner Zeit

2.1 Die Kleidungsästhetik als Grundbedürfnis

Die Erscheinung Wenzel Strapinskis beschreibt Gottfried Keller, der an sich ein Meister in der realistischen, detailgetreuen Darstellung von Menschen und Zuständen sowie von Szenen und Landschaften ist, außergewöhnlich knapp:[1]

(...) über seinem schwarzen Sonntagskleide, welches sein einziges war, (trug er) einen weiten, dunkelgrauen Radmantel (...), mit schwarzem Samt ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange, schwarze Haare und Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser, aber regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.[2]

Diese auf das Wesentliche beschränkte Darstellung läßt sich einerseits dadurch erklären, daß die Erscheinung Strapinskis, wenn dieser ein Idealbild seiner Zeit verkörpert, den Zeitgenossen Kellers aus dem öffentlichen Leben sowie aus der Trivialliteratur bekannt war. Andererseits entspricht die knappe Beschreibung Wenzels der klassizistischen Nüchternheit, die dieser Kleidungsstil seinerzeit zu bezwecken beabsichtigte. Hinter der Fassade dieses äußerlichen Erscheinungsbildes verbirgt sich jedoch, wie aus den bisherigen Interpretationen zu der Figur Strapinskis bereits hervorgeht, ein immenses Bedeutungspotential.

Dem "edlen und romantischen Aussehen" des armen Schneiderleins liegt, wie Keller darstellt, "sein angeborenes Bedürfnis, etwas Zierliches und Außergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl der Kleider" zugrunde.[3] Paul Wüst erklärt die feine, sensible Art Strapinskis in bezug auf seine Tätigkeit als Schneider, die den ästhetischen Umgang mit Stoffen und Kleidung voraussetzt bzw. evoziert.

( Das Schneiderhandwerk ) erzeugt neue, schöne Kleider, was den Schneider schon aus Geschäftsrücksichten dazu nötigt, auch immer solche zu tragen, und den Drang nach würdiger Haltung in

seine Brust legt; dies führt wiederum dazu, so oder so in die

feinen Gewänder hineinzuwachsen, über den Stand hinauszustreben, der so viele Gaben und Möglichkeiten dazu in die Hand gibt.[4]

Strapinskis ästhetische Grundhaltung sowie sein sehnsüchtiges Streben nach Größe und Glück läßt Benno von Wiese auf dessen veranlagtes Künstlertum schließen, das im Schneiderhandwerk nicht zu seiner freien Entfaltung kommen konnte.[5] Diesen Rückschluß vom armen Schneider auf den Künstler bzw. Lebenskünstler kritisiert Gert Sautermeister als voreilig und widersprüchlich in bezug auf den Argumentationsaufbau. Er sieht hingegen Wenzels ästhetisches Bedürfnis in den gesellschaftlichen Zwängen seiner Kindheit sowie in der mütterlichen Erziehung begründet, wie es in der Kindheits- und Jugendbeichte deutlich wird.[6] Sicherlich wurde Strapinskis Ästhetik durch die Gesellschaftsverfassung zu Zeiten seiner Kindheit und Jugend geprägt, allerdings unterschlägt Sautermeister bei seinen Betrachtungen, daß es sich nach Keller um ein 'angeborenes Bedürfnis' handelt. Somit ist dieses essentielle Bedürfnis Wenzels, der dadurch, daß er lieber "verhungert (wäre), als daß er sich von seinem Radmantel und von seiner polnischen Pelzmütze getrennt hätte" zum "Märtyrer seines Mantels" wird, zwar angeboren, jedoch findet die Befriedigung dieses Bedürfnisses keineswegs unbewußt statt.[7] Wie der Gesellschaftstheorie von Jean Baudrillard zu entnehmen ist, stellt der Modetrieb, die "Leidenschaft an Zeichen und am Zyklus" etwas außerordentlich Bewußtes dar.

In der Tat gibt es einen Mode->>Trieb<<, der mit dem individuellen Unbewußten nicht viel zu tun hat - es ist dies etwas so Heftiges, daß jegliches Verbot wirkungslos bleibt: ein Wunsch nach der Abschaffung von Sinn und nach einem Versinken in reinen Zeichen, in Richtung auf eine ungeregelte und unmittelbare Sozialität.[8]

Auf diesem Sachverhalt beruht schließlich die ganze Problematik der Novelle Kleider machen Leute. Wenzel Strapinskis Persönlichkeit versinkt in den reinen Zeichen, die

von seiner Kleidung ausgehen. Dadurch, daß die Mode den

Sinn abschafft und eine ungeregelte und unmittelbare Sozialität vermittelt, wird die Diskrepanz zwischen dem Sein und Schein Wenzels von den Goldachern nicht erkannt. Die Differenzierung von Sein und Schein wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter anderem dadurch erschwert, daß sich die Männermode in Anlehnung an die Ideale des Klassizismus verstärkt einer natürlichen Nüchternheit und Uniformität bediente, wodurch die Körperbilder immer einförmiger und schwieriger zu deuten waren. Paradoxerweise nahmen die Menschen die Körperbilder ihrer Mitbürger jedoch um so ernster als Hinweis auf deren Charakter, je homogener diese wurden. Allerdings verloren die von der Mode ausgehenden Zeichen ihre Bedeutung, sobald sich jeder dieser bedienen konnte, wie es in der Männermode seinerzeit, die klassenübergreifend Gleichheit herzustellen schien, der Fall war.[9]

Strapinskis klassizistisches Erscheinungsbild entspricht in seiner farblichen Nüchternheit dem romantischen Freigeist seinerzeit, der sich bemühte, sein Aussehen von dem des Philisters abzuheben.[10] Der weite, mit schwarzem Samt ausgeschlagene, dunkelgraue Radmantel, der gleich "schwarzen Adlerflügeln" den Körper Wenzels schützend umhüllt, verleiht seinem Träger ein geheimnisvolles Aussehen.[11] "Hinter der öffentlichen Darstellung, egal ob es das 'wirkliche' Ich oder eine Phantasiegestalt ist, lauert immer noch das Geheimnis der Person".[12] Dadurch, daß die offensichtliche Körpergröße durch das Tragen eines weiten Mantels gesteigert wird, empfindet der Träger dies als eine das Machtgefühl stärkende Erweiterung seines Körper-Ichs.[13] Der schwarze Samtstoff, der bei jeder Bewegung das Licht reflektiert, umgibt Wenzel mit einem edlen Glanz, der silhouettenhaft seine männlichen Proportionen - den schlanken Leib und die geschmeidigen Glieder - betont. Das Tragen prächtiger, schimmernder Gewebe, wie es in aristokratischen Zeiten angesagt war, widerspricht an sich dem

klassizistischen Trend von mattem, natürlichem Material

, jedoch schmückt Strapinski sich nicht nach Außen mit dem glänzenden Stoff, sondern betont dezent, aber wirkungsvoll im klassizistischen Sinne seine Körperumrisse ebenso wie seine inneren Werte, seine Persönlichkeit.[14] Der Mantel, der nach Karl Polheim "das vornehmste Stück der Kleidung, ja des Mannes bester Besitz" ist, stellt das zentrale Symbol für Strapinskis edle Männlichkeit dar.[15]

[...]


[1] Vgl. Nussbächer: Nachwort, S. 92-93.

[2] Keller: Kleider, S. 3.

[3] Ebd. S.27.

[4] Wüst: Entstehung, S. 99.

[5] Vgl. Wiese: Keller, S. 243-245.

[6] Vgl. Sautermeister: Erziehung, S. 183-187.

[7] Keller: Kleider, S. 3, 4.

[8] Baudrillard: Tausch, S. 142.

[9] Vgl. Sennett: Verfall, S. 320-330; Wilson: Träume, S. 147.

[10] Vgl. Thiel: Kostüm, S. 314-316.

[11] Keller: Kleider, S. 30.

[12] Wilson: Träume, S. 147-148.

[13] Vgl. Flügel: Psychologie, S. 224.

[14] Vgl. Hollander: Anzug, S. 144-147.

[15] Polheim: Mantel, S. 41 .

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Gottfried Kellers Novellen "Romeo und Julia auf dem Dorfe" und "Kleider machen Leute" im gesellschaftlichen Spiegelbild der Mode des 19. Jahrhunderts
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
1999
Seiten
27
Katalognummer
V86811
ISBN (eBook)
9783638895583
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried, Kellers, Novellen, Romeo, Julia, Dorfe, Kleider, Leute, Spiegelbild, Mode, Jahrhunderts, Thema Kleider machen Leute
Arbeit zitieren
Astrid Wolffram (Autor), 1999, Gottfried Kellers Novellen "Romeo und Julia auf dem Dorfe" und "Kleider machen Leute" im gesellschaftlichen Spiegelbild der Mode des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86811

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