Die 68er Bewegung. Eine politisch historische Auseinandersetzung


Hausarbeit, 2007
37 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Zielsetzung und Methode
1.2. Quellenlage und Forschungsstand

2. Die Vorläufer: Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland
2.1. Die Krise an den deutschen Hochschulen
2.2. Große Koalition, Studentenbewegung und Außerparlamentarische Opposition
2.3. Die Notstandsgesetzgebung
2.4. Die „Spiegel“-Affäre
2.5. Proteste gegen den Springer-Konzern

3. Exkurs: Protestentwicklungen im Ausland
3.1. Unruheherde in Frankreich, Tschechien, Italien, Mexiko und den USA
3.2. Der Vietnamkrieg: Internationales Verbindungselement nationaler Proteste

4. Die Eskalation der Protestbewegung
4.1. Der 2. Juni 1967: Schahbesuch und die Erschießung Benno Ohnesorgs
4.2. Der 11. April 1968: Mordanschlag auf Rudi Dutschke

5. Der Mai 1968: Proteste gegen Notstandsgesetze und Anfang vom Ende

6. Resümee

7. Bibliographie
7.1. Quellenverzeichnis
7.2. Literaturverzeichnis
7.2.1. Aufsätze
7.3. Internetquellen
7.4. Presseartikel

1. Einleitung

„Aber da gibt es eine hohe, weißgestrichene Gartenmauer, die schreit förmlich nach einem Spruch. Wir schreiben was darauf, das macht alles klar: Macht kaputt, was euch kaputt macht. Macht kaputt, was euch kaputtmacht, wiederholte Ullrich langsam, mit steigender Wut betonend. Genau, sagte er, das ist es. Also los.“1

1.1. Zielsetzung und Methode

Deutschland in den Jahren 1967 und 1968: Heftige Studentenproteste erschüttern die noch junge Bundesrepublik. Die Demonstranten üben eine bis dahin unbekannte, erbarmungslose Kritik an dem Staat und der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind und die die meisten von ihnen noch nie verlassen haben. Sitzblockaden, Demonstrationen, Flugblätter: Um ihrem Unmut gegen die gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Begebenheiten in der BRD Ausdruck zu verleihen, bewiesen die Studenten aber nicht nur großen Einfallsreichtum - mit zunehmender Dauer schreckten sie auch vor illegalen Aktionen nicht zurück.

Um die Ereignisse dieser Jahre und die ihnen zugrunde liegende Motivation heute, rund 40 Jahre später, nachvollziehen zu können, ist es unverzichtbar, die Verhältnisse zu kennen, die damals in Staat, Gesellschaft und vor allem im Alltagsleben der Bundesrepublik herrschten. Nur so kann eine objektive Auseinandersetzung mit den Geschehnissen um den „Mythos ´68“ stattfinden, welche in der Vergangenheit im emotionalen Spannungs- feld zwischen Parteilichkeiten, Halbwissen und Unwissen nur allzu häufig unmöglich war. Ursache hierfür sind nicht selten auch Publikationen und Äußerungen vieler ehemaliger 68er, die häufig ihre recht einseitig verschönten und verklärten Erinnerungen zum Besten geben. Als symptomatisch kann hier der 1993 erstmals ausgestrahlte und bis in die jüngste Vergangenheit verbreitete Film „Ich hab’ noch einen Koffer aus Berlin“ von Werner Doyé angesehen werden. Der Autor und Sprecher in dem Film, ein ehemaliger Aktivist der außerparlamentarischen Opposition (APO), äußerte zwar leichte Kritik an den Gewalt- eskapaden jener Zeit, doch am Ende des Films sagt er: „Wer als engagierter, politisch bewusster Student damals nicht auf die Straße oder in Initiativen gegangen ist, der hat, genau genommen, nicht richtig gelebt.“2 Solche Aussagen belegen den Absolutheits- anspruch jener ‚Rebellion’, der auch einer der Gründe für ihre Anziehungskraft vor allem auf die damalige studentische Jugend war. Wer sich nicht zu dieser ‚Bewegung’ bekannte und an den Hochschulen im weiteren Sinne nicht „links“ war, galt leichthin als „Liberaler“ oder schlimmer noch als „Reaktionär“.

Abseits aller Parteilichkeiten für oder gegen die so genannten Studentenunruhen der Jahre 1967 und 1968 bleibt eines bereits an dieser Stelle unumstritten festzuhalten: Bis heute nehmen die Unruhen in der Geschichte der BRD eine Sonderrolle ein. Um die Entwicklungen, die zu dieser für Nachkriegsdeutschland einzigartigen Protestwelle führten, nachvollziehen zu können, muss man in der Historie der deutschen Demokratie jedoch weiter zurückgehen, als in das zum Chiffre gewordene Jahr 1968. Denn so paradox es auf den ersten Blick auch klingen mag: Letztendlich muss man die 68er als ein Produkt eben jener Demokratie ansehen, gegen die die Männer und Frauen auf die Straße gingen. Ohne die weltweit fortschreitende Demokratisierung wären die Proteste, die zudem nicht als rein ‚deutsches Phänomen’ angesehen werden dürfen, undenkbar gewesen.

Gegenstand der vorliegenden Ausarbeitung ist eine wissenschaftliche Auseinander- setzung mit den politisch-historischen Grundlagen und Ereignissen, welche die deutsche Studentenbewegung in den 1950er und 1960er Jahren zunehmend politisierten und schließlich 1967 und 1968 zu den Ereignissen führten, die heute unter dem „Mythos 68“ verstanden werden. Dabei soll zunächst in Kapitel 2 der Versuch unternommen werden, die wichtigsten Entwicklungen in der BRD bis 1966 darzulegen, angefangen von der Krise an den deutschen Hochschulen, der Großen Koalition und der außer-parlamentarischen Opposition, der Notstandsgesetzgebung, der „Spiegel-Affäre“ und der Protestkampagne gegen den Springer-Konzern. Da die Entwicklungen unmittelbar aufeinander aufbauten bzw. einander bedingten, ließen sich thematische Überschneidungen in den einzelnen Kapiteln nicht immer vermeiden. Um den politisch-historischen Grundlagen und Ereignissen der 68er Bewegung gerecht werden zu können, ist es unverzichtbar, die Geschehnisse und Abläufe in der BRD in einen globalen Kontext einzuordnen. Im dritten Kapitel soll daher im Rahmen eines kurzen Exkurses kurz auf die Entwicklungen im Ausland eingegangen werden - im Einzelnen exemplarisch auf die politischen Unruhen in Frankreich, Tschechien, Italien, Mexiko und den USA sowie den Vietnamkrieg als internationales Verbindungselement der nationalen Protestbewegungen. In Kapitel 4 wird schließlich die Eskalation der 68er-Bewegung thematisiert. Dazu werden sowohl der Schahbesuch in Berlin am 2. Juni 1967 einschließlich der Erschießung von Benno Ohnesorg als auch der Mordanschlag auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 in den Fokus gerückt. Im Anschluss folgt in Kapitel 5 getreu der Chronologie der Ereignisse eine Betrachtung der Entwicklungen im Mai 1968 mit den abschließenden Protesten gegen die Notstandsgesetze und der Bedeutung ihrer Verabschiedung im Deutschen Bundestag für die Studentenbewegung. Abschließend werden die Erkenntnisse dieser Arbeit in Kapitel 6 im Rahmen eines Resümees noch einmal kurz zusammengefasst.

1.2. Quellenlage und Forschungsstand

Literatur zur Studentenbewegung in Deutschland wurde in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in mannigfaltiger Form produziert, wobei man bei der Durchsicht der Forschungsergebnisse feststellt, dass die bundesdeutsche Bewegung im politikwissenschaftlichen und zeithistorischen Kontext bislang nur wenig untersucht wurde.3 Die bislang einzige Gesamtdarstellung stellt bis heute die Dissertation von Gerhard Bauß aus dem Jahre 1977 dar. In seiner Studie konzentriert sich Bauß jedoch bewusst auf die Entwicklungen innerhalb Deutschlands, weshalb die internationalen Faktoren hier nur vergleichsweise knapp zur Sprache kommen.

Nichtsdestotrotz kann man sagen, dass das Thema 1968 bzw. spezielle Fragestellungen zu dem komplexen Themenbereich in den vielfältigsten Publikationen zum Thema gemacht wurden. Besonders nennenswert ist hier die Promotionsarbeit von Ingo Juchler aus dem Jahr 1996, in der dieser die bundesdeutsche und die amerikanische Studentenbewegung hinsichtlich ihrer Beeinflussung durch Befreiungsbewegungen und -theorien aus der Dritten Welt untersucht, wobei ein kleiner Makel darin gesehen werden kann, dass die bundesdeutsche Perspektive hier häufig etwas zu kurz kommt. Das Gleiche gilt für das Buch „Die 68er-Bewegung“ von Ingrid Gilcher-Holtey. Auf prägnante Weise gelingt ihr eine verständliche und seriöse Darstellung über den Aufstieg, die Ziele und den Zerfall der 68er-Bewegung in den USA, Italien, Frankreich und Deutschland.

Einen wichtigen Stellenwert in der 68er-Forschung besitzen in jedem Fall auch die Publikationen des Journalisten und Politikwissenschaftlers Gerd Langguth von der Universität Bonn. Zu nennen sind hier insbesondere das 2001 erschienene Buch „Mythos ´68 - Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke - Ursachen und Folgen der Studentenbewegung“ und das bereits 1976 publizierte Buch „Die Protestbewegung in der Bundesrepublik Deutschland 1968 - 1976“. Da Langguth in beiden Werken seinen wissenschaftlichen Fokus bewusst auf spezielle Facetten der 68er lenkt, vermitteln beide Werke leider keinen umfassenden Überblick über die historischen Grundlagen. Trotzdem stellen beide Werke im Hinblick auf ihre Fragestellungen, zum einen die Entwicklungen der Studentenbewegung nach ihrem ‚Höhepunkt’ 1968 und zum anderen die Gewalt- philosophie Dutschkes und des SDS sowie die Folgen der Bewegung, wichtige literar- ische Grundlagen für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema dar.

Auch Wolfgang Kraushaar hat sich in einer Vielzahl von Publikationen mit den 68ern beschäftigt. Genannt werden soll an dieser Stelle stellvertretend seine Protest-Chronik, welche detaillierte Ausführungen zu den Jahren 1949 bis 1959 bereit hält. Ebenfalls Erwähnung soll an dieser Stelle noch das 2007 bei Metzler erschienene „Handbuch 1968 zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung“ von Martin Klimke und Joachim Scharloth finden. Hinsichtlich der Erforschung der 68er stellt es eine höchst interessante Sammlung von wissenschaftlichen Aufsätzen dar. Die Beiträge der Autoren repräsentieren daher im Bezug auf die medien- und kulturgeschichtliche Erforschung der Studentenbewegung den aktuellen Stand der Forschung. Die Quellenlage zu den 68ern präsentiert sich als wahres Füllhorn für die unterschied- lichsten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen. Hervorgehoben werden sollen hier insbesondere die Quellensammlungen „Die Revolte“ von Freimut Duve, „Das Leben ändern, die Welt verändern“ von Lutz Schulenburg und „1968 Eine Enzyklopädie“ von Rudolf Sievers. Alle drei Herausgeber versammeln in ihren Publikationen eine immense Auswahl von Materialien, angefangen von Interviews, Aufsätzen, Erklärungen bis hin zu Abbildungen und Briefwechseln, die zur Hermeneutik der 68er mehr als nur hilfreich sind. Auch die von Gretchen Dutschke veröffentlichte Biographie über Rudi Dutschke vermittelt viele interessante und für das Gesamtverständnis bedeutsame Informationen. Abgerundet wird die umfangreiche Quellenlage durch eine schier unüberschaubare Anzahl an Zeitungsartikeln, Hörfunkmitschnitten und Filmaufnahmen zu den Ereignissen - allerdings sollten die Veröffentlichungen von Presse, Rundfunk, außerparlamentarischer Opposition und von der Studentenbewegung selbst nur mit einer für historische Quellen unverzichtbaren Vorsicht zur Kenntnis genommen werden, da hier leider grundsätzlich keine objektive Berichterstattung vorausgesetzt werden darf. Nichtsdestotrotz ermöglichen alle vorliegenden Quellen in Verbindung mit der Sekundärliteratur heute eine spannende und anschauliche Auseinandersetzung mit diesem überaus wichtigen Kapitel westdeutscher Nachkriegsgeschichte.

2. Die Vorläufer: Die Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland

Die Protestaktionen der Achtundsechziger fanden rund 20 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland statt. Auch wenn sich damals die noch junge und unerfahrene Demokratie in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach außen hin relativ schnell und erfolgsversprechend entwickeln konnte, war die demokratische Elite im Lande noch keineswegs gefestigt.4 Zwar präsentierten sich die Deutschen im Nachkriegsdeutschland als äußerst aufbauwillig, weshalb die massiven Kriegsschäden relativ schnell beseitigt werden konnten, auf geistiger Ebene zeigten sie jedoch alles andere als einen echten Aufarbeitungswillen.5 Das schwere Erbe des Zweiten Weltkrieges sorgte bei weiten Teilen der Bevölkerung vielmehr zu einer regelrechten Entpolitisierung, unverkennbaren restaurativen Tendenzen6 und einer aus dem Wiederaufbau resultierenden Hinwendung zu einem materialistisch orientierten Effizienz- denken. Zudem muss auch das Fehlen einer demokratischen Tradition konstatiert werden, das alles in allem ein normatives Defizit in der Einstellung zur Demokratie bei weiten Teilen der jungen Nachkriegsgeneration bewirken musste.7

Zwar waren viele Anhänger der Protestbewegung subjektiv davon überzeugt, dass sie durch ihre Beteiligung an den Demonstrationen dem Gedanken der Demokratie nutzten, allerdings führte das demokratische Traditionsdefizit nicht selten auch zu vagen Vor- stellungen und Interpretationen bestimmter im Grundgesetz festgeschriebener Formen der Demokratie. Abseits der Entpolitisierung weiter Teile der Bevölkerung sorgten aber noch weitere Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland für einen ‚Nährboden’, auf welchem die Protestbewegung ideale Wachstumsbedingungen finden sollte: Hierzu zählten neben dem wachsenden Unmut über die Rückkehr alter Eliten des Dritten Reiches in politische und gesellschaftliche Ämter der BRD8 auch das Unverständnis über die Verbindung von bildungsbürgerlicher Kunstemphase bei gleichzeitiger Verdrängung der erlebten Barbarei9 sowie der wachsende politischen Einfluss der „Gruppe 47“ um Alfred Andersch, Walter Kolbenhoff und Hans Werner Richter.10

Berücksichtigt man die skizzierten Rahmenbedingungen11 der 1950er und 1960er Jahre, so wird schnell klar, dass es sich bei den Achtundsechzigern keineswegs um eine spontane Protestbewegung gehandelt haben kann. Vielmehr haben die gesellschaftlichen und sozialen Lebensumstände selbst die Grundlagen für ihren radikalen Wandel gelegt. Einen Wandel, der in den Folgejahren durch verschiedene Schlüsselereignisse auf nationaler wie internationaler Ebene vorangetrieben wurde und in Deutschland schließlich in den Ereignissen der Jahre 1967 und 1968 kulminierte.

2.1 Die Krise an den deutschen Hochschulen

Nach der deutschen Kapitulation im Jahr 1945 war der Reformbedarf an den hiesigen Hochschulen ein offenes Geheimnis. Bereits 1948 hatte der „Studienausschuss für Hoch- schulreform“ im Auftrag des britischen Militärgouverneurs festgestellt, dass die „heutige Hochschule mit der sozialen Umschichtung unserer Zeit nicht Schritt gehalten hat“12. Um sie zukünftig gegen eine politische Unterwerfung, wie im Dritten Reich durch Professoren und Studenten geschehen, zu schützen, sollte das deutsche Unterrichtswesen nicht nur einer stetigen Kontrolle unterstellt werden, auch sollten „nationalsozialistische und militärische Doktrinen ausgeschlossen“, um die erfolgreiche „Herausbildung demokrat- ischer Ideen“ zu ermöglichen.13 Doch alle noch so hehren Reformziele sollten nicht wirklich zum Tragen kommen. Zum einen hielt die Erfahrung mit dem gerade zusammengebrochenen Dritten Reich und der Korrumpierung vieler Wissenschaftler durch den Nationalsozialismus viele Hochschullehrer in der politischen Defensive, zum anderen besaß die Lösung der materiellen Probleme der Hochschulen ohnehin höchste Priorität. Deshalb ist es verständlich, dass die Zeit zwischen 1946 und 1966 als „zwei Jahrzehnte der Nichtreform“14 wahrgenommen wurden. Hinzu kam zudem das Problem steigender Studentenzahlen15, was dazu führte, dass sich die Studienbedingungen immer weiter verschlechterten und erste studentische Reformvorschläge wie die 1961 erschiene Denkschrift „Hochschule in der Demokratie“16 des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS)17 und 1962 das Grundsatzdokument „Studenten und die neue Universität“18 des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) zur Hochschulreform zu Tage brachte. So waren es die Studenten selbst, die, aufgerufen durch den Reformstau und die schlechten Zustände an den Universitäten, nach Jahren der Ignoranz das seit 1945 schwelende Problem wieder an die Öffentlichkeit brachten.19 Nachdem die studentischen Organisationen, allen voran SDS und VDS, die Hochschulreform für sich ‚entdeckt’ hatten, sollten sie das Thema auch in den Folgejahren nicht mehr aus den Augen verlieren. Abseits der politisch engagierten Studentengruppen waren viele Studenten anfangs nicht bereit, sich den Revolutionsideen des SDS anzuschließen. Themen wie Notstandsgesetze, Vietnam und Imperialismus lockten nur wenige Studenten zu den Protestzügen auf die Straßen. Um die noch nicht aktivierte Mehrheit zu motivieren, bedurfte es eines Anlasses aus ihrem eigenen Erfahrungsbereich. Dieser bot sich schließlich am 1. Juli 1965, als rund 10 000 Studenten dem Aufruf von Georg Picht zur Bildungskatastrophe folgten und gegen den Bildungsnotstand demonstrierten.20 Mit dem ersten Sit-in an einer deutschen Hoch- schule schlugen die Studenten der FU Berlin im Sommer 1966 ein weiteres neues Kapitel in der Konfrontation mit der Universitätshierarchie auf. Ursache für die neue Protestform, die von Studenten der Universität Berkley übernommen wurde, waren Vorwürfe des Rektors Hans Joachim Liebers gegen den ASTA-Vorsitzenden Knut Nevermann und die Weigerung der Wiedereinstellung von Dr. Krippendorf sowie die Wiedereinsetzung von Prof. Sonheimer.21 Bis tief in die Nacht thematisierten die Studenten die Krise an den Hochschulen. Vor der Auflösung des Sit-ins verabschieden sie eine Resolution, welche die Verbindung von Hochschul- und Gesellschaftsreform erkennbar werden lässt:

„Was hier in Berlin vor sich geht, ist ebenso wie in der Gesellschaft ein Konflikt, dessen Zentralgegenstand weder längeres Studium noch mehr Urlaub ist, sondern der Abbau oligarchischer Herrschaft und die Verwirklichung demokratischer Freiheit in allen gesellschaftlichen Bereichen. Wir wenden uns gegen alle, die den Geist der Verfassung, (…), mißachten, auch wenn sie vorgeben, auf dem Boden der Verfassung zu stehen.“22

Schon dieser kurze Auszug aus der Resolution, welche im Übrigen nicht nur von SDS- Mitgliedern sondern auch von Anhängern des CDU/CSU-nahen „Ring Christlich Demokratischer Studenten“ (RCDS) unterschrieben wurden, macht deutlich, inwiefern bereits zu diesem Zeitpunkt die Ansätze der heraufziehenden Revolte präsent waren. Resolutionen dieser Art sollte es in den Folgejahren immer wieder geben. 1965 und 1966 begann somit nicht nur der Aufstand der Studenten, sondern es setzt auch eine Spaltung der Hochschulangehörigen in zwei Lager ein. Zunächst ging der Riss durch die Studentenschaft, später spaltete sich auch die Professorenschaft in Progressive und Reaktionäre, in Demokraten und Autoritäre.23

2.2. Große Koalition, Studentenbewegung und außerparlamentarische Opposition

Die außerparlamentarische Opposition (APO), die häufig als Synonym mit linken Studentengruppen verwendet wird, hatte zunächst nichts mit den Hochschulen und ihren Problemen nach 1945 im Sinn. Ihr Widerstand richtete sich vielmehr gegen die Wieder- bewaffnung der Bundesrepublik Deutschland, gegen die Einbeziehung in das westliche Lager und die Atombewaffnung.24 Auch hinsichtlich der Notstandsgesetzgebung25 organisierte die APO seit 1960 einen öffentlichen Widerstand.26 Dies alles geschah zwar nicht unter Ausschluss der Studenten, fand meist jedoch außerhalb des Hochschulbetriebes statt. Im Nachhinein lassen sich aber bereits Ende der 1950er Jahre klare Anzeichen dafür finden, dass der Konflikt zwischen Studenten und politischen Vertretern kommen würde, da sich die Studenten zunehmend auch für ihre politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen außerhalb der Universitäten einzusetzen begannen. So fand etwa im Januar 1959 an der Freien Universität Berlin (FU) ein „Studentenkongress gegen Atomrüstung“27 und im Juli ein Forum zum Thema „Kein Krieg mehr“28 statt.

Schon die ersten Pläne zur Bildung der großen Koalition zwischen CDU/CSU und SPD waren bei der APO und einer Vielzahl von Studenten auf Ablehnung und Protest gestoßen. Insbesondere die linken Flügel der Sozialdemokratie hatten sich sofort gegen ein solches Verhalten engagiert. Als die Pläne schließlich 1966 Realität wurden, schlug sich der Protest unmittelbar in Aktionen in zahlreichen Städten29 nieder. Im Rahmen der APO- Demonstrationen hatten die Studenten schon vor 1966 ihre Protestbereitschaft unter Beweis gestellt: 1964 kam es insbesondere in Westerlin zu den ersten Studenten- demonstrationen30 bei denen es erstmals auch zur direkten Konfrontation mit der Polizei kam. Für viele Studenten, darunter auch Rudi Dutschke, war dies eine Art Schlüssel- erlebnis: „Da haben wir schlagartig mehr gelernt, als in zig theoretischen Diskus- sionen“.31 Auch wenn es falsch wäre, diese erste Demonstration mitsamt ihren Aus- schreitungen als Ursache für die Ereignisse der kommenden Jahre zu sehen, zeigte sie dennoch die Veränderung der studentischen Protesttaktik.32

[...]


1 Timm, Uwe: Heißer Sommer. 6. Aufl., München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007, S. 191.

2 Filmbeitrag „Ich hab’ noch einen Koffer aus Berlin“ von Werner Doyé, ausgestrahlt am 1. September 1993 im ZDF, wiederholt in „Phoenix“ am 23. Mai 1998 und zuletzt am 20. Juni 2001. Alexander Göbel hat die Mythologisierung der 68er im April 2002 im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung in seinem Arbeits- papier „Zwischen Mythos und Medienwirklichkeit - Eine Analyse der Darstellung und Vermittlung von ‚1968’ und den Folgen im Fernsehen“ untersucht. Vgl.: http://www.kas.de/db_files/dokumente /arbeitspapiere/7_dokument_dok_pdf_344_1.pdf [abgefragt am 9. 8. 2007].

3 Wie aus der Bibliographie ersichtlich, bilden eine Vielzahl von Arbeiten die Grundlage für diese Arbeit. Aus quantitativen Gründen kann hier leider nur kurz auf einige wichtige Publikationen eingegangen werden.

4 An dieser Stelle soll kein Pauschalurteil über das Verhalten der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg gefällt werden. Grundlage für diese Feststellung sind vielmehr die Ergebnisse wissenschaftlicher Publikationen und zu dem Schluss kommen, dass die Mehrheit der Deutschen die Geschehnisse des Dritten Reiches und die Kriegsschuld verdrängten und nicht an einer Aufarbeitung interessiert waren. Vgl.: Langguth, Gerd: Mythos `68. Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke - Ursachen und Folgen der Studentenbewegung. München: Olzog Verlag 2001. S.91 f.; Ruhl, Klaus-Jörg: Neubeginn und Restauration. Dokumente zur Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945 - 1949. Originalausgabe. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1982, S. 271 ff.; Meusch, Matthias: Von der Diktatur zur Demokratie. Fritz Bauer und die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Hessen (1956 - 1968). Wiesbaden: Historische Kommission für Nassau, 2001, S. 372 f.

5 Erkennbar wurde das Phänomen u.a. im Verlauf der Prozesse gegen NS-Verbrecher. So resümierte der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, dass die Aufarbeitung der Verbrechen in den 1950er und 1960er Jahren nur schleppend vorankam und der damit verbundene Demokratisierungsprozess in Deutschland noch defizitär war. S. 372.

6 Vgl.: Ruhl: S. 7; Arnold, Heinz Ludwig: Die Gruppe 47. Edition Text und Kritik. Sonderband. 3., überarbeitete Auflage. München: Richard Boorberg Verlag, 2004, S. 27.

7 Vgl.: Langguth, Gerd: Die Protestbewegung in der Bundesrepublik Deutschland 1968 - 1976. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik, 1976, S. 30.

8 Hannah Arendt beschrieb diese Entwicklungen 1950 als „Wiedereinführung der freien Marktwirtschaft mit der Übergabe von Fabriken an alte Eliten“ und bezeichnete die BRD sinngemäß als ein „Schauspiel“, bei dem „NS- Generäle und NS-Richter noch immer im Amt sind“. Zitiert nach: Bollenbeck, Georg: Restaurationsdiskurse und die Remigranten. Zur kulturellen Lage im westlichen Nachkriegsdeutschland. In: Irmela von der Lühe, Claus- Dieter Krohn (Hg.): Fremdes Heimatland. Remigration und literarisches Leben nach 1945. Göttingen: Wallstein Verlag, 2005. S. 17-38. Umstritten war etwa 1953 die Berufung des einstigen Mitkommentators der Nürnberger Gesetze Hans Globke zum Staatssekretär durch Bundeskanzler Adenauer. Vgl.: Langguth: Mythos´68: S. 91 f. Beispielhaft genannt werden könnten an dieser Stelle aber auch viele Journalisten, die in der deutschen Presse nach 1945 rasch wieder einflussreiche Positionen einnahmen: Genannt seien beispielsweise Walter Henkels, Robert Schmelzer, Henri Nannen, Carola Stern u.a. Weniger bekannt ist zudem die Tatsache, dass auch in der DDR ideologische Kehrtwendungen stattgefunden haben. So wurde etwa aus dem Hauptschriftleiter Curt Herwarth Ball des völkisch-antisemitischen Hetzorgans ‚Hammer’ und Mitarbeiter des ‚Schwarzen Korps’ der Chefredakteur der ‚Nationalzeitung’ der DDR. Zitiert nach Rheinischer Merkur, Nr. 7, 12. Februar 1988, S. 15.

9 So wunderte sich etwa Adorno über die „geistige Beflissenheit“ der Deutschen zur Kultur, während abseits davon die Barbarei vertuscht werden soll. Zitiert nach: Bollenbeck, Georg: Nation, Volk, Staat. Die Wiederbelebung alter Kameraden aus dem semantischen Inventar der deutschen Rechten. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 7/1994. S. 823-833.

10 Zuerst war ein erklärtes Ziel der Gruppe 47 die Förderung von Autoren der noch jungen deutschen Nachkriegsliteratur. Ein weiteres Ziel war die Aufklärung und Erziehung zur Demokratie der Menschen in Deutschland nach dem Hitlerregime. Vgl.: Kröll, Friedhelm: Gruppe 47. Stuttgart: Metzler, 1979, S. 16 ff.

11 Vgl. hierzu auch die Thesen zur Entstehung der Studentenbewegung von Langguth in Mythos `68, S. 91 ff.

12 Vgl.: Göbel, Uwe: Die Studentenbewegung und ihre Folgen. Die politische Situation an den Hochschulen zwischen 1967 und 1977. Beiträge zur Gesellschafts- und Bildungspolitik, 23. Köln: Deutscher Instituts-Verlag, 1977, S. 7.

13 Vgl.: Bauß, Gerhard: Die Studentenbewegung der sechziger Jahre in der Bundesrepublik und Westberlin. Handbuch. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, 1977, S.224.

14 Vgl. Robinsohn, Saul B. und Kuhlmann Casper: Two Decades of Nonreform in Westgerman Education. Comparative Education Review, Bd. 11, Heft 3, Oktober 1967.

15 Zwischen dem Wintersemester 1952/53 und dem Wintersemester 1962/63 waren die Studentenzahlen um 120 Prozent gestiegen. Vgl. Bauß: S. 228.

16 Hochschule in der Demokratie. Denkschrift des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. 2. Auflage Frankfurt am Main: 1965.

17 Für weitere Informationen zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund muss aus quantitativen Gründen an dieser Stelle auf die detaillierten Ausführungen von Gerd Langguth verwiesen werden. Vgl.: Langguth: Mythos ´68, S. 19 & S. 41 ff.

18 Autorenkollektiv: Studenten und die neue Universität. Gutachten einer Kommission des Verbandes Deutscher Studentenschaften zur Neugründung von Wissenschaftlichen Hochschulen. 2. Auflage, Bonn: 1966.

19 „Trotz der weitläufigen Reformrhetorik sind die einzigen umfassenden Konzeptionen für Hochschulen (…) von Studenten ausgearbeitet worden.“ Vgl.: Habermas, Jürgen: Studentenprotest in der Bundesrepublik; in: ders.: Protestbewegung und Hochschul-reform, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1969, S.153 ff., hier S. 159.

20 Vgl.: Mosler, Peter: Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte - zehn Jahre danach. Neuausgabe. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag, 1998, S. 261.

21 Vgl.: Göbel: S. 14.

22 Zitiert nach: Göbel: S. 14 f.

23 Vgl.: Göbel: S. 16.

24 Bereits 1958 fanden so z.B. die ersten Ostermärsche der Atomwaffengegner statt. Vgl.: Göbel: S. 11.

25 Vgl.: Kapitel 2.3.

26 Vgl.: Göbel: S. 10 f.

27 Informationen entnommen von der Homepage der Freien Universität Berlin: http://web.fu-berlin.de/ chronik/chronik_1949-1960.html#1959. [abgefragt am 22. 8.2007].

28 Informationen entnommen von der Homepage der Freien Universität Berlin: http://web.fu-berlin.de /chronik/chronik_1949-1960.html#04-07-1959. [abgefragt am 22. 8.2007].

29 Göttingen, München, Marburg, Westberlin, Hamburg und Freiburg. Vgl.: Bauß: S. 32.

30 Am 11. Juni 1964 protestierten 2000 FU-Studenten gegen die Wiederwahl Heinrich Lübkes zum Bundespräsidenten. Am 18. Dezember 1964 führte der SDS gemeinsam mit anderen Studentengruppen eine Demonstration gegen den Besuch des kongolesischen Ministerpräsidenten Tschombée durch. Vgl.: Göbel: S. 12.

31 Dutschke spielte in dem Sterninterview darauf das Solidaritätserlebnis an, als 800 Menschen gleichzeitig einen Regelverstoß begannen und Tschombée mit Tomaten bewarfen. Vgl.: Lutterbeck, Claus: 10 Jahre danach. In: Stern Nr. 44, 1977.

32 „Beim Kampf für den Sozialismus schließt der SDS die Anwendung von Gewalt nicht aus. Sie darf sich allerdings nur gegen Institutionen, Behörden, Sachen, nicht gegen Menschen richten.“ Vgl.: Weigt, Peter: Revolutions-Lexikon. Taschenbuch der außerparlamentarischen Opposition. Frankfurt/Main: Bärmeier & Nickel, 1968, S. 53 f.

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Details

Titel
Die 68er Bewegung. Eine politisch historische Auseinandersetzung
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Die 68er – ein kulturwissenschaftliches Projekt
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
37
Katalognummer
V86871
ISBN (eBook)
9783638901079
ISBN (Buch)
9783638905985
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bewegung, Eine, Auseinandersetzung, 68er, deutsche Geschichte, Rudi Dutschke, RAF, APO, Große Koalition, Studentenbewegung
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Marco Hadem (Autor), 2007, Die 68er Bewegung. Eine politisch historische Auseinandersetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86871

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