Zu: Thomas Campanella „Der Sonnenstaat“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Biographie und historischer Hintergrund des Autors

3 Zu Campanellas Werk „Sonnenstaat“
3.1 Das äußere Bild der Stadt
3.2 Die Behörden und ihre Aufgaben
3.3 Die gesellschaftliche Ordnung der Bewohner der Stadt
3.4 Die Innenpolitik (Rechtswesen)
3.5 Die Außenpolitik (Kriegswesen)
3.6 Die Religion und die Astrologie

4 Ist der Sonnenstaat wirklich ein Idealstaat?

5 Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Fast jeder Mensch macht sich im Laufe seines Lebens einmal Gedanken über seine momentane Lebenssituation und wünscht sich eine Verbesserung bzw. konstruiert sich ein Bild von einem idealen Staat. Schriftlich verfasste Utopien gab es schon sehr früh.

Wird der Blickwinkel auf jene literarischen Werke eingeschränkt, welche eine Sozialutopie exponieren, lassen sich im Durchgang durch die Literaturgeschichte folgende Sachverhalte feststellen: Die Geschichte der Utopie läuft keineswegs parallel zu der ihres Begriffs. Das Phänomen ist über 2000 Jahre alt. Platons Politeia (423-347 v. Chr.) gilt als erste rational durchkonstruierte Utopie. Der Terminus Utopie indessen tritt erstmals im Jahr 1516 bei Sir Thomas More auf und leitet sich aus den griechischen Wortbestanteilen ou, d.h. nicht, und topos ab und heißt somit übersetzt soviel wie „Nicht-Ort“ bzw. „nirgendwo“.[1] Utopia ist demnach als Erfindung bzw. Fiktion verständlich. Da das Präfix ou im Englischen wie eu ausgesprochen wird ist eine Doppeldeutigkeit zu erkennen, denn Eutopia heißt Gut-Ort.[2]

Dieser Doppelaspekt kennzeichnet überhaupt die Geschichte der Utopie: Das ideale Gemeinwesen wird in Form einer literarischen Fiktion präsentiert.[3]

Seit der Veröffentlichung von Mores Utopia war dieser Titel dazu ausersehen, mehr oder weniger unterschiedslos literarische Werke aller Zeiten zu subsumieren, die in Dialogform, als Roman oder auf ähnliche Weise versuchen, eine Gesellschaft oder ein Staatswesen auszumalen, das von menschlichen Unvollkommenheiten frei ist.[4]

Der Begriff der Utopie hat sich aber mit der Zeit verändert. Heute verwenden ihn Wissenschaftler, Journalisten, Politiker u.a. und es wird ihm eine neue Bedeutung verliehen.[5]

Nach Platon gilt neben Morus’ Utopia Campanellas Sonnenstaat (Civitas solis) zu einer der einflussreichsten Utopien der abendländischen Tradition.[6]

Der Einfluss Campanellas auf die nachfolgende Politik war groß und zeigt sich unter anderem darin, dass der französische König Ludwig XIV. als Sonnenkönig bezeichnet wurde:

„Bezeichnenderweise hat er [Campanella] noch die Widmung seiner 1637 neu erschienenen Schrift „De sensu rerum et magia“ an Richelieu mit messianischem Anspruch beschlossen, nicht mit höfischer Schmeichelei: „Der Sonnenstaat, der von mir entworfene, von dir zu errichtende“; - in dieser hochmütigen Hoffnung begrüßt Campanella auch die Geburt des nachmaligen Ludwig XIV., des später wirklich so genannten Sonnenkönigs.“[7]

In dieser Arbeit soll die Staatsutopie „ Der Sonnenstaat“ von Tommaso Campanella beleuchtet werden. Da die meisten Autoren von ihrer persönlichen Position stark beeinflusst sind und die historische Situation als Grundlage für viele ideale Gesellschaftskonzeptionen, für Utopien, genutzt wurden, soll erst ein kurzer Exkurs zur Biographie des Autors erfolgen. Anschließend soll der Sonnenstaat als Reaktion auf die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zustände dieser Zeit thematisiert werden. Im Punkt drei erfolgt eine Aufschlüsselung des Werkes in sechs Abschnitte zur näheren Beleuchtung der Staatsutopie.

Beendet wird diese Arbeit mit der Frage, ob der Sonnenstaat wirklich so ideal ist.

2 Biographie und historischer Hintergrund des Autors

Giovanni Domenico wurde 1568 in Stilo, in Kalabrien (Süditalien), als Sohn eines Schusters geboren. Wesentliche Elemente beeinflussten sein Leben entscheidend.

Im 16. und 17. Jahrhundert befindet sich Süditalien im Zustand großer Unruhen. Adel und Geistlichkeit wurden von den Abgaben befreit, aber die erdrückende Steuerlast wurde auf den unteren Schichten der armen Bauern ausgetragen. Das Königreich Neapel musste an Philipp II. von Spanien riesige Summen von „Schenkunken“ abgeben. In dieser Atmosphäre wächst Campanella heran und entwickelt einen Hass gegen die politische und soziale Unterdrückung seiner Heimat. Er wurde so zum politischen Kämpfer.[8]

Aber auch die katholische Kirche beeinflusste Campanella maßgeblich. In frühen Jahren erhält er Unterricht von einem Dominikanerkatecheten. Als er 15 Jahre war, trat er in den Konvent der Dominikaner von Placanica ein. Hier erhielt er auch den Klosternamen Tommaso, Thomas. In dieser Zeit studierte er viele theologischen und philosophischen Werde. Ihn zeichneten eine rasche Auffassungsgabe und ein großes Talent in der Disputation aus. Mit seinem gesammelten Wissen setzte er sich mehr und mehr kritisch mit dem scholastischen Lehren auseinander.[9]

Campanella kämpft um eine Erneuerung der Wissenschaften aus erneuerten Prinzipien heraus, um die Erkenntnis der Wahrheit zum Wohle der Menschheit. Seine Ideen hielt er in zahlreichen Schriften fest.

Diese geben „Einblicke in die Streubreite der Probleme, die ihn faszinierten: Es enthält ontologische, erkenntnistheoretische und ethische Fragen ebenso wie theologische Probleme, er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie und Geschichte, und dazu kommen mathematisch-physiologische und vor allem astronomische und astrologische Erörterungen.“[10]

„Zur wirklichen Erkenntnis der Dinge“ verhelfen Campanella die Schriften von Bernardino Telesio, die er in seinen Jahren in den kalabrischen Dominikanerklöstern studierte.

Er war von seinen Ideen begeistert. Telesio war der Ansicht, dass die Konstruktion der Welt auf Sinneswahrnehmung gegründet und die Natur nach Dingen selbst erkannt werden müsse. Campanella wird der Kontakt zu Telesio untersagt, da dieser der Ketzerei beschuldigt wird.[11]

Campanella wünschte sich eine Welt als einen Vernunftstaat Gottes. Der Mensch sollte dabei als Werkzeug ihrer Verwirklichung dienen. Seine Lebensaufgabe sah er in dem Kampf gegen die Mängel der bestehenden Ordnung, für eine neue Welt der Gleichheit und Gerechtigkeit. Campanella geriet durch seine pantheistischen Ideen und den u.a. 1598 geplanten Aufstand aber unweigerlich mit den geistlichen und weltlichen Mächten in Konflikt. Auch er wurde aus der Sicht der Kirche zum Ketzer. Mehrfach wurde Campanella deshalb ins Gefängnis gesteckt und der Folter unterzogen. Viele Jahre seines Lebens verbrachte er im Gefängnis. Erst gegen Ende wird er entlassen. In seiner Gefangenschaft schrieb er auch zahlreiche Werke, darunter seine besten Sonette und auch seine Utopie Sonnenstaat.

„Die allgemeine Haltung in Campanellas politischen Werken nach der dramatischen Verhaftung im Jahre 1599 geht von anarchistisch geprägtem Messianismus zu theoretischen und absolutistischen Sympathien, wobei er sich allmählich dem Traum einer vom Papst geleiteten Weltregierung annähert.“[12]

Bei Campanellas Werk Sonnenstaat handelt es sich um die Darstellung einer idealen Gesellschaftsordnung. Die Utopie enthält aber auch gesellschaftskritische Züge. Campanella übt schonungslose Kritik an der bestehenden Gesellschaftsordnung.

Die Epoche der Renaissance (14.-16) war die größte progressive Umwälzung, die die Welt bis dahin gesehen hatte. Diese gigantische Umwälzung hatte aber zwei Gesichter. Durch die Auflösung der alten feudalen Gesellschaftsstrukturen und der Herausbildung einer neuen, bürgerlich-kapitalistischen Ordnung entwickelten sich Glanz und Elend gleichermaßen. Kein Gebiet des gesellschaftlichen Lebens bleibt davon unberührt.

Das wohl augenfälligste Anzeichen des Übergangs von der feudalen zur kapitalistischen Produktionsweise war die Abschaffung der Naturalwirtschaft, die durch die Geldwirtschaft ersetzt wurde.[13]

Campanella kritisierte u.a. in seiner Zeit die ungerechte Verteilung der Arbeit. Während Handwerkerberufe verachtet wurden, galten diejenigen als edel,

„die kein Handwerk erlernen, untätig daherleben und eine Menge Sklaven zur Muße und zu ihrem Vergnügen halten; daraus gehen dann auch wie aus einer Schule des Lasters Scharen von Taugenichtsen und Übeltätern zum Verderben des Staatswesen hervor.“[14]

Campanella verpönt die falschen, die inhumanen Wertmaßstäbe des gesellschaftlichen Lebens. Dies kann man unter anderem erkennen, wenn berichtet wird, das z. B. von den 70000 Einwohnern in Neapel kaum 10000 oder 15000 arbeiten: "Diese kommen durch übermäßige, andauernde, tägliche Arbeit herunter und gehen zu Grunde."[15] Aber nicht nur diese armen Arbeiter, sondern auch die Reichen sind zum Niedergang verurteilt,

"und zwar durch Faulheit, Geiz, körperliche Gebrechen, Ausschweifung, Wucher usw. Dabei verführen und verderben sie den größten Teil des Volkes, indem sie es in Armut und knechtischer Kriecherei halten und die eigenen Laster auf es übertragen.“[16]

Die Folgen der „harten Arbeit“ und des Reichtums wären eine Schwächung der Wirtschaftskraft und der äußeren Sicherheit des Gemeinwesens. Feldarbeit, Kriegsdienst und Handwerk werden nur von einigen wenigen und mit Widerwillen erledigt. Das politische System des Frühabsolutismus würde an dieser Krise zugrunde gehen, denn es konzentriere die politische Macht in ungebildete Männer, die

„lediglich deswegen für geeignet gehaltet [werden], weil sie von Fürsten abstammen oder von der gerade herrschenden Partei gewählt wurden.“

In Campanellas Sonnenstaat gibt es aus diesen Gründen die Schicht des Adels mit seinen Bediensteten und die des Klerus nicht. Bei ihm werden alle in den Arbeitsprozess einbezogen, auch die Körperbehinderten. Alle haben entsprechend ihren Fähigkeiten eine Arbeit zu verrichten. Die durch das Alter geschwächten Personen stehen aber nur noch zur Beratung zur Verfügung.

Campanella steht auf der Seite des Volkes und er weiß sich als sein Fürsprecher.

Erst 1628/1629 erlangt der bereits sechzigjährige nach dreißig Jahren in Gefangenschaft die volle Freiheit. Da Campanellas frühere Famulanten und sein Bruder aber bei einer Verschwörung gegen den Vizekönig von Neapel tätig waren, geriet auch er unter Verdacht. Er musste nach Marseille flüchten. In Frankreich wird Campanella als berühmter Philosoph und Opfer der spanischen Tyrannei geehrt. Seine letzte Stätte wurde Paris, wo er im Dominikanerkloster St. Jacob in der Rue St. Honoré zurückgezogen lebte und am 21.Mai 1639 verstarb.[17]

[...]


[1] Vgl. Neusüss 1986, S. 113

[2] Vgl. Berghahn u.a. 1986, S. 7

[3] Berghahn u.a. 1986, S. 7

[4] Vgl. Neusüss 1986, S. 113

[5] Vgl. Berghahn u.a. 1986, S. 7

[6] Vgl. Lars Gustafsson in: Berghahn u.a. 1986, S. 44

[7] Bloch 1982, S. 608

[8] Vgl. Rosemarie Ahrbeck 1977, S. 67

[9] Vgl. Rosemarie Ahrbeck 1977, S. 67-68

[10] Rosemarie Ahrbeck 1977, S. 70

[11] Vgl. Rosemarie Ahrbeck 1977, S. 71

[12] Lars Gustafsson in: Berghahn u.a. 1986, S. 44

[13] Rosemarie Ahrbeck 1977, S. 27

[14] Campanella in: Heinisch 1960, S. 125-126

[15] Campanella in: Heinisch 1960, S. 136

[16] Campanella in: Heinisch 1960, S. 136

[17] Vgl. Rosemarie Ahrbeck 1977, S. 73-82

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Zu: Thomas Campanella „Der Sonnenstaat“
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V86928
ISBN (eBook)
9783638029230
ISBN (Buch)
9783638928380
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Campanella, Sonnenstaat“
Arbeit zitieren
Andrea Lohse (Autor:in), 2007, Zu: Thomas Campanella „Der Sonnenstaat“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86928

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