Der moderne Nationalstaat, wie er sich zunächst in Europa seit dem Mittelalter entwickelt hat, ist in den letzten Jahren als zentrales Ordnungsmodell internationaler Politik in Bedrängnis geraten. Das von Max Weber als konstituierendes Merkmal moderner Staatlichkeit beschriebene „Monopol des legitimen physischen Zwanges“ wird inzwischen vor allem in einigen Entwicklungsregionen in Afrika, aber auch in Zentralasien und Südamerika in Frage gestellt. Das Phänomen fragiler Staatlichkeit, zerfallender Staaten und, im Extremfall, von Staatskolaps ist zwar nicht neu, doch hat der Zerfall und Zusammenbruch von Staaten in den interntionalen Beziehungen und der vergleichenden Politikwissenschaft erst seit Anfang der 90er Jahre verstärkt Beachtung gefunden. Während man früher Staatenzerfall als humanitäres Problem ansehen konnte, stellen gescheterte Nationalstaaten heute ein globales Problem dar, welches weit über die rein humanitäre Dimension hinausgeht und vor allem Fragen der Sicherheitspolitik betrifft.
Westafrika gehört zu den Regionen, in denen sich eine besonders hohe Zahl von schwachen oder gar kollabierten Staaten befindet. Trotzdem wird der Staatenzerfall in diesem Teil der Welt von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Staatenzerfall in Ländern wie der Elfenbeinküste, Liberia oder auch Sierra Leone finden fast unter Ausschluss der internationalen Öffentlichkeit statt und wird allenfalls als regionales Problem gesehen.
Was sind die Ursachen für den Staatenzerfall in Sierra Leone, und welche Faktoren begünstigten die zunehmende Erosion der Staatlichkeit in Sierra Leone, die schließlich im Bürgerkrieg von 1991 bis 2002 kumulierte? Diese Fragen wird versucht im Rahmen der vorliegenden Arbeit zu beantworten. Meine These lautet, dass sich Staatenzerfall nicht mit einem singulären Faktor erklären lässt, sondern ein ganzes Bündel von endogenen und exogenen Faktoren als Erklärung herangezogen werden muss. Die Hauptgründe für den Zerfall eines Staates sind meiner These nach in innergesellschaftlichen Ursachen und letztlich bei den politischen Akteuren der jeweiligen Region zu suchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Staatskonzepte
2.1. Soziologische Staatstheorie von Max Weber
2.2. Juristische Staatlichkeit – der Staat im Völkerrecht
2.3. Sicherheit, Wohlfahrt, Legitimität – die drei Kernfunktionen von Staatlichkeit
3. Theorien zum Staatszerfall
3.1. Das Konzept des Neopatrimonialismus
3.2. Renos Konzept des afrikanischen Staates als „shadow state“
3.3. Wallensteens Konzept der „under-consolidated“ und „over-extended states“
3.4. Zartmans Extremfall des „collapsed state“
3.5. Indikatoren von Staatenzerfall bei Baker/Ausnik, Norton/Miskel und der „State Failure Task Force“
3.6. Synthese: Indikatoren von Staatenzerfall im Fallbeispiel Sierra Leone
3.7. Münklers Konzept der Neuen Kriege
4. Der Staat in Afrika
5. Überblick über die geschichtliche Entwicklung Sierra Leones nach der Unabhängigkeit
5.1. Die Entwicklung Sierra Leones von der Unabhängigkeit bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges
5.2. Die Entwicklung Sierra Leones von Beginn des Bürgerkrieges 1991 bis zu den Wahlen 2002
6. Begünstigende Faktoren von Staatszerfall und Bürgerkrieg in Sierra Leone auf internationaler Ebene
6.1. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone als Spill-over-Effekt des Konflikts in Liberia?
6.2. Der Einfluss Nigerias und der ECOMOG
6.3. Die UN-Mission UNAMSIL als Stabilitätsanker für einen fragilen Frieden?
6.4. Zwischenfazit: Bewertung der äußeren Einflussfaktoren
7. Strukturfaktoren auf nationaler Ebene
7.1. Demographische Faktoren und die Verknappung von natürlichen Ressourcen
7.2. Cleavages innerhalb der Gesellschaft Sierra Leones
7.3. Das koloniale Erbe – „Ruling through traditional chiefs“
7.4. Der illegale Diamantenhandel als Quelle des Konflikts?
7.5. Zwischenfazit: Bewertung der Strukturfaktoren auf nationaler Ebene
8. Prozessfaktoren von Staatszerfall und Bürgerkrieg in Sierra Leone auf nationaler Ebene
8.1. Die Etablierung neopatrimonialer Strukturen
8.2. Der Aufbau eines Schattenstaates unter Siaka Stevens
8.3. Reformversuche unter Momoh
8.4. Wirtschaftliche und sozialen Folgen des Verfalls staatlicher Strukturen
8.5. Zwischenfazit: Bewertung der Privatisierung staatlicher Funktionen durch Stevens und Momoh
9. Der Bürgerkrieg als letzter Anstoß zum Kollaps der staatlichen Strukturen
9.1. Die Entstehung der RUF
9.2. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone – vom Groll zur Gier?
9.3. Andere Akteure während des Bürgerkrieges
9.4. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone als Neuer Krieg?
9.5. Zwischenfazit
10. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen des Staatenzerfalls und des Bürgerkriegs in Sierra Leone im Zeitraum von 1991 bis 2002. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage verfolgt, welche endogenen und exogenen Faktoren zur Erosion der staatlichen Strukturen führten und inwiefern diese Prozesse durch politisches Handeln der Eliten sowie internationale Einflüsse begünstigt wurden.
- Theoretische Grundlagen von Staatlichkeit und Staatszerfall (Neopatrimonialismus, Shadow State).
- Analyse der historischen und sozioökonomischen Entwicklungsbedingungen in Sierra Leone.
- Untersuchung internationaler Einflussfaktoren wie Spill-over-Effekte aus Liberia und die Rolle der ECOMOG/UNAMSIL.
- Bewertung nationaler Struktur- und Prozessfaktoren, insbesondere der Privatisierung staatlicher Funktionen.
- Evaluation des Bürgerkriegs unter Anwendung des Konzepts der „Neuen Kriege“.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Konzept des Neopatrimonialismus
Abgeleitet ist der Begriff des Neopatrimonialismus von Max Webers Herrschaftstypologie. Unter Patrimonialismus versteht Max Weber einen Fall von traditioneller Herrschaft, in dem der Fürst die Ausübung der Regierung über sein Territorium ebenso organisiert wie die Ausübung seiner Hausgewalt, sich also auf einen ihm persönlich verantwortlichen Verwaltungs- und Militärapparat stützt. Eine Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Sphäre existiert im Patrimonialismus nicht. Die persönliche Autorität des Herrschers, der ungebunden durch Gesetze seine Macht durch ihm loyale Klienten durchsetzt, garantiert eine selektive Sicherheit für die Bevölkerung.
Die rational-bürokratische Herrschaft bei Max Weber grenzt sich von dieser Form traditioneller Herrschaft dadurch ab, dass hier eine klare Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre vorgenommen wird. Übertragen auf die afrikanischen Verhältnisse ist Neopatrimonialismus als „personalisierte Machtausübung durch alle gesellschaftlichen Ebenen hindurch“ anzusehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Staatenzerfalls in Westafrika ein und stellt die These auf, dass der Zusammenbruch in Sierra Leone durch ein Bündel an endogenen und exogenen Faktoren erklärt werden muss.
2. Staatskonzepte: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe der Staatlichkeit anhand soziologischer und juristischer Theorien sowie der Kernfunktionen Sicherheit, Wohlfahrt und Legitimität.
3. Theorien zum Staatszerfall: Hier werden theoretische Ansätze wie der Neopatrimonialismus, das Konzept des „shadow state“ und Münklers „Neue Kriege“ zur Erklärung von Staatszerfallsprozessen vorgestellt.
4. Der Staat in Afrika: Dieses Kapitel erörtert die historische Entwicklung und die spezifischen Herausforderungen des postkolonialen Staates in Afrika.
5. Überblick über die geschichtliche Entwicklung Sierra Leones nach der Unabhängigkeit: Eine historische Darstellung der politischen Entwicklung Sierra Leones von der Unabhängigkeit 1961 bis zum Ende des Bürgerkriegs 2002.
6. Begünstigende Faktoren von Staatszerfall und Bürgerkrieg in Sierra Leone auf internationaler Ebene: Untersuchung externer Einflüsse, insbesondere der Auswirkungen des liberianischen Konflikts sowie der Rolle von Nigeria, ECOMOG und UNAMSIL.
7. Strukturfaktoren auf nationaler Ebene: Analyse langfristiger Faktoren wie demografischem Druck, ethnischen Cleavages und dem kolonialen Erbe für die Staatsschwäche.
8. Prozessfaktoren von Staatszerfall und Bürgerkrieg in Sierra Leone auf nationaler Ebene: Untersuchung der Etablierung neopatrimonialer Strukturen und der Privatisierung staatlicher Funktionen unter den Regimes von Stevens und Momoh.
9. Der Bürgerkrieg als letzter Anstoß zum Kollaps der staatlichen Strukturen: Detaillierte Analyse der Entstehung der RUF, des Verlaufs des Krieges und der Transformation der beteiligten Akteure.
10. Resümee: Dieses Kapitel fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und bestätigt die These, dass der Staatenzerfall das Resultat eines komplexen Zusammenspiels innergesellschaftlicher und internationaler Faktoren ist.
Schlüsselwörter
Staatenzerfall, Sierra Leone, Bürgerkrieg, Neopatrimonialismus, Shadow State, RUF, ECOMOG, UNAMSIL, Diamantenhandel, politische Elite, Klientelismus, Konfliktanalyse, fragile Staatlichkeit, Ressourcenfluch, Postkolonialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ursachen für den Zerfall staatlicher Strukturen und den darauffolgenden zehnjährigen Bürgerkrieg in Sierra Leone.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf Theorien zum Staatszerfall, die Analyse neopatrimonialer Herrschaftsstrukturen, die Auswirkungen internationaler Akteure sowie die Rolle ökonomischer Ressourcen wie Diamanten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ein komplexes Bündel aus innergesellschaftlichen Missständen und externen Einflussfaktoren zur Erosion des Staates in Sierra Leone führte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine qualitative Analyse und den Vergleich von Fallstudien auf Basis der Drei-Mal-drei-Felder-Matrix von Ulrich Schneckener.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der historischen Entwicklung Sierra Leones, der Analyse nationaler Struktur- und Prozessfaktoren sowie der Untersuchung internationaler Einflussfaktoren und des Bürgerkriegs als neuem Kriegstypus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Staatenzerfall, Neopatrimonialismus, Shadow State, RUF, Diamantenhandel und fragile Staatlichkeit.
Welche Rolle spielte der Diamantenhandel konkret für den Konflikt?
Der Diamantenhandel diente als Hauptfinanzquelle für die RUF und korrupte Eliten, was den Konflikt durch ökonomische Anreize verlängerte und die staatlichen Institutionen schwächte.
Warum war die ECOMOG-Mission laut der Arbeit kritisch zu bewerten?
Die Arbeit kritisiert die ECOMOG-Mission aufgrund ihrer zweifelhaften Legitimation, der einseitigen Parteinahme für die Regierung und der teils destruktiven Rolle nigerianischer Truppen.
Was sagt die Arbeit über die „Neuen Kriege“ aus?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der Bürgerkrieg in Sierra Leone viele Merkmale neuer Kriege (Ökonomisierung, nichtstaatliche Akteure) aufweist, warnt jedoch davor, diese mit dem Etikett „neu“ zu stark von klassischen Kriegen abzugrenzen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Verantwortung der Eliten?
Der Autor schließt, dass die politischen Eliten eine zentrale Verantwortung für den Staatszerfall tragen, merkt aber an, dass sie in einem von strukturellen Defiziten geprägten System agierten.
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- Dipl. Politologe David Goertz (Author), 2006, Staatenzerfall und Bürgerkrieg in Westafrika – Das Fallbeispiel Sierra Leone, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86943