Mit den Griechen und der Demokratie ist das so eine Sache. Sie lieben es, den ganzen Tag über Politik zu reden, zur Wahl jedoch müssen sie per Gesetz und unter Androhung hoher Strafen gezwungen werden. Lese ich das Klagelied des Aristophanes, so scheint mir, daß diese Zurückhaltung bei der Wahrnehmung demokratischer Rechte Tradition hat. Immerhin können die Griechen des V. Jahrhunderts für sich verbuchen, die Demokratie erfunden zu haben. Aufgrund der insgesamt recht spärlichen bzw. einseitigen Quellen ist es nicht ganz einfach, diese attische Demokratie einzuschätzen und zu beurteilen. Das soll auch nicht das Thema dieser Arbeit sein. Es geht zentral um die Figur des Perikles. Dieser Perikles aber repräsentiert, zumindest in den Eckdaten seiner Regierungszeit, den Höhepunkt dieser Epoche. Wer er tatsächlich war, möchte ich herausfinden. Um seine Rolle richtig einschätzen zu können, ist es meiner Ansicht nach notwendig, sich mit den politischen Möglichkeiten, die er hatte, zu beschäftigen. Ein weiterer wichtiger Punkt soll die innerathenische Kritik an ihm sein, d.h. ich möchte mich auf die Suche nach einer Opposition begeben, die nach unserem Verständnis von Demokratie ein elementarer Bestandteil derselben ist. Durch Plutarch wissen wir, daß die Kritik an Perikles nach der Verbannung des Thukydides Melesiou hauptsächlich auf der Komödienbühne stattfand. Häme und Spott bis hin zur Beleidigung konzentrierten sich auf die Person des ausgesprochen humorlosen Perikles - ein sicheres Zeichen, daß er tatsächlich die herausragende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens war. Obwohl die Stücke der zeitgenössischen Dichtung bis auf wenige Ausnahmen verloren sind, soll ihnen deshalb Platz eingeräumt werden.
Neben der Biographie möchte ich vor allem das Bauprogramm betrachten, das wie kein anderes Projekt der damaligen Zeit im Kreuzfeuer der Kritik stand. Schließlich ist es das Bauprogramm in Athen, das die Figur des Perikles nach über zweitausend Jahren wieder in das Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit brachte. Auf der Akropolis in Athen erlebt der Besucher auch heute noch das Flair, die handwerkliche Kunst und die Schönheit einer Zeit, die als der Zenit der klassischen Antike gilt. Wie kaum eine andere prägte die klassische Epoche die europäische Entwicklung. Ihre Errungenschaften, technische wie philosophische, bilden das Fundament europäischer Hochkultur.
Inhaltsverzeichnis
I Prolog
II Quellen
III Perikles
III.I Zur Biographie
III.II Siedlungs- und Kolonialpolitik
III.III Das staatliche Bauprogramm
IV Zur Darstellung von Perikles
IV.I Thukydides
IV.II Plutarch
V Die attische Komödie
V.I Kratinos
V.I.I Dionysalexandros
V.I.II Nemesis
V.I.III Zusammenfassende Betrachtung zum Werk von Kratinos
V.II Historische und historiographische Bedeutung der attischen Komödie
VI Epilog
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Figur des Perikles im Kontext der attischen Demokratie. Das primäre Ziel ist es, ein differenziertes Bild von Perikles jenseits der idealisierten Darstellung bei Thukydides zu zeichnen, indem insbesondere die zeitgenössische innerathenische Kritik sowie seine politische Rolle in Bezug auf das Bauprogramm und die Kolonialpolitik analysiert werden.
- Die politische Rolle und Machtstellung des Perikles im antiken Athen
- Die kritische Rezeption von Perikles durch zeitgenössische Komödiendichter
- Das athenische Bauprogramm und dessen innenpolitische Funktion
- Die Analyse der athenischen Kolonisationspolitik als Machtmittel
- Die historiographische Bedeutung antiker Quellen wie Thukydides und Plutarch
Auszug aus dem Buch
III.II Siedlungs- und Kolonialpolitik
Der Abschluß des Kalliasfrieden bescherte der athenischen Führung ein schwieriges Problem. Viele der bis dahin auf Kriegsschiffen beschäftigten Theten waren plötzlich ohne Auskommen. Einen Ausweg fand man in der Initiierung des staatlichen Bauprogramms. Allein es reichte nicht, um alle Theten in Lohn und Brot zu bringen. Die Lösung, die man fand, war nicht unbedingt neu dafür bewährt: Athen verstärkte seine Siedlungsaktivitäten. Nachdem man ursprünglich nur unbewohntes Territorium besiedelte, wurden Kleruchien nach und nach ein wirksames außenpolitisches Machtmittel. Unzuverlässige Bündner wurden enteignet und auf dem so „freigewordenen“ Land attische Kleruchen angesiedelt. Im Gegenzug gewährte man den Betroffenen offenbar Nachlässe bei den Tributen. Verstärkt richtete sich das Interesse dabei gen Westen. Hinter den verstärkten Siedlungsbemühungen vermutete Plutarch einen großen Plan des Perikles. Nicht wenige Historiker taten es ihm gleich. „Dies alles ordnete er an, um die Stadt von dem Haufen arbeitsloser und deswegen unruhiger Elemente zu befreien, der Not des Volkes zu steuern, die Bundesgenossen einzuschüchtern und ihre Aufruhrgelüste durch eine Art Besatzung niederzuhalten.“
Zusammenfassung der Kapitel
I Prolog: Einleitung in die Thematik der Perikles-Forschung und Darstellung der Absicht, die Figur Perikles kritisch zu hinterfragen.
II Quellen: Kritische Analyse der antiken Quellensituation und der unterschiedlichen Wahrnehmung von Perikles durch Zeitgenossen und spätere Historiker.
III Perikles: Umfassende Betrachtung der Biographie, Siedlungspolitik und des monumentalen Bauprogramms unter Perikles.
IV Zur Darstellung von Perikles: Analyse und Vergleich der unterschiedlichen Ansätze von Thukydides und Plutarch in der Charakterisierung des Staatsmannes.
V Die attische Komödie: Untersuchung des Periklesbildes in den Stücken von Kratinos sowie die allgemeine historiographische Bedeutung der Komödie als politisches Korrektiv.
VI Epilog: Abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse und Einordnung von Perikles als bedeutenden Politiker der demokratischen Ära Athens.
Schlüsselwörter
Perikles, attische Demokratie, Thukydides, Plutarch, Kratinos, attische Komödie, Bauprogramm, Kleruchien, Kolonialpolitik, Peloponnesischer Krieg, Volksversammlung, historische Forschung, Antike, Staatsmann, Athen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Persönlichkeit des Perikles und seiner Rolle innerhalb der attischen Demokratie unter Berücksichtigung verschiedener antiker Quellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Biografie des Perikles, seine Außen- und Siedlungspolitik, die Bedeutung des athenischen Bauprogramms sowie die zeitgenössische Kritik in der attischen Komödie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die einseitige, teils idealisierte Wahrnehmung von Perikles durch Historiker wie Thukydides aufzubrechen und durch eine Analyse der zeitgenössischen Kritik ein realistischeres Bild zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse und den kritischen Vergleich antiker Primärquellen, insbesondere Historikertexte und Fragmente zeitgenössischer Komödien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Biografie des Perikles, seine Kolonial- und Siedlungspolitik, die Details seines staatlichen Bauprogramms sowie die intensive Auseinandersetzung mit der Darstellung in der Komödie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Perikles, attische Demokratie, Bauprogramm, Kolonialpolitik, Komödie und Thukydides.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der Komödie auf das Periklesbild?
Der Autor sieht in der attischen Komödie ein wichtiges, wenn auch parteiisches politisches Spiegelbild, das Perikles kritisch als Machtpolitiker und Zielscheibe konservativer Kritik darstellt.
Warum stellt der Autor die Rolle des Perikles beim Bauprogramm infrage?
Der Autor argumentiert, dass die alleinige Zuschreibung des Bauprogramms an Perikles historisch zweifelhaft ist, da solche Aufträge in Athen durch die Volksversammlung beschlossen wurden.
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- Kristian Büsch (Author), 1999, Perikles und die attische Demokratie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8696