Stadtentwicklung in Ostdeutschland nach 1990 am Beispiel der Stadt Leipzig


Examensarbeit, 2007

113 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der Stadt bis 1945

3. Stadtentwicklung von 1945 bis 1989

4. Stadtentwicklung nach 1990
4.1 Entwicklung der Leipziger City nach 1990
4.1.1 Die Zukunft der Leipziger Innenstadt als Oberzentrum
4.1.2 Städtebaulicher Rahmenplan und Gestaltungssatzung
4.1.3 Revitalisierung der City
4.1.4 Großprojekte in der Leipziger Innenstadt
4.2 Leipzig als Messestadt
4.3 Arbeitsmarkt und Bevölkerungsentwicklung
4.3.1 Bevölkerungsentwicklung
4.3.2 Deindustrialisierung und wirtschaftsstruktureller Wandel
4.3.3 Reindustrialisierung als Garant zukünftiger Beschäftigung?
4.3.4 Tertiärer Sektor
4.4 Einzelhandel
4.4.1 Entwicklung des Einzelhandels nach der politischen Wende
4.4.2 Förderung des Einzelhandels bis
4.4.3 Der Einzelhandel nach 1996
4.4.4 Verkaufsflächen und Anzahl der Betriebe
4.4.5 Großflächiger Lebensmitteleinzelhandel
4.4.6 Einzelhandelsumsatz
4.4.7 Entwicklung der Leipziger City
4.4.7.1 Einzelhandelsumsatz
4.4.8 Zusammenfassung Einzelhandel
4.5 Wohnungsmarkt und Stadterneuerung
4.5.1 Bodenmarkt und Flächennutzung
4.5.2 Wohnungsmarkt: Wachstum im Umland – Leerstand in der
Stadt
4.5.3 Der STEP Wohnungsbau und Stadterneuerung
4.5.3.1 Teilplan Wohnungsbau
4.5.3.2 Teilplan Stadterneuerung
4.5.3.3 Teilplan Großsiedlungen
4.6 Leipzig – eine grüne Stadt?
4.6.1 Vernetzung der Freiräume
4.6.2 Der Leipziger Auwald
4.6.3 Neue Stadtteilparks und Aufwertung von Grünzügen
4.6.4 Projekte in Kooperation mit Umlandkommunen
4.6.4.1 Der Grüne Ring
4.6.4.2 Gewässerverband Leipzig
4.6.5 Chancen der Tagebaufolgelandschaften
4.6.5.1 Projekte im Süd- und Nordraum Leipzigs
4.7 Verkehr und Infrastruktur
4.7.1 Ausbau der Infrastruktur
4.7.1.1 Öffentlicher Verkehr
4.7.1.2 City-Tunnel Leipzig
4.7.1.3 Motorisierter Individualverkehr
4.7.1.4 Wirtschaftsverkehr
4.7.2 Impulse für die Stadtentwicklung
4.7.2.1 Entwicklung einer verkehrsarmen Stadtstruktur
4.7.2.2 Öffentlicher Nahverkehr
4.8 Entwicklung des Gewerbes und der Gewerbeflächen
4.8.1 Strategische Entwicklung des bestmöglichen Flächenangebots
4.8.2 Verarbeitendes Gewerbe
4.8.3 Dienstleistung und Handel
4.8.4 Forschung und Innovation
4.8.5 STEP Gewerbliche Bauflächen
4.8.6 Entwicklung des Gewerbeflächenangebots
4.8.7 Konversionsflächen
4.8.8 Büroflächen
4.8.9 Profilierung der Gewerbestandorte
4.8.10 Das neue BMW-Werk
4.8.11 Ausblick

5. Detailbetrachtung dreier ausgewählter Teilräume
5.1 Das Graphische Viertel
5.1.1 Rahmenbedingungen und Problemstellung
5.1.2 Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert
5.1.3 Strukturveränderungen von 1945-1989
5.1.4 Erste Umgestaltungen nach 1990
5.1.5 Gegenwärtige Strukturen
5.2 Stadtumbau in Plagwitz und Grünau
5.2.1 Der Lindenauer Markt und sein Umfeld
5.2.2 Stadtteilpark Plagwitz und Umgebung
5.2.3 Problemfall Gtünau

6. Resümee

7. Ausblick

8. Literatur

9. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„Leipzig. Den Wandel zeigen.“ Dies ist das Motto, unter dem sich die Stadt Leipzig im Jahre 2000 an der Weltausstellung EXPO in Hannover beteiligte. Anlässlich dieser Ausstellung dokumentierte sie den Wandel in den Bereichen Politik, Ökonomie, Ökologie und Technik, der sich in den Jahren nach 1990 eingestellt hatte.

Noch elf Jahre zuvor - im Jahre 1989 - hatte die damalige Sprecherin des DDR-Fernsehens Ruth Geist-Reithmeier zum ersten Mal die Frage „Ist Leipzig noch zu retten?“ aufgeworfen. Die darauf folgende Reportage offenbarte auf eindrucksvolle Weise den Verfall der gründerzeitlichen und neobarocken Bauten, die den Krieg schadlos überstanden hatten, während der DDR-Zeit aber langsam zu Ruinen verfallen waren. Aufgrund des Mangels an Baumaterial, Arbeitskräften und nicht zuletzt wegen fehlender Gelder, wurden in der damaligen Zeit Häuser nur noch unzureichend unterhalten, so dass Dächer undicht wurden und sich Dachrinnen ablösten.

Viele dieser Gebäude waren unbewohnbar geworden und nicht selten wurde in den Kneipen Sarkasmus laut. Die von den Gegnern der Wiederaufrüstung gern benutzte Parole „Frieden schaffen ohne Waffen“ wurde bezeichnenderweise derart abgewandelt, dass sie nunmehr in Bezug auf den Wandel Leipzigs lautete: „Ruinen schaffen ohne Waffen“.

Nach der politischen Wiedervereinigung am 03.10.1990 kam mit der Einführung der D-Mark und dem Einzughalten der Marktwirtschaft die Hoffnung auf, dass sich die verfahrene Situation schnell ändern würde. Es konnten sodann auch mehrere positive Entwicklungen, wie z.B. die Verbesserung der Versorgungslage für die Bevölkerung, verzeichnet werden. Jedoch war die Zeit nach der Wende auch durch die Planlosigkeit der Stadtverwaltungen geprägt, die den plötzlich an sie gestellten Anforderungen nicht genügen konnten.

Innerhalb der ersten zehn Jahre nach der Wende bis zur EXPO 2000 hat sich in Leipzig vieles verändert und diese Transformationstendenz lässt sich auch für die Jahre 2000 bis 2006 feststellen, in denen die Weichen für eine in Zukunft konkurrenzfähige Stadt Leipzig gestellt wurden.

Die Strategien, aber auch die Probleme, die sich in der Zeit von 1989 bis 2006 ergeben haben, sind Gegenstand der folgenden Arbeit.

2. Geschichte der Stadt bis 1945

Der im 7. Jahrhundert n. Chr. gegründete slawische Ort Lipzk stieg schnell zum mittelalterlichen Marktort auf. Dies beruhte auf seiner günstigen Lage an der Kreuzung zweier bedeutender europäischer Fernhandelswege: der Via Imperia, die die Ostsee mit der Adria verband, und der Via Regia, die entlang des Harzrandes verlief. Mit diesen Grundvoraussetzungen erlangte Leipzig binnen kurzer Zeit europaweite Bedeutung.

Im Zuge der Osterweiterung des Deutschen Reichs wurde 1015 die Burg Urbs Lipzi auf dem Gelände des heutigen Neuen Rathauses errichtet. Mit den neuen Festungsanlagen wurde dem an den Fernhandelswegen gelegenen Leipzig 1165 das Stadt- und Marktrecht verliehen. Leipzig weist verglichen mit den restlichen deutschen Großstädten das kleinste Innenstadtgebiet auf. Es umfasst nur 45 ha und hat eine maximale Ausdehnung von 800 m in Nord-Süd- und 600 m in Ost-West-Richtung. Durch die aufgrund der vielen umgebenden Fließgewässer ungünstige Lage waren die Möglichkeiten, die Stadt nach Norden oder Westen auszudehnen, stark begrenzt. In den folgenden Jahren fanden regelmäßig im Frühjahr und Herbst Jahrmärkte statt, für welche sich ab 1507 der Messebegriff einbürgerte. Noch im selben Jahr, sicherte Kaiser Maximilian der Stadt Messeprivilegien zu, in deren Rahmen Leipzig in einem Umkreis von 110 km das Stapelrecht zustand. Dadurch konnte sich die Stadt zu einem der wichtigsten Handelsplätze im östlichen Mitteleuropa entwickeln und es kam zur frühzeitigen Ausbildung eines wohlhabenden Handelsbürgertums. Dieser Reichtum wurde zusätzlich durch die Verarbeitung und den Verkauf von Edelmetallen, u.a. Silber und Kupfer aus dem erzgebirgischen Bergbau, gesteigert. So war es den Kaufleute seit der Renaissance auch finanziell möglich, diverse prunkvolle Handelshäuser zu errichten. Erst im 19. Jahrhundert konnte sich die Stadt mit der Trockenlegung der Gewässer über ihre Befestigungsanlagen hinaus erweitern. Nichtsdestotrotz gelang es Leipzig, auf dieser kleinen Fläche die Funktion einer Messe- und Handelsstadt zu erfüllen. Um den eintreffenden Fuhrwerken mit den von ihnen feilgebotenen Waren ausreichend Platz in den engen Gassen zu bieten, wurden zwischen den einzelnen Straßen durch Zusammenlegung mehrerer Grundstücke „Durchhäuser“ angelegt, durch die man von der einen Straße, häufig durch zwei oder drei Höfe, bis zur anderen Straße hindurch fahren konnte. Die einzelnen Wagen mussten also nicht wenden und konnten im Inneren der Höfe be- und entladen werden, bevor sie auf der anderen Seite wieder hinausfuhren. Diese „Durchhäuser“ bilden heute die für Leipzig typischen Passagen (vgl. Hocquel, 1999, S.23) und prägen noch immer das Stadtbild, wie z.B. an der Katharinenstraße, der Hainstraße oder der Großen Fleischergasse. Mit der Erfindung neuer Transportmittel, wie z.B. dem Automobil, konnten die früheren Warenhöfe zu Innenhöfen umgestaltet werden, wodurch die Ansiedlung von Einzelhandelsgeschäften und Gaststätten ermöglicht und begünstigt wurde. Wie bereits erwähnt, sind diese Passagen noch heute prägend für den Stadtgrundriss Leipzigs und durchziehen die gesamte Innenstadt wie ein zweites Wegenetz. Dieses eröffnet dem Einzelhandelskunden vielfältige Möglichkeiten zum Einkaufen und dem geneigten Touristen, diverse Wege zum Erkunden der Stadt. In Kombination mit den Messehäusern, die Geschäfte im Erdgeschoss sowie Büros und Lagerräume in den oberen Stockwerken beherbergten, wurden diese Passagen zu den wichtigsten Bestandteilen der großstädtischen City. Beispiele hierfür sind die Mädlerpassage, Barthels Hof und Specks Hof.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch die Umwandlung der neu errichteten Warenmessen zu Mustermessen im Jahre 1895, wurden die Häuserdurchgänge wiederum in Ladenpassagen mit differenzierten Angeboten umfunktioniert. Parallel dazu entstanden in der Innenstadt regelrechte Messepaläste, in denen die Ware nicht mehr direkt verkauft, sondern lediglich Warenmuster ausgestellt wurden, anhand derer der Verbraucher das Produkt zunächst auswählen und sodann bestellen konnte. Um dem gesteigerten Ausstellungsbedarf auch in der Zukunft gerecht werden zu können, entschied man sich 1920 dazu, im Südosten der Stadt eine Technische Messe, die heutige Alte Messe, zu errichten.

Neben Handels- und Messewesen waren - und sind auch heute noch - die Wissenschaft und die verschiedenen künstlerischen Teilbereiche bestimmende Faktoren der Leipziger Stadtentwicklung. 1409 entstand in Leipzig nach Heidelberg die zweite kontinuierlich existierende Universität Deutschlands, für die das „Augusteum“ am heutigen Augustusplatz als Hauptgebäude fungierte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als vierter Teilbereich gesellte sich zu den bereits beschriebenen Sparten – Handels- und Messewesen, Wissenschaft sowie Künsten – das Gewerbe, welches Grundlage für die Etablierung eines gewissen Reichtums war. Hier waren vor allem zwei Berufsgruppen vertreten: die Kürschner und die Buchdrucker. Bereits im Mittelalter entwickelte sich in Leipzig eine nennenswerte Pelzwarenwirtschaft, besonders im Norden der Altstadt am so genannten Brühl und in der Nikolaistraße. Der Pelzhandel und die Pelzverarbeitung waren auch für die Stadt lohnend, was dadurch deutlich wird, dass Anfang des 20. Jahrhunderts 40% der städtischen Steuern aus dem Pelzgewerbe flossen. Um 1930 zählte man 735 Pelzfirmen in Leipzig, die meist in jüdischem Besitz waren. Die jüdischen Kaufleute errichteten die neobarocken Geschäftshäuser im Bereich der nördlichen Altstadt, die das Stadtbild nachhaltig prägten.

Parallel zum Pelzhandel etablierte sich seit der Reformationszeit, auch verstärkt durch die Nähe zur Universität, das Gewerbe der Buchdrucker und der zugehörigen Zulieferbetriebe. So erschien 1659 in Leipzig die erste Tageszeitung der Welt und zur Hochzeit der Druckkonjunktur meldeten über 100 Verlage ihren Sitz in der Stadt an. Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt Leipzig unter anderem die Auszeichnungen „Stadt des Buches“, stieg zum Zentrum des deutschen Verlagswesens auf und wurde schließlich 1913 zum Sitz der Deutschen Bücherei gewählt. Die auch heute noch jeweils im Frühjahr abgehaltene Buchmesse dient seither als bedeutender Imagefaktor.

Bedingt durch die äußerst positive Entwicklung der Wirtschaft wuchs die Stadt im 19. Jahrhundert nach der Niederlegung der Stadtmauern über ihre ehemaligen Festungsanlagen hinaus. Vor den Toren der Altstadt, entlang des neu angelegten Promenadenrings, entstanden in der Folge gründerzeitliche Wohnquartiere, Industriebauten und Verkehrsanlagen (vgl. Pientka u.a., 1996, S.57).

Die äußeren Vorstädte, vor allem Lindenau und Plagwitz, wurden bedeutende Standorte des Maschinen- und Anlagenbaus, sowie der Chemie- und Textilindustrie. Im Bezug auf Letztere sind hier vor allem die großen Baumwollspinnereien zu nennen, die heute als große Wohnblocks dienen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kristallisierte sich in der Leipziger Innenstadt der zweite neben der gründerzeitlichen Bebauung dominierende Baustil heraus, der Jugendstil. So lässt sich heute speziell im westlichen Teil der Innenstadt ein guter Bestand an Wohn-, Geschäfts- und Repräsentationsbauten dieser Stilrichtung feststellen, wie zum Beispiel das Neue Rathaus, verschiedene Banken und diverse Kultureinrichtungen.

Zwischen der Jahrhundertwende und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 wurden ferner mehrere Großwohnsiedlungen in genossenschaftlicher oder privater Trägerschaft errichtet. Zwei Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg sah man sich mit 713.000 Einwohnern bereits auf Augenhöhe mit Städten wie München oder Köln.

Mit der rapiden Ausweitung des Wohnraumes und vor allem bedingt durch die wachsenden Ansprüche der sich entwickelnden Industrie, war die schnelle Bereitstellung einer ausdifferenzierten Infrastruktur von Nöten. Bereits Friedrich List sah Leipzig als einen bedeutenden Knotenpunkt in seinem Konzept eines gesamtdeutschen Eisenbahnnetzes. In der Folge wurde 1837 zwischen Dresden und Leipzig die erste Ferneisenbahnstrecke mit einer Länge von 116 Kilometern gebaut. Zwischen 1909 und 1915 fasste man vier einzelne Bahnhöfe zum neuen Leipziger Hauptbahnhof zusammen, der bis heute immer noch der größte Kopfbahnhof Europas ist. In der Folge wurde die Stadt zum zentralen Eisenbahnknoten Mitteldeutschlands.

3. Stadtentwicklung von 1945 bis 1989

Unter dem nationalsozialistischen Regime musste Leipzig, im Gegensatz zu Berlin, keine gravierenden baulichen Veränderungen hinnehmen. Darüber hinaus blieb der Innenstadtkern - abgesehen von wenigen Angriffen auf Industrieanlagen – von Bombenangriffen der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs weitgehend verschont. Größeren Schaden nahm Leipzig erst nach Ende des Krieges unter der Herrschaft der ehemaligen UdSSR, sowie während des Bestands der ehemaligen DDR, obgleich Leipzig während des DDR-Regimes wegen seiner Messe, die die Staatsvertreter als „Schaufenster des Sozialismus“ zu ihren Gunsten nutzen wollten, eine besondere staatliche Förderung zuteil wurde.

Die Enteignung und Verstaatlichung von Geschäften und Unternehmen war die erste Amtshandlung der UdSSR-Besatzer nach Ende des Krieges, wobei die einzelnen Unternehmen in Kombinaten zusammengefasst wurden.

In der Folge verfiel die Innenstadt zusehends, da im Bereich der Infrastruktur und der gründerzeitlichen Bausubstanz kaum noch Investitionen getätigt wurden. Man entschied sich im Sinne des sozialistischen Leitbilds, das weg vom Individualismus hin zum Uniformen führte, vielmehr dafür, Großwohngebiete in Plattenbauweise in den Vorortbereichen zu errichten. Ein besonders anschauliches und zugleich beeindruckendes Beispiel hierfür ist die Siedlung Grünau im Westen der Stadt mit 37.000 Wohneinheiten für 100.000 Bewohner.

Die Innenstadt selbst wurde ebenfalls gemäß dem beschriebenen Leitbild umgestaltet. Es war das ausdrückliche Ziel der SED-Bezirksregierung, ein „komplexes“ Stadtbild zu generieren. So wurden in der Innenstadt sieben- bis neungeschossige Wohnungsbauensembles im Stil der Stalinzeit errichtet, am westlichen Brühl entstanden drei zehngeschossige Wohnhochhäuser und in fußläufiger Entfernung das mit 11.500 m² Verkaufsfläche größte Warenhaus der DDR, die so genannte „Blechbüchse“ (siehe Abb. 10, Seite 17 linkes Bild), die von 2003 bis 2006 als Interims-Kaufhaus“ für die Kaufhauskette Karstadt fungierte.

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Des Weiteren entstand am Hauptbahnhof ein 29-geschossiges Hotelhochhaus, das heutige Westin Leipzig (früher: Merkur und Intercontinental). Zur neuen städtebaulichen Dominante wurde das 142 Meter hohe Universitätshochhaus als Teil des 1968-75 ausgeführten Neubaus der Universität an der Westseite des damaligen Karl-Marx-Platzes (heute Augustplatz), auf dem 1968 das Augusteum als ehemaliges Hauptgebäude der alten Universität aus ideologischen Gründen gesprengt worden war. Ebenfalls auf dem Karl-Marx-Platz errichtete man 1959/60 das Opernhaus, das den ersten Neubau eines Theaters in der Geschichte der DDR darstellte. Somit erhielt der heutige Augustusplatz eine vollkommen veränderte Gestalt. Er erfüllte jedoch weiterhin die ihm ursprünglich zugedachte Funktion eines Zentrums der Kultur und Wissenschaft (vgl. Grundmann u. a., 1996, S. 37).

Um den gesellschaftlichen Fortschritt nach außen zu demonstrieren, wurde 1969 im nördlichen Stadtkern der Sachsenplatz neu angelegt. Allerdings war man sich nach der Fertigstellung der genauen Funktion dieser Fläche, die ursprünglich darin bestehen sollte, als Paradeplatz für staatliche Feierlichkeiten zu dienen, nicht mehr ganz bewusst und so wurden schließlich Wochenmärkte und Demonstrationsveranstaltungen auf ihm abgehalten.

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Das in der ehemaligen DDR hoch angesehene Sportwesen fand ebenfalls entsprechende Berücksichtigung in den Neubaumaßnahmen. 1953-1964 erbaute man die „Hochschule für Sport und Körperkultur“, welche auch ein Schwimmstadion sowie das ehemals auf 100.000 Zuschauer ausgelegte Zentralstadion umfasste. Hier fanden ab 1954 jährlich die nationalen Turn- und Sportfeste der DDR statt, wodurch dieser Komplex einen hohen Bekanntheitsgrad in der DDR erlangte.

Insgesamt ist festzuhalten, dass sich die Stadtstruktur gegenüber dem Vorkriegszustand zwar nicht grundsätzlich, aber doch kleinräumig verändert hat. Bestimmend waren die Neugestaltung einzelner Teile des Stadtzentrums, verbunden mit einer Verbreiterung der Innenstadtstraßen (vgl. Gormsen, 1996, S.13) und die Errichtung von einheitlich angelegten Wohnkomplexen, die vorzugsweise in den Außenbereichen der Stadt etabliert wurden. Der einzige Grund dafür, dass nicht alle Altbauquartiere abgerissen wurden, lag in einem 1982 verabschiedeten Beschluss, gemäß dem die Erhaltung und Modernisierung der vorhandenen Bausubstanz als eine dem Neubau gleichrangige Aufgabe zu behandeln war (vgl. Hocquel, 1990, S.12). Denkmalschutz und Denkmalpflege wurde jedoch keine große Beachtung geschenkt. In der Folge konnte die Anzahl unbewohnbarer Altbauwohnungen 1989 auf 30.000 Stück geschätzt werden. Dringender Sanierungsbedarf bestand bei 150.000 – 200.000 Wohnungen.

Der Zusammenbruch des SED-Regimes im November 1989 und der damit verbundene Systemwechsel, sowie der Übergang vom System der sozialistischen Planwirtschaft hin zu einer weltmarktorientierten Marktwirtschaft, wirkten sich in besonderem Maße auf die Neuen Bundesländern aus und schufen völlig veränderte Entwicklungsbedingungen für die Zukunft. Dieser Tendenzen war man sich auch in Leipzig bewusst und machte sich daran, Strategien für eine zukunftsfähige Stadt zu entwickeln. Im folgenden Abschnitt werden die Ausgangsbedingungen 1989 geschildert und die Problemlösungsansätze bis in die heutige Zeit dokumentiert.

4. Stadtentwicklung nach 1990

4.1 Entwicklung der Leipziger City nach 1990

4.1.1 Die Zukunft der Leipziger Innenstadt als Oberzentrum

Immer wieder betonen die Stadtplaner Leipzigs die Bedeutung der Innenstadt als traditionellen Mittelpunkt, welcher zum einen als Einkaufszentrum für den besonderen Bedarf dienen, aber zum anderen auch als ein „Erlebnis“ den geneigten Kunden und Besucher zum Bummeln und Amüsieren einladen soll. Dabei scheint es vor allem wichtig, den Menschen mitzuteilen, welche Vorteile ein Besuch in der Stadt gegenüber dem eines großen Einkaufscenters auf der „Grünen Wiese“ mit sich bringt. Die Stadt ist in der Lage, eine lebendige Vielfalt zu offerieren, die neben den Angeboten zum Einkaufen mit mehreren Gelegenheiten zum Essen und Trinken aufwarten kann. Hier ist es auch möglich, ins Theater zu gehen, die Oper zu besuchen, Kabaretts zu genießen, im Kino einen Film anzuschauen oder in den verschiedenen Nachtlokalen lockeres Beisammensein zu genießen. All das kann ein einziges Einkaufszentrum auf engem Raum hingegen nicht bieten. Da Leipzigs Stadtherren allerdings nicht ausschließlich Wert auf Freizeitgestaltung legten, wurde auch dem Bereich Wohnen und Arbeiten große Bedeutung beigemessen. Bereits 1996 wurde von den Großinvestoren erwartet, etwa 20% der neu entstandenen Geschossflächen dem Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen.

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Ein Problem, das es in dieser Zeit ebenfalls zu bewältigen galt, war die Begrenzung der Anzahl von Bankfilialen in den Geschäftsstraßen Leipzigs. Man könnte nun zu dem Schluss gelangen, dass eine große Anhäufung eben solcher Filialen gerade die Prosperität der jeweiligen Stadt widerspiegelt und daher begrüßenswert sei. Dies mag auf den ersten Blick stimmen, doch bedenkt man die doch recht tristen Schaufensterflächen der Banken, so drängt sich schnell der Schluss auf, dass die Filialen zumindest in den Haupteinkaufsstraßen nicht zur Lebendigkeit einer Stadt beitragen, sondern diese eher mindern. Das positive Bild einer Geschäftsstraße wird nämlich hauptsächlich durch die möglichst ununterbrochene Kette von Auslagen und Schaufenstern bestimmt, die mit ihren durchmischten Angeboten verschiedener Branchen locken und so ein buntes und letztlich lukratives Stadtbild ergeben.

4.1.2 Städtebaulicher Rahmenplan und Gestaltungssatzung

Die Grundzüge der städtebaulichen Entwicklung der Innenstadt Leipzigs werden seit 1991 durch den städtebaulichen Rahmenplan festgelegt. Dieser gibt als oberste Prämisse die sukzessive Wiederherstellung des historischen Grundrisses vor. Daraus entwickelte sich wiederum der Plan, die bestehenden Baulücken im Innenstadtbereich zu schließen und die während der DDR-Zeit unverhältnismäßig aufgeweiteten Altstadtstraßen wieder auf ihre ursprüngliche Größe zurückzuführen.

Der beschriebene Rahmenplan bildete gleichzeitig die Grundlage für die nachfolgend erlassenen Teilbebauungspläne, die für gewisse zusammenhängende Gebiete bereits in Planung waren, wie z.B. für die Burgplatzpassagen zwischen Petersstraße und Burgplatz, der Stelle, an der heute der Petersbogen mit seiner multifunktionalen Nutzung zu finden ist.

Der gleichen Sache - nämlich der Wiederherstellung der Altstadt, wie sie bis 1940 existiert hatte - diente auch eine Gestaltungssatzung, die ebenfalls 1991 verfasst und fortgeschrieben wurde. Darin waren gewisse Grundregeln für die äußere Gestaltung von Gebäuden festgelegt, wobei keine exakte Vorschrift bzgl. der architektonischen Gestaltung aufgenommen worden war. Vielmehr wurde Wert auf Hinweise bezüglich der zu verwendenden Materialien, sowie der einzuhaltenden Proportionen und Dimensionen gelegt, um das Maß der baulichen Nutzung im Sinne des bauplanungsrechtlichen Grundsatzes einer städtebauverträglichen Gesamtplanung reglementieren und vereinheitlichen zu können. Hintergrund dieser Satzung war die endgültige Abschaffung der zu DDR-Zeiten herrschenden Maßlosigkeit im Bereich der Gebäudeerrichtung sowie die Einbindung neu entstehender Gebäude in das vorhandene Stadtbild. Hier entstand auch die Idee, mehrere Architektenwettbewerbe auszuschreiben, deren Zielsetzung die Realisierung eines abwechslungsreichen, professionell geplanten Wohnumfeldes war (GORMSEN, 1996, S.18).

4.1.3 Revitalisierung der City

Seit Beginn der mit der Wende eingeleiteten neuen Stadtplanung war die Revitalisierung der Leipziger City das erklärte Ziel der verantwortlichen Stadtplaner. Hierbei kam dem Einzelhandel aufgrund seiner frequenzerzeugenden und gesamtökonomischen Bedeutung zusammen mit den Dienstleitungen eine tragende Rolle zu. Noch im Jahre 1989 verfügte Leipzig im gesamten Stadtraum über lediglich 160.000 m² Verkaufsfläche (in der Folge VF), wovon 45.000 m² auf die City entfielen. Somit lag man mit einem Wert von 0,3 m² VF/Einwohner bei einem Drittel des westdeutschen Durchschnitts.

Innerhalb der ersten Jahre nach der Wende entstanden im Raum Leipzig/Halle - bedingt durch die negativen Folgen des Eigentumsrechts, die günstigen Grundstückspreise und das anfängliche Fehlen regional- und landesplanerischer Vorgaben - an eher dezentralen Standorten etwa 400.000 m² Handelsfläche (vgl. Lütke Daldrup u.a., 2001, S.208). Im Gegensatz zur City mit einem großen Parkflächenangebot entstanden im Einzelnen:

- das im August 1991 eröffnete Einkaufszentrum „Saale-Park“ in Günthersdrof mit 130.000 m² VF
- der im April 1992 eröffnete, auf 62.500 m² ausgelegte „Sachsenpark“ in der Gemeinde Seehausen
- das an der östlichen Leipziger Stadtperipherie gelegene, im November 1994 eröffnete, ca. 70.000 m² umfassende „Paunsdorf-Center“

Bis 1994 erhöhte sich - bei verglichen mit den alten Ländern gleich bleibend geringer Kaufkraft der Bevölkerung - die Verkaufsfläche in Leipzig auf 1,05 m²/Einwohner, wobei der Zuwachs überwiegend „auf der grünen Wiese“, in verkehrsgünstigen Lagen erfolgte (vgl. Gormsen, 1996, S.15). So stieg trotz der überdimensionierten Standorte im Leipziger Umland die Handelsfläche der Stadt selbst von anfänglich 160.000 m² auf 510.000 m² (1995) an. Hiervon entfielen alleine 180.000 m² auf die Innenstadt.

Das „Stadtteilzentrenkonzept“ von 1993 sowie der „Stadtentwicklungsplan Zentren“ von 1997/98 sollten Investitionen in bestehende Strukturen forcieren, wodurch diese Strukturen gestärkt und eine wohnortnahe Versorgung garantiert werden sollte. So wurden bis heute bereits einige Stadtteilzentren realisiert, wie z.B. das bereits erwähnte Allee-Center in Grünau, die Elster-Passagen in Plagwitz, die Gohlis-Arkaden oder das Eutritzsch-Zentrum im Leipziger Norden. Insgesamt wurden in einem vierstufigen Konzept 45 Zentren mit entsprechenden Entwicklungszielen festgelegt (vgl. Lütke Daldrup u.a., 2001, S.213).

Abschließend lässt sich feststellen, dass die primären Maßnahmen zur Stärkung der City und der Vorortzentren in der Beseitigung von Substanzmängeln und den damit verbundenen Modernisierungen sowie der Neuerrichtung einzelner Gebäude lagen.

4.1.4 Großprojekte der Leipziger Innenstadt

Der von vielen als „Initialprojekt“ beschriebene Umbau des Leipziger Hauptbahnhofs von Ende 1995 bis Herbst 1997 durch die Deutsche Bahn AG und die Hamburger ECE-Gruppe stellte sich später tatsächlich als eine Art Magnet heraus, der weitere Investoren anzog und so die Umsetzung anderer Projekte erst ermöglichte.

Dabei war für den Bahnhof ein kombiniertes dreigeschossiges Einkaufs-, Dienstleistungs- und Reisezentrum vorgesehen, das später den Namen „Promenaden Hauptbahnhof“ tragen sollte. Heute beherbergen die Promenaden etwa 140 Geschäfte, weisen ca. 30.000 m² VF auf und liegen im Einzugsbereich von etwa 600.000 Menschen.

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Um den auf der Abbildung erkennbaren „Ansturm“ von Kunden, die auch mit dem Auto anreisen, bewältigen zu können, wurden unterhalb des Bahnhofs durch die Aufgabe von drei Bahnsteigen zusätzlich zwei Parkhäuser installiert. Mit dieser Umwandlung war Leipzig gesamtdeutscher Vorreiter. Etwas später folgten Hannover und Köln. Durch diese Maßnahme kam es nicht nur zu einer Erhöhung der Fahrgastzahlen der Deutschen Bahn, sondern gerade auch zu einer Aufwertung der benachbarten Nikolaistraße als Verbindungsstraße zur City.

Angespornt durch diese erfolgreiche Umsetzung eines Großprojekts in der Innenstadt, wurden in der Folgezeit einige andere, zuvor ruhende Innenstadtprojekte realisiert, die nachfolgend detailliert dargestellt werden.

- Neubau Juridicum-Passage: Beim Neubau der im April 2001 fertiggestellten Juridicum-Passage im Petersbogen (12.000 m² VF) an der Petersstraße, in die ein Großraumkino und die neue juristische Bibliothek der Universität Leipzig integriert wurden, wurde vor allem auf ein ganzheitliches Nutzungsprofil geachtet.

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- Neubau Galeria-Kaufhof

Das im Herbst 2001 eröffnete Warenhaus Galeria Kaufhof (20.000 m² VF) am Neumarkt an der Grimmaischen Straße dient als Ergänzung zur Marktgalerie und soll die Attraktivität des Zentrums zusätzlich steigern.

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- Neubau Marktgalerie

Die Grundfläche der im Jahre 2004 fertiggestellten Marktgalerie war ehemals mit sieben verschiedenen Gebäuden bebaut. Nach einem Bombenangriff im Dezember 1943 brannten diese allerdings aus und so entstand eine größere Baulücke, die erst 1963-65 mit einem Bürogebäude für das Leipziger Messeamt neu besetzt wurde. Nach mehreren Architekturwettbewerben, den ein Architektenteam aus München gewann, wurde 2001 das alte Gebäude abgerissen und die neue Marktgalerie errichtet.

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- Neubau Karstadt

Von 1912 bis 1914 wurde das Gebäude bereits als „Kaufhaus Althoff“ anstelle von 11 Vorgängerbauten errichtet. Nachdem das Gebäude im Laufe der Jahrzehnte an ursprünglichem Charme verloren hatte, entschied man sich 2004 zum Neubau bei gleichzeitigem Erhalt der historischen Fassade, um das ursprüngliche Flair der Gründerzeit zu erhalten. Insgesamt wurden durch diese im Herbst 2006 abgeschlossene Baumaßnahme 8.300 m² Areal zwischen Petersstraße, Peterskirchhof, Neumarkt und Preußergässchen umgebaut.

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Den Kern des Gebäudes bildet ein zentraler Lichthof mit vier Rolltreppen und vier Aufzügen, die der Kunde über drei Haupteingänge im Erdgeschoss erreicht. Im Einklang mit der Leipziger Tradition der Einkaufspassagen, entstand statt der vorhandenen Arkaden ein Passagensystem, das auch nach Ladenschluss zugänglich bleibt. Insgesamt stehen damit 15.400 m² VF für das Karstadt-Warenhaus selbst, weitere 10.000 m² für Mietpartner und noch einmal 1.200 m² für Büroflächen zur Verfügung. In der Absicht, die Parkplatzsituation um das Kaufhaus zu entschärfen, wurden für die Kunden 450 Tiefgaragenparkplätze geschaffen.

Nachdem diese Großprojekte mittlerweile als erfolgreich beschrieben werden können, wurde kurzzeitig über eine Erweiterung der City gen Süden nachgedacht. Aufgrund des bereits bestehenden deutlichen Überangebots an Büro- und Gewerbeflächen in der Stadt wurde dieser Gedanke jedoch nicht weiter verfolgt.

Neben den gewerblichen Um- und Neubaumaßnahmen sind unter den Neubauten naturwissenschaftlicher bzw. kultureller Art die neuen Bereiche der Universitätskliniken, das neue geisteswissenschaftliche Zentrum der Universität und der Neubau des Museums der Bildenden Künste auf dem Sachsenplatz zu erwähnen. Gerade auch mit dem letzteren Bau hatte Leipzig einmal mehr die Vorreiterrolle inne, da dies der erste Museumsneubau in Ostdeutschland nach der Wende war. Die anfangs geplante Blockrandbebauung konnte allerdings bis heute nur zu 25% realisiert werden, da bisher keine weiteren Investoren für dieses Projekt gewonnen werden konnten. Ein weiteres Problem stellt gemäß einiger Leipziger Bürger die Bauweise des Komplexes dar. Diese passt nach vielfach vertretener Auffassung nicht ins Stadtbild und bildet einen zu starken Kontrast zu den umliegenden Jugendstil-Villen. Über Geschmack lässt sich jedoch bekanntlich trefflich streiten.

Des Weiteren befindet sich ein neues Universitätshauptgebäude am Augustusplatz im Bau, bezüglich dessen lange Zeit darüber gestritten wurde, ob die frühere Paulinerkirche ganz oder weitgehend in ihren alten Strukturen wieder aufgebaut werden sollte oder ob ihr in anderer angemessener Weise gedacht werden könne.

In diesem Zusammenhang sollte angeführt werden, dass sich Leipzig mittlerweile sehr erfolgreich als Zentrum der Wissenschaft und der Künste etabliert hat und sich gerade auch bei jungen Leuten einer großen Beliebtheit erfreut. So stand die bei der Wende nur 6.000 Studierende zählende Universität Leipzig im Wintersemester 2001/2002 mit 24.763 Studierenden an 17. Stelle im Ranking der 90 deutschen Universitäten. An der Fachhochschule für Wirtschaft und Technik waren daneben rund 5.000 Studierende eingeschrieben, was einschließlich der fünf weiteren kleineren Hochschulen in Leipzig eine Gesamtstudierendenzahl von über 32.000 Studierenden ergab. Damit lag die Stadt unter allen 238 Hochschulstandorten knapp nach Dresden auf Rang 15.

4.2 Leipzig als Messestadt

Das Leipzig vor dem Zweiten Weltkrieg zuteil gewordene Privileg der „Reichsmessestadt“ wurde nach der Teilung Deutschlands im Jahre 1945 sehr stark reduziert und die Stadt verschwand aus dem westdeutschen Fokus. In Westdeutschland entwickelten sich in der Folge zum einen neue Messezentren, wie z.B. Hannover, und zum anderen gewannen alte Messestädte, so z.B. München oder Köln, wieder die Bedeutung, die sie einst innehatten. In Ostdeutschland, bzw. der damaligen DDR, blieb Leipzig allerdings das einzige Messezentrum und dieser Umstand verhalf der Stadt in der Folge zum „Schaufenster des Ostens“ zu werden. Hier konnten sich die osteuropäischen RGW-Staaten mit ihren Produkten der westlichen Welt vorstellen, und die westlichen Vertreter erhielten die Chance, ihre Leistungen den RGW-Staaten zu präsentieren. Mit Verlauf des Kalten Krieges avancierte Leipzig auch immer mehr zu einem Podium für Politiker aus Ost und West, auf dem man sich gegenseitig zeigen konnte, was die einzelnen „Ideologieverbände“ zu leisten vermochten.

Mit dem Prozess der Wiedervereinigung und der damit verbundenen Auflösung des osteuropäischen Wirtschaftsblocks, schwand die Sonderstellung Leipzigs im Osten wiederum dahin und man war nunmehr lediglich eine unter vielen Messestädten. In der Folge stellten sich mehrere Staatsvertreter die Frage, ob man denn Leipzig in Zukunft überhaupt noch als Zentrum der Messe benötigen würde. Erwiesen war, dass die traditionell im Frühjahr und Herbst durchgeführten Universalmessen nicht mehr zeitgemäß waren und zumindest das Grundkonzept in Frage gestellt werden müsste.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Des Weiteren stellte man fest, dass das Gelände der alten Messe am Völkerschlachtdenkmal den gestiegenen Anforderungen der westlichen Wirtschaft und des Messwesens nicht mehr gewachsen war. Der Großteil der Hallen, sowie die gesamte umliegende Infrastruktur waren schlichtweg baufällig und restaurierungsbedürftig. Erste Schätzungen bezüglich eines zur Anpassung an westliche Standards benötigten Budgets, prognostizierten ein Finanzierungsvolumen von rund 500 Mio. Euro. Darüber hinaus hätten diese Restaurierungsarbeiten mehrere Jahre in Anspruch genommen. Diese Zeit hatte man aber nicht. Nach dieser Erkenntnis schlug der Interims-Geschäftsführer der Leipziger Messe GmbH - Kurt Schoop - ein ähnliches Verfahren vor, wie es in Düsseldorf angewandt worden war, das den Neubau der Messe bedeutete. Nachdem sich das Stadtplanungsamt unter Leitung von Herrn Niels Gormsen näher mit der Standortsuche beschäftigt hatte, kam man zu dem Entschluss, dass sich das Gelände des ehemaligen Agrarflugplatzes Leipzig-Mockau für eine Neuansiedlung hervorragend eignen würde. Die Vorteile dieses Standorts waren vor allem von infrastruktureller Bedeutung: Das Gelände lag nicht nur direkt an der Autobahn A14, sondern auch in günstiger Beziehung zum Flughafen Leipzig-Halle, der heute von großer regionaler und überregionaler Bedeutung für den Raum ist. Für den Neubau wurden etwa die gleichen Kosten prognostiziert wie sie für die Instandsetzung des alten Geländes angefallen wären. Der große Pluspunkt der Planung war aber die Aussicht, in kurzer Zeit über ein neues Gelände verfügen zu können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nachdem die Bundesregierung unter Dr. Helmut Kohl einen Zuschuss von rund 150 Mio. Euro zugesagt hatte, beschloss der Aufsichtsrat der Leipziger Messe GmbH im Sommer 1991 den Neubau der Messe. Letztlich erfolgte dann am 16.10.1991 die Zusage der Stadtverordnetenversammlung nach teils - wie von GORMSEN beschrieben - heftigen Diskussionen. Dies war jedoch lediglich der „Startschuss“ zu einem intensiven Planungs- und Bauprozess, der die Fertigstellung des Messegeländes lediglich viereinhalb Jahre nach Beschluss der Stadtverordneten ermöglichte.

Die folgenden Punkte sollen verdeutlichen, wie es gelang, die Planungs- und Bauphasen innerhalb dieser kurzen Zeit zu realisieren. Für das Architektengutachten, welches in zwei Phasen von fünfzehn internationalen Architekten erstellt wurde, waren lediglich vier Monate benötigt worden. Von der Bauplanung über die Erstellung des Bebauungsplans bis hin zu seiner Genehmigung wurde nur ein Jahr in Anspruch genommen. Dies ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass das Messegelände selbst nicht auf der Gemarkung Leipzigs, sondern auf der der damals noch selbständigen Gemeinde Seehausen lag und weitere Teile des Planungs- und Baugebiets Flächen der Gemeinden Eutritzsch und Podelwitz umfassten. Daher gründete man einen Planungs- und Erschließungsverband, wodurch die Planungshoheit über ca. 500 ha Fläche von den Gemeinden und der Stadt Leipzig auf den Verband überging.

Im August 1993 wurden die Bauarbeiten begonnen und zweieinhalb Jahre später waren diese abgeschlossen. Letztlich kostete das gesamte Vorhaben einschließlich aller Hallen, Parkplätze und Außenanlagen etwa 655 Mio. Euro, womit man sich noch innerhalb der Toleranzgrenzen des Budgets befand. Allerdings waren die Kosten für die Neuerschließung der Infrastruktur nicht einkalkuliert worden, wodurch Zusatzkosten von rd. 400 Mio. Euro entstanden. So musste die Autobahn verbreitert werden, die Bundesstraße 2 wurde neu gebaut, Erschließungsstraßen von 9,9 km Länge wurden eingerichtet und 11 Straßenbrücken sowie drei Bahnbrücken wurden gebaut. Die angefallenen Kosten trug größtenteils der Bund, der die B2 komplett selbst finanzierte und erhebliche Zuschüsse zum Bau der Erschließungsstraßen, zum Neubau der Stadtbahnlinie und zur Errichtung eines neuen S-Bahnhofs beisteuerte. Neben den Zuschüssen durch den Bund wurden die Kosten durch den Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig selbst getragen, die teilweise innerstädtische Messehäuser, sowie bereits Teile des alten Messegeländes veräußerte. Dieses konnte bis heute allerdings noch nicht zu 100 Prozent abgegeben werden.

Das Besondere an der neuen Messe ist die etwa 6 Meter eingetiefte „Messemulde“, die eine vom Messeausstellungsverkehr unabhängige Besucherführung und Beschickung der einzelnen Hallen ermöglicht. Insgesamt entstanden ca. 100.000 m² überdachte Ausstellungsfläche und ein separat betretbares Kongresszentrum, das auch für Sport- und Musikereignisse genutzt werden kann. Wahrzeichen der Messe sind zum einen die 234 Meter lange, 80 Meter breite und 30 Meter hohe Glashalle (siehe Abb. 12, S.20), die die einzelnen Hallen miteinander verbindet, sowie zum anderen der neu errichtete Messeturm.

Vom Tag der Eröffnung am 12. April 1996 an, wurden diesem Neubau große Erwartungen entgegengebracht. Man hatte damit versucht, sich den Gegebenheiten der Wirtschaft anzupassen und neue Wege zu beschreiten. Die Besucherzahlen der Spezialmessen heutzutage belegen, dass man die Erwartungen nicht zu hoch angesetzt hatte und dass Leipzig wieder auf einem guten Weg ist, an alte Erfolge anzuknüpfen.

Das alte Messegelände, welches 1920 als „Technische Messe“ eröffnet worden war, war bis April 1996 noch in Betrieb. Ursprüngliche Planungen, das Gelände in einen neuen Stadtteil mit Wohnungen, Verwaltungen, Gewerbebetrieben sowie gesellschaftlichen und kulturellen Einrichtungen zu verwandeln, verlaufen bisher nur teilweise erfolgreich. So konnten bis August 2006 lediglich 75% der ehemaligen Messefläche vermietet werden.

4.3 Arbeitsmarkt und Bevölkerungsentwicklung

4.3.1 Bevölkerungsentwicklung

Nach dem kriegsbedingten Rückgang der Einwohnerzahl Leipzigs, stieg diese bis Anfang der 60er Jahre wieder auf über 600.000 Einwohner an. Während der DDR-Zeit musste man jedoch trotz diverser staatlicher Wohnungsbauförderungsmaßnahmen einen steten Rückgang der Bevölkerung bis auf 530.000 im Jahre 1989 hinnehmen. Bei der damaligen Gesamtfläche der Stadt von 146,5 km² ergab sich jedoch eine relativ hohe Bevölkerungsdichte von 3.618 Einwohnern/km².

In den Jahren nach der Wende machte sich der Bevölkerungsrückgang besonders stark bemerkbar, so dass man im Jahr 1997 nur noch 430.000 Einwohner in der Stadt zählte. Gründe hierfür waren:

- die arbeitsmarktorientierte Abwanderung der arbeitenden Bevölkerung in die Alten Bundesländer; so verließen nach der Wende bis heute 1 Million Menschen die Neuen Bundesländer; Leipzig verlor in nur zwei Jahren bis 1991 über 50.000 gut ausgebildete und vor allem jüngere Einwohner,
- die Wanderungsverluste durch Suburbanisierungstendenzen in Richtung des Leipziger Umlands; im Umland fanden Interessierte beträchtliche Wohnbauflächen für Eigenheime und Mietwohnungsobjekte, die bei günstigen Bodenpreisen auch noch mit besserer Luft und mehr Raum für sich warben; pro Jahr verlor die Kernstadt so 7.000 Einwohner an die Umlandgemeinden (vgl. Brake u. a., 2001),
- der bemerkenswerte Rückgang der Geburtenraten von 13% auf 5%; dies ergab sich vor allem aus der Verunsicherung bezüglich der Erhaltung des eigenen Arbeitsplatzes, der weniger intensiven Fürsorge durch die Betriebe und der neuen Konsumorientierung.

Im Zeitraum von 1995 bis 2000 sind die Geburtenraten wieder leicht angestiegen, waren jedoch 2001 erneut rückläufig und lagen schließlich 2002 bei 7,7%. Positiv ist des Weiteren anzumerken, dass die Wegzüge aus der Stadt ins Umland stark nachgelassen haben. Es ist nunmehr eher ein Rückzug vom Umland in die Stadt feststellbar. Die Gesamtheit dieser Faktoren bewirkt, dass der Wanderungssaldo zwischen Ab- und Zuwanderung heutzutage nahezu ausgeglichen ist. Die Summe der Zuwanderung resultiert aus:

- jungen Berufstätigen aus den Neuen und Alten Bundesländern
- Studierenden, die ihren Wohnsitz nach Leipzig verlegt haben
- „Ur-Leipzigern“, die im Ruhestand wieder nach Leipzig ziehen
- Ausländern, deren relativer Anteil mit 6,1% sehr gering ist, mit Blick auf die absoluten Zahlen allerdings von 10.000 im Jahre 1989 auf 26.000 im Jahre 2002 gestiegen ist; somit ist Leipzig die ostdeutsche Stadt mit der höchsten ausländischen Agglomeration.

Trotz aller Bemühungen um die Schaffung eines schönen Wohnumfeldes fehlen immer noch die nötigen Arbeitsplätze, um die arbeitenden Bevölkerungsschichten längerfristig an die Stadt zu binden. So ist es immer noch die Gruppe junger, gut ausgebildeter Einwohner, die die größten Wanderungsverluste vermeldet.

In Folge der kommunalen Gebietsreform gliederte die Stadt Leipzig zwischen 1997 und 2000 21 Nachbargemeinden ein, was dazu führte, dass die Stadt 1999 wieder 489.532 Einwohner zählte und im Jahr 2005 erneut die Grenze von 500.000 Einwohnern überschritt. Die Stadtfläche verdoppelte sich nahezu auf 297,6 km², die Bevölkerungsdichte sank dementsprechend auf 1.657 Einwohner/km² (vgl. Stadt Leipzig, 2003).

Allgemein werden für die zukünftige Bevölkerungsentwicklung zwei unterschiedliche Aussagen getroffen. Entsprechend der Annahme des Statistischen Landesamtes Sachsen soll Leipzig 2010 nur noch zwischen 449.000 und 432.000 Einwohner beherbergen, während das Amt für Statistik und Wahlen für die Stadt Leipzig sogar einen Anstieg der Einwohner um 10.000 in den nächsten 20 Jahren prognostiziert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Stadtentwicklung in Ostdeutschland nach 1990 am Beispiel der Stadt Leipzig
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Geographie)
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
113
Katalognummer
V86997
ISBN (eBook)
9783638010528
Dateigröße
3435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadtentwicklung, Ostdeutschland, Beispiel, Stadt, Leipzig
Arbeit zitieren
Dominic Stramm (Autor), 2007, Stadtentwicklung in Ostdeutschland nach 1990 am Beispiel der Stadt Leipzig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86997

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