Thematisierung des literarischen Schreibens im Briefwechsel zwischen George Sand und Charles-Augustin Sainte-Beuve


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einordnung des Briefwechsels

3 Selbstbeschreibung
3.1 Sand über Sand
3.2 Sainte-Beuve über Sainte-Beuve

4 Fremdbeschreibung
4.1 Sand über Sainte-Beuve
4.2 Sainte-Beuve über Sand

5 Analyse

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Fast seit Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere sind George Sand und Charles-Augustin Sainte-Beuve durch einen Briefwechsel verbunden, welcher mit einigen längeren Unterbrechungen erst mit dem Tod Sainte-Beuves endet. Trotz des Bekanntheitsgrades beider Beteiligten liegt zu diesem Briefwechsel nur wenig aktuelle Forschungsliteratur vor. Da inzwischen Briefe auch auf Merkmale literarischer Konstruktion untersucht werden, soll der Briefwechsel zwischen Sand und Sainte-Beuve unter diesen Gesichtspunkten nachfolgend betrachtet werden. Dabei konzentriert sich diese Arbeit auf die Thematisierung der schriftstellerischen Arbeit im Rahmen der Briefe.

In diesem Zusammenhang soll nach einer kurzen allgemeinen Einordnung des Briefwechsels zunächst die Selbstbeschreibung der beiden Autoren dargestellt werden. Danach werden die Ansichten zusammengefasst, die die beiden Schreibenden über ihren jeweiligen Briefpartner äußern. Abschließend werden die jeweiligen Selbst- und Fremdentwürfe verglichen und analysiert.

2 Einordnung des Briefwechsels

Der Briefwechsel zwischen George Sand und Charles-Augustin Sainte-Beuve beginnt mit einem Brief von George Sand, der auf den 25. Januar 1833 datiert wird[1]. Zu dieser Zeit ist Sainte-Beuve bereits als Literaturkritiker etabliert. Durch seine Freundschaft zu Victor Hugo ist er bereits in eine Gesellschaft von Schriftstellern wie Dumas, Gautier und de Musset eingeführt worden.[2] Er hat schon jahrelang für die Zeitung Globe Literatur rezensiert und schreibt nun für die Revue des Deux Mondes [3].

George Sand hat zu dieser Zeit ihren literarischen Erstling Indiana mit großem Erfolg veröffentlicht. Allerdings lebt sie noch in relativer Anonymität, da die Öffentlichkeit hinter dem Pseudonym George Sand noch einen Mann vermutet.[4]

Zu Beginn schreiben sich Sand und Sainte-Beuve in hoher Frequenz. Allein von Sand sind 25 an Sainte-Beuve gerichtete Briefe aus dem Jahr 1833 überliefert, obwohl sich beide zu dieser Zeit in Paris aufhalten und einander regelmäßig persönlich begegnen[5]. Gegenstand der Briefe ist unter anderem das jeweils aktuelle Werk der beiden Schriftsteller. Sainte-Beuve schreibt Sand seine Meinung zu Lélia, Sand bringt ihre Ansichten zu Sainte-Beuves Volupté zu Papier. Dieser Gedankenaustausch unter Schriftstellern ist gemäß Wulf Lepenies die Grundlage ihrer Freundschaft[6]. Unterbrochen durch Sands Aufenthalt in Venedig schreiben sich Sand und Sainte-Beuve bis in den Herbst 1835 mit großer Regelmäßigkeit. Fast die Hälfte aller Briefe des bis zum Tode Sainte-Beuves im Jahr 1869 andauernden Briefwechsels fällt in die Zeit von 1833 bis 1835.

Im Herbst 1835 kommt es zu einem Streit zwischen den beiden. Sand wirft Sainte-Beuve in einem Brief unter anderem vor, das er sich in Gesprächen respektlos über gerade abwesende Freunde äußere[7]. Im Anschluss an diesen Brief herrscht bis zum Beginn des Jahres 1840 Schweigen zwischen den beiden. Initiiert durch einen Besuch Sainte-Beuves wird der Kontakt dann sporadisch fortgesetzt, erreicht aber bei Weitem nicht mehr die vorherige Intensität. Insbesondere wird das Verhältnis der beiden durch Sainte-Beuves Ansichten über die von Sand mitbegründete Revue Indépendante und seine negative Meinung über einige von Sands Mitarbeitern an der Zeitung belastet[8], ein Spiegelbild der unterschiedlichen politischen Ansichten der beiden.

Aus den 1850er Jahren existieren abgesehen von jeweils einem Dankesbrief für eine positive Darstellung des anderen in einem öffentlichen Artikel keine weiteren Briefe. Erst ab 1859 intensiviert sich der Kontakt der beiden wieder. Da Sand inzwischen fast das ganze Jahr auf ihrem Landsitz in Nohant verbringt[9], dienen die Briefe, die bis dahin meist eine Ergänzung zu persönlichen Treffen waren, nun als klassisches Mittel der Distanzüberbrückung[10] zu Sainte-Beuve, der weiterhin in Paris lebt. Die gegenseitigen Briefe setzen sich bis Sainte-Beuves Tod im Jahr 1869 fort, wobei die Häufigkeit der Briefe, wahrscheinlich bedingt durch Sainte-Beuves Krankheit, leicht abnimmt.

3 Selbstbeschreibung

Ursprünglich galt der Brief im Gegensatz zum Roman als eine authentische Informationsquelle im Bezug auf das schreibende Subjekt. Diese Ansicht vom Brief als „Spiegel der Seele“ ist jedoch nicht mehr allgemein anerkannt. Stattdessen werden auch Briefe auf Merkmale einer literarischen Konstruktion untersucht.[11]

Dieser Forschungsrichtung folgend soll an dieser Stelle das Bild betrachtet werden, das die beiden Autoren in ihren Briefen von sich selbst entwerfen.

3.1 Sand über Sand

In ihren Briefen entwirft George Sand sich als eine Person, die zu ihren Prinzipien steht[12]. Ihren schriftstellerischen Erfolg kann sie sich selbst nicht recht erklären.

Moi, je ne sais rien du pourquoi, ni du comment de tout cela. Je suis une pente qui monte ou descend, sans que j’y sois pour rien. La vie me mène où elle veut […][13]

Die Freundschaft zu Sainte-Beuve kennzeichnet sie häufig als ungleich und sich selbst dabei als Unterlegene, die von seinen Ratschlägen abhängig ist. In verschiedenen Situationen wendet sie sich mit schriftstellerischen Fragen an Sainte-Beuve, den sie in diesem Zusammenhang als Autorität anzuerkennen scheint[14]. Während sie ihn als unzweifelhaft moralisch ansieht, stellt sie ebendiese Moralität bei sich selbst in Frage und sieht darin einen weiteren Grund Rat bei Sainte-Beuve zu suchen:

Je vais cependant commencer un livre, et quand j’en aurai éclairci l’idée, je vous demanderai ce qu’il faut en faire. Vous êtes moral, vous, mon ami : le suis-je aussi ou ne le suis-je pas ? Je ne sais pas ce que c’est. Je crois qu’être moral [Hervorhebung im Original, B.L.], c’est espérer : moi, je n’espère pas ; j’ai blasphémé la nature et Dieu peut-être […] Avec cela je ne ferai jamais que des livres qu’on appellera méchants et dangereux et qui le seront peut-être. Comment faire, dites-moi.[15]

Zusätzlich zu den Zweifeln an ihrer eigenen Moralität stellt George Sand immer wieder ihr Wissen über die Literatur in Frage. So bietet sie Sainte-Beuve zwar oft Einblicke in ihre Gefühlswelt beim Lesen seiner Werke an, lehnt es aber häufig ab über die Bücher zu urteilen oder ihr Urteil zu begründen[16]. Zudem gibt sie sich – in Abgrenzung zu Sainte-Beuve – nicht sehr belesen, was diesbezüglich in der Aussage mündet: „Moi, je ne connais rien, mais vous, vous savez tout […][17] “.

Äußert sich Sainte-Beuve dann zu den Romanen von Sand, akzeptiert sie die Kritik gewöhnlich und weist sogar im Einzelfall darauf hin, dass Sainte-Beuve sie noch zu gut beurteilen würde[18]. Grundsätzlich beschreibt Sand sich selbst als bereit, ihr schriftstellerisches Talent jeglicher Kritik von jeder Seite auszusetzen lediglich gegen falsche Interpretationen ihrer Werke verwahrt sie sich[19]. Dabei scheint Sainte-Beuve allerdings einer der wenigen Menschen zu sein, an deren Kritik ihr tatsächlich etwas liegt, ist er doch einer der wenigen Freunde, die sie unter den Schriftstellern gefunden hat[20].

Die wiederholte Betonung der Hierarchie innerhalb ihres Verhältnisses, in dem Sand sehr häufig auf Sainte-Beuve angewiesen zu sein vorgibt und von ihm sogar noch etwas über das Schreiben lernen möchte[21], lässt sich in einer Aussage von George Sand zusammenfassen:

[…] il m’est bien doux de trouver en vous toujours le zèle et l’amitié que je réclame toujours avec confiance sans crainte d’être indiscrète. Moi, je ne vous rendrai jamais la pareille en avis judicieux et en critiques sages, mais au moins j’aurai la même affection et le même dévouement à votre service.[22]

[...]


[1] Sand, George: Les lettres de George Sand à Sainte-Beuve. Hg. von Östen Södergard. Paris, 1964.

[2] vgl.: Lepenies, Wulf: Sainte-Beuve. Auf der Schwelle zur Moderne. München, 1997.

[3] Die ersten Briefe Sands sind noch an Sainte-Beuves Büroanschrift bei der Revue des Deux Mondes adressiert, z.B.: Sand, George: Les lettres de George Sand à Sainte-Beuve, S.11

[4] vgl.: Sand, George: Histoire de ma vie. Paris, 1879 [1855].

[5] Sand, George: Les lettres de George Sand à Sainte-Beuve, S.11-58

[6] vgl.: Lepenies, Wulf: Sainte-Beuve. Auf der Schwelle zur Moderne. S.60

[7] vgl.: Sand, George: Les lettres de George Sand à Sainte-Beuve, S.87f

[8] vgl.: Ebd., S.100

[9] vgl.: Schlientz, Gisela: „Ich liebe, also bin ich“. Leben und Werk von George Sand. München, 1989.

[10] vgl.: Steinbrügge, Lieselotte: Vom Leben und vom Schreiben. Selbstentwürfe im Briefwechsel zwischen George Sand und Gustave Flaubert. In: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte, Vol.17 No.3/4, Heidelberg, 1993, S.350-367.

[11] vgl.: Ebd., S.352f

[12] Sand, George: Les lettres de George Sand à Sainte-Beuve. S.121

[13] Ebd., S.134

[14] vgl.: Ebd., S.17

[15] Ebd., S.51f

[16] z.B.: Ebd., S.15

[17] Ebd., S.156

[18] vgl.: Ebd., S.20

[19] vgl.: Ebd., S.50

[20] vgl.: Ebd., S.22

[21] vgl.: Ebd., S.62

[22] Ebd., S.58

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Thematisierung des literarischen Schreibens im Briefwechsel zwischen George Sand und Charles-Augustin Sainte-Beuve
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Philologie, Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Modul Kulturwissenschaft, Briefkultur und Geschlecht
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V87003
ISBN (eBook)
9783638019644
ISBN (Buch)
9783638920438
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thematisierung, Schreibens, Briefwechsel, George, Sand, Charles-Augustin, Sainte-Beuve, Modul, Kulturwissenschaft, Briefkultur, Geschlecht
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Bernd Leiendecker (Autor), 2007, Thematisierung des literarischen Schreibens im Briefwechsel zwischen George Sand und Charles-Augustin Sainte-Beuve, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87003

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