1922 wurde das gewaltige Werk `Die letzten Tage der Menschheit` von Karl Kraus erstmals publiziert. Laut vieler seiner Kritiker sei das Weltkriegsdrama das bedeutendste Werk Kraus´.
(...)
Das Werk Die letzten Tage der Menschheit gliedert sich, wie beispielsweise auch Heinrich Manns Kaiserreich- Trilogie oder Thomas Manns Zauberberg, in die Gruppe der Epochenbilanzen ein. Als das einzige Drama innerhalb dieser bilden Die letzten Tage der Menschheit einen Sonderfall. Doch auch innerhalb seiner nicht unumstrittenen Gattung brachte das Werk als zeitkritisches, satirisches Theaterstück durchaus Innovation hervor.
(...)
In dieser Arbeit gilt es, diese Kraussche Aggression in den letzten Tagen der Menschheit näher zu untersuchen. Im Wesentlichen soll geklärt werden, gegen wen sich die Aggressionen richten und durch welche Methoden die Angriffe erfolgen, die sich über das gesamte Werk hinweg erstrecken. Dabei werde ich zunächst auf die Gattungsfrage eingehen und einige elementare Strukturen erläutern. Anschließend wird unter Punkt 2. Grundlegendes bezüglich der literarischen Aggression dargelegt, bevor dies anhand einiger Beispiele direkt am Text veranschaulicht werden soll.
(...)
Die Hauptantriebskraft Kraus` war jedoch der Kampf gegen die Presse :
"Nicht daß die Presse die Maschine des Todes in Bewegung setzte – aber daß sie unser Herz ausgehöhlt hat, uns nicht mehr vorstellen zu können, wie das wäre: das ist ihre Kriegsschuld!"
(LTM S. 677)
Mit Ausnahme der Nörgler- Passagen (,wie der hier zitierten,) urteilt Kraus nicht von außen oder von oben herab, sondern macht die Widersprüche und Verbrechen seiner Gegner durch Zitat- Montage sichtbar. Die Worte und Taten der Kritisierten verurteilen sich selbst. Manchmal wird dies erst dann wirklich deutlich, wenn Kraus sie in einen fiktiven Zusammenhang bringt. Doch die Wahrheit der Taten und Zitate gerät nicht durch die Fiktionalität in Mitleidenschaft. Kraus betont in den LTM „das Faktische gegenüber dem Fiktiven, das Ordinäre gegenüber dem Abgeleiteten, die Beobachtung gegenüber der Phantasie […]“ .
(...)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Gattung und zur Gestalt
3. Über die literarische Aggression in den LTM
4. Beispiele
4.1. Kritik an der Presse
4.2. Kritik an der Gesellschaft
4.3. Kritik am Militär
5. Schlussbetrachtung
6. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Seminararbeit untersucht die Form der literarischen Aggression in Karl Kraus’ Weltkriegsdrama „Die letzten Tage der Menschheit“. Ziel ist es zu analysieren, gegen welche Akteure sich die Angriffe richten, welche satirischen Methoden der Autor einsetzt und wie diese das Menschenbild sowie die Gesellschaftskritik des Werks prägen.
- Strukturanalyse des Weltkriegsdramas und seiner Gattungsmerkmale
- Untersuchung der Medienkritik und der Rolle der Presse
- Darstellung der Gesellschaftskritik durch stereotype Figuren
- Analyse der Militärkritik und der Darstellung menschlicher Brutalität
- Die Funktion von Zitat-Montagen als Instrument der Entlarvung
Auszug aus dem Buch
4.1. Kritik an der Presse
Um Karl Kraus` Aggression gegen die Presse besser verstehen zu können ist zunächst zu erwähnen, dass er die Wirklichkeit des Krieges hauptsächlich durch das Medium des Zeitungsblattes erlebte. Diese Tatsache und die oben angeführte Textstelle, die sogleich Kraus` Kritik (durch die Maske des Nörglers) an der Gesellschaft wie auch an der Presse darstellt, geben uns ein Verständnis über die Antriebskräfte des Autors. Kraus besaß die Vorstellungskraft (Phantasie), die er bei der Masse vermisste. Er konnte hinter die Kulissen der verharmlosenden oder gar kriegshetzerischen, propagandistischen Pressephrasen blicken und sich die Realität vor Augen führen.
Interessant ist auch die grammatische Konstellation bei „sich die Füße abfrieren zu lassen“ (LTM S. 208). Kraus vergibt hier die Schuld nicht nur an den einzelnen Soldaten, sonst müsste es heißen `abzufrieren`. Er verurteilt hier auch die Militärmaschine, die das Menschenmaterial unbedacht in den Krieg schickt wie auch insbesondere die Presse, die für Kraus mitverantwortlich dafür ist, dass die Menschen überhaupt in den Krieg ziehen, beziehungsweise, sich in den Krieg kommandieren lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Leben von Karl Kraus ein und erläutert die Bedeutung seines Weltkriegsdramas sowie die grundlegende Motivation des Autors zur Verfassung dieses Werks.
2. Zur Gattung und zur Gestalt: Hier wird die komplexe Gattungsfrage des Dramas erörtert und die zentrale Bedeutung einzelner Figuren wie des Nörglers für die Struktur des Stücks beschrieben.
3. Über die literarische Aggression in den LTM: Das Kapitel analysiert, gegen wen sich die Angriffe im Werk richten und wie Kraus durch Zitat-Montagen die Sprache seiner Gegner entlarvt.
4. Beispiele: Anhand von drei Unterkapiteln wird die Kritik an Presse, Gesellschaft und Militär durch konkrete Textstellen und Figurenanalyse veranschaulicht.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, wie das Werk als kritischer Rundumschlag gegen die Missstände der Zeit fungiert und warum es auch im Medienzeitalter aktuell bleibt.
6. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, Satire, Weltkriegsdrama, Pressekritik, Militärkritik, Gesellschaftskritik, Zitat-Montage, Nörgler, Phrasologie, Kriegshetze, Medienkritik, Mitleid, Wiener Moderne, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die spezifische Form der literarischen Aggression in Karl Kraus’ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Hauptthemen sind die Kritik an der Rolle der Presse im Krieg, die Analyse der Gesellschaft sowie die Anklage der militärischen Strukturen und des daraus resultierenden menschlichen Leids.
Welches Ziel verfolgt der Autor mit dieser Analyse?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, gegen wen sich die Aggressionen richten und durch welche literarischen Methoden Karl Kraus diese Angriffe innerhalb des Werks umsetzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte Textanalyse, die Untersuchung von Zitat-Montagen sowie den Vergleich zwischen historischem Kontext und der dramatischen Umsetzung durch Kraus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Gattungsanalyse, eine Untersuchung der literarischen Aggression und eine detaillierte Ausarbeitung von Fallbeispielen zur Kritik an Presse, Gesellschaft und Militär.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Satire, Pressekritik, Zitat-Montage, Nörgler und das kritische Menschenbild bei Karl Kraus.
Welche Funktion hat die Figur des „Nörglers“ im Drama?
Der Nörgler fungiert als Alter Ego des Autors und nimmt die Rolle eines Staatsanwalts ein, der die Menschheit vor Gott anklagt und die Geschehnisse scharf kommentiert.
Wie geht Kraus mit der Sprache seiner Gegner um?
Kraus verurteilt die moralischen Verfehlungen seiner Gegner primär über deren Sprache, indem er Phrasen entlarvt und durch Zitate die Widersprüchlichkeit und Unmenschlichkeit der Kritisierten offenlegt.
- Quote paper
- Philip Grabowski (Author), 2007, Aggression bei Karl Kraus? Untersuchungen über Karl Kraus' Werk: "Die letzten Tage der Menschheit", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87015