Im Herbst des Jahres 2005 kam es in einigen französischen Vorstädten zu gewalttätigen Unruhen zwischen Jugendlichen und der Staatsgewalt. Die betroffenen Banlieues können aufgrund der sozialstrukturellen Zusammensetzung ihrer Bewohnerschaft als benachteiligte Quartiere bezeichnet werden. Als Motive für diesen Protest werden von den Vorstadtjugendlichen die Erfahrung von Ungerechtigkeit und Erniedrigung, ihre Schulsituation, Arbeitslosigkeit und fehlende politische Repräsentation genannt. Die Ereignisse machen deutlich, dass die soziale, ökonomische und politische Ausgrenzung einer großen Minderheit innerhalb einer Gesellschaft Konfliktpotenzial beinhaltet, das sich auf unkonventionelle, gewaltsame Weise entladen kann. Die Erscheinungsformen und Ursachen einer Marginalisierung von benachteiligten Jugendlichen innerhalb einer Gesellschaft sind vielfältig. Das Bildungssystem hat dabei eine besondere Bedeutung. So können Schulen Ort darstellen, an denen Ungleichheiten bestehen und verursacht bzw. weitergegeben werden. In Schulen kann aber auch Chancengleichheit herrschen und Integration begünstigt werden. Die Ergebnisse der PISA Studien haben ergeben, dass in Deutschland ein starker Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Herkunft und Bildungserfolg besteht (vgl. PISA-Konsortium Deutschland 2003: 26). Die Leistungsdifferenzen zwischen Schülern mit Migrationshintergrund und Schülern ohne Migrationshintergrund liegen dabei über dem OECD Durchschnitt (ebd.). Im Lichte der Ereignisse in Frankreich wird der Reformbedarf des deutschen Bildungswesens in Bezug auf seine Integrationsleistung besonders deutlich. Das kanadische Bildungssystem ist in Bezug auf den Bildungserfolg von MigrantenInnen besonders erfolgreich (vgl. Stanat/Christensen 2006: 199). Dieses System wird im Folgenden vorgestellt, um zu erfahren was wir aus Kanada lernen können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
2.1 Kanada als Einwanderungsland
2.2 Integrationspolitik
2.3 Multikulturalismus
3. Multikulturalismus und Bildung
3.1 Das kanadische Bildungssystem
3.2 Bildungen in der Provinz Ontario
3.3 Multikulturalismus im Bildungssystem am Beispiel der multikulturellen Gleichstellungspolitik Ontarios
4. Bewertung des kanadischen Bildungssystems
4.1 PISA 2000/2003
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Erfolg des kanadischen Bildungssystems im Hinblick auf die Integration von Migrantinnen und Migranten. Ziel ist es, auf Basis des kanadischen Modells Erkenntnisse für den Reformbedarf des deutschen Bildungswesens zu gewinnen und zu prüfen, ob die kanadische Praxis eine erfolgreiche Kompensation von Bildungsnachteilen ermöglicht.
- Einwanderungsgeschichte und Integrationspolitik Kanadas
- Strukturen und Rahmenbedingungen des kanadischen Bildungssystems
- Die Rolle des Multikulturalismus in der Bildungspolitik
- Multikulturelle Gleichstellungspolitik am Beispiel der Provinz Ontario
- Analyse und Bewertung der Bildungsleistung anhand von PISA-Studien
Auszug aus dem Buch
3.1 Das kanadische Bildungssystem
Die Ausgaben Kanadas für das Bildungssystem lagen mit einem Anteil von 6,6% am Bruttoinlandsprodukt im Jahre 1999 über dem OECD Durchschnitt, der 5,5% betrug (vgl. Stanat/Christensen 2006: 83). Deutschland investierte im gleichen Jahr 4,3% des Bruttoinlandproduktes in sein Bildungssystem (ebd.). Eine unter wenigen Gemeinsamkeiten beider Länder ist die Strukturierung ihres Bildungswesens durch den Föderalismus. Zwar wurde, um eine Homogenisierung des Bildungsbereiches zu erreichen, ein Gremium nach dem Vorbild der deutschen KMK installiert, allerdings sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Provinzen teilweise immer noch sehr groß (vgl. Stanat/Christensen 2006: 43). Zuständig für die Bildungspolitik sind die jeweiligen Provinzministerien (vgl. Stanat/Christensen 2006: 117). Diese geben den Großteil der administrativen Aufgaben an die school-boards auf der lokalen Ebene weiter. Die örtlichen Schulbehörden besitzen z. B. in Bezug auf die Inhalte der Lehrpläne zwar durchaus Handlungsspielräume, die Leitlinien bestimmt allerdings das jeweilige Provinzministerium (ebd.). Ein weiterer Akteur sind die Schulen selbst. Sie verwalten ihre Etats selbst und wählen ihr Personal eigenständig aus (vgl. Milhoffer 2003b: 2).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den Zusammenhang zwischen sozialer Ausgrenzung und Bildungserfolg und begründet die Relevanz des kanadischen Bildungssystems für den deutschen Reformdiskurs.
2. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: Dieses Kapitel erläutert die Geschichte Kanadas als Einwanderungsland, die Integrationspolitik sowie das zugrundeliegende Konzept des Multikulturalismus.
3. Multikulturalismus und Bildung: Der Abschnitt beschreibt das föderale kanadische Bildungssystem, die Strukturen in Ontario und spezifische politische Maßnahmen zur Förderung von Vielfalt und Chancengleichheit.
4. Bewertung des kanadischen Bildungssystems: Hier werden die PISA-Ergebnisse der kanadischen Schüler analysiert, um die Wirksamkeit der beschriebenen bildungspolitischen Instrumente empirisch zu prüfen.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Kanada durch eine gezielte Förderung Bildungsnachteile effektiv kompensiert, warnt jedoch vor einer unkritischen Übertragung der ethnisch-kulturellen Kategorisierungen auf Deutschland.
Schlüsselwörter
Kanada, Bildungssystem, Migration, Integration, Multikulturalismus, Chancengleichheit, PISA, Ontario, Schulpolitik, Einwanderungsland, Bildungserfolg, Schulerfolg, Diversity, Sozialgradient, Bildungsreform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das kanadische Bildungssystem mit Migration umgeht und warum es im internationalen Vergleich bei der Integration von Schülern mit Migrationshintergrund als überdurchschnittlich erfolgreich gilt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Einwanderungspolitik, das föderale Bildungssystem, die Umsetzung des Multikulturalismus in Schulen und die empirische Überprüfung durch PISA-Daten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse der kanadischen Strategien zur Chancengleichheit, um daraus Lerneffekte für die bildungspolitische Debatte in Deutschland abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse, die offizielle PISA-Statistiken und bildungswissenschaftliche Sekundärliteratur auswertet, um das kanadische Modell exemplarisch an der Provinz Ontario zu durchleuchten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die politischen Rahmenbedingungen, die spezifischen Bildungsstrukturen in Ontario und konkrete Fördermaßnahmen wie die "School-Community-Partnership" und das "Inklusive Curriculum" detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kanada, Bildungssystem, Multikulturalismus, Integration, Chancengleichheit und PISA sind die zentralen Begriffe der Arbeit.
Warum wird gerade Ontario als Beispiel gewählt?
Ontario ist die bevölkerungsstärkste Provinz Kanadas und das primäre Ziel für Zuwanderer, wodurch sie eine besonders hohe Diversität aufweist, die eine fundierte Analyse ermöglicht.
Was ist das Ergebnis der PISA-Studien für Kanada?
Die Studien belegen, dass das kanadische System eine sehr homogene Leistung erbringt und der Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Herkunft und Bildungserfolg deutlich geringer ausgeprägt ist als in anderen OECD-Staaten.
Kann das Modell einfach auf Deutschland übertragen werden?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass eine direkte Übertragung aufgrund der unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen unrealistisch ist, betont jedoch den Wert der Haltung, dass Vielfalt eine Stärke sein kann.
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- Fabian Mesecke (Author), 2007, Migration und Bildung in Kanada, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87056