Theodor Fontanes Novelle "Stine": Die Figur des Waldemar von Haldern als Vorläufer des dekadenten Figurentyps bei Thomas Mann


Studienarbeit, 1998
19 Seiten, Note: 1, 0

Leseprobe

INHALT

1. EINLEITUNG
1.1 Zwischen Bürgerlichem Realismus und Literarischer Décadence
1.2 Theodor Fontane und Thomas Mann
1.3 Die Figur des dekadenten Jünglings

2. ERLITTENE LEBENSGESCHICHTEN
2.1 Der Adelige und der Bürger
2.2 Die kränkliche Konstitution

3. ÜBERLEBENSSTRATEGIEN
3.1 Partnerwahl: Stine und Kai Graf Mölln
3.2 Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben
3.3 Scharfblick und Unfähigkeit zur Verstellung
3.4 Todesselige Ästhetik und Rauschzustände

4. GESELLSCHAFTSKRITIK VERSUS LEBENSPESSIMISMUS

5. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

1.1 ZWISCHEN BÜRGERLICHEM REALISMUS UND LITERARISCHER DECADENCE

Literaturgeschichte offenbart sich in ihren Übergängen. Das Ende einer literaturge­schichtlichen Epoche läßt sich nicht auf ein bestimmtes Datum oder Ereignis fixieren, genauso wenig wie das Entstehen einer neuen literarischen Strömung. Der Bürgerliche Realismus in Deutschland verschwand nicht einfach mit dem Heraufziehen der Literari­schen Moderne. In den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts laufen eine Vielzahl literarischer Strömungen parallel: Gerhart Hauptmanns naturalistisches Drama Die Weber erschien 1892, im selben Jahr wurde Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel in Buchform veröffentlicht. Fünf Jahre später wird Fontanes Stechlin in der Zeitschrift Über Land und Meer publiziert, gleichzeitig schreiben und veröffentlichen die Brüder Thomas und Heinrich Mann erste Erzählungen und Kurzgeschichten.

1.2 THEODOR FONTANE UND THOMAS MANN

Thomas Mann erwähnte in Gesprächen häufig, wie sehr ihn Fontanes Meisterschaft beeinflußt habe.[1] 1898 stirbt Fontane, und der dreiundzwanzigjährige Thomas Mann arbeitet an der Fertigstellung seines ersten großen Romans, den Buddenbrooks. Wie Fontane greift Mann das Motiv der Familie auf, um an ihr exemplarisch gesamtgesell­schaftliche Zusammenhänge aufzuzeigen: Der Verfall einer Familie ist der Verfall des Bürgertums an sich. Wie die adeligen oder großbürgerlichen Familien bei Fontane geben auch die Buddenbrooks Empfänge und Gesellschaften, und ein Großteil der Figuren wird im Rahmen eines solchen Anlasses in den Roman eingeführt. Die Konver­sation an reichgedeckten Tafeln, Besuche und Gegenbesuche, sowie Ausflüge und Urlaubsfahrten sind die Aktivitäten der Figuren bei Fontane und in Manns Roman Buddenbrooks. Standen bei dem älteren jedoch meist die Heuchelei und der Standes­dünkel in familiären und gesellschaftlichen Konflikten im Vordergrund, etwa im Fami­lienstreit zwischen den Häusern Treibel und Schmidt im Roman Frau Jenny Treibe l, so befindet sich die Familie Buddenbrook in einem Verfall, der weniger durch gesell­schaftliche Konventionen oder wirtschaftliche Zwänge als durch die zunehmende Lebensuntauglichkeit der nachgeborenen Generationen eintritt: "Der Grund des Verfalls aber ist die von Generation zu Generation zunehmende Reflexivität. Je mehr Budden­brooks von sich selber wissen, desto kränker sind sie."[2]

Die verarmte Adelsfamilie bei Fontane hat durch die Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen die Möglichkeit, sich selbst zu sanieren, wenn auch auf Kosten wahrer Gefühle - man denke nur an die Geldheirat Botho von Rienäckers in Irrungen, Wirrun­gen - wohingegen die Bürgerfamilie bei Thomas Mann an sich selbst, ihrer familiären Disposition mit jeder Generation dekadenter und lebensuntüchtiger zu werden, zugrun­degeht.

1.3 DIE FIGUR DES DEKADENTEN JÜNGLINGS

Thomas Mann personifiziert die Dekadenzthematik in seinen Werken oft in der Figur des kränklichen Jünglings. Es sind junge Männer, die bereits schwach geboren werden und deren körperliche und psychische Verfassung in desolatem Zustand ist. Dem fortschreitenden Verfall ergeben sie sich fast wehrlos wie Hanno Buddenbrook oder können nur in der feinnervigen Welt der Kunst existieren wie Tonio Kröger. Diesen Figuren ist es eigen, daß sie aus der sie umgebenden Gesellschaft und deren Konventio­nen, die das gesunde, lebenstüchtige Prinzip verkörpern, ausgeschlossen sind. Aus der Sehnsucht nach diesem Prinzip und der gleichzeitigen Erkenntnis, daß es für sie nicht lebbar ist, nährt sich die ambivalente Psychologie dieser Figuren.

In Theodor Fontanes Berliner Frauenromanen hingegen findet man den Typus des Adeligen, der die Konventionen seines Standes nicht durchbrechen kann, selbst dann nicht, wenn er erkennt, daß diese längst hohl und phrasenhaft geworden sind. Standes­dünkel und Ehrenkodex sind diesen Figuren der einzige Halt, da sie weder den Mut noch die Selbstbestimmtheit haben, einen eigenen Standpunkt einzunehmen und gegen gesellschaftliche Repressalien zu verteidigen. Der bereits angeführte Botho von Ri­enäcker in Fontanes Roman Irrungen, Wirrungen kann sich nicht zu seiner Liebe be­kennen, sondern bleibt den Erwartungen und Forderungen seines Standes verhaftet. Anders als bei den Décadence Figuren Manns befinden sich diese Charaktere in einem gesellschaftlichen Korsett, das sie zwar einschnürt, ihnen aber auch den Halt vermittelt, den sie in sich selbst nicht finden.

In Theodor Fontanes Novelle Stine, die parallel zu Irrungen, Wirrungen entstand, hat der Autor eine männliche Hauptperson gestaltet, die in vielen Aspekten nicht mehr mit den Männerfiguren aus anderen Fontane Romanen zu vergleichen ist.

Waldemar von Haldern teilt zwar mit vielen anderen Figuren die adelige Herkunft und eine militärische Männerbiographie. Seine Lebensgeschichte und seine Konstitution, sowie die Symbolik, die ihn begleitet, nähert sich allerdings den Decadence Figuren bei Thomas Mann an: "...dieser feinnervige und todesselige Waldemar stellt schon gleich­sam einen Übergang zu Thomas Mann und zur Dekadenzthematik der Jahrhundertwen­de dar."[3]

In den folgenden Kapiteln dieser Arbeit sollen in einem ersten Schritt die Parallelen und Unterschiede zwischen Fontanes Waldemar von Haldern und Thomas Manns Hanno Buddenbrook dargestellt und bewertet werden. Anschließend wird die aus der Figuren­analyse folgernde Akzentverschiebung vom gesellschaftlich determinierten Verfall Waldemar von Halderns zum individual psychologischen Siechtum Hanno Budden­brooks diskutiert.

2. ERLITTENE LEBENSGESCHICHTEN

2.1 DER ADELIGE UND DER BÜRGER

Waldemar von Haldern ist der älteste Sohn eines adeligen Geschlechts, Hanno Budden­brook der letzte männliche Nachkomme einer bürgerlichen Kaufmannsfamilie. Auf beiden Protagonisten lastet demnach der familiäre und gesellschaftliche Anspruch, der Ausübung und Erfüllung standesgemäßer Rechte und Pflichten nachzukommen. Adel und Bürgertum sind die Zwangsrahmen, in denen sich die heranwachsenden Männer bewähren müssen, und die, trotz aller Unterschiede, einen ähnlich starken Erwartungs­druck ausüben, der innerhalb der geltenden Standesnormen erfüllt werden muß: Auf Hanno Buddenbrooks sprichwörtlich schwachen Schultern liegt die Verantwortung der Geschäfts- und Familienfortführung, die er symbolisch schon vor seinem Tode ablehnt, indem er in gutmütig verspielter Art einen Schlußstrich unter den Stammbaum der Buddenbrooks zieht und dies seinem aufgebrachten Vater mit den Worten: "Ich glaub­te...ich glaubte...es käme nichts mehr..."[4] zu erklären versucht. Waldemar von Haldern hingegen analysiert Stine gegenüber sehr genau den Zeitpunkt, an dem er den Erwar­tungen seiner Familie und seines Standes nicht mehr entsprechen wollte und konnte: Als dekorierter Kriegsveteran nach Hause gekehrt erhält er Anerkennung und Lob, bringt es aber nicht fertig den Rest seines Lebens so zu gestalten, wie es von einem adeligen Kriegshelden erwartet wird:[5]

Ja, Stine, das war meine große Zeit. Aber ich hätte sterben oder mich rasch wieder zu Gesundheit und Karriere herausmausern müssen, und weil ich weder das eine noch das andere tat und nur so hinlebte, (...), war es mit meinem Ruhme bald vorbei.[6]

Der "Heldentod" auf dem Schlachtfeld oder ein Sterben an seinen Kriegsverletzungen hätte seiner standesbewußten Familie Ehre gemacht, damit hätte Waldemar die Erwar­tungen, die die adelige Gesellschaft an einen jungen Adeligen stellt, erfüllen können, ein einfaches, zielloses Dahinleben jedoch ist eine Schande.

Hanno Buddenbrooks symbolischer Schlußstrich und seine Ahnung, daß nichts mehr kommt, sind für die bürgerliche Familie ebenso schockierend wie Waldemars Weige­rung, standesgemäß zu leben oder zu sterben, für den Adel.

Durch die Unfähigkeit oder schlichtweg die Weigerung des Nachwuchses, den Ansprü­chen des Standes zu genügen, wird implizit die Frage nach der Überkommenheit des jeweiligen Wertesystems gestellt, die für beide Stände wesentlich bedrohlicher ist, als der individuelle Verfall und Tod eines ihrer Mitglieder. Selbst bei den Vorbereitungen zu seinem Selbstmord stellt sich Waldemar noch standesgemäße Fragen, jedoch nur, um sie zu verneinen, um der daraus erwachsenden Dünkelhaftigkeit zu entsagen: Statt des standesgmäßeren Selbstmord mit Pistole, zieht Waldemar es vor, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen: "Die Haldern´s, die mir schon soviel zu vergeben haben, werden mir auch das noch verzeihen müssen."[7]

Waldemars Familie hält allerdings mit nahezu menschenverachtender Countenance an ihren Werten fest, um sich nicht selbst in Frage stellen zu müssen, was während Wal­demars standesgemäßem Begräbnis deutlich wird:

"In Front erblickte man den alten Grafen, Waldemars Vater, in grauem Toupet und Johanniterkreuz, neben ihm in tiefer und soignierter Trauer die Stiefmutter des Toten, eine noch schöne Frau, die, was geschehen war, lediglich vom Standpunkte des `Affronts´ aus ansah und mit Hilfe dieser Anschauung über die vorschriftsmäßige Trauer mit beinahe mehr als standesgemäßer Würde hinwegkam"[8]

[...]


[1] Vgl. Deutsche Literaturgeschichte, S. 325.

[2] Kurzke: Thomas Mann, S. 70.

[3] Bode: Nachwort zu Stine, S. 121.

[4] Mann: Buddenbrooks, S. 524.

[5] Vgl. Fontane: Stine, S. 97f.

[6] Fontane: Stine, S.98.

[7] Fontane: Stine, S. 104.

[8] Ebd. S. 110f.

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Details

Titel
Theodor Fontanes Novelle "Stine": Die Figur des Waldemar von Haldern als Vorläufer des dekadenten Figurentyps bei Thomas Mann
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut )
Veranstaltung
Theodor Fontanes Gesellschaftsromane
Note
1, 0
Autor
Jahr
1998
Seiten
19
Katalognummer
V87115
ISBN (eBook)
9783638010627
ISBN (Buch)
9783638915427
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodor, Fontanes, Novelle, Stine, Figur, Waldemar, Haldern, Vorläufer, Figurentyps, Thomas, Mann, Gesellschaftsromane
Arbeit zitieren
Magister Artium (M.A.) Ralf Schwob (Autor), 1998, Theodor Fontanes Novelle "Stine": Die Figur des Waldemar von Haldern als Vorläufer des dekadenten Figurentyps bei Thomas Mann , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87115

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