Politisch-soziale Entwicklung und Multikulturalität im Guatemala des 20. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
18 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Bevölkerungsstruktur und ethnische Grenzziehungen

III. Historische Entwicklung bis zum Bürgerkrieg
III.1 Die Situation vor 1900
III.2 Der Liberale Nationalstaat (1871 – 1944)
III.2.1 Politische Entwicklung
III.2.2 Ladinisierung und ethnische Grenzen
III.3 Der „10-jährige Frühling“ (1944 – 1954) und die Zeit danach

IV. Die Mobilisierung der indianischen Bevölkerung
IV.1 Grundlegendes
IV.2 Destruktive Tendenzen und Handlungszwang
IV.3 Gezielte Förderungen: Die Acción Católica
IV.4 Institutionelle Organisierung der indigenen Bauernschaft
IV.5 Redefinition der ethnischen Grenze

V. Der Bürgerkrieg (1962 – 1996)
V.1 Guerilla-Bewegungen und die Antwort des Staates
V.2 Der Genozid der 1980er Jahre

VI. Die neue Ethnogenese der „Maya“ – Grundstein einer multiethnischen Nation?

VII. Aktuelle Entwicklungen

VIII. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Als der Friedensnobelpreis des Jahres 1992 an die indigene Menschenrechtlerin Rigoberta Menchú vom Stamm der Quiché vergeben wurde, rückte mit ihrem Heimatland Guatemala ein Land in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, welches in besonderer Weise durch interethnische Konflikte und eine lange Geschichte der nationalen Identitätssuche gekennzeichnet ist. Der Genozid der 1980er Jahre an der indianischen Bevölkerung war dabei das drastischste Symptom einer in sich tief gespaltenen Gesellschaft.

Die vorliegende Arbeit wird versuchen, die zentralen geschichtlichen Entwicklungen im 20. Jahrhunderts nachzuzeichnen, die in einem der blutigsten Bürgerkriege der lateinamerikanischen Geschichte gipfelten. Von Interesse wird dabei insbesondere die ethnische Komponente sein, sowie die sich nach der Unabhängigkeit auftuenden inneren Widersprüche des Konzeptes der „Nation“.

Um im Zuge der Arbeit zu Aussagen im Sinne der zu Grunde liegenden Fragestellungen zu gelangen, erscheint zunächst ein grober Abriss über die den ethnischen Grenzziehungen im Lande zu Grunde liegenden Fakten und Kausalzusammenhänge sinnvoll. Im Anschluss wird versucht werden, die einzelnen historischen Etappen in einer chronologischen Vorgehensweise nochmals einzeln nachzuzeichnen, und hierbei jeweils die politische mit der kulturell-ethnischen Entwicklung zu verbinden.

II. Bevölkerungsstruktur und ethnische Grenzziehungen

Guatemala weist – je nach Quelle[1] – mit ca. 50 % bis 65 % einen der höchsten Anteile an indigener Bevölkerung Lateinamerikas auf. Neben den kaum präsenten Völkern der Garífunas und Xinca sind es insbesondere Nachfahren der Mayas, die – zersplittert in drei Sprachfamilien und 21 Mayaidiome – insbesondere das westliche Hochland besiedeln (vgl. u.a. GRÜNBERG 2003, 194; BÜRSTMAYR 2003, 206f.; SCHMIDINGER 2003, 217). Mit ca. 40 % bis 50 % stellen die Ladinos – so die Bezeichnung für die in anderen Ländern der Region als Mestizen betitelten Mischlinge europäischer und indigener Abstammung – den zweiten großen Bevölkerungsteil (vgl. FISCHER et al. 1996, 9).

Der Begriff des Ladinos kann nun aber in Guatemala nicht rein auf biologischer Ebene belassen werden. In der einschlägigen Literatur wird darauf hingewiesen, dass zur Unterscheidung der Bevölkerungsgruppen in erster Linie kulturelle und linguistische Unterscheidungsmerkmale angewandt werden müssten (vgl. BIRK 1995, 62). Auch sei ein individueller Übertritt von der Gruppe der Indígenas in die der Ladinos durchaus möglich und üblich: „the fluidity of Guatemala’s ethnic boundaries is perhaps best illustrated by the fact that many Indians have chosen to become Ladinos in an effort to avoid cultural discrimination and to facilitate their integration into the national education system“ (FISCHER et al. 1996, 11). Bei der kulturellen Definition der Indígena-Gemeinschaft ist jedoch aufgrund fortschreitender Akkulturations-Prozesse Vorsicht walten zu lassen: Statt einer endemischen Kultur muss die indianische Lebensweise vielmehr als „ein während der vergangenen 500 Jahre vielfach umgeformter Traditionszusammenhang“ betrachtet werden (BIRK 1995, 65).

Was trennte und trennt nun die autochthonen Völker Guatemalas auf der einen und Ladinos bzw. Kreolen auf der anderen Seite? Sicherlich unterscheidet sich die Mehrheit der indigenen Völker der Region in ihrer Situation als arme Kleinbauern nicht von einem Großteil der Ladinos, weswegen die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Betonung der Unterschiede statthaft ist. GRÜNBERG (2003, 196) merkt hierzu jedoch an, dass sich die verschiedenen ethnischen Gemeinschaften insbesondere durch ein spezifisches gemeinsames „historisches Projekt“ unterscheiden und bewusst voneinander abgrenzen: „es ist der organisatorische Aspekt ihrer Kultur, als spezifische Gesellschaft in einem bestimmten Gebiet und mit einer eigenen Geschichte zu leben, die den Unterschied ausmacht“. Diese Betrachtungsweise schließt nun auch die zuvor genannten Einschränkungen nicht mehr aus.

Verfolgt man das Verhältnis sowie die selbst- wie fremdzugeschriebenen begrifflichen Trennlinien zwischen Indígenas und Ladinos, lässt sich im historischen Verlauf ein deutlicher Wandel feststellen. GARBERS/HECKT (2000, 73) sprechen von einer dreifachen Redefinition der ethnischen Grenze, womit sie die Einschnitte der Eroberungsphase, der Nationenbildung sowie der Abkehr der indigenen Bevölkerung von ihrer Rückzugsstrategie im 20. Jahrhundert ansprechen. Obwohl als eine historische Konstante in Guatemala seit der Eroberungsphase die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung durch die Ladinos gelten kann, muss diese zumindest während der Kolonialzeit zunächst als ein wirtschaftliches Phänomen eingestuft werden. Erst zu Ende der Kolonialzeit kann, vor allem in den Städten, eine rassisch-soziale begriffliche Differenzierung zwischen „Ladino“ und „Indígena“ festgestellt werden (vgl. BIRK 1995, 51f.). In dieser ethnischen Abgrenzung schließlich lag während der Nationenbildung „ein wichtiges Konstruktionsmerkmal des nationalen Projektes“ (GARBERS/HECKT 2000, 72). Dies wirkt bis heute nach und markiert einen grundsätzlichen Widerspruch der guatemaltekischen Nation, für welche die modernisierungsgläubige Machtelite – im Sinne der Patria Criolla – schon bei ihrer Gründung keine ethnische Vielfalt vorgesehen hatte (vgl. PINTO SORIA 1994, 219f). Das 20. Jahrhundert schließlich erlebte einen tief greifenden Wandel bezüglich des Selbstverständnisses und der politischen wie sozialen Teilnahme der Indígenas. Hierauf wird an späterer Stelle eingegangen werden, um nun zunächst einer chronologischen Betrachtung der einzelnen historischen Abschnitte Raum zu lassen.

III. Historische Entwicklung bis zum Bürgerkrieg

III.1 Die Situation vor 1900

Das konservative Regime zwischen 1840 und 1871 war durch ein Zurückweisen des liberalen Gedankengutes der französischen Revolution geprägt und nahm deutliche Anleihen an Politikmustern der Kolonialzeit. Nichtsdestotrotz herrschte zwischen Konservativen und Liberalen ein weit gehender Konsens in Bezug auf die Notwendigkeit eines „neuen Guatemalas“, wolle es zu den modernen Staaten der Erde aufschließen. Hierbei setzte das konservative Establishment auf eine langsame Evolution des Landes (vgl. PINTO SORIA 1994, 224). Dies galt auch in Bezug auf die indigene Bevölkerung des Landes: nach konservativer Lesart sollte diese vor liberalen Irrwegen beschützt und im Zuge einer langsamen Entwicklung auf einen abgeschwächten Ladinisierungspfad begleitet werden, wobei bewährte Formen des Zusammenlebens erhalten werden sollten. Räume zur Selbstbestimmung und diverse Patenschaftsprojekte sollten einen gemächlichen Wandel begünstigen (vgl. ebd., 228).

III.2 Der Liberale Nationalstaat (1871 – 1944)

III.2.1 Politische Entwicklung

Mit der Machtübernahme der Liberalen im Jahr 1871 begann eine Zeit, die später mit dem Begriff der „Liberalen Revolution“, oder auch mit „Liberaler Entwicklungsdiktatur“ belegt wurde (vgl. RIEKENBERG 1990, 78). Auf dem Weg zu einem „neuen Guatemala“ setzten die Liberalen auf die kompromisslose Förderung der kapitalistischen Exportlandwirtschaft und auf die Einbindung in den Weltmarkt. Der zu jener Zeit einsetzende Boom der Kaffeeproduktion sollte mit einer ausreichenden Arbeitskräfteversorgung gestützt werden, was durch zum Teil zwiespältige „Kunstgriffe“ erreicht wurde: unrechtmäßige Landübertragungen und die Praxis der Schuldknechtschaft waren gängige Methoden der herrschenden Oligarchie, um die neue Agrarelite zu befriedigen und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzutreiben (vgl. CARRIERE/KARLEN 1996, 370). Die genannten Maßnahmen trafen in erster Linie die indianische Bevölkerung des Landes, welche in die Kaffeewirtschaft inkorporiert und an diese gebunden werden sollte.

Unter den Präsidenten der liberalen Ära können insbesondere Manuel Estrada Cabrera (1899 – 1920) und Jorge Ubico Castañeda (1931 – 1944) hervorgehoben werden, welche beide die für diese Zeit typischen autokratischen Herrschaftszüge in ihrer reinsten Form repräsentierten. Charakteristisch war dabei je eine starke Involvierung der Armee als Machtinstrument sowie ein ausgeprägter Schutz ausländischer Interessen, was laut Kritikern an einen „Ausverkauf des Landes“ grenzte (vgl. CARRIERE/KARLEN 1996, 387f.). Besonders der populistischen Militärdiktatur Ubicos wird dabei oft ein stark caudillistischer Zug zugesprochen (vgl. RIEKENBERG 1990, 97).

III.2.2 Ladinisierung und ethnische Grenzen

Das Ziel der Förderung der Exportlandwirtschaft koinzidierte mit einem grundsätzlichen Anspruch der liberalen Regierungen bezüglich der indigenen Bevölkerungsteile: deren Ladinisierung – unter den konservativen Vorgängerregierungen noch als langsame Evolution angedacht – sollte nun radikal und umfassend angegangen werden. Als eigenständige ethnische Gruppe völlig negiert, sollten den Indígenas westliche Lebens- und Kulturelemente „eingepflanzt“ werden, „dem Geist nicht unähnlich, in dem die katholische Kirche in den Anfängen der Kolonialzeit die Taufen von Indianern vorgenommen hatte“ (PINTO SORIA 1994, 230). Im Auftrag der Regierungen stellten Intellektuelle dabei das „Indioproblem“ auf ein theoretisches Fundament, welches zur Legitimierung der Ladinisierung und Einbindung der Indígenas diente. Die in einem Zustand der Dekadenz und Barbarei oder gar der genetischen Degeneration lebenden Indianer – so ein gängiges Argument der Zeit – müssten zu ihrem eigenen Wohl zivilisiert werden (vgl. MOLKENTIN 2002, 76). Die Mehrzahl der guatemaltekischen Intellektuellen der Zeit waren sich dabei mit der ladinischen Herrschaftsschicht in der Geringschätzung der indigenen Bevölkerung einig. Hier leisteten auch die Erfahrungen der Vereinigten Staaten von Nordamerika und deren Vorbild einen Beitrag: „Auch aufgrund seiner eigenen kulturellen Armut hat sich der guatemaltekische Ladino, dessen ethnisch-soziales Substrat in besonders prägnanter Weise durch die Intellektuellen des Landes abgebildet wird, eng an die europäischen oder nordamerikanischen Einflüsse angeschlossen, was zu einer systematischen Negierung des Autochthonen führte“ (PINTO SORIA 1994, 239).

[...]


[1] Häufig basieren Erhebungen zur ethnischen Zugehörigkeit auf der Selbsteinschätzung der befragten Personen, wodurch es im Vergleich mit Schätzungen von Experten zu Abweichungen kommen kann.

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Details

Titel
Politisch-soziale Entwicklung und Multikulturalität im Guatemala des 20. Jahrhundert
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Zum Problem von Multikulturalität in lateinamerikanischen Gesellschaften
Note
gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V87151
ISBN (eBook)
9783638012959
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Multikulturalität, Guatemala, Indigenas, Indios, Indigena, Maya
Arbeit zitieren
Florian Dittmar (Autor), 2006, Politisch-soziale Entwicklung und Multikulturalität im Guatemala des 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87151

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