Populär gescheitert?

Gottfried Bürgers Konzept der Volkspoesie im Kontext des literaturästhetischen Diskurses Ende des 18. Jahrhunderts


Studienarbeit, 2007
20 Seiten, Note: "-"

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. G.A. Bürgers Theorie von der Popularität der Poesie
2.1. Literatur-theoretische Voraussetzungen und Vorbilder
2.2. Analyse des Volkspoesiekonzepts anhand von Bürgers Schrift „Herzensausguß über Volkspoesie“
2.3. Die Umsetzung des Volkspoesiekonzepts in Bürgers Dichtung
2.4. Kritik an Dichtung und Theorie Bürgers

3. Fazit

4. Bibliographie

1. Einleitung

„Bürger war ein echtes Dichtergenie, dem vielleicht die erste Stelle nach Goethe unter den deutschen Dichtern gebührt, da, gegen seine Balladen gehalten, die Schillerschen kalt und gemacht erscheinen.“[1] (Arthur Schopenhauer)

So uneingeschränkt anerkennend wie sich der Philosoph Arthur Schopenhauer in diesem Zitat über das Schaffen des Sturm und Drang Dichters Gottfried August Bürger (1747- 1794) äußerte, wurde selten über den politischen „Volksdichter“, den „Citoyen Bürger“[2], unter seinen Zeitgenossen geurteilt. Die Kontroversen über den Wert und die Wichtigkeit seines Werkes sind bis heute Diskussionsstoff für Literaturhistoriker und ein eindeutiges Urteil scheint nicht gefällt.

In Erinnerung geblieben ist Bürger als großer Balladendichter. Seine Balladen „Leonore“, „Der wilde Jäger“ und „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain” gehören zu den bekanntesten und beliebtesten deutschen Balladen, bis heute. Die episch- dramatische Struktur dieser Volksdichtform schien Bürgers Vorstellung und seiner Dichtart vollends zu entsprechen, wie er 1776 selbst reflektierend erkannte: „Diese Dichtungsart scheint beynah vorzüglich mein beschieden Loos zu seyn. Sie drängt sich mir überall, auch wo ich sie nicht rufe, entgegen; alle meine poetischen Ideen verromantiren oder verballadiren sich wider meinen Willen.“[3]

Doch Bürger war weitaus mehr als der populäre Schöpfer balladesker Lyrik. Heute ist hauptsächlich seine bearbeitete Fassung der englischen Übersetzung Raspes von den „Feldzüge(n) und Abenteuer(n) des Freiherrn von Münchhausen (17786-89)“ der Allgemeinheit in Erinnerung geblieben.[4] Zu seiner Zeit galt Bürger als einer der beliebtesten Autoren, dies lag vor allem an einem Grundsatz unter den er sein literarisches Schaffen stellte: „Alle Poesie soll volksmäßig sein, denn das ist das Siegel ihrer Vollkommenheit.“[5]

Unter dieser Maxime, der Zugänglichkeit von Literatur für eine breite Masse, entwickelte Bürger sein Konzept der Volkspoesie, welches er in mehreren literaturtheoretischen Schriften fixierte.[6]

Trotz der Bekanntheit und Bedeutung seiner oft gesellschaftskritischen Werke scheinen Bürgers literaturtheoretischen Betrachtungen im öffentlichen Bewusstsein der kanonisierten Theorien nicht sehr präsent. Gründe dafür gibt es reichlich. Bürger proklamierte sein Konzept nur verhalten, systematischer Natur waren seine Überlegungen zudem auch nicht und wie viele andere Dichter seiner Zeit leidet er unter der bis heute anhaltenden Omnipräsenz der Dichterfürsten Schiller und Goethe. Vor allem Schiller spielt im Kontext der (Nicht-) Kanonisierung des Volkspoesiekonzepts eine beachtliche Rolle. In seiner Rezension der Gedichte Bürgers von 1791 polemisiert Schiller aufs Schärfste die Aufgabe künstlerischer Qualität zugunsten der volkstümlichen Annäherung.[7] Diese herbe Kritik bezieht sich jedoch nicht nur auf den Dichter, sondern auch den Menschen Bürger, denn Schiller meint urteilen zu dürfen „ daß der Geist, der sich in diesen Gedichten darstellte, kein gereifter, kein vollendeter Geist sei, dass seinen Produkten nur deswegen die letzte Hand fehlen möchte, weil sie- ihm selbst fehle.“[8] Ein Vorwurf, der durch den aufkommenden „Klassiker“ Schiller einen bedeutsamen Stellenwert erhielt und quasi zur Verbannung des am Sturm und Drang orientierten Volkspoesiekonzepts führte.

Unter diesem Gesichtspunkt soll in der vorliegenden Arbeit eingehender die literaturtheoretische Überlegung hinter Bürgers Volkspoesiekonzept untersucht werden. Angefangen von den historisch-theoretischen Voraussetzungen unter denen Bürger sein Konzept entwickelte, über die Analyse der eigentlichen Intention der Schrift „Herzensausguß über Volkspoesie“ bis hin zur Frage nach dem Scheitern der Popularisierungsambitionen und den Auswirkungen auf die Rezeption der bürgerischen Literaturästhetik am Ende des 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, inwieweit Bürgers Konzept der Volkspoesie im ausgehenden 18. Jahrhundert tragfähig war und ob die Kritik der aufkommenden Klassik, in Person Schillers und Goethes, eine Kanonisierung des Volkspoesiekonzepts in der Literatur entscheidend beeinflusste.

2. G.A. Bürgers Theorie von der Popularität der Poesie

2.1. Literatur-theoretische Voraussetzungen und Vorbilder

Bevor eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Bürgers Schrift „Herzensausguß über Volkspoesie“ und seiner darin proklamierter Theorie von der Popularität der Poesie erfolgen kann, muss zumindest kurz auf den historischen Rahmen der Entstehungszeit des Volkspoesiekonzepts eingegangen werden. Geistige wie kulturelle Erzeugnisse entstehen nie autark für sich, sondern sind immer eingebunden in gewisse Paradigmen die leitend für die Auseinandersetzung mit der jeweiligen Thematik sind.[9] Bürgers theoretischer Ansatz entstand vor dem konkreten Hintergrund eines Wechsels von solchen grundlegenden literarischen Basisannahmen. Das ganze 18. Jahrhundert der deutschen Literatur ist geprägt von mehrfachen Paradigmenwechseln innerhalb der Literaturtheorie, wie Gunter E. Grimm in seinem Aufsatz „ ‚Lieber ein unerträgliches Original als ein glücklicher Nachahmer- Bürgers Volkspoesie-Konzept und seine Vorbilder’“ anschaulich darlegt:

„Die gesamte Literatur des Barockzeitalters stand unter dem Vorzeichen der Imitation mustergültiger Vorbilder, sie nachzuahmen, war kein Makel, sie zu übertreffen ein Ruhmesblatt. So hat sich Martin Opitz, als er sein Programm einer deutschsprachigen Kunstpoesie einführen wollte, nicht von ungefähr auf vergleichbare Schriftsteller anderer Nationen berufen, etwa auf Petrarca in Italien und auf Ronsard in Frankreich (…). Ähnlich auch die Situation bei Gottsched, der bei seinem Bemühen, barocken Manierismus zu überwinden, nicht zufällig auf den Klassizisten Opitz zurückgegriffen hat. Das Auswechseln des Kanons in der „Critischen Dichtkunst“ belegt diesen Normenwandel drastisch. Gerade die Behauptung, der gute Geschmack lasse sich durch Nachahmung vorbildlicher Poeten ausbilden, zeigt, wie eng benachbart bei Gottsched Traditionspflege und Vernunftphilosophie noch waren. (...) Einer speziellen Variante der Vorbildsuche - der Ablehnung etablierter Größen und der Aufwertung vernachlässigter Autoren, kurz der Umwertung des Kanons - begegnet man vor allem in Zeiten des Umbruchs.

In der Wissenschaft und in der Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts wurde diese Frage nach dem Verhältnis zwischen Tradition und Innovation, zwischen Bewahren und Erneuern mit Verve gestellt, sowohl in erkenntniskritischer als auch in ethischer und ästhetischer Hinsicht.“[10]

Dieser Umbruch von Tradition hin zur Innovation begann bereits Mitte der 60iger Jahre des 18. Jahrhunderts. Gotthold Ephraim Lessing kritisierte damals in seiner „Hamburgischen Dramaturgie ( 1767 )“ die klassizistische Regelpoetik Gottscheds. Er wandte sich dabei gegen die herrschende Literaturtheorie, welche Gottsched in seinem Werk "Versuch einer critischen Dichtkunst (1730)" proklamierte. Insbesondere kritisierte er den Zwang eines engen Regelwerks, der den Literaten die gestalterische Freiheit nahm und plädierte für eine formfreiere Interpretation der aristotelischen Poetik, die er als Orientierung und nicht als Ideal der Dramenproduktion verstand.[11] Lessing muss somit als Vorbote der anbrechenden Epoche des Sturm und Drang (1767-1785) gesehen werden.

Als Reaktion auf die vernunft- und regelgeleitete Haltung der Aufklärung wendete sich ein Kreis von bürgerlich- jugendlichen Dichtern und Denkern[12] gegen die poetischen, politischen und geistigen Traditionen und proklamiert das Originäre, Ursprüngliche und Geniale, dass dem Genie inne wohnt und sich in ihm und in der Natur finden und produzieren lässt. Dabei sollte Dichtung mehr sein als künstlerisches Amüsement, sie soll Einfluss auf die sozialen und geistigen Umstände in der Welt ausüben. Phantasie, Leidenschaft, Unmittelbarkeit und Genialität des Dichters sind die Grundlagen für ein großes Werk, nicht mehr die Form, sondern der Inhalt, die Essenz ist tragend für die poetische Produktion.[13]

Prägend für die Anfangsphase und somit in gewisser Weise „geistiger Vater“ des Sturm und Drang ist Johann Gottfried Herder (1744-1803). Seine „ Fragmente über die neuere deutsche Literatur (1766-67)“ werden oft als Ausgangspunkt des Sturm und Drang bezeichnet. Herder wirkte dabei vielschichtig auf die zeitgenössischen Autoren.

[...]


[1] URL: http://www.gottfried-august-buerger-molmerswende.de (11.09. 2007)

[2] Kaim-Kloock, Lore: Gottfried August Bürger. Zum Problem der Volkstümlichkeit in der Lyrik. In: Hans Kaufmann und Hans-Günther Thalheim (Hrsg.): Germanistische Studien. Berlin: Rütten & Loening 1963, S. 5

[3] Beutin, Wolfgang: Tradition- Innovation- Reflexion. In: Wolfgang Beutin und Thomas Bütow (Hrsg.): Gottfried August Bürger: (1747-1794); Beiträge der Tagung zu seinem 200. Todestag. Frankfurt am Main: Europäischer Verlag der Wissenschaften 1994, S. 116-117

[4] Häntzschel, Günter: Gottfried August Bürger. Werke und Briefe. In: Wolfgang Friedrich(Hrsg.): Beck’sche Autorenreihe 608. München: Beck 1988 S. 77

[5] Kaim-Kloock, Lore: Gottfried August Bürger. Zum Problem der Volkstümlichkeit in der Lyrik. In: Hans Kaufmann und Hans-Günther Thalheim (Hrsg.): Germanistische Studien. Berlin: Rütten & Loening 1963, S.6

[6] u.a. „Herzensausguß über Volkspoesie“ erschienen in „ Aus Daniel Wunderlichs Buch“ im „Deutschen Museum“ (1776) und das Fragment „Von der Popularität der Poesie“ (1784), posthum veröffentlicht

[7] Häntzschel, Günter: Gottfried August Bürger. Werke und Briefe. In: Wolfgang Friedrich (Hrsg.): Beck’sche Autorenreihe 608. München: Beck 1988 S. 87-88

[8] Ebd., S. 88

[9] Ulfig, Alexander: Lexikon der philosophischen Begriffe. Eltville a. Rhein: Bechtermünz Verlag 1993, S. 308

[10] Grimm, Gunter E.: „Lieber ein unerträgliches Original als ein glücklicher Nachahmer“. Bürgers Volkspoesie- Konzept und seine Vorbilder (03.07.2005). In: Goethezeitportal. URL: http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/buerger/grimm_volkspoesie.pdf (15. 09. 2007), S. 1

[11] Vlg. Lessing, Gotthold Ephraim: Briefe, die neueste Literatur betreffend. 17. Brief In : Ulrich Staehle (Hrsg.): Arbeitstexte für den Unterricht. Theorie des Dramas. Stuttgart: Reclam 2005 S. 26-29

[12] u.a. Goethe, Klinger, Lenz, Herder, Bürger, Claudius, Hölty, Voss, Müller, Moritz und abschließend Schiller

[13] Vlg. Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. 6. verb. u. erw. Auflage. Stuttgart: Kröner 1979, S. 789 - 801

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Populär gescheitert?
Untertitel
Gottfried Bürgers Konzept der Volkspoesie im Kontext des literaturästhetischen Diskurses Ende des 18. Jahrhunderts
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistisches Institut)
Note
"-"
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V87160
ISBN (eBook)
9783638014670
ISBN (Buch)
9783638918503
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
18. Jahrhundert, Gottfried August Bürger, Volkspoesie
Arbeit zitieren
Torben Fischer (Autor), 2007, Populär gescheitert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87160

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