Mit seinem ersten Prosaroman „Siegwart. Eine Klostergeschichte“ gelang Johann Martin Miller 1776 ein derart großer Erfolg, dass sein empfindsam geprägtes Werk nach Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ als zweiter Modeerfolg seiner Epoche bezeichnet werden kann.
Ein zentrales Thema seines Romans ist dabei der Gegensatz zwischen ländlichem und städtischen Leben. Durch intensive Erarbeitung des Primärtextes und unter Bezugnahme auf die zu Millers Werk sehr begrenzte Forschungsliteratur wird in der vorliegenden Arbeit untersucht, inwiefern sich die Lebensräume Stadt und Land auf die Charaktere der Protagonisten auswirken. Dabei ist zu beachten, dass diese Einflüsse nicht allein vom jeweils aktuellen Lebensraum der Figuren ausgehen, sondern auch von dem von ihnen bevorzugten Lebensstil.
Zunächst wird das Bürgertum betrachtet, wobei eine Einteilung in die Figuren, die dem Landleben zugeneigt sind, und jenen, die sich eher zum städtischen Lebenswandel hingezogen fühlen, vorgenommen wird. Im Anschluss daran erfolgt die nähere Untersuchung des Adels, wobei sich die Einteilung nach Stadt- und Landadel allein in ihrer Herkunft bzw. ihrem Wohnsitz begründet.
Im Mittelpunkt soll die Frage stehen, ob die geografische Umgebung mit den in ihr üblichen Gepflogenheiten einen Einfluss auf den Charakter und das Betragen jener Figuren hat, die sich ihr zugeneigt fühlen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DAS BÜRGERTUM
2.1. MIT DEM LANDLEBEN SYMPATHISIERENDE BÜRGERLICHE
2.1.1. Xaver Siegwart
2.1.2. Therese
2.1.3. Weitere Charaktere
2.2. MIT DEM STADTLEBEN SYMPATHISIERENDE BÜRGERLICHE
2.2.1. Salome
2.2.2. Hofrat Fischer
2.3. SCHLUSSFOLGERUNG
3. DER ADEL
3.1. DER STADTADEL
3.1.1. Baronessin von Eller
3.1.2. Der geheime Rat von Kronhelm
3.2. DER LANDADEL
3.2.1. Junker Veit Kronhelm
3.2.2. Friedrich Kronhelm
3.3. SCHLUSSFOLGERUNG
4. FAZIT
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der geografischen Lebensräume Stadt und Land auf die Charaktere in Johann Martin Millers Roman „Siegwart. Eine Klostergeschichte“. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Zuwendung zu einer bestimmten Umgebung mit der moralischen Einstellung und der Wahrnehmung der ständischen Ordnung korreliert.
- Analyse der bürgerlichen Figuren und ihrer Affinität zum Land- oder Stadtleben.
- Untersuchung des städtischen Einflusses als potenziell verderbliche Kraft gegenüber der ländlichen Idylle.
- Vergleich der Auswirkungen auf den Stadt- und Landadel sowie deren Haltung zu ständeübergreifenden Liebesbeziehungen.
- Reflexion der Bedeutung von Bildung für die moralische Gesinnung der Adeligen.
- Herausarbeitung der Kontrastfigur des verkommenen Landadels zur idealisierten Darstellung.
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Xaver Siegwart
Zu den landliebenden Charakteren des Romans zählt der Amtmannssohn Xaver Siegwart. Da er außerhalb der Stadt aufwächst, kennt er die Vorzüge des Landlebens und weiß sie zu schätzen. Zwar muss er, um die Schule und die Universität zu besuchen, seinen Wohnsitz temporär in die Stadt verlegen, jedoch ist er dem Land stets zugeneigt. So sucht er auch während seines Aufenthalts in der Stadt die ländliche Umgebung auf, indem er, wenn er seinen Vater, den Amtmann Siegwart, und Therese besucht, viel Zeit im Garten der Familie verbringt oder mit Mariane in ihren Garten geht. Diese Landliebe resultiert bei Siegwart vor allem in seiner Zuneigung zur bäuerlichen Bevölkerung. So bereitet es ihm Freude, die Natürlichkeit der Bauern zu betrachten, die sich z.B. in ihrem ungezwungenen und regellosen Tanzen offenbart. Das Landleben stellt für Siegwart ein Ideal dar, dem es so nah wie möglich zu kommen heißt. Daher sucht er auch den direkten Kontakt zu den Bauern, wohnt vorübergehend bei ihnen und isst mit ihnen gemeinsam. Obwohl er ihnen seinem Stand nach übergeordnet ist, beeinträchtigt dies sein Verhalten den Landbewohnern gegenüber nicht. Statt sich als ihnen übergeordnet zu präsentieren, setzt er sich mit den Bauern auf eine Stufe und gibt ihnen das Gefühl, einer von ihnen zu sein. Somit charakterisiert Miller seinen Helden als einen Bürgerlichen, der den ständischen Unterschieden keinerlei Bedeutung zuweist. Vielmehr sucht er sogar die Gesellschaft des ihm untergeordneten Standes und vermittelt ihnen ein Gefühl der Gleichwertigkeit. Anders als in der ständischen Ordnung üblich, spricht Siegwart zudem ausdrücklich seine Ansicht aus, dass auch die Bauern, genau wie die Vertreter der übrigen Stände, Menschen seien, unter denen man verschiedene Charaktere ausmachen könnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Relevanz von Millers Roman und Einführung in die Fragestellung bezüglich der Auswirkungen von Lebensräumen auf die Charaktere.
2. DAS BÜRGERTUM: Untersuchung, wie die ländliche Umgebung positive, moralische Züge fördert, während das städtische Leben als unnatürlich und verderblich gezeichnet wird.
3. DER ADEL: Analyse der adeligen Charaktere, wobei sich herausstellt, dass hier neben dem Wohnort vor allem der Bildungsgrad entscheidend für die moralische Integrität ist.
4. FAZIT: Synthese der Ergebnisse, die zeigt, dass die geografische Umgebung zwar beeinflusst, aber insbesondere beim Adel durch Bildung und Erziehung modifiziert wird.
Schlüsselwörter
Johann Martin Miller, Siegwart, Eine Klostergeschichte, Landleben, Stadtleben, Bürgertum, Adel, Ständegesellschaft, empfindsamer Roman, Charakterentwicklung, Natur, Idylle, Bildung, Moral, Liebeshochzeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, inwiefern die Lebensräume Stadt und Land die Charaktere in Johann Martin Millers Roman „Siegwart. Eine Klostergeschichte“ prägen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen der Gegensatz zwischen städtischem und ländlichem Leben, die Ständeordnung sowie die moralische Bewertung von Figuren in Abhängigkeit von ihrer Umgebung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist herauszufinden, ob die geografische Umgebung und die damit verbundenen Lebensgewohnheiten einen messbaren Einfluss auf das Verhalten und die moralische Einstellung der Romanfiguren haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer intensiven inhaltlichen Erarbeitung des Primärtextes unter Einbeziehung der vorhandenen Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des Bürgertums, unterteilt in land- und stadtnahe Figuren, sowie eine Analyse des Adels, wobei hier besonders die Rolle der Bildung hervorgehoben wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Siegwart, Landleben, Stadtleben, Ständegesellschaft, Moral, Charakter, Bildung und Idylle.
Warum wird Salome als Gegenfigur zu Therese dargestellt?
Salome verkörpert den negativen Einfluss der Stadt, da sie durch ihre Vorliebe für städtische Sitten und ihre Eitelkeit als moralischer Gegenpol zur natürlich auftretenden Therese fungiert.
Inwiefern unterscheidet sich Friedrich Kronhelm von seinem Vater Veit Kronhelm?
Während der Vater den verkommenen, ungebildeten Adel repräsentiert, zeigt Friedrich als gebildeter Adeliger eine moralische Aufgeklärtheit und Verbundenheit zu bürgerlichen Werten.
Welche Rolle spielt die Bildung beim Adel?
Die Bildung ist beim Adel der entscheidende Faktor, der die negativen Auswirkungen des städtischen Umfelds neutralisieren kann und eine Abkehr von starren ständischen Konventionen ermöglicht.
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- Myriam Konrad (Author), 2007, Die Lebensräume Stadt und Land und ihre Einflüsse auf die Charaktere in Johann Martin Millers „Siegwart. Eine Klostergeschichte“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87185