Wahrnehmung und ihre Bedeutung für Verhalten


Skript, 2002

26 Seiten


Leseprobe

I. EMPFINDUNGEN UND WAHRNEHMUNGEN

1. Die Entstehung von Empfindungen und Wahrnehmungen

1.1. Das subjektive Bild der Außenwelt

Der Trieb zur Erhaltung des Lebens ist dem Menschen und dem Tier eingepflanzt. Triebbefriedigung und Erhaltung des Lebens sind nur möglich, wenn sich die Lebewesen mit der Außenwelt in Verbindung setzen können. Zu diesem Zweck ist jedes Lebewesen mit Apparaten, Organen ausgestattet, die es befähigen, die Außenwelt wahrzunehmen. Die Sinnesorgane, AUGE, OHR, NASE, ZUNGE, HAUT, verschaffen uns die notwendigen Informationen darüber, was in unserer Umwelt vor sich geht und in welchem Verhältnis wir jeweils zu ihr stehen. Die zu den Sinnesorganen oder Rezeptoren gehörenden nervösen Systeme leiten diese Informationen weiter ins Zentralnervensystem und verarbeiten sie z.B. zu motorischen Befehlen, so dass der Bewegungsapparat auf die Wahrnehmung der Außenwelt entsprechend reagiert. Die im Gedächtnis gespeicherte Erfahrung bringt das, was wir empfinden, in einem geordneten und verstehbaren Zusammenhang.

Die Sinnesorgane, deren wir uns zur Außenwelt bedienen, gleichen in ihrem Bau und ihrer Funktion Instrumenten, die physikalischen Prinzipien gehorchen. Aber die Wahrnehmung selbst entsteht nicht in den Sinnesorganen und den äußeren aufnehmenden Apparaten, sondern im Gehirn. Die Weiterleitung der nervösen Erregung von dem Augenblick an, in welchem ein physikalischer oder chemischer Reiz von außen ein Sinnesorgan trifft, bis zur Verarbeitung im Gehirn und bis zur Reaktion, ist ein biologischer (physiologischer) Vorgang. Die biologischen Funktionen bauen auf physikalischen Vorgängen und chemischen Reaktionen auf, sind aber aus diesen bisher nicht erschöpfend erklärbar. Das Besondere der lebendigen Substanz lässt sich nicht zur Gänze gesetzmäßig erfassen; als Ergebnis des physiologischen Vorgangs im Zentralnervensystem tritt etwas qualitativ anderes als physikalische oder chemische Vorgänge auf, nämlich die bewusste Empfindung und Wahrnehmung. Die Außenwelt, die wir wahrnehmen, die wir „kennen“, gibt es nur in unserem subjektiven Erleben. Die objektive Außenwelt der Physik besteht aus Atomen, Strahlungen und Energien. Sie hat weder Farbe noch Gestalt, weder Wärme noch Kälte.

Die Qualitäten entstehen und bestehen erst in unserer Empfindung und Wahrnehmung.

Wir sehen nicht die Moleküle, aus denen sich Gräser zusammensetzen, sondern wir sehen eine Wiese und nehmen sie als grün wahr. Wir empfinden die Strahlen der Sonne als Wärme, ihr Fehlen als Kälte. Den Lichtstrahl selbst können wir nicht sehen, erst wenn er als Reiz unsere Augen trifft, entstehen in ihnen nervöse Erregungsprozesse, welche in das Gehirn (bis zur Hirnrinde) weitergeleitet werden und es entsteht – auf eine uns unbekannte Weise – die Sinnesempfindung „hell“ und wir nehmen eine Lichtquelle wahr. Die in den Sinnesorganen entstehenden Erregungen werden jedoch nicht einfach bis zur Hirnrinde weitergeleitet, sondern es werden die Reize innerhalb des sensorischen Systems in sehr komplizierter Weise verarbeitet, bevor es zum subjektiven Erleben kommt.

Die Beziehung zwischen objektiver und subjektiver Welt kann also folgendermaßen dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

DIE ENTSTEHUNG VON EMPFINDUNGEN UND WAHRNEHMUNGEN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 EMPFINDUNG + ERFAHRUNG ® WAHRNEHMUNG

Empfindungen, wie „rot, grün, heiß, kalt“ usw. werden vom erwachsenen Menschen nur selten in reiner Form erlebt, denn es gesellt sich schon früh beim Menschen zur Empfindung die Erfahrung, die dafür ausschlaggebend ist, dass Dinge unserer Umwelt in einer ganz bestimmten Weise wahrgenommen werden. Wir haben nicht mehr reine Empfindungen, sondern es kommt zu Wahrnehmungen.

Ein ganz kleines Kind erblickt in seiner Umwelt einen gelben Fleck. Es hat dabei ursprünglich wohl die reine Empfindung „gelb“. Wenn es diesen „Fleck“ berührt oder in die Hand nimmt, so gesellen sich zu dieser optischen Empfindung andere Empfindungen: „rund, hart“ usw. bis für das Kind die einzelnen Empfindungen eine Bedeutung bekommen; es stellt fest, dass das Ding, das es entdeckt hat ein „Apfel“ ist – auch wenn es diesen noch nicht benennen kann. Ab nun wird es beim Anblick eines Apfels nicht mehr reine Einzelempfindungen haben, sondern es wird ihm der ganze Komplex von „rund, hart, gelb“ bewusst; aus den Einzelempfindungen wird die Wahrnehmung mit der Bedeutung „Apfel“.

Es ist ein langer und komplizierter Entwicklungsprozess, bis ein Kind die notwendigen Erfahrungen gesammelt und sie in einen Zusammenhang eingeordnet hat, bis jedes Ding der Umwelt in seiner Bedeutung begriffen worden ist. Ist dies aber einmal geschehen, dann vereinigen sich in der jeweiligen Situation die vielfachen Empfindungen mit Hilfe der Erfahrung zu einer Wahrnehmung und treten so ins Bewusstsein. Die Einordnung der Empfindungen in die Erfahrung geschieht unbewusst; wir nehmen spontan einen bestimmten Gegenstand wahr und sind im allgemeinen gar nicht imstande, ihn als das zu sehen, was er rein reizmäßig ist.

Die Wahrnehmung ist also etwas Komplexes: sie entsteht durch ein Zusammenwirken vieler Komponenten und hat außerdem zwingenden Charakter.

Empfindungen sind nicht weiter auflösbare psychische Erscheinungen, die durch Reize erzeugt werden:

WAHRNEHMUNGEN sind Komplexe, aus Sinnesempfindungen und Erfahrungskomponenten bestehende psychische Erscheinungen, deren Inhalte zur Auffassung von Gegenständen der Außenwelt führen.

2 EMPFINDUNG + ERFAHRUNG = WAHRNEHMUNG

2. REIZ UND ERLEBEN

Die Rezeptoren unserer Sinnesorgane sind so geartet, dass sie nur in einer spezifischen, d.h. ihrer Eigenart entsprechenden Weise, reagieren. Treffen z.B. auf das Auge elektromagnetische Schwingungen einer bestimmten Frequenz, so entsteht eine Licht- oder Farbempfindung. Ein anderer Reiz, z.B. ein Schlag auf das Auge oder die elektrische Reizung der Netzhaut, verursacht ebenfalls Lichtempfindungen wie etwa „Sterne-Sehen.

Johannes Müller hat diese Tatsache 1827 unter dem Namen „Gesetz der spezifischen Sinnesenergien“ folgendermaßen formuliert:

Jedes Sinnes-System erzeugt ausschließlich eine spezifische Art von Empfindungen, unabhängig von der Art des Reizes. Die Art der Empfindung ist also nicht reiz-, sondern organabhängig.

2.1. Die Reizschwelle

Die Empfindungen und Wahrnehmungen können nur dadurch zustande kommen, dass wir über Sinnesorgane verfügen, die für bestimmte Reize empfindlich sind.

Aber nicht alle Reize, für die wir Sinnesorgane besitzen, sind imstande, Empfindungen auszulösen. Viele Reize, die die Physik mit Hilfe ihrer Instrumente registrieren kann, können unsere Sinnesorgane nicht aufnehmen. Ultraviolette Strahlen, Infrarot, Röntgenstrahlen können wir nicht sehen, Ultraschall nicht hören.

Die Reize müssen einerseits eine bestimmte Qualität, andererseits einen gewissen Intensität (Stärkegrad) besitzen, damit wir eine Empfindungen haben können. Diese Tatsache wird als Reizschwelle bezeichnet.

Der Begriff der Reizschwelle wird also unterteilt in eine Qualitätsschwelle (qualitative Reizschwelle) sowie eine Intensitätsschwelle:

a.) Unter Qualitätsschwelle versteht man, dass ein Reiz eine bestimmte Qualität haben muss, um in Empfindungen umgesetzt werden zu können. Diese Qualität ist beim Sehen die Anzahl der elektromagnetische Schwingungen pro Sekunde, ab denen eine Empfindung zustande kommt, beim Hören die Anzahl der Luftschwingungen pro Sekunde, beim Schmecken und Riechen bestimmte chemische und physikalische Qualitäten. Elektromagnetische Schwingungen, die unter dem Bereich von 400 Billionen Hz pro Sekunde liegen, werden von uns noch nicht, jene, die über 800 Billionen Hz liegen, werden nicht mehr wahrgenommen. Unser Auge ist nur imstande, den Frequenzbereich von 400 bis 800 Billionen Schwingungen pro Sekunde in physiologische Prozesse umzuwandeln, die in bewusstes Erleben umgesetzt werden können. Bei 400 Billionen Hz haben wir die Empfindung „rot“, bei 800 Billionen Hz die Empfindung „violett“. 400 Billionen Hz liegen an der unteren, 800 Billionen Hz an der oberen Reizschwelle. Für den Gehörapparat liegt der Bereich zwischen unterer und oberer Reizschwelle zwischen 16.ooo und 20.000 Luftschwingungen pro Sekunde.

b.) Der Begriff der Intensitätsschwelle besagt, dass ein Reiz, der seiner Qualität nach eine Empfindung auflösen kann (z.B. die Strahlenfrequenz von 600 Billionen Hz), erst dann zu einer Empfindung führt, wenn er eine bestimmte Stärke erreicht. Die Stärke wäre hier die Anzahl der einfallenden Strahlen pro Flächeneinheit. Oder: Schwingungen einer Membran unterhalb einer bestimmten Amplitude lösen (wenn sie eine für das Ohr adäquate Schwingungszahl haben) noch keine Sinnesempfindungen aus, erst wenn die Amplitude größer und die Intensität des Reizes dadurch erheblicher wird (der Ton also lauter), ergibt dies einen hörbaren Ton.

Die Reizschwelle kann demnach definiert werden als der Übergang von Unmerklichen zum Eben-Merklichen (untere Reizschwelle) bzw. vom Merklichen zum Nicht Mehr-Merklichen (obere Reizschwelle).

2.2. Die Unterschiedsschwelle

Reize und ihre Stärke können mit Apparaten gemessen werden; bei Empfindungen und Wahrnehmungen ist dies nicht direkt möglich. Wir können lediglich angeben, ob wir etwas merken, und wir können angeben ob etwas, was wir merken, stärker oder schwächer war als etwas vorher bemerktes. So können wir z.B. beim Aufheben zweier Koffer feststellen, dass einer schwerer ist, dann nämlich wenn der Unterschied der Schwere der Koffer nur geringfügig empfunden werden kann.

Der Psychologe Ernst Weber hat 1834 die Beobachtung gemacht, dass das Gewicht eines Vergleichsgegenstandes um einen ganz bestimmten Betrag erhöht werden muss, damit es zu einer merkbar stärkeren Empfindung kommt.

Dieser Betrag ist immer relativ zum vorhergegangenen:

Je schwerer das vorausgegangene Gewicht ist, umso mehr muss der Vergleichsgegenstand in Relation dazu wiegen, damit ein Unterschied spürbar wird. Bei leichten Gegenständen genügt eine leichte Gewichtserhöhung.

Weber und seine Schüler konnten diese Beobachtung auch auf andere Sinnesgebiete ausdehnen, und der Physiker Gustav Theodor Ferchner formulierte schließlich das zu Ehren Webers so genannte Webersche Gesetz:

die Reizstärke muss in einem gleichbleibenden Verhältnis steigen, damit aufeinanderfolgende Reize als eben merklich stärker empfunden werden.

Dieses Verhältnis ist für jedes Sinnesgebiet anders. Ein Gewicht muss z.B. um 1/3 schwerer sein als ein vorangehendes, damit ein Unterschied gemerkt wird (bei 1kg benötigt man also eine Zugabe von 33 dag, bei 2kg eine Zugabe von 66 dag, usw.); beim Sehen ist die relative Unterschiedsschwelle sogar 1/100 bis 1/200.

Das Webersche Gesetz, welches allerdings nur für mittlere Bereiche der Reizstärke gilt, lautet abgekürzt:

Die relative Unterschiedsschwelle ist konstant.

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich:

1. Wir nehmen die Wirklichkeit nicht so wahr, wie sie wirklich ist (objektive Welt, Welt der Physik), sondern erleben sie subjektiv (Welt der Farben, Geräusche, usw.)
2. Aus der objektiven Wirklichkeit ist für uns nur ein kleiner Teilabschnitt wahrnehmbar, weil auf viele Vorgänge der objektiven Wirklichkeit unsere Sinnesorgane nicht ansprechen.
3. Von den Vorgängen, für die wir Sinnesorgane haben, werden nur jene bewusst, die eine bestimmte Qualität und einen bestimmten Stärkegrad erreichen (Reizschwelle, Qualitäts- und Intensitätsschwelle).
4. Die Unterschiede zwischen den Reizen, die wir wahrnehmen, müssen eine bestimmte Größe erreichen, damit wir sie als unterschiedlich wahrnehmen (Unterschiedsschwelle).

2. 3. Das Adaptionsniveau

Sowohl die Reiz- als auch die Unterschiedsschwellen sind von der Art und dem Aufbau des Sinnesorganes abhängig; sie sind daher bei allen Menschen ziemlich gleich. Es gibt aber auch subjektive Maßstäbe unserer Wahrnehmung, nach denen wir Dinge und Situationen bewerten. Sie richten sich nämlich nach der jeweiligen Situation und nach der persönlichen Erfahrung. In dieser aber spielt es die wesentliche Rolle, welche Art von Reizen am häufigsten vorkommt, da sich aus diesen das für den betreffenden Menschen gewöhnliche, durchschnittliche Maß ergibt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Wahrnehmung und ihre Bedeutung für Verhalten
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Psychologie)
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V8719
ISBN (eBook)
9783638156158
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit verfügt nicht über ein Literaturverzeichnis, sie wurde auf Grund der eigenen Mitschrift, ausgeteilten Folien, Skript in der Vorlesung und eigenem Wissen erarbeitet. Zum Teil sind Hinweise auf vertiefende Literatur eingearbeitet.
Schlagworte
Wahrnehmung, Bedeutung, Verhalten
Arbeit zitieren
Syzane Berisha (Autor:in), 2002, Wahrnehmung und ihre Bedeutung für Verhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8719

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