Störungen der Redefähigkeit: Stottern, Poltern, Mutismus, Logophobie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

25 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorwort/ Problemstellung

3. Sprechflüssigkeit/ Sprechunflüssigkeit
3.1. Was ist Sprechflüssigkeit?
3.2. Normale Sprechunflüssigkeit beim Spracherwerb des Kindes
3.3. Normale Sprechunflüssigkeit vs Stottern

4. Stottern als Störung des Redeflusses
4.1. Definition/ Symptomatik des Stotterns
4.2. Verlauf/ Entwicklungsprozess des Stotterns
4.3. Zwiespalt: Eingreifen oder Abwarten
4.4. Therapiemöglichkeiten: Direkte vs Indirekte Methode

5. Poltern als Störung des Redeflusses
5.1. Definition/ Symptomatik
5.2. Auffälligkeiten im Rahmen der Sprachentwicklung
5.3. Therapiemöglichkeiten

6. Mutismus
6.1. Definition
6.2. Psychische Konstitution bei Mutisten
6.3. Therapiemöglichkeiten

7. Logophobie (Sprechangst)
7.1. Defintion
7.2. Abgrenzung der Sprechangst zu anderen Ängsten

8, Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich verfasse diese Hausarbeit im Rahmen des Seminars „Normaler und gestörter Spracherwerb des Kindes“ und werde im Folgenden das Thema „Störungen der Redefähigkeit/ des Redeflusses: Stottern, Poltern, Mutismus, Logophobie“ behandeln.

Ich habe mich für diese Thematik entschieden, da ich als angehende Grundschullehrerin möglicherweise öfters mit betroffenen Kindern zu tun haben werde und daher Hintergrundwissen über diese Problematik für wichtig halte.

Im Folgenden werde ich zunächst ein kurzes Vorwort bezüglich der Problemstellung auf diesem Gebiet schreiben, bevor ich dann ausführlich auf die einzelnen Redestörungen eingehe. Dem Phänomen Stottern soll dabei die meiste Aufmerksamkeit gewidmet werden, da es eine der bekanntesten und weit verbreitetsten Redestörungen darstellt.

2. Vorwort/ Problemstellung

Unter Redestörungen verstehen wir einen Sammelbegriff für ein Erscheinungsbild an Störungsphänomenen wie Stottern, Poltern, Mutismus und Logophobie. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass Störungen der Redefähigkeit in unterschiedlichsten Erscheinungsformen auftreten können. Neben den oben genannten Einzelformen Stottern, Poltern, Mutismus und Logophobie sind auch zahlreiche Querverbindungen bzw. Mischformen zu beobachten, was differentialdiagnostische Abgrenzungen oftmals sehr schwierig macht.

Abgesehen von der Abgrenzung der Störungen untereinander, kommt erschwerend das Problem der Abgrenzung zu „normalen“ Sprechunflüssigkeiten- und Hemmungen in der Sprachentwicklung des Kindes hinzu, da auch hier teilweise sehr ähnliche Symptome vorliegen.

Generell handelt es sich bei Redestörungen um interaktionale Phänomene, d. h.:

Wenn man die individuelle Ausprägung einer Redestörung hinsichtlich ihrer Auswirkungen bzw. Entstehung betrachten will, so sind Faktoren wie das familiäre

Umfeld, der Freundes- und Bekanntenkreis, der Bezugsraum (z. B. Stadt/ Land) sowie der gesellschaftliche Rahmen zu berücksichtigen, da diese Faktoren gegenseitig aufeinander einwirken (vgl. Grohnfeldt 1992, S.3 ff.).

Alles in allem soll hierbei deutlich werden, dass der Begriff „Redestörungen“ sehr komplex ist und somit vor allem im Bereich der Diagnostik viele verschiedene Aspekte zusammenwirken, die unbedingt erkannt werden müssen, da individuelle Störungen auch ein individuelles Vorgehen in der Beratung und Therapie erfordern und falsche Diagnosen verheerende Folgen für den weiteren Lebensweg eines Kindes haben können.

3. Sprechflüssigkeit/ Sprechunflüssigkeit

3. 1. Was ist Sprechflüssigkeit?

Diese Frage ist von zentraler Bedeutung wenn man bedenkt, dass viele Sprechtherapien, z. B. im Bereich des Stotterns, das flüssige Sprechen zum Ziel der Behandlung haben.

Da bei der Sprechflüssigkeit viele verschiedene Komponenten wie Rhythmus, Intonation, Sprechgeschwindigkeit bzw. Klarheit der Informationen zusammenwirken, erscheint es schwierig eine präzise Definition zu liefern (Peters & Guitar 1991, S.8 zit. nach Baumgartner/ Füssenich 1999, S. 167).

Nach Starkweather (1993, S.155 zit. nach Baumgartner/ Füssenich 1999, S.167) ist dies jedoch möglich: Demnach spricht eine Person flüssig wenn sie ihre Äußerungen mit der für sie geringstmöglichen motorischen, linguistischen, emotionalen und kognitiven Anstrengung produziert.

Trotz dieser klar formulierten Definition sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Unflüssigkeiten eine Konstituente des Sprechens sind. Die Vorstellung man würde in der Alltagskommunikation ständig flüssig sprechen ist unrealistisch. Auch bei Erwachsenen treten typische Unflüssigkeiten auf, die sich z. B. in Einschüben wie „ähm“, Fehlstarts, Umschreibungen, Wiederholungen von Wörtern oder Satzteilen, Umstellungen und unvollständigen Phrasen äußern.

Das Therapieziel „flüssiges Sprechen“ in der Stottertherapie ist daher zu überdenken. Vielmehr geht der Trend auch dahin, als Therapieziel „flüssiges Stottern“ zu formulieren. Selbstakzeptanz bzw. Akzeptanz des eigenen Störungsbildes stehen hier im Vordergrund. Stottern wird somit nicht als „Übel“ abgewertet, das zwingend therapeutisch ausgelöscht werden muss (vgl. Wendlandt zit. nach Grohnfeld 1992, S.437/ 438).

3.2. Normale Sprechunflüssigkeit beim Spracherwerb des Kindes

Im Verlaufe der kindlichen Sprachentwicklung bildet sich mit einem zeitlichen Höhepunkt zwischen 2,5 und 4 Jahren aufgrund noch nicht sicher verfügbarer Sprech- und Sprachmuster eine normale Sprechunflüssigkeit (auch Entwicklungsstottern genannt) heraus. Diese Sprechunflüssigkeit stellt im Rahmen des kindlichen Spracherwerbs einen notwendigen und regelhaften Schritt dar, auch wenn Art, Häufigkeit und Auftretenswahrscheinlichkeit der Unflüssigkeiten von Kind zu Kind variieren. Dies ist auf die verschiedenen Faktoren zurückzuführen, die die Sprechunflüssigkeit bedingen können. Ausschlaggebend sind z. B. der gesamtsprachliche Entwicklungsverlauf, die Ausreifungsgeschwindigkeit des zentralen Nervensystems sowie das Sprachlernangebot der Umwelt.

Zu den Kennzeichen von altersgemäßen, entwicklungsbedingten Sprechunflüssigkeiten zählen:

- Wiederholungen von Wortteilen oder Silben, ein- und mehrsilbigen Wörtern, Satzteilen und kurzen Phrasen ( Fa-Fa-Fahrrad, Ich-Ich-Ich kann das schon)
- Einschübe ( Ich- ähm- kann)
- Revisionen ( Das gehört mich- nein mir)
- Prolongationen ( IIIIch bin die Anja)
- Abbruch von Wörtern oder Sätzen ( Dann ko//)
- Pausen (Ich (…2 sek. Pause…) wenn ich zum Philip gehe…)

Man geht heute davon aus, dass bis zu 10% der Äußerungen der 2- bis 3,5- jährigen Kinder Unflüssigkeiten wie Umstellungen oder Wiederholungen enthalten (vgl. Baumgartner/ Füssenich 1999, S. 170). Dies ist darauf zurückzuführen, dass gerade in diesem Alter die Auseinandersetzung mit Sprache bewusster und aktiver stattfindet und infolge inhaltlicher sowie formal komplexer werdender Sprachprodukte auch Korrekturen häufiger auftreten.

Normale Redeunflüssigkeit ist vor allem dann häufig zu beobachten, wenn Vorschulkinder subjektiv Erlebtes narrativ einem Erwachsenen zu übermitteln versuchen. Hierbei kommt es dann häufig zu Wiederholungen von Wörtern und Satzteilen, Einschüben und Abbrüchen (Schoor zit. nach Grohnfeld 1992, S. 111).

Im Folgenden soll ein Beispiel erläutern, wie sich solche typischen, altersgemäßen Unflüssigkeiten konkret äußern können.

Fallbeispiel (aus Baumgartner/ Füssenich 1999, S.171):

Anna (K;4;8) kommt abends müde nach Hause. Sie ist mit der U-Bahn, vielleicht auch mit der Straßenbahn (?), gefahren. Aufgeregt erzählt sie ihrem Vater (V):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Annas Sprechweise äußern sich mehrere der oben genannten typischen

Merkmale der normalen, altersgemäßen Unflüssigkeiten (Revisionen, Prolongationen, Interjektionen und Wiederholungen). Es wird deutlich, dass Anna eine persönliche Beziehung zu dem hat, was sie erzählen möchte. Sie stellt an sich selbst den Anspruch, das Verständnis ihres Vaters zu erlangen und probiert dies mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Dabei merkt man jedoch, dass Sprechen und Zuhören einer gewissen Anstrengung bedürfen, da sowohl interne Faktoren

(z. B. Annas kognitiver Erregungszustand) als auch externe Faktoren (z. B. das punktuelle Nichtverstehen des Vaters) zu ihrer Verunsicherung beitragen.

3.3. Normale Sprechunflüssigkeit vs Stottern

Da der Beginn des Stotterns häufig in eine frühe Sprachentwicklungsphase des Kindes fällt (3 bis 4 Jahre), ist die Abgrenzung zu den in dieser Altersstufe oft vorkommenden normalen Sprechunflüssigkeiten sehr schwierig. Die Merkmale sind teilweise sehr ähnlich. In beiden Fällen kommt es z. B. zu Wortteil- Wiederholungen, Prolongationen oder Pausen. Zur Differenzierung bedient man sich qualitativer und quantitativer Unterscheidungskriterien. Überprüft werden z. B.:

- Anzahl von Stottersymptomen pro 100 gesprochener Wörter
- Anzahl gestotterter Wörter pro Minute reiner Sprechzeit
- Längere oder mittlere Dauer von Dehnungen oder Blockierungen
- Anteil von Dehnungen/ Blockierungen am gesamten Sprechmuster

Weitere Aspekte, die berücksichtigt werden müssen, wenn es um die Frage geht ob ein Kind nur altersgemäße Sprechunflüssigkeiten aufweist oder ob möglicherweise die Gefahr eines chronischen Stotterverlaufs gegeben ist, sollen im Folgenden ausschnittweise erläutert werden (vgl. Johannsen/ Schulze zit. nach Grohnfeld 1992, S.65):

Dauer: Die Unflüssigkeiten des Kindes haben sich nach einem Zeitraum von 6 Monaten noch nicht eingestellt

Verlauf: Von zunächst spannungsfreien Wiederholungen kommt es zunehmend zu Blockierungen im Sprachmuster des Kindes/ Hinzu kommen Mitbewegungen des Gesichtes, des Rumpfes und/ oder der Extremitäten

Reaktionen des Kindes: Das Kind reagiert deutlich auf seine Redeunflüssigkeit,

indem es z. B. bestimmte Laute, Wörter oder Sprechsituationen bewusst vermeidet

Familiäre Belastung: Es gibt mindestens ein weiteres Familienmitglied, das ebenfalls stottert

Dieser „Fragekatalog“ stellt eine Unterstützung für differentialdiagnosische Untersuchungen dar und ist somit wegweisend für die Frage nach der Art und dem Umfang der Therapie.

4. Stottern als Störung des Redeflusses

Zuallererst kann man festhalten, dass Stottern die bekannteste unter den Redestörungen ist. Fast jeder hat heutzutage eine vage Vorstellung von dem Begriff „Stottern“. Aber was genau verbirgt sich hinter dem Begriff? Diese Frage, die im Verlauf der Arbeit schon teilweise angeklungen ist, soll im Folgenden genauer geklärt werden:

4.1. Definition/ Symptomatik des Stotterns

Scheinbar gibt es keine allgemein akzeptierte Definition mit hinreichendem Erklärungswert. Es gilt der Grundsatz: Jedes Stottern ist anders, denn das Problemfeld ist verwirrend komplex (vgl. Grohnfeld 1992, S.5).

In der Regel wird jedoch zwischen zwei Grundformen des Stotterns unterschieden, dem klonischen und dem tonischen Stottern. Ersteres umfasst Wiederholungen von Lauten, Silben und Wörtern, während das tonische Stottern das Pressen und Dehnen von Lauten bei meist verkrampfter Sprechmuskulatur umschreibt. Die Symptomatik kann auch kombiniert vorkommen und wird dann, je nach der überwiegenden Form, als klonisch-tonisches oder tonisch-klonisches Stottern bezeichnet (vgl. Braun zit. nach Grohnfeld 1992, S.140).

Nach Starkweather (1987, S.13 zit. nach Baumgartner/ Füssenich 1999, S.180) weiß eine Person die stottert zwar was sie sagen will, überschreitet dabei aber deutlich die Zeitspanne, die man normalerweise zur Produktion einer Äußerung erwarten kann. Wichtig ist, dass diese zeitweiligen Unterbrechungen des Redeflusses unfreiwillig sind und mit dem Gefühl des Konrollverlustes über das Sprechen verbunden sein können (vgl. Perkins et al. 1991; Onslow 1996 zit. nach Baumgartner/ Füssenich 1999, S.180).

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Störungen der Redefähigkeit: Stottern, Poltern, Mutismus, Logophobie
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Veranstaltung
Normaler und gestörter Spracherwerb des Kindes
Note
1.5
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V87197
ISBN (eBook)
9783638014014
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Störungen, Redefähigkeit, Stottern, Poltern, Mutismus, Logophobie, Normaler, Spracherwerb, Kindes
Arbeit zitieren
Alexandra Stoichita (Autor), 2004, Störungen der Redefähigkeit: Stottern, Poltern, Mutismus, Logophobie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87197

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