Der Teufel von Yoknapatawpha - Abner Snopes in "Barn burning"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
25 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fragestellung und Erläuterungen
1.1 Ausblick auf die Themen der Arbeit
1.2 Publikationshistorie
1.3 Zum historischen Kontext

2. Die Wurzel allen Übels – Abner Snopes, der Teufel von Yoknapatawpha County
2.1 Zur äußeren Form
2.1.1 Southern Gothic
2.1.2 Zur Erzählsituation
2.1.3 Innere Monologe
2.1.4 Das Stilmittel des Leitmotivs
2.2 Charakterisierung
2.2.1 Abners Beweggründe
2.2.2 Abner Snopes als Symbol

3. Schlussüberlegungen und Fazit
3.1 Abner Snopes im späteren Werk Faulkners
3.2 Ergebnis

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Fragestellung und Erläuterungen

1.1 Ausblick auf die Themen der Arbeit

„Barn Burning“ ist eine Short Story des US-amerikanischen Schriftstellers William Faulkner. Kenner von Faulkners Werk zählen sie zu den besten Kurzgeschichten des Autors. Sie zeichnet sich durch die besondere Erzählperspektive, emotionale Komplexität sowie eine zeitlose Thematik aus.[1] Neben dem zentralen Vater-Sohn-Konflikt und der Initiation greift Faulkner in „Barn Burning“ unter anderem das Thema des amerikanischen Farmpächter-Systems, die Rechtsprechung und Klassenantagonismen im ausgehenden 19. Jahrhundert in den USA auf.

Die Geschichte lässt sich aufgrund der Thematik und des Stils dem Genre des „Southern Gothic“ zuordnen, dessen Eigenarten bizarre Charaktere und ein spezifisch südstaatlicher Blickwinkel sind.[2] Diese Einordnung wird in Kapitel 2.1.1 noch näher erläutert.

Um die inhaltliche Orientierung zu erleichtern, stelle ich nun kurz den Inhalt der Kurzgeschichte zusammenfassend dar.

„Barn Burning“ handelt von der armen Familie Snopes, die in den Südstaaten der USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts als Sharecropper[3] lebt. Die Geschichte beginnt mit einer Gerichtsverhandlung, in der Abner Snopes, Familienoberhaupt und Vater zweier Söhne und zweier Töchter, angeklagt ist, die Scheune seines Verpächters in Brand gesteckt zu haben. Nachdem Abner aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird, macht sich die Familie auf den Weg in eine andere Stadt, um dort eine neue Farm zu pachten. Wieder gerät Abner mit seinem Verpächter in Konflikt und wieder kommt es zu einer Gerichtsverhandlung. Diesmal wird Abner verurteilt, Major de Spain, so der Name des neuen Verpächters, einen größeren Teil seiner Ernte abzugeben, um den verursachten Schaden zu begleichen. Unzufrieden mit der Entscheidung des Gerichts, fasst Abner den Entschluss die Scheune de Spains in Brand zu stecken. Abners jüngster Sohn Sartoris, der schon von Beginn an in einem Gewissenskonflikt stand, warnt jedoch de Spain, woraufhin dieser sich bewaffnet und zur Scheune reitet, um den Brandstifter zu stellen. Sarty weiß, dass er nach seinem Verrat nicht zurück zu seiner Familie kann, und flüchtet. Auf der Flucht hört er zwei Schüsse. Im Glauben für den Tod seines Vaters und des älteren Bruders verantwortlich zu sein, flüchtet Sartoris in die Wälder, um nie wieder zu seiner Familie zurückzukehren.

Nach dieser kurzen Zusammenfassung möchte ich zunächst einen Überblick über die Entstehungsgeschichte von „Barn Burning“ geben, bevor die Short Story im Detail interpretiert wird.

Im Fokus dieser Arbeit soll dann eine Auseinandersetzung mit der Figur Abner Snopes stehen. Diese Figur zeichnet sich durch ihre besonders bizarren und komplexen Charaktereigenschaften aus. Die Analyse der Motivation und Intentionen von Abner Snopes werden im Hauptteil dieser Arbeit thematisiert. Am Ende der Untersuchung soll die Frage in den Blick genommen werden, ob Faulkner in Abner Snopes die Personifikation des Bösen entworfen hat.

Um Abner Snopes verstehen zu können, empfiehlt es sich, den geschichtlichen Kontext, in dem „Barn Burning“ spielt, zu kennen. Dies ermöglicht einen tieferen Einblick in die Figur und schließt direkt an die Erläuterung der Entstehungsgeschichte der Short Story an.

1.2 Publikationshistorie

„Barn Burning“ wurde erstmals im Juni 1939 in Harper’s Magazine veröffentlicht und seitdem mehrfach anthologisiert. Faulkner hatte die Kurzgeschichte ursprünglich als erstes Kapitel für den Roman „The Hamlet“, den ersten Teil der Snopes-Trilogie (bestehend aus „The Hamlet“ (1940), „The Town“ (1957) und „The Mansion“ (1959)), konzipiert.[4] Dies lässt sich anhand von Notizen in den Original-Manuskripten des Romans und von „Barn Burning“ nachweisen. So trägt das Manuskript der Kurzgeschichte den Titel „BOOK ONE / Chapter One.“ Faulkner entschied sich letztlich jedoch, den Roman mit einer ausführlichen Beschreibung des Schauplatzes Frenchman’s Bend beginnen zu lassen und „Barn Burning“ herauszunehmen. Die Zahl der so weggefallenen Seiten deckt sich mit den korrigierten Seitenzahlen im Originalmanuskript von „The Hamlet“.

Dadurch erhält der Roman ein eher expositorisches Anfangskapitel statt des in medias res Eingangs, den „Barn Burning“ dargestellt hätte. Skei sieht in diesem Umstand auch den Grund für das Wegfallen der Geschichte aus dem Roman. Dieser habe eine umfassendere Beschreibung der Umgebung und der Einwohner von Frenchman’s Bend benötigt.[5] Im Gegensatz dazu sieht Franklin das Herausfallen von „Barn Burning“ eher in der Figur von Sartoris Snopes begründet. Diese habe nicht in die Figurenkonstellation gepasst, weil sie „too normal, too human and too sympathetic“[6] sei. Deswegen seien nicht nur „Barn Burning“ sondern gleich alle Hinweise – bis auf vage Andeutungen – auf Sartoris Snopes aus „The Hamlet“ gestrichen worden. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung, wenn man sich die Kurzgeschichte und den Roman ansieht.

Im endgültigen ersten Kapitel des Romans werden die Ereignisse aus „Barn Burning“ von den Protagonisten aufgegriffen und nacherzählt, wobei diese sich vor allem auf Gerüchte berufen. Das Schicksal von Abners jüngstem Sohn Sartoris, der in der Kurzgeschichte eine der Hauptpersonen ist, wird dabei nur angedeutet.

„Barn Burning“ erscheint tatsächlich so wie die Vorgeschichte der Familie Snopes, ehe sie nach Frenchman’s Bend kommt.

Obwohl „Barn Burning“ unabhängig von den Geschehnissen in „The Hamlet“ als eigenständige Geschichte betrachtet werden muss, sind ihre Charaktere doch Teil der fiktiven Welt von „The Hamlet“. Beide Geschichten entwickeln sich um die Familie Snopes, wobei „Barn Burning“ den Fokus eher auf die persönlichen und moralischen Konflikte von Sarty legt, während „The Hamlet“ einen umfassenderen, soziologischen Betrachtungswinkel einnimmt und auf andere Snopeses konzentriert ist.[7]

Der wirtschaftlichen Komponente in Form des Farmpächter-Systems kommt jedoch auch in der Kurzgeschichte eine wichtige Bedeutung zu und verleiht dem Charakter Abner Snopes mehr Tiefe. Aufgrund des begrenzten Formats der Kurzgeschichte setzt Faulkner hier einiges Wissen voraus. Eine detaillierte Beschreibung dieses speziellen Arbeitsverhältnisses folgt aus diesem Grund im nächsten Abschnitt.

1.3 Zum historischen Kontext

„Barn Burning“ spielt etwa 30 Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg in den 1890er Jahren.

Die Südstaaten der USA waren zu dieser Zeit überwiegend landwirtschaftlich geprägt. Das von Faulkner erdachte Yoknapatawpha County, in dem auch „Barn Burning“ spielt, weist ebenfalls diese Eigenschaft auf.

Da vielen Farmern die nötigen Geldmittel und Land fehlten, um eine eigene Farm zu kaufen und zu bewirtschaften, waren sie gezwungen Land zu pachten, um es zu bearbeiten. Im Gegensatz zur herkömmlichen Geldpacht zahlte der Pächter bei der Naturalpacht (oder Sharecropping), seinem Verpächter kein Geld sondern einen vertraglich festgelegten Teil der Ernte. Auch Werkzeuge, Samen und ähnliches konnten, je nach Vermögensstand des Pächters und vertraglicher Abmachung, vom Verpächter bezogen werden.

Durch das Missverhältnis zwischen dem land- und mittellosen Pächter und dem reichen Besitzer des beackerten Landes trug das Naturalpachtsystem häufig Grundzüge eines feudalen Systems. Auch im Falle von „Barn Burning“ trifft dies zu. Es gab zwar auch den Fall, dass ein armer Landbesitzer sein Land an einen reicheren verpachtete, dies spielt in „Barn Burning“ jedoch keine Rolle.

Häufig konnten die Sharecropper aus ihrem Vertrag nicht mehr erwirtschaften, als sie zum Leben brauchten.[8] Somit war es ihnen unmöglich ein eigenes Vermögen zu erwirtschaften, um sich von ihrem Verpächter unabhängig zu machen. Dadurch fehlte es dem Pächter meist an Zukunftsperspektiven. Diese Art der Subsistenzwirtschaft steht im extremen Gegensatz zum Lebensstil der Landbesitzer, wie er sich auch in „Barn Burning“ am Beispiel von Major de Spain dargestellt.

Abner Snopes sagt über seinen Verpächter, dass er seinen Körper und seine Seele für die nächsten acht Monate besitzen werde.[9] Abners durch dieses System in Mitleidenschaft gezogene Selbstwahrnehmung als Leibeigener ist eine der treibenden Kräfte des Charakters, worauf ich später noch eingehen werde. Im Gegensatz zur Leibeigenschaft haben die Pächter jedoch Recht auf freie Gestaltung ihres Privatlebens und zumindest theoretisch das Recht den Vertrag auslaufen zu lassen oder aufzulösen und das gepachtete Land zu verlassen.

Die Naturalpacht brachte für den Verpächter aber auch einige Verantwortung mit sich, die dieser auch wahrnahm. Brenda Sartoris beschreibt, dass Pächter und Landbesitzer ein Zusammengehörigkeitsgefühl verband. Die Verpächter fühlten sich ihren Pächtern verpflichtet, standen ihnen mit Rat zur Seite und versuchten sie aus Unannehmlichkeiten herauszuhalten.[10]

In den beiden Szenen im Gerichtssaal in „Barn Burning“ wird dies deutlich. Im ersten Fall wird von Mr. Harris erläutert, wie er versuchte Snopes bei seinem Problem mit dem entlaufenen Schwein zu helfen, indem er ihn mit Material für einen Zaun ausstattete. Snopes nahm dieses Angebot aber nicht wahr. Diese Szene zeigt, dass Mr. Harris sich für seinen Pächter verantwortlich fühlte und ihm helfen wollte. Erst als seine Scheune abbrennt und er Snopes dafür die Schuld gibt, ist das Verhältnis zwischen Pächter und Verpächter vollends zerstört, sodass es zum Prozess kommt. Im zweiten Fall gibt de Spain Snopes zunächst die Chance den angerichteten Schaden selbst wieder gut zu machen. Doch als das scheitert, verlangt er eine Erhöhung der Pacht als Ausgleich.

In den 1940er und 50er Jahren verlor das Sharecropper System im amerikanischen Süden allmählich an Bedeutung.[11]

Ein zweiter geschichtlicher Aspekt, der in der Kurzgeschichte Erwähnung findet, ist der amerikanische Bürgerkrieg oder Sezessionskrieg (1861-1865). In diesem Krieg zwischen den konföderierten Südstaaten und den in der Union verbliebenen Nordstaaten verdiente Abner seinen Lebensunterhalt mit dem Stehlen von Pferden. Die Tatsache, dass Abner sich in diesem Krieg auf keine der beiden Seiten schlug, ist ein weiterer Charakterzug, den ich im späteren Verlauf noch aufgreifen werde.

Der Pferdediebstahl gilt außerdem als Verbrechen, das im 19. Jahrhundert verheerende Auswirkungen auf die Opfer haben konnte. Wegen großer Entfernungen und fehlender Maschinen waren die Menschen auf ihre Pferde als Transportmittel und Arbeitstiere angewiesen.

Indem Abner sowohl die Konföderierten als auch Soldaten der Union bestiehlt, um die Beute an die jeweils andere Partei zu verkaufen, zeigt sich, dass er sich weder zu den Südstaaten, die ihren Status und die Privilegien, wie etwa Sklaverei, konservieren möchten, noch zu den Unionsstaaten, deren Ziel die Abschaffung der Sklaverei ist, zugehörig fühlt.

Dieser Überblick über die historischen Rahmenbedingungen von „Barn Burning“ soll vorerst genügen. Im Folgenden möchte ich mich den formalen Merkmalen der Kurzgeschichte widmen, um darauf aufbauend die Figur Abner Snopes eingehend zu analysieren.

[...]


[1] Vgl. Skei (1999): S. 58.

[2] Vgl. Artikel Southern Gothic in Wikipedia (2007).

[3] Siehe Abschnitt 1.3.

[4] Vgl. Skei (1999), S. 55.

[5] Vgl. ebd. S. 57.

[6] Franklin (1968), S. 193.

[7] Vgl. Skei (1999), S. 58.

[8] Bolton bringt das Leben eines Sharecroppers auf die prägnante Formel: „For the postbellum tenant farmer or sharecropper, life became an endless cycle of landlessness, debt, and poverty.“ (Bolton, 2004).

[9] Faulkner (1977), S. 9.

[10] Vgl. Sartoris (1983), S. 92.

[11] Vgl. Bolton (2004).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Teufel von Yoknapatawpha - Abner Snopes in "Barn burning"
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
North American Short Stories
Note
1,0
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V87221
ISBN (eBook)
9783638009324
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Teufel, Yoknapatawpha, Abner, Snopes, Barn, North, American, Short, Stories, burning, faulkner, william, southern, gothic, sarty, sartoris, story
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Der Teufel von Yoknapatawpha - Abner Snopes in "Barn burning", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87221

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