So erniedrigt wurde das menschliche Wesen wohl nie, wie durch die Psychoanalyse

Katholische Kritik an der Psychoanalyse in der Ersten Republik


Diplomarbeit, 2006
144 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Elementare Konzepte der Psychoanalyse und ihre Konfliktpotenziale mit der katholischen Kirche
2.1. Die materialistische Wissenschaftskonzeption und die „Helmholtz-Tradition“
2.1.1. Charles Darwins Evolutionslehre
2.1.2. Die Entwicklung der psychoanalytischen Methode
2.2. Die Triebtheorie oder der Mensch als Triebwesen
2.3. Die infantile Sexualität
2.3.1. Freuds „Verführungstheorie“
2.4. Der Ödipuskomplex
2.4.1. Die Verdrängung und das Unbewusste
2.4.2. Die Übertragung
2.5. Freuds Kulturtheorie
2.5.1. Geistige und moralische Leistungen als „Triebschicksale“
2.5.2. Die Sublimierung
2.5.3. Kultur als Trieb- und Abwehrdynamik

3. Freuds explizite Religionskritik
3.1. Freuds Religionskritik im biographischen Kontext
3.2. Freuds Religionskritik als „Erbe“ der Aufklärung
3.3. Exkurs: Der Vernunftbegriff
3.4. Diskurs über die Entstehung der Religion
3.4.1. Religion als Erbe eines archaischen Denksystems
3.4.2. Die Religion als Religion des Vaters
3.5. Parallelen zwischen Zwangsneurose und Religionsausübung
3.6. Die Religion als Illusion

4. Der Katholizismus in der Ersten Republik
4.1. Das Verhältnis von Kirche und Staat
4.2. Die Christlichsoziale Partei
4.3. Der politische Katholizismus
4.4. Rekatholisierungstendenzen
4.5. Katholische Lebenswelten
4.5.1. Die psychosoziale Bedeutung von Religion
4.5.2. Traditionelle Frömmigkeit
4.5.3. Das katholische Kirchenjahr
4.5.4. Die Ehe und die Familie
4.5.5. Sittlichkeit und Geschlechtlichkeit
4.6. Katholischer Antisemitismus in der Ersten Republik
4.6.1. Der Antisemitenbund als Versuch der Institutionalisierung des Antijudaismus
4.6.2. Das Wochenmagazin „Schönere Zukunft“ als Beispiel für eine antisemitisch-klerikale Zeitschrift
4.6.3. Psychoanalytische Interpretation des Antisemitismus
4.7. Gegenpositionen zum Katholizismus
4.7.1. Antiklerikalismus
4.7.2. Das Rote Wien, Sozialdemokratie und Psychoanalyse

5. Katholische Kritik und Kritiker der Psychoanalyse
5.1. Pater Wilhelm Schmidt, SVD
5.1.1. Biographischer Abriss
5.1.2. Pater Wilhelm Schmidt, ein Vertreter des katholischen Antisemitismus
5.1.3. Schmidts Kritik an der Psychoanalyse
5.1.4. Schmidts Kritik am Ödipuskomplex
5.1.5. Schmidts Konzept der Entstehung von Religion
5.2. Pater Georg Bichlmair,
5.2.1. Biographischer Abriss
5.2.2. Bichlmairs Wirken
5.2.3. Der Antisemitismus Bichlmairs
5.3. Friedrich Wilhelm Foerster
5.4. Rudolf Allers und Oskar Herget
5.5. Josef Donat,

6. Resümee

7. Quellenverzeichnis
7.1. Literatur
7.2. Zeitschriften 1920–1938
7.3. Zeitungen 1920–1938
7.4. Zeitungen ab 1945

1. Einleitung

Wird die neuere und neueste Österreichische Geschichte betrachtet, so fallen einige Tendenzen auf, die als „ungewöhnlich“ bezeichnet werden können. Diese Tendenzen sind keine überwältigenden historischen Ereignisse, sondern vielmehr „unauffällige Details“ die sich jedoch in Kontinuitäten ausdrücken. Einige von diesen möchte ich hier um des Verständnisses Willen anführen:

Das Jahr 2006 wird in Österreich einerseits als Mozart-Gedenkjahr, andererseits als Freud-Gedenkjahr zelebriert. So sehr dieses Jahr mit Mozart überflutet wird, so sehr geht Sigmund Freud unter. Dies ist jedoch keine Erscheinung des Jahres 2006, sondern hat Tradition. Das „Sigmund Freud Museum“, der „Sigmund Freud Park“, das Denkmal im „Sigmund Freud Park“ mit dem leider unvollständigen Zitat[1] und die Büste im Arkadenhof der Universität Wien sind die öffentlichen Rezeptionen Freuds. Die Zeitung „Der Standard“ installierte in seiner Online-Ausgabe einen eigenen Freud-Schwerpunkt auf dem über Veranstaltungen und Bücher informiert wird, gleichzeitig gibt es auch die Möglichkeit für Leser Kommentare zu posten. Beim genaueren Betrachten der Postings fällt auf, dass die überwiegende Mehrheit der Psychoanalyse und Freud ablehnend gegenübersteht. Die Argumente gegen die Psychoanalyse weisen einen auffällig polemischen Charakter auf.

Im Vorlesungsverzeichnis der Universität Wien scheinen Lehrveranstaltungen zum Thema Freud oder Psychoanalyse in geringer Anzahl auf. Im Bereich Psychologie finden sich gar keine Angebote dazu. Bei allen öffentlichen Reden von Politikern zum Gedenkjahr 2006 wurde Freud selten erwähnt.

In anderen europäischen Ländern existieren an Universitäten eigene Lehrstühle für Psychoanalyse, Zeitschriften und Zeitungen haben mehrseitige Schwerpunkte, Intellektuelle greifen in ihren Diskursen auf die Psychoanalyse zurück. Nun stellte sich die Frage, warum gerade in Österreich, jenem Land, in dem die Psychoanalyse entstand, so viel Nicht-Erwähnung und Ablehnung gegenüber Freud und der Psychoanalyse vorhanden ist. Eveline List machte mich auf zwei Bücher des Salzburger Theologen und Psychoanalytikers Wolfgang Huber aufmerksam. Ein Aufsatz von ihm beschäftigt sich mit Katholiken und Psychoanalyse in Österreich bis zum Jahre 1933. Hubers Publikation ist die Einzige, die sich spezifisch mit dieser Thematik auseinandersetzt, und leistete mir beim Verfassen meiner Arbeit unverzichtbare Dienste. Nach dem Studieren von Hubers Schrift fiel mir auf, dass die Argumente von Kirchenmännern in der Ersten Republik jenen der Poster im Standard-Online teilweise frappant ähneln. Nach dieser Lektüre war der Zeitraum der Ersten Republik mit Aussichten in den Austrofaschismus für mich der passende Rahmen. Jedoch faszinierte mich an dieser Epoche der Österreichischen Geschichte noch mehr, womit ich zu weiteren Kontinuitäten komme.

Im Jahre 2004 jährte sich zum siebzigsten Mal der Bürgerkrieg des Jahres 1934. Auffallend an der öffentlichen Auseinandersetzung waren die nach wie vor unüberbrückbar scheinenden Kluften zwischen der jetzigen ÖVP und der SPÖ in der Öffentlichkeit. Während über die Ablehnung der Zeit des Nationalsozialismus Konsens besteht, wurde 2004 der Dissens über die Zeit des Austrofaschismus offensichtlich. „Konservative Kreise“ bezeichneten die Zeit von 1933–1938 als „christlichen Ständestaat“ oder als „christlichen Ständestaat mit autoritären Tendenzen“, während „linke Kreise“ diese Zeit als „Austrofaschismus“ bezeichneten. Ich wählte in meiner Arbeit ebenfalls den Begriff „Austrofaschismus“, nicht jedoch, um politisch Stellung zu beziehen, sondern vielmehr um die Zeit von 1933–1938 einerseits von den relativ demokratischen Verhältnissen der Ersten Republik und andererseits von den totalitären Verhältnissen der Zeit des Nationalsozialismus abzugrenzen. Insofern lässt sich der Austrofaschismus als „Übergang“ zwischen Demokratie und totalitärer Diktatur in Österreich sehen. Der Begriff „Austro“ soll die österreichische Variante betonen. Das Wort „Faschismus“ ist insofern gerechtfertigt, als diese Zeit von einem Führerprinzip (Dollfuß, Schuschnigg) geprägt war, weiters von Antikommunismus, einem österreicheigenen Nationalismus (in Abgrenzung zum Nationalsozialismus in Deutschland), einer ausgeprägten Demokratiefeindlichkeit (Ausschaltung des Parlaments und des Verfassungsgerichtshofes), einer ideologisch geprägten Weltanschauung (Katholizismus), reaktionären Tendenzen in Richtung Restauration der Monarchie (v. a. unter Schuschnigg) und nicht zuletzt einer engen Anlehnung an den italienischen Faschismus unter Mussolini.

Die Tendenzen in Richtung Ablehnung der Demokratie bestanden freilich schon seit dem Zusammenbruch der Monarchie, verstärkt durch ideologisch ausgetragene Auseinandersetzungen zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokratie und Ausschreitungen zwischen den paramilitärischen Verbänden Heimwehr und Republikanischer Schutzbund. Deutlich sichtbar wurden autoritäre Tendenzen seit dem Jahre 1927 (Justizpalastbrand).

Für die Thematik dieser Diplomarbeit interessant ist v. a. der starke Einfluss, den die katholische Kirche auf kulturelle Belange hatte und damit verbunden die Ablehnung der Freud’schen Psychoanalyse, wie sie Wolfgang Huber in seinem grundlegenden Aufsatz beschrieben hatte. Der Einfluss der katholischen Kirche in Österreich ist eine weitere Kontinuität, die sich z. B. in der Diskussion um das seit 1933 (mit leichten Abänderungen in den sechziger Jahren) in Österreich in Kraft befindliche Konkordat manifestierte. An einem runden Tisch nahm neben den Politikern aller Parteien auch Kardinal Schönborn teil. Alle Parteien, bis auf die Grünen waren der Meinung, dass das Konkordat nicht in die politische Diskussion eingebracht werden sollte. An eine breite öffentliche Diskussion darüber war nicht zu denken.

Als die EU-14-„Sanktionen“, die über Österreich aufgrund der FPÖ-Regierungsbeteiligung verhängt worden waren, zurückgenommen wurden, pilgerte die gesamte Regierung zum Marienheiligtum Mariazell und betete vor dem Gnadentum. Hier zeigt sich eine weitere Kontinuität in der Österreichischen Geschichte: Die mangelnde Säkularisierung. Die katholische Kirche hat seit der Zeit der Gegenreformation einen starken Einfluss in Österreich. Nach 1945 verschwand der politische Katholizismus nicht etwa, sondern nahm nur an Intensität ab, seine Natur blieb jedoch gleich.[2]

In der Zweiten Republik waren Politiker zwar nicht gleichzeitig Priester, jedoch kamen die meisten Parteiobmänner der ÖVP entweder aus dem Cartellverband (CV), der katholischen Hochschulgemeinde, oder sonstigen kirchlichen Organisationen. Nicht zu vergessen ist die Begutachtung von Gesetzen, bei denen die katholische Kirche nach wie vor ein Mitspracherecht hat. Anton Pelinka meint: „ [ ... ] die katholische Kirche wird zur Mitbestimmung eingeladen, unabhängig davon, daß ihre innere Struktur Antithese zu den Spielregeln der Demokratie ist.“[3]

Auffallend an der österreichischen Gesellschaft ist jedenfalls, dass es eine sehr geringe Bereitschaft zu Veränderungen gibt, vielmehr werden diese von oben herbeigeführt. Hierfür gibt es sicher unzählige Gründe, die eine eigene Untersuchung wert wären. Ein Grund jedoch mag der Einfluss der katholischen Kirche sein, die geprägt ist von Antimodernismus, Erziehung zu Obrigkeitsgehorsam und grundsätzlicher Demokratieskepsis.

Um nun das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und der Psychoanalyse in der Ersten Republik darzustellen, ist es nötig, zuerst die Entwicklung der Psychoanalyse und damit gleichzeitig jene Konzepte aufzuzeigen, die Vertreter des Katholizismus und der katholischen Kirche in der Ersten Republik kritisierten (2. Kapitel). Für diese Arbeit ist es vonnöten, sich intensiv mit den Grundelementen der Psychoanalyse auseinanderzusetzen. Die in diesem Kapitel angeführten Punkte könnten als „implizite“ Kritik an der katholischen Weltanschauung aufgefasst werden. Das 2. Kapitel soll auch den Pfad, den Freud mit der Entdeckung der Psychoanalyse beschritt, abstecken. Hier sei auch daran erinnert, dass die Psychoanalyse zur Jahrhundertwende eine viel offenere Aufnahme fand als etwa in der Ersten Republik. Es sei an Arthur Schnitzler, Oskar Kokoschka, Egon Schiele, Karl Kraus (der sich zwar kritisch, aber gekonnt und intelligent zu Freud äußerte), Gustav Mahler, um nur einige zu nennen, erinnert. Einige Historiker, die sich näher mit Freud und der Entstehung der Psychoanalyse befassten, beschrieben das Wien der Jahrhundertwende mit den Epochenbegriffen Décadence, Neurotiker, Symbolismus, Impressionismus, Tod, Untergangsstimmung, Moderne, Aufbruch, usw. als geradezu unverzichtbar für die Entstehung der Psychoanalyse. Wird das Fin de Siècle mit dem Zeitraum der Ersten Republik verglichen, so gibt es Hunderte von Unterschieden. Ein Hauptunterschied ist sicherlich die „Ideologisierung von Kultur“, d. h. Kultur wurde zu einer Weltanschauung stilisiert, daher auch der viel zitierte Begriff „Kulturkampf“. Eine dieser „ideologisierten Kulturen“ war eben die „katholische Weltanschauung“ als zentrale Herrschaftsstruktur, die in der Ersten Republik eine ungemeine Renaissance, v. a. in Form des politischen Katholizismus, erlebte und eben auch die Psychoanalyse als „Kultur“ bekämpfte.

Im 3. Kapitel werde ich auf die explizite Religionskritik Freuds eingehen. Im Gegensatz zu den erwähnten psychoanalytischen Konzepten ging Freud in seinen kulturtheoretischen Schriften direkt auf die Religion und ihre institutionalisierten Formen ein. Wichtig erscheint mir der Hinweis, dass Freuds Erklärung der Entstehung von Religion einerseits ontogenetischen und andererseits phylogenetischen Annahmen folgte. Was er in „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ über das (sexuelle) Werden des Individuums formulierte, versuchte er etwa in „Totem und Tabu“ auf die Menschheit bezogen zu beschreiben. Auch ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass Freud sowohl mit seiner Religionskritik, wie auch mit seiner Kritik an sich selbst und seinen Theorien, einen Weg beschritt, der in der Zeit der Aufklärung seinen Anfang hatte. Da sowohl in der Aufklärung wie auch in Freuds Schaffen der Begriff der „Vernunft“ eine nicht unwesentliche Rolle einnahm, reflektiere ich in einem kurzen Exkurs den Vernunftbegriff.

Der Diskurs über die Entstehung der Religion ist v. a. in Bezug auf die Thesen Pater Wilhelm Schmidts, der einer der „Hauptgegner“ Freuds war, wichtig und unverzichtbar.

Vor allem mit dem 2. und 3. Kapitel folgt diese Arbeit einem interdisziplinären Ansatz, der einerseits um des Verständnisses Willen und andererseits aufgrund meines Interesses dafür gewählt wurde.

Im Kapitel 4 „Der Katholizismus in der Ersten Republik“ versuche ich einerseits eine Darstellung des politischen Katholizismus, um verständlich zu machen, warum überhaupt die Institution Kirche und Vertreter der Kirche ihren Einfluss massiv ausbauen konnten. Andererseits ist es wichtig darzustellen, welche Auffassung in der katholischen Kirche vom Menschen vorherrschte. Unverzichtbar bei einer Darstellung der katholischen Weltanschauung in der Ersten Republik erscheint mir der Antisemitismus. Freilich gab es diesen schon viel früher und er zog sich in Form eines christlichen Antijudaismus durch die europäische Geschichte. Was aber auffällt, war die Reanimierung zu ideologischen Zwecken von Seiten der katholischen Kirche und von Seiten christlichsozialer Politiker. Dieser Antisemitismus bereitete in Österreich den Boden für den rassischen Antisemitismus der Nationalsozialisten auf. Interessanterweise ist auf publizistischer Ebene festzustellen, dass in katholischen Blättern ab ca. 1933 ein Umschwung von einem konfessionellen zu einem rassischen Antisemitismus stattfand. Hier ist v. a. das Wochenmagazin „Schönere Zukunft“ zu nennen. In dieser katholischen Zeitschrift publizierten regelmäßig hochrangige Kirchenvertreter. Auch als Quelle für die Darstellung der Kritik an der Psychoanalyse diente die „Schönere Zukunft“ in dieser Arbeit. Aus diesen beiden Gründen habe ich diesem Wochenmagazin ein eigenes Unterkapitel gewidmet. Die „Schönere Zukunft“ war übrigens eine der wenigen Zeitschriften, die ab 1938 nicht verboten wurden. Auch in der als antisemitisch zu bezeichnenden „Reichspost“ wurde häufig von Vertretern der Kirche gegen die Psychoanalyse publiziert. Hier eröffnet sich eine weitere Kontinuität in der österreichischen Geschichte. Der Chefredakteur der „Reichspost“, Friedrich Funder, gab in der Zweiten Republik die „Furche“ heraus.

Natürlich gab es auch Gegenpositionen zum politischen Katholizismus, die ich in den Unterkapiteln „Antiklerikalismus“ und „Das Rote Wien“ darstellen werde. Vor allem in Wien gab es eine fruchtbare Verbindung von Psychoanalyse und Sozialdemokratie, die ich für erwähnenswert halte.

Im 5. Kapitel „Katholische Kritik und Kritiker der Psychoanalyse“ werde ich anhand von Zeitungsartikeln, Büchern und Reden die Anfeindungen gegen die Psychoanalyse und Sigmund Freud darstellen. Ein wichtiges Unterscheidungskriterium ist sicherlich die Frage, ob die Kritik wissenschaftlich oder polemisch war und ob sie den methodischen oder den „weltanschaulichen“ Teil der Psychoanalyse betraf. Bei einer wissenschaftlich fundierten Kritik, d. h. einer tatsächlichen Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, werde ich versuchen zu überprüfen, ob die Kritik haltbar gewesen ist oder nicht. Allgemein lässt sich jetzt schon vorweg nehmen, dass es in der Ersten Republik zu einer signifikanten Steigerung an Publikationen, meist polemischer Art, über die Psychoanalyse kam. Erwähnt seien hier v. a. die „Schönere Zukunft“ und die „Reichspost“, aber auch die Zeitschrift „Neuland“. Die Gründe hierfür waren:

- Ein steigender Antisemitismus auf politischer Ebene und damit einhergehend die Verunglimpfung der Psychoanalyse als „jüdische Wissenschaft“.
- Der allgemein steigende Einfluss der katholischen Kirche, die ihre Weltanschauung durch die Psychoanalyse bedroht sah.
- Eine zunehmende Radikalisierung der kulturpolitischen Auseinandersetzung, im Zuge derer auch die Psychoanalyse instrumentalisiert wurde. Vor allem die Sozialdemokratie war den Freud’schen Lehren gewogen (auf publizistischer Ebene sei hier die „Arbeiterzeitung“ und „Der Kampf“ erwähnt).

Der einflussreichste Kirchenmann und gleichzeitig katholische Kritiker der Psychoanalyse war sicherlich der Ethnologe Pater Wilhelm Schmidt, der ideologische Stütze des Austrofaschismus und zugleich ein persönlicher Freund des Papstes war. Seine Beschäftigung mit den Lehren Freuds fand hauptsächlich auf einer „ethnologischen“ Ebene statt. Anhand dieser Auseinandersetzung zeige ich die gegensätzlichen Standpunkte über die Entstehung von Religion auf (Evolutionismus/Degeneration) und gleichzeitig den häufig polemischen Charakter, den Schmidts Kritik hatte.

Neben Wilhelm Schmidt war Pater Georg Bichlmair eine schillernde Figur in der Ersten Republik. Er war der Leiter des „Paulus Missions Werk“ zur Bekehrung von Juden und später Leiter der „Aktion K“. Sowohl Bichlmair als auch Schmidt sind in ihren Publikationen durch Antisemitismus aufgefallen, den ich in meiner Darstellung nicht aussparen werde. Um auch das Umfeld der Kritiker zu beleuchten, werde ich, soweit dies möglich ist, ihr Leben und ihr Wirken darstellen.

Neben Bichlmair und Schmidt sind Friedrich Wilhelm Foerster, Rudolf Allers, Oskar Herget und der Jesuit Josef Donat wohl die hervortretendsten Kritiker der Freud’schen Psychoanalyse gewesen. Die Kritikpunkte waren verschieden, jedoch ist die infantile Sexualität von allen erwähnten Kritikern scharf abgelehnt worden.

Für die vorliegende Arbeit ergeben sich somit folgende Fragen und Aufgaben:

- Darstellung der Entwicklung der Psychoanalyse, v. a. jener Konzepte, die von Vertretern der katholischen Kirche massiv kritisiert wurden.
- Darstellung der Freud’schen Religionskritik (damit einhergehend der Kulturkritik). Was motivierte Freud, sich mit Religionskritik zu beschäftigen?
- Welche Konzepte bot er zur Entstehung von Religion?
- Darstellung des Einflusses der katholischen Kirche in der Ersten Republik.
- Wie standen Staat und Kirche zueinander?
- Was waren die Hauptelemente des politischen Katholizismus?
- Welche waren die offensichtlichen Konfliktpotenziale zwischen Psychoanalyse und Katholizismus?
- Wer waren die Hauptkritiker der Psychoanalyse?
- Wie fiel ihre Kritik aus und wie ist ihre Kritik hinsichtlich der Psychoanalyse zu bewerten?

Im Resümee werden die hier gestellten Fragen beantwortet und die Literatur und Quellenlage zur Thematik besprochen. Gleichzeitig werde ich über eigene Erfahrungen beim Schreiben dieser Arbeit berichten.

Die vorliegende Arbeit ist einerseits eine historische Arbeit über die Erste Republik, andererseits eine wissenschaftsgeschichtliche Arbeit über die Psychoanalyse. Die Beschäftigung mit der katholischen Kirche ist nicht zuletzt ideologiekritisch zu verstehen.

2. Elementare Konzepte der Psychoanalyse und ihre Konfliktpotenziale mit der katholischen Kirche

2.1. Die materialistische Wissenschaftskonzeption und die „Helmholtz-Tradition“

Die Naturphilosophie der griechischen Antike kann als Ursprung des Materialismus bezeichnet werden. Anstelle mythologischer Erklärungsmuster versuchten die griechischen Naturphilosophen die Wirklichkeit mit naturgesetzlichen Erklärungen zu begreifen. Materialistische Grundkonzepte gehen allgemein davon aus, dass geistiges Schaffen ein Ergebnis der physischen Materie sei, so habe auch jedes psychische Geschehen einen physischen Ursprung. „Materialistische“ Wissenschaft sieht die Welt geleitet von Naturgegebenheiten, gesellschaftlichen Verhältnissen (z. B. Religion) und persönlichen Motiven der Menschen. Jede Metaphysik wird abgelehnt und als „falsches Bewusstsein“ und bestimmtes Interesse verstanden.

Immaterielle Erscheinungen, wie z. B. die Vorstellung Gottes, finden im Materialismus als historisch-gesellschaftliche Phänomene, die Motive und Vorstellungen der Menschen beeinflussen, Platz.

Auch Karl Marx war ein wichtiger Vertreter des Materialismus, der versuchte materialistisches Denken mit Dialektik zu verbinden. Das philosophische Pendant zum Materialismus ist der Idealismus, auf religiöser Ebene kann der Transzendentalismus als Gegenüber ausgemacht werden.

Sigmund Freud folgte der materialistischen Tradition und sah psychische Vorgänge in letzter Konsequenz als Erscheinungen des materiellen Körpers. In seinem gesamten Schaffen versuchte er der Psychoanalyse einen naturwissenschaftlichen Anspruch zu geben und stellte in Aussicht, dass in späteren Zeiten die Möglichkeit bestehen werde, seine Theorien zu untermauern. Tatsächlich gibt es heutzutage ein befruchtendes Zusammenwirken von psychoanalytischen Konzepten und Neurowissenschaften, die Freuds Thesen größtenteils absichern.

Freuds materialistische Anschauungen stammten aus seiner medizinischen Arbeit als Neurologe. Er studierte von 1876 bis 1882 bei dem berühmten Physiologen Ernst Wilhelm von Brücke (1819–1892), der zum Kreis der „Helmholtz-Schule“ gehörte. Freud bezeichnete seinen Lehrer später als die größte Autorität, die je auf ihn gewirkt habe.[4]

Die „Helmholtz-Schule“ war eine Gruppe von Wissenschaftern rund um den Berliner Physiologen und Physiker Hermann von Helmholtz (1821–1894). Er beschäftigte sich mit Geometrie, Mathematik, Optik, Meteorologie, Musiktheorie und vielem mehr. Helmholtz’ Anhänger versuchten die Naturwissenschaften und deren Methoden auf die Erforschung des menschlichen Denkens und Handelns anzuwenden. Die wichtigsten Vertreter waren Hermann von Helmholtz, Ernst Wilhelm von Brücke und der Berliner Physiologe Emile Du Bois-Raymond (1818–1896).

Freuds psychologischer Materialismus stand in einer Tradition, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erlebte und ihren Ursprung in der Tradition der Aufklärung hatte. Auch Freuds Verständnis von Religion folgte einer materialistischen Wissenschaftskonzeption wie sie etwa Ludwig Feuerbach[5] (1804–1872) vertrat.

Revolutionierend für den Materialismus und für die gesamte Wissenschaft war die Beschreibung der Evolutionslehre durch Charles Darwin, die auch Freud als Basis seiner Weltsicht adaptierte.

2.1.1. Charles Darwins Evolutionslehre

Im Jahre 1859, als Freud vier Jahre alt war, veröffentlichte Charles Darwin (1809–1882) seine Theorie über den Ursprung der Arten. Damit begann ein völlig neues Kapitel in der Wissenschaft.

Das „Unerhörte“ an Darwins Theorien war die Verankerung des Menschen im Tierreich. Der Mensch sei nun nicht mehr die „Krönung von Gottes Schöpfung“, sondern vielmehr ein hochentwickeltes Säugetier.

Im Vordergrund von Darwins Theorien stand der Entwicklungsgedanke. Am Anfang der Evolution existierten einzellige Lebewesen, aus denen sich im Laufe von Jahrmillionen unterschiedliche Arten wie auch der Mensch entwickelt hätten.[6]

Darwin erbrachte somit den Beweis für den entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang des Menschen mit dem Tierreich.

Auch Freud folgte dem Entwicklungsgedanken. So durchlebe nach seiner Konzeption jeder Mensch z. B. eine psychosexuelle Entwicklung, die einer menschheitsgeschichtlichen Entwicklung folge.

Freud ergänzte Darwin, indem er das „Animalische“ in Form der Triebstruktur im unbewussten Seelenleben des Individuums aufdeckte. Damit nahm er eine Gegenposition zur Lehrmeinung der katholischen Kirch ein. Diese postulierte die „Reinheit“ der Seele und argumentierte, dass diese direkt von Gott stamme.

Für die katholische Kirche jedenfalls war sowohl der Materialismus wie auch Darwins Evolutionslehre unannehmbar und wohl eine regelrechte Bedrohung.

Transzendentalismus, Metaphysik, Glaube und Gott wurden im Materialismus kein Platz eingeräumt. Gott wäre eine materielle Schöpfung des Menschen und nicht der Mensch eine Schöpfung Gottes. Der Materialismus bereitete auch dem Leib/Seele-Dualismus ein Ende, da für geistig-seelische Vorgänge eine körperliche Ursache gesucht wurde, und Darwin die Endlichkeit des menschlichen Lebens als unumstößliche Tatsache beschrieben hatte. Auch für Sigmund Freud waren geistige Errungenschaften letztendlich Ergebnisse physischer Regungen, so sei jeder Gedanke etwa ein sublimierter Triebimpuls. Die katholische Kirche antwortete darauf, dass die Psychoanalyse ein „psychologischer Niederschlag eines atheistischen Materialismus“[7] sei.

Darwins Evolutionstheorie wurde von der katholischen Kirche der Degenerationsgedanke, wie ihn z. B. Pater Wilhelm Schmidt[8] vertrat, entgegengehalten. Die christliche Lehrmeinung sah den Anfang der Entwicklung im „Garten Eden“, aus dem das erste Menschenpaar aus eigener Schuld vertrieben worden sei. Die Degenerationslehre sah alle Entwicklungen nach der „Vertreibung aus dem Paradies“ als Rückschritte der Menschheit.

Zudem fasste die katholische Kirche den Menschen als Gottes Ebenbild auf, und als Werk seiner Schöpfung. Es war somit unerträglich und glaubensmäßig unmöglich, den Menschen im Tierreich verankert zu sehen.

2.1.2. Die Entwicklung der psychoanalytischen Methode

Sigmund Freud erhielt im Jahre 1885 ein Stipendium nach Paris und studierte dort an der „Salpetrière“[9] bei dem Neurologen Jean Martin Charcot (1825–1893), der damals zu den bekanntesten Ärzten zählte. Freud war von der damals unüblichen Auffassung Charcots, der die Hysterie[10] als neurologische Erkrankung auffasste, fasziniert.

Unter Hypnose gelang es dem Pariser Arzt hysterische Symptome zu erwecken bzw. zum Verschwinden zu bringen. Dies galt als Beweis für den psychischen Ursprung der Erkrankung. Für den Pariser Neurologen gab es, entgegen der damals gängigen Auffassung, keinen Zweifel, dass auch Männer von der Hysterie betroffen sein konnten.

Auch Freud war von der psychischen Ursache der Hysterie überzeugt. Nach Wien zurückgekehrt, veröffentlichte er 1888 einen Artikel für ein medizinisches Handwörterbuch, in dem er „einen psychischen Mechanismus als ursächlichen Faktor der Neurose“[11] erwähnte. Als Therapie schlug Freud, neben den damals üblichen Methoden (Wassertherapie, Massage, Elektrotherapie), in Anlehnung an Charcot die Hypnose vor. Gleichzeitig erwähnte er jedoch die von dem Wiener Arzt Josef Breuer[12] (1842–1925) praktizierte Methode, Patienten unter Hypnose auf die psychische Vorgeschichte des Leidens zurückzuführen, indem man „ [ ... ] [ sie ] zum Bekennen nötigt, bei welchem psychischen Anlass die entsprechende Störung entstanden ist“[13].

Teilte der Patient seine seelischen Vorgänge unter Affektäußerung mit, waren die Symptome überwunden.[14]

Bald schon verzichtete Freud auf die Hypnose und verlagerte den Schwerpunkt auf ein Gespräch zwischen zwei „wachen“ Personen.

Bertha Pappenheim[15], eine Patientin Breuers und Freuds, beschrieb die Erleichterung ihrer Beschwerden durch bloßes Aussprechen ihrer Belastungen. Freud modifizierte nun die Methode: Patienten sollten ihre Einfälle trotz Scham und Peinlichkeitsgefühle als „freie Assoziation“ dem Arzt mitteilen.

Die Psychoanalyse ist dadurch sehr sprachlich orientiert. In diesem Punkt eröffnete sich noch eine Diskrepanz zur katholischen Kirche, die, im Gegensatz zum Protestantismus, in hohem Maße sinnlich orientiert ist. Einzig im Gebet und in der Beichte besteht für den Gläubigen die Möglichkeit zu verbalen Äußerungen. Die Methode der freien Assoziation stellte in gewissem Sinn eine „Konkurrenz“ zur Beichte dar. „Der einzige Ort, an dem der kirchliche Untertan zu Wort kommt, ist der Beichtstuhl, wo er nachträglich um den ‚Preis’ seiner Lust verhandelt, der umso niedriger zu sein verspricht, je demütig reuevoller er sich zeigt.“[16]

2.2. Die Triebtheorie oder der Mensch als Triebwesen

Die Psychoanalyse postuliert, dass das Kind als „Bündel an Potenzialen“ auf die Welt komme, die ohne „Erweckung“ das Überleben jedoch nicht ermöglichen. Die Triebhaftigkeit entwickle sich in der Interaktion des Kleinkindes mit der Pflegeperson (meist die Mutter), in Anlehnung an überlebenswichtige Funktionen des Kindes. Sie dränge dazu, die einmal erfahrene Lust zu wiederholen. Der Trieb entstehe somit aus dem Wunsch nach Wiederholung der Befriedigungserfahrung.[17]

Das Streben nach Lust und die Vermeidung von Unlust regiere das Geschehen. Triebhaftigkeit sei Sexualität. Sexualität wiederum sei der Drang nach sinnlicher Befriedigung und daher triebhaft und strebe nach Lustgewinn. Die Menschen suchen Lust und wollen Unlust vermeiden. Unbewusste seelische Vorgänge unterliegen dem „Lustprinzip“.[18]

So auch die Wunschdynamik der Phantasie und des Sexualtriebes. Freud nannte diese das Lust-/Unlustprinzip.

Die Lust spielt gerade in der Religiosität eine mächtige Rolle. Denn nur durch Verleugnung oder Idealisierung von Unlust und die damit verbundene Ausklammerung aus dem Bewusstsein ist es möglich, Glaubenskonflikte und eventuelle Kritik an der Autorität der Kirche als institutionalisierter Form von Religion zu vermeiden. Dies gilt im Übrigen auch für andere Autoritäten und Institutionen.

Hinzu kommt der starke Aspekt der Illusion. Sie besitzt eine immanente Zeitlosigkeit und erleichtert es somit an ewige und schon immer da gewesene Werte, wie sie die Kirche postuliert, zu glauben.

Die katholische Kirche sah den Menschen durch Freuds Triebtheorie als „geistiges Wesen“ gefährdet. Das Individuum trage „tierische Züge, animalische Triebe machen sein Wesen aus“[19].

In letzter Konsequenz stamme nach der Psychoanalyse alles menschliche Handeln aus Triebhaftigkeit. Freud selbst formulierte, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Hause sei. Für Vertreter der katholischen Weltanschauung war dies der Beweis, dass nach der Psychoanalyse der Mensch absolut unfrei sei. Die Kirche sah den Menschen im Besitz einer „von Gott gegebenen Geistseele, die alle anderen Wesensstücke im Menschen bestimmt und beherrscht“[20].

Das Konzept des „triebhaften Menschen“ stand dieser Anschauung natürlich diametral gegenüber. Freuds Modell beschrieb das Individuum in seinem Handeln und in seiner Geschichte als von psychosexuellen Triebwünschen bestimmt.

Der Innsbrucker Moraltheologe und Jesuit Josef Donat formulierte: „Für Geist und eigentliches Geistleben hat ein solches biologisch-materialistisches Denken keinen Platz.“[21]

2.3. Die infantile Sexualität

Freud erkannte einen Irrtum in der Vorstellung der Asexualität des Kindes und schrieb dazu:

„Es ist ein Stück der populären Meinung über den Geschlechtstrieb, daß er der Kindheit fehle und erst in der als Pubertät bezeichneten Lebensperiode erwache. Alleine dies ist nicht nur ein einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer Irrtum, da er hauptsächlich unsere gegenwärtige Unkenntnis der grundlegenden Verhältnisse des Sexuallebens verschuldet.“[22]

Das Kind sei von Anfang an ein „sexuelles Wesen“. Durch die Pflege des Kleinkindes entstehe mit der Sinnlichkeit die Sexualität in Anlehnung an lebenserhaltende Funktionen

(z. B. durch das Saugen an der Mutterbrust). Durch diese Konstellation habe die infantile Sexualität auch immer inzestuösen Charakter, weil das erste Liebesobjekt involviert sei.

Die Befriedigung der kleinkindlichen Lust hänge nicht mit dem Funktionieren der Genitalzone zusammen. Ein Merkmal der infantilen Sexualität seien Aktivitäten am ganzen Körper, die Lust verschaffen würden, jedoch nicht auf die Stillung eines körperlichen Bedürfnisses reduzierbar seien (z. B. Daumenlutschen).[23]

Der Daumen trete infolge von Verschiebung, Halluzination und Phantasie an die Stelle der Mutterbrust. Aufgrund der hohen „Beweglichkeit“ des Triebes könne jedoch alles zum Sexualobjekt werden.[24]

Freud nannte dies den „polymorph-perversen“[25] Charakter der Sexualität.

Er beschrieb die „infantile Sexualität“ 1905 in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ und schuf damit eines der Hauptangriffsziele an seiner Lehre. Vor allem die katholische Kirche und die „bürgerliche Welt“ sahen in der kindlichen Sexualität eine unhaltbare, ja Gott lästernde Behauptung, sei das Kind doch noch frei von jeder „Schuld“. In diese Richtung formulierte Josef Donat, dass „Unschuld und Reinheit [ ... ] von jeher als Eigenschaften des Kindes gegolten [ haben ] . Der Psa. [ Psychoanalyse ] war das Bemühen vorbehalten, diesen Vorzug dem Kinde völlig zu entreißen und seine Seele mit Unreinheit anzufüllen.“[26]

Die Psychoanalyse sah die Sexualität im Widerspruch zur Kultur. Die Lust dränge nach Abfuhr, daher sei ein egoistischer Triebanspruch kulturzersetzend. Infolgedessen müsse das Luststreben diszipliniert und domestiziert werden, um Kultur zu ermöglichen.

Religion und ihre institutionalisierten Formen bauen auf Lustverzicht auf. Lustgewinn sei eine unmögliche Autonomisierung des Individuums und eine Befriedigung von „egoistischen“ Ansprüchen.

Für Freud war der Begriff des Sexuellen nicht auf seine alltagssprachliche Bedeutung beschränkt, sondern umfasste „in der Psychoanalyse weit mehr; er geht nach unten wie nach oben über den populären Sinn hinaus. [ ... ] wir rechnen zum ‚Sexualleben’ auch alle Betätigungen zärtlicher Gefühle, die aus der Quelle der primitiven sexuellen Regungen hervorgegangen sind, auch wenn diese Regungen eine Hemmung ihres ursprünglichen sexuellen Zieles erfahren oder dieses Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, vertauscht haben. Wir [ ... ] legen so Wert darauf, dass man den seelischen Faktor des Sexuallebens nicht übersehe und nicht unterschätze. Wir gebrauchen das Wort Sexualität in demselben umfassenden Sinne wie die deutsche Sprache das Wort ‚lieben’ [ ... ] .“[27]

Diese „Ausweitung der Sexualität“ brachte und bringt Freud und der Psychoanalyse häufig den Vorwurf des „Pansexualismus“. Dem hielt Sigmund Freud entgegen, dass die psychoanalytische Trieblehre immer streng dualistisch gewesen sei und zu keiner Zeit versäumt habe, neben den Sexualtrieben andere anzuerkennen, denen sie ja die Kraft zur Unterdrückung der Sexualtriebe zugeschrieben habe.[28]

2.3.1. Freuds „Verführungstheorie“

Das Aufgeben der „Verführungstheorie“ geschah durch die Entdeckung der Bedeutung unbewusster Phantasien[29].

Am 21. April 1896 hielt Freud einen Vortrag über die Ätiologie der Hysterie vor dem „Wiener Verein für Psychiatrie und Neurologie“. Er behauptete darin einen Zusammenhang zwischen sexuellen Kindheitserlebnissen und späteren neurotischen Symptomen. Freuds Vortrag stieß damals unter der Wiener Ärzteschaft auf breite Ablehnung.

Bereits in „Die Abwehrneuropsychosen“ (1894) und in „Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen“ (1896) vertrat Freud die Ansicht, dass traumatische Erlebnisse, meist sexueller Natur, die Hauptursache neurotischer Phänomene[30] seien.[31]

Das heißt, dass Sexualtraumata auf Quellen außerhalb des Kindes zurückzuführen seien, sprich durch Übergriffe von Erwachsenen auf das Kind.

Schließlich aber musste Freud seine „Verführungstheorie“ kritisch hinterfragen. Am 21. September 1897 schrieb er an seinen Freund Wilhelm Fließ (1858–1928), dass er an seine „Neurotica“ nicht mehr glaube.[32]

Was Freud nun erkannte und was für die Psychoanalyse von entscheidender Bedeutung werden sollte, war die Erkenntnis, dass neurotische Symptome nicht von wirklichen Erlebnissen stammen müssen, sondern ihr Kern auch von Wunschphantasien stammen könne, d. h. im Unbewussten sei es nicht möglich Phantasien von Erinnerungen zu unterscheiden.

Freuds „Aufgabe“ der „Verführungstheorie“ bedeutete „die Verlagerung ihres eigentlichen Ursprungs weg vom äußeren traumatischen Erlebnis hin zur inneren Phantasie [ ... ] “[33].

Mit der Entdeckung der unbewussten Verführungsphantasien entwickelte sich auch der Ödipuskomplex, da das Objekt der „Verführung“ sehr häufig ein Elternteil gewesen ist.

2.4. Der Ödipuskomplex

Der Ödipuskomplex beinhalte sowohl Liebeswünsche, wie auch feindselige Wünsche des Kindes gegen seine Eltern[34], und bestimme alle infantilen Dramen und Entwicklungen.

Er finde nach Freud seinen Höhepunkt zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr, werde dann ruhig durch den Eintritt des Kindes in die Latenzperiode[35] und erfahre eine Wiederbelebung in der Pubertät. In dieser werde er im besten Fall durch eine Objektwahl[36] überwunden.[37]

Freud erkannte den Ödipuskomplex[38] bereits in seiner „Selbstanalyse“[39], die von 1895 bis ca. 1899 dauerte. Er schrieb darüber:

„Ein einziger Gedanke von allgemeinem Wert ist mir aufgegangen. Ich habe die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater auch bei mir gefunden und halte sie jetzt für ein allgemeines Ereignis früher Kindheit [ ... ] . Jeder der Hörer war einmal im Keime und in der Phantasie ein solcher Ödipus und vor der hier in die Realität gezogenen Traumerfüllung schaudert jeder zurück mit dem ganzen Betrag der Verdrängung, der seinen infantilen Zustand von seinem heutigen trennt.“[40]

In seinen Schriften findet sich der Begriff „Ödipuskomplex“ erstmals 1910 in „Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens“[41].

Der Ödipuskomplex war ebenfalls einer der Hauptangriffspunkte von katholischen Kritikern der Psychoanalyse. Von Wilhelm Schmidt wurde sogar behauptet, Freuds Ödipuskomplex sei der familienpolitische Antrieb für die „Bolschewisten“ in Russland gewesen und er sei allgemein familienzersetzend.

Für die Psychoanalyse ist der Ödipuskomplex natürlich nicht „böse“ – wie vielfach von der Kirche so gesehen –, auch nicht pathologisch, er sei vielmehr eine normale Entwicklung im Werdegang des Individuums.

Was den Ödipuskomplex in vielen Augen ablehnenswert machte, ist natürlich der ihm innewohnende Inzestwunsch. Mit dem Inzestwunsch wüchsen gleichzeitig Verbote und das Kind erfahre Hindernisse in seiner Lustbefriedigung. Den Ursprung dieser Hindernisse vermute der kleine Mensch meist im Vater.[42]

Der Inzestwunsch wird zur Inzestscheu, aus der Aggression gegen den Vater wird häufig Unterwürfigkeit und Folgsamkeit. Es besteht hierbei die Möglichkeit, dass sich die Unterwürfigkeit gegenüber dem Vater im zukünftigen Leben auch auf andere Autoritätsträger ausweitet.

Es ist verständlich, wenn ein „Angriff“ auf die traditionellen Familienrollen als ein Angriff auf die Gesellschaft gewertet wird. Freuds Konzept von Ödipus wurde als dieser Angriff auf die Familie bewertet und wurde somit v. a. von Autoritätsträgern, wie z. B. der katholischen Kirche, abgelehnt. Die Rolle der Religion ist hierbei innerhalb der katholischen Kirche ein Ideologieträger, der die ödipalen Strukturen nicht zuletzt dazu nützt, die Interessen der Herrschenden durchzusetzen. Das Abbild des Vaters und die Übertragung desselbigen auf andere Personen ist eng verflochten mit der Unterdrückung der sexuellen Wünsche der Mutter gegenüber und der Festsetzung des Inzestverbotes im Über-Ich[43]. Allgemein gesprochen: Das Abbild des Vaters und seine Übertragung bedeuten einen Lustverzicht. Dieser wird aufgegriffen und versucht, auf andere Objekte zu lenken. Die Institution, die dieses unternimmt, ist immer eine herrschende. Das neue Objekt ist nicht selten Nationalismus und übersteigerte Obrigkeitsgehorsamkeit.

2.4.1. Die Verdrängung und das Unbewusste

In der Psychoanalyse wird unter Verdrängung verstanden, dass Unlustvolles, Verpöntes, Bedrohliches und Schamerregendes aus dem Bewusstsein verbannt werde. Es sei somit nicht mehr bewusst abrufbar, trotzdem bleibe alles Erfahrene erhalten und weiterhin in uns wirksam. Die Verdrängung geschehe in jenen Fällen, in denen die Befriedigung eines Triebes Gefahr läuft, Unlust hervorzurufen.[44]

Allgemein sei das Leben ohne Verdrängung unmöglich, die neurotische Verdrängung wäre aber eine Behinderung. „Die Theorie der Verdrängung besagt, dass alles Erfahrene erhalten bleibe, dass aber für Gedächtnis und Aufmerksamkeit unterschiedliche psychische Systeme zuständig seien, die durch eine Barriere, eine Art Zensur, von einander getrennt sind.“[45]

Das Unbewusste habe Verdrängtes zum Inhalt.[46]

Freuds Entdeckung[47] des Unbewussten markierte nicht nur ein neues Menschenbild und einen völlig neuen Diskurs in der Wissenschaft, sondern bedeutete auch eine tiefe Kränkung des menschlichen Seins, dahingehend, dass es außerhalb des Bewussten eine andere nicht wahrnehmbare Komponente gebe, auf die der Mensch keinen Einfluss nehmen könne.

Die katholische Kirche sah im Freud’schen Konzept des Unbewussten eine „Versklavung des Menschen“[48] und argumentierte, dass die Persönlichkeit eines Individuums durch das Unbewusste entwertet werde.

Die Kritik am Unbewussten zeigt, dass dieses als starres System aufgefasst wird. So ist es jedoch keinesfalls gedacht, denn gerade die Dynamik und das Zusammenspiel von unbewusst, vorbewusst und Bewusstsein seien elementare Eigenschaften dieses Konzepts.

2.4.2. Die Übertragung

Freud bezeichnete als Übertragung „die Tatsache, dass Patienten in der Analyse seelische Inhalte (Gefühle, Vorstellungen, unbewusste Phantasien), die ursprünglich bedeutsamen Personen ihrer Kindheit gegolten haben, an die Person des Analytikers richten“[49] .

Die Übertragung sei eine besondere Form der Erinnerung, jedoch ohne bewusstes, mentales Erinnern und habe unbewusste Wünsche zum Inhalt.[50]

Allgemein gesehen ist die Übertragung Bestandteil jeder zwischenmenschlichen Beziehung, insofern etwa unbewusste Wünsche an das Gegenüber gerichtet werden. Ein zentraler Moment der Übertragung ist die Sprache, die nicht nur Informationen im Sinne von Tatsachen übermittelt, sondern eben auch Träger psychischer Elemente ist.[51] Freud schrieb zur Bedeutung der Worte:

„Worte waren ursprünglich Zauber und das Wort hat noch heute viel von seiner alten Zauberkraft bewahrt. Durch Worte kann ein Mensch den anderen selig machen oder zur Verzweiflung treiben, durch Worte überträgt der Lehrer sein Wissen auf die Schüler, durch Worte reißt der Redner die Versammlung der Zuhörer mit sich fort und bestimmt ihre Urteile und Entscheidungen. Worte rufen Affekte hervor und sind das allgemeine Mittel zur Beeinflussung der Menschen untereinander.“[52]

Allgemein werden unbewusste Vorstellungen als Projektionen auf Autoritäten gelenkt.

In der Religion spielt dies eine übergeordnete Rolle. Infantile Wünsche nach Geborgenheit und Schutz werden auf Gott projiziert.

Aber auch in der Situation Gläubiger/Priester wird in der Beichte dem Wunsch nach der Lossprechung von Sünden Ausdruck verliehen.

2.5. Freuds Kulturtheorie

Freud beschäftigten neben den individuellen Konflikten seiner Patienten auch solche in kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Er zeigte Analogien zwischen Phylo- und Ontogenese auf. So stellt etwa „Totem und Tabu“ die phylogenetische Variante der „Drei Abhandlungen“ über die Ontogenese der Sexualität dar.

In „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ beschrieb Sigmund Freud wichtige Aspekte des menschlichen Zusammenlebens. Mit dem Begriff der Masse erfolgte eine Wiederbelebung der „Urhorde“ aus „Totem und Tabu“. Eine hervorragende Rolle spiele dabei die, als früheste Äußerung einer Gefühlsbindung an eine andere Person bekannte, Identifizierung[53]. In der Masse ist Identifizierung eine wichtige affektive Gemeinsamkeit. Sie erfolge einerseits unter den Massemitgliedern und andererseits mit dem Führer. Die Masse der Gläubigen z. B. werde durch die Vorstellung eines alle Mitglieder gleich liebenden Gottes zusammengehalten.[54]

Die wichtigsten kulturtheoretischen Schriften Freuds sind „Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität“ (1908), „Totem und Tabu“ (1912), „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921), „Die Zukunft einer Illusion“ (1927), „Das Unbehagen in der Kultur“ (1939) und „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1940).

Um seine phylogenetischen Thesen zu untermauern, wagte sich Freud weit in Gebiete der Ethnologie und der Anthropologie vor.

2.5.1. Geistige und moralische Leistungen als „Triebschicksale“

Alle Leistungen der menschlichen Kultur seien für Freud Triebschicksale. Er verstand darunter die Entwicklung (das „Schicksal“) der Triebregungen von ihrem unbewussten Ursprung über vielfältige Abwehr- und Formgebungsprozesse bis hin zum jeweiligen Endresultat. Das kann ein Schrei, ein Gedanke, ein Kunstwerk oder eine gesellschaftliche Institution sein.[55]

Um Kultur zu ermöglichen, sei es für das Individuum nötig Triebverzicht zu leisten. Der Verzicht lasse jedoch den Wunsch der Befriedigung des Triebes nicht verschwinden. „ [ Der Sexualtrieb ] stellt der Kulturarbeit außerordentlich große Kraftmengen zur Verfügung, und dies zwar infolge der bei ihm besonders ausgeprägten Eigentümlichkeit, sein Ziel verschieben zu können, ohne wesentlich an Intensität abzunehmen. Man nennt diese Fähigkeit, das ursprüngliche sexuelle Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, aber psychisch mit ihm verwandtes, zu vertauschen, die Fähigkeit zur Sublimierung.“[56]

2.5.2. Die Sublimierung

Der Ausdruck der Sublimierung bezeichnet menschliches Handeln, das scheinbar ohne Beziehung zum Sexualitätstrieb ist, deren treibende Kraft genau dieser jedoch sei. Der Trieb sei dann sublimiert, wenn er von einem Sexualziel auf ein nicht sexuelles Ziel gelenkt werde

(z. B. künstlerisches Schaffen) und wenn er sich auf ein nicht sexuelles Objekt richte.[57]

Nun sei dieser postulierte Mechanismus für die künstlerische und intellektuelle Arbeit, aber auch für soziale Tätigkeiten wie die Caritas verantwortlich. Freud ging noch weiter, wenn er meinte, dass der größte Teil jener Triebe, die für die Kulturarbeit verwertet werden, die perversen[58] Anteile der Sexualerregung seien.[59]

Die Psychoanalyse nach Freud sieht auch einen Zusammenhang zwischen Sublimierung und göttlicher Imago. Denn „ [ ... ] der allmächtige, gerechte Gott und die gütige Natur erscheinen uns als großartige Sublimierungen von Vater und Mutter, vielmehr als Erneuerung und Wiederherstellung der frühkindlichen Vorstellung von beiden.“[60]

Vor allem der sexuelle Triebursprung der Sublimierung erregte die besondere Aufmerksamkeit von Vertretern der katholischen Kirche. So fragte sich Josef Donat:

„Wie soll erotische Triebfähigkeit Geistiges zum Gegenstand nehmen? Dem sinnlichen Triebe ist es wesentlich, auf sein sinnliches Objekt zu gehen. [ ... ] ebensowenig kann man mit sexueller Lust wissenschaftliche Wahrheit, geistige Schönheit, sittliche und religiöse Werte erfassen und lieben.“[61]

2.5.3. Kultur als Trieb- und Abwehrdynamik

Wie erwähnt ging Freud davon aus, dass jede Kultur nur dann funktioniere, wenn das Individuum Triebe unterdrücke und diese mittels Sublimierung in Kulturarbeit umwandle.

„Abgesehen von dem schädlichen und krankmachenden Einfluß der Moral auf das Triebleben, sieht er [ Freud ] andererseits in der Unterdrückung der Triebe und den mit ihnen verbundenen Latenzperioden der kindlichen Entwicklung bis zur Pubertät eine Vorbedingung der Kultur. Diese selbst ist doppelbödig, sie unterdrückt zwar die Triebe und wirkt krankmachend, entfaltet sich aber auf dieser Unterdrückung.“[62]

Dieser seelische Mechanismus impliziert, dass der Mensch – wie es Freud nennt – Triebschicksalen unterliege. Anhand dieser Triebschicksale lassen sich auch Rückschlüsse auf Kultur und Gesellschaft ziehen. Das Individuum wählt den Triebverzicht anhand der Entscheidung welcher Trieb überlebenswichtig ist und welcher nicht.

Die gesellschaftlich verlangte Abwehr von Trieben wirkt von Beginn an, wenn dem Kind notwendige Grenzen gesetzt werden. Auch die Latenzperiode und Elternschaft sind infolgedessen Triebschicksale.

Man könnte formulieren: Je größer die durch die Gesellschaft abverlangte Triebunterdrückung ist, desto größer muss einerseits die dafür aufgewendete Energie sein und, desto größer muss andererseits auch der Wunsch nach Übertretung des Verbotes sein.

Im Individuum ist das System, in welchem Moral, Scham, Ethik, usw. – also jene anerzogenen Regungen, die im Menschen den Triebverzicht verlangen – von Generation zu Generation weitergegeben werden, das Über-Ich. Hierbei könnte von einem „kulturellen Über-Ich“ gesprochen werden, also einem „Netzwerk“, das alle kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen, Verbote und Anforderungen in sich vereint.

Die Sexualität ist potenziell kulturfeindlich. Sie ist in allen Kulturen Ansatzpunkt der Disziplinierung, weil sie intime und egoistische Strebungen vereint, die asozial sind.

Über Sexualität lässt sich der Mensch bis in die intimsten Schlupfwinkel seines Wesens kontrollieren. Die Abwehr, Gestaltung und Sublimierung des Triebimpulses erfolgt stets im Rahmen bestimmter kultureller Formen.

Freud erkannte schon 1908, dass Neurosen kulturell bedingt sind und die Sexualität dabei eine gewichtige Rolle spiele, wenn er schrieb: „ [ ... ] daß unter der Herrschaft einer kulturellen Sexualmoral Gesundheit und Lebenstüchtigkeit der einzelnen Menschen Beeinträchtigungen ausgesetzt sein können [ ... ] .“[63]

Für die katholische Kirche war „freie“ Sexualität und eigenhändiger Lustgewinn aus Sinnlichkeit unerträglich, da dies dem Individuum ein großes Maß an Autonomie zusichern würde und ein „Sich-Selbst-Befriedigen“[64] bedeuten würde. Darum regte sie durch eine strenge Sexualmoral zum Triebverzicht an und lenkte die Sublimierung auf religiöse Vorstellung.

In der Form einer Institution vermittelt die Religion ein bestimmtes Wertesystem. Auch andere Institutionen, wie die Schule, die Universität, der Arbeitsplatz und nicht zuletzt die Familie, sind bestimmt von einem Normensystem und tragen dadurch zur Entwicklung des Über-Ichs bei. Durch das Normen- und Wertesystem ist vorgegeben, welchem Trieb der Mensch nachgeben darf und auf welchen er verzichten muss. Das Individuum hat sich also, um in sozialen und gesellschaftlichen Strukturen überleben zu können, anzupassen.

Jeder Einzelne ist durch das potenzielle Ausleben seiner Triebe ein „Feind“ der Kultur. Diese müsse somit alles aufbieten, um das Individuum zu domestizieren. Institutionen stellen sich in den Dienst dieser kollektiven Abwehrformen. Kultur und Institutionen als wesentlicher Teil des Funktionierens von Kultur haben somit die Aufgabe, nicht nur die äußere Natur, sondern auch die „innere Natur“ des Menschen zu beherrschen. Sigmund Freud führte dazu aus:

„Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu rechnen, daß bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und antikulturelle Tendenzen vorhanden sind und daß diese bei einer großen Anzahl von Personen stark genug sind, um ihr Verhalten in der menschlichen Gesellschaft zu bestimmen. Dieser psychologischen Tatsache kommt eine entscheidende Bedeutung für die Beurteilung der menschlichen Kultur zu. Konnte man zunächst meinen, das Wesentliche an dieser sei die Beherrschung der Natur zur Gewinnung von Lebensgütern und die ihr drohenden Gefahren ließen sich durch eine zweckmäßige Verteilung derselben unter den Menschen beseitigen, so scheint jetzt das Schwergewicht vom Materiellen weg aufs Seelische verlegt. Es wird entscheidend, ob und wieweit es gelingt, die Last der den Menschen auferlegten Triebopfer zu verringern, sie mit den notwendig verbleibenden zu versöhnen und dafür zu entschädigen.“[65]

3. Freuds explizite Religionskritik

3.1. Freuds Religionskritik im biographischen Kontext

Freud versuchte mit seiner Kritik der Religion, der „gewaltsame [n ] Fixierung eines psychischen Infantilismus, [der ] das Bild der realen Welt wahnhaft [entstelle ]“[66], entgegenzutreten. Er hoffte damit einen Beitrag zu leisten, dass der Mensch seine Erwartungen vom Jenseits abziehe und die damit gewonnenen Kräfte voll auf das irdische Leben konzentriere.

Freud forderte somit Mut zur Existenz. Dieser liegt auch in der jüdischen Religionstradition begründet, die eine Jenseitsvorstellung im Sinne des katholischen Glaubens nicht kennt. Er erkannte im Judentum eine Lehrmethode und einen rationalen Kern, der zum Fortschritt und zur Erziehung der Menschen bedeutende Beiträge leisten könne.

Juden hatten die schwere Last des Monotheismus für das Auserwähltsein zu tragen. Aus diesem überhöhten Selbstbewusstsein entwickelten sich Charakterzüge wie Legalismus, Zähigkeit, Abgesondertsein, sittliche Strenge und Intellektualität, die Freud am jüdischen Volk bewunderte. Im Judentum war Gott abstrahiert, was zu einer „Entsinnlichung“ der jüdischen Religion führte. Eine Reaktion darauf war der alttestamentarische „Tanz um das goldene Kalb“.

Freud wurde nicht streng religiös erzogen. Trotzdem las er schon früh die Bibel[67] und schrieb später über diese Lektüre, dass die „frühzeitige Vertiefung in die biblische Geschichte, kaum daß ich die Kunst des Lesens erlernt hatte, [... ] wie ich viel später erkannte, die Richtung meines Interesses nachhaltig bestimmte“[68].

Mit den Lehren der katholischen Kirche kam Freud schon sehr früh in Kontakt. In einem Brief an Wilhelm Fließ berichtete Freud von seiner Kinderfrau:

„Ein häßliches, älteres, aber kluges Weib, das mir viel vom lieben Gott und von der Hölle erzählt hat.“[69] Freuds Mutter erinnerte sich: „Sie [die Kinderfrau ] hat dich in alle Kirchen getragen; wenn Du dann nach Hause gekommen bist, hast Du gepredigt und erzählt, wie der liebe Gott es macht.“[70]

Bemerkenswert ist auch, dass Freud vom siebten bis zum dreizehnten Lebensjahr Hebräisch Unterricht hatte und ihm sein Vater zum fünfunddreißigsten Geburtstag eine Bibel mit einer hebräischen Widmung[71] schenkte.

Nachdem Jakob Freud mit seiner Familie nach Wien gezogen war, gab er seine religiösen Praktiken auf, „blieb jedoch in seiner gesamten Erscheinung jüdisch“[72].

Das Geschenk der Bibel war wohl ein Beweis der Liebe eines Vaters für den Sohn, denn Jakob wusste, dass sein Sohn „an infidel Jew“[73] war.

Im Jahre 1896 wurde sich Freud in seiner Selbstanalyse seines Vaterkomplexes bewusst. Eng damit verbunden ist die Begebenheit, die Jakob Freud als Jugendlicher in Freiberg widerfuhr und die er seinem Sohn erzählte: Als Jakob in Freiberg spazieren ging, kam ein Antisemit auf ihn zu und schlug ihm die Pelzmütze vom Kopf in den Schmutz und verwies ihn des Gehsteigs. Statt sich gegen dieses Verhalten zu wehren, hob Jakob die Mütze auf. In Freud löste das, wie er später bekannte, ein Trauma wegen des mangelnden Heldentums des Vaters aus.[74]

Dies mag ein Mitgrund für Freuds lange Antipathie gegen die Stadt Rom gewesen sein. Schon als Kind identifizierte er sich mit dem semitischen Hannibal, der es – im Gegensatz zu seinem Vater – wagte, Rom die Stirn zu bieten. „Die Geister Hannibals und seines eigenen Vaters, die ‚Rache an den Römern’ forderten, waren vielleicht nicht nur durch den Widerstand gegen das christliche Mittelalter und den katholischen Antisemitismus motiviert, dessen Bastion und Symbol die ‚Ewige Stadt’ war.“[75]

Das Verhältnis Sigmund Freuds zum Judentum war Zeit seines Lebens ambivalent. Zu berücksichtigen sind hierbei die gesellschaftlichen Zwänge zwischen Assimilation an die deutsche Kultur, dem sozialen Radikalismus und dem aufkommenden Antisemitismus. Freud war nie praktizierender Jude, bekannte sich jedoch während seines ganzen Lebens zur jüdischen Identität und je mehr der Antisemitismus stieg, desto stolzer bekannte sich Freud zum Judentum. Seine jüdische Identität wurde im antisemitischen Wien genährt. Er war Jude in einer Stadt, in der katholischer Antisemitismus sicherstellte, dass die Psychoanalyse abfällig als „jüdische Wissenschaft“ abgetan wurde. Der Vorwurf einer „jüdischen Wissenschaft“ war u. a. ein Mitgrund, dass Freud C. G. Jung, einen Protestanten, als seinen Nachfolger auserkoren hatte. Dieses Vorhaben wurde bekanntlich, nicht zuletzt wegen Jungs Antisemitismus und dessen Machtansprüche gegen Freud, enttäuscht.

Freuds Interesse an Religion und Judentum spiegelten sich in seinen Schriften wider, z. B. anhand der Figur des Moses.

Womöglich identifizierte sich Freud, angesichts des stetig steigenden Antisemitismus[76], sogar mit dem Mythos Moses, der ja auch die Geschichte des Exodus beinhaltet.

Im Jahre 1914 erschien in der psychoanalytischen Zeitschrift „Imago“ ein anonymer Aufsatz mit dem Titel „Der Moses des Michelangelo“. Wie sich erst zehn Jahre später herausstellen sollte, war der Verfasser Sigmund Freud. Die Statue, die Michelangelo schuf, steht in der römischen Kirche „San Pietro in Vincoli“. Dort verbrachte Freud drei Wochen mit dem Studieren dieses Meisterwerks. Die Skulptur zeigt Moses, der mit den Gesetzestafeln vom Berg Sinai herabsteigt und sein Volk beim Tanz um das Goldene Kalb erblickt. Diese biblische Szene zeigt auch, wie sehr eine Religion, die auf einer schriftlichen Offenbarung gründet, von einer intellektuellen Führungsschicht, die die authentische Auslegung tradiert, abhängig ist, um eine religiöse Spaltung der Kultur zu verhindern.[77]

Im Zorn will Moses die Gesetzestafeln zerschmettern. „Er gedachte [jedoch ] seiner Mission und verzichtete für sie auf die Befriedigung seines Affekts.“[78]

Auch in seinem letzten Werk „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ beschäftigte Freud wieder die Moses-Thematik. Moses wurde in Freuds Werk zum Initiator einer repressiven, letztlich jedoch segensreichen Revolution, die die Grundlage für jede zivilisierte Sittlichkeit legte. Die Juden waren Gottes und Moses auserwähltes Volk. Freud erkannte in diesem Auserwähltsein den tiefsten Beweggrund für den Judenhass.[79]

In einem Brief an Arnold Zweig schrieb Freud 1934:

„Angesichts der neuen Verfolgungen fragt man sich wieder, wie der Jude geworden ist und warum er sich diesen unsterblichen Haß zugezogen hat. Ich hatte bald die Formel gefunden: Moses hat den Juden geschaffen.“[80]

Moses „verdankt dieses Volk seine Zählebigkeit, aber auch viel von der Feindseligkeit, die es erfahren hat und noch erfährt.“[81]

Moses wurde von Freud als Aufklärer konstruiert, „der mit seinem Rationalismus, seiner Ablehnung der Magie und seinem Engagement für Gerechtigkeit die deutsche Aufklärung um Jahrhunderte vorweggenommen hatte“[82].

Hatte Moses als Erbe der ägyptischen Aufklärung Echnatons die falschen Götter im Namen der einen, wahren Religion angegriffen, so griffen die modernen Aufklärer im Namen der Wissenschaft die zeitgenössischen „Stammesidole“ an.[83]

3.2. Freuds Religionskritik als „Erbe“ der Aufklärung

Schon in der Antike gingen Philosophen wie Sokrates, Plato oder Aristoteles weg von mythologischen Vorstellungsmustern, hin zur Erforschung des Menschen. Im Zentrum ihres Interesses lag die „Autorität der Vernunft“ und damit verbunden das Ziel, dem Menschen zur Entfaltung seiner selbst zu verhelfen. Ihre Abhandlungen über Philosophie und auch Ethik waren gleichzeitig Werke über Psychologie.

Bereits Xenophas kritisierte die Formung der mythologischen Götterwelt nach menschlichem Abbild. Dies war für ihn der eindeutige Beweis für deren fiktionalen Charakter.

Mit dem Untergang der Antike und ihrer konstruierten Fortsetzung im Mittelalter[84] sah sich v. a. die Kirche genötigt, der antiken, diesseitigen Menschenbetrachtung eine Alternative entgegenzusetzen. Dies erfolgte mit einer eigenen christlichen Philosophie, deren Hauptvertreter etwa Augustinus oder Thomas von Aquin waren. Allgemein wird diese Strömung als Scholastik bezeichnet.

Erst im Zuge der Renaissance wurden die antike Philosophie und damit das Interesse am Menschen als diesseitiges Individuum wieder entdeckt. Freud stellte zur Renaissance polemisch die These auf, dass sich die Kirche in dieser Zeit in Auflösung befand. Erst das Auftreten der Syphilis und der Reformator Luther hätten die Kirche vor dem Untergang gerettet.[85]

Immanuel Kant formulierte 1784 in der „Berlinischen Monatsschrift“: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Diese Aussage beinhaltet ein hohes Potenzial. Sie erkennt nämlich, dass der Mensch 1. selbst, und nicht etwa aufgrund eines Gotteseinflusses unmündig sei und 2. dass, infolgedessen sich der Mensch einer Illusion hingibt, aufgrund derer er eben unmündig sei und sich nicht seines eigenen Verstandes bedienen kann.

Im 17. und 18. Jahrhundert schließlich nahmen Emanzipationsbestrebungen einzelner, zur Aufklärung zählender Denker konkrete Formen an. Sie forderten vom Menschen, sich von den politischen Fesseln ebensosehr zu befreien, wie von jenen des Aberglaubens und der Unwissenheit. Die Aufklärer lehrten die Individuen, sich gegen Existenzbedingungen zu wehren, die die Aufrechterhaltung von Illusionen verlangten. Der „aufklärerische Rationalismus“ war in diesem Sinne positiv besetzt.[86] Er war nicht zuletzt eine Kritik an der Metaphysik und der Theologie.

Die Gottesvorstellung als Illusion stammte also bereits von den Vorsokratikern und wurde im Aufklärungsdenken wiedergeboren, so z. B. bei Voltaire oder Diderot. Im 19. Jahrhundert erreichte die Religionskritik bei Arthur Schopenhauer, Ludwig Feuerbach und auch bei Charles Darwin einen neuen Höhepunkt.[87]

Religionskritik ging nicht aus einer polemischen Absicht hervor, sondern, ganz im Sinne der Aufklärung, aus einer starken Hoffnung in die Vernunft.

So formulierte auch Freud: „Es gibt keine Instanz über der Vernunft“.[88]

Freud vertrat diesen positiven Rationalismus der Aufklärung und erkannte sehr bald, dass er über das streng abgesteckte Areal der Medizin hinausschreiten müsse. So war er in einem, heute vielfach unterschätzten Ausmaße ein Vorläufer eines interdisziplinären Diskurses. Er zeigte, dass Vernunft eine wertvolle Eigenschaft des Menschen sei, dass diese aber eben z. B. durch Illusionen abgedunkelt werde. Freud akzentuierte, im Gegensatz zur katholischen Kirche, die freie Selbstbestimmung des Menschen. Nur durch die innere Freiheit könne sich das Individuum in seiner Existenz selbst befreien. Eine dieser angesprochenen Illusionen war für Freud, wie auch für die Aufklärer, die Religion, in Freuds geographisch bedingtem Kontext die katholische Kirche. Freud schrieb:

„Das vielleicht bedeutsamste Stück des psychischen Inventars einer Kultur hat noch keine Erwähnung gefunden. Es sind ihre im weitesten Sinn religiösen Vorstellungen [... ], ihre Illusionen.“[89]

Freud versuchte mit seiner Religionskritik klar zu machen, dass durch das „Verbot des kritischen Denkens“ durch die institutionalisierte Religion, also durch die Kirche, auch eine Schwächung der kritischen Fähigkeiten auf anderen Gebieten folge und damit die Kraft der Vernunft gehemmt werde.[90]

Sehr viele gegen die Religion gerichteten Argumente der Aufklärung richteten sich, genauso wie Freuds Argumente, nicht unbedingt gegen die Religion im Allgemeinen, sondern spezifisch gegen den Anspruch der Religion, ihre Behauptungen müssen axiomatisch hingenommen werden. Mit dem religiösen Anspruch eines Moralbegriffs und der Vorstellung seitens der Kirche, dass ethische Normen Gebote Gottes seien, falle die Ethik, so Freud, mit dem Glauben an Gott.

[...]


[1] Auf dem Denkmal steht: „Die Stimme des Intellekts ist leise.“ In Freuds „Die Zukunft einer Illusion“ heißt es jedoch im Original: „Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat.“ Vgl. Freud, Sigmund, Die Zukunft einer Illusion, in: Gesammelte Werke (GW), Band XIV, Frankfurt am Main 1999, S. 323–381, S. 377. [falls nicht anders angegeben, sind alle Schriften von Freud in GW, Frankfurt am Main 1999 zu finden]

[2] Vgl. Pelinka, Anton, Von der Hegemonie zur Isolierung. Der integrale Katholizismus auf dem Weg ins Ghetto, in: Bettelheim, Peter / Harauer, Robert (Hrsg.), Ostcharme mit Westkomfort. Beiträge zur politischen Kultur in Österreich, Wien 1993, S. 42–55, S. 46.

[3] Ebd., S. 52.

[4] Vgl. Freud, Nachwort zur „Frage der Laienanalyse“, Band XIV, S. 287–296, S. 290.

[5] Feuerbach war ein materialistischer Philosoph und Religionskritiker. 1841 veröffentlichte er „Das Wesen des Christentums“.

[6] Einer der wichtigsten Vertreter von Darwins Lehren in Deutschland war Ernst Haeckel. Er formulierte das „biogenetische Grundgesetz“, dieses besagt, die Ontogenese sei eine Rekapitulation der Phylogenese. Die Entwicklung des Individuums sei eigentlich eine zusammengedrängte Wiederholung der Entwicklung seiner Vorfahren von den Anfängen bis jetzt. Vgl. Störig, Hans Joachim, Kleine Weltgeschichte der Philosophie in zwei Bänden, Band II/II, 12. Auflage, Stuttgart 1984, S. 149.

[7] Der Grundirrtum der Psychoanalyse [es konnten keine Angaben zum Autor gefunden werden], in: Reichspost, Nr. 76, 17. 3. 1935, S. 18. Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Tagblattarchiv, Sachmappe: Tiefenpsychologie.

[8] Zur Person Wilhelm Schmidt vgl. Kapitel 5.1. dieser Arbeit.

[9] Die Salpetrière war ein berühmtes Pariser Krankenhaus oder besser gesagt ein Krankenhauskomplex. Es bestand aus 45 Gebäuden mit Straßen, Plätzen und Gärten, also eine Stadt in der Stadt. Vor allem Charcots Engagement war es zu verdanken, dass das Krankenhaus zu einem der modernsten der damaligen Zeit wurde. Vgl. Ellenberger, Henri F., Die Entdeckung des Unbewußten. Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung, Zürich 2005, S. 149f.

[10] Der Krankheitsbegriff der Hysterie geht auf Hippokrates zurück, der als Ursache den im Körper umherwandernden Uterus verantwortlich machte. Über Jahrhunderte galt die Hysterie als ausschließliche Erkrankung von Frauen.

[11] Götz, Sabine / Skale, Elisabeth, Die Psychisierung der Welt, in: List, Eveline (Hrsg.), Freud und die Folgen

(= Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit, Jg. 6, 2006, Heft 1), S. 7–24, S. 8.

[12] Breuer war ein berühmter Wiener Physiologe, der Lehrer und Mentor Freuds war. Für die Geschichte der Psychoanalyse wurde er vor allem durch den Fall Bertha Pappenheim bekannt.

[13] Freud, Hysterie, Nachtragsband, S. 69–92, S. 89.

[14] Vgl. Freud, Die Freudsche psychoanalytische Methode, Band V, S. 1–11, S. 4.

[15] Bertha Pappenheim (1859–1936) erlangte in der Geschichte der Psychoanalyse als Anna O. Berühmtheit. Später wurde sie eine berühmte Frauenrechtlerin.

[16] List, Eveline, Das österreichische System von Sprache und Herrschaft, in: Bettelheim / Harauer (Hrsg.),

S. 55–69, S. 66.

[17] Demnach wird in der Psychoanalyse zwischen „Quelle“, „Ziel“ und „Objekt“ des Triebes unterschieden. Die „Quelle“ ist die körperliche Stelle, an der der Reiz entsteht (z. B. erogene Zone). Das „Ziel“ ist die Beseitigung des Reizes (z. B. durch Befriedigung). Mittels des Objektes (z. B. Sexualpartnerin, aber auch ein Stöckelschuh als Fetisch) wird das Ziel erreicht.

[18] Vgl. Freud, Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, Band XIII,

S. 230–238.

[19] Donat, Josef, Über Psychoanalyse und Individualpsychologie, Innsbruck 1932, S. 42.

[20] Der Grundirrtum der Psychoanalyse, S. 18.

[21] Donat, Über Psychoanalyse, S. 43.

[22] Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Band V, S. 27–147, S. 73.

[23] Vgl. Laplanche, Jean / Pontalis, Jean-Bertrand, Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt am Main 1972,

S. 466f.

[24] Vgl. List, Eveline, Psychoanalytische Grundkonzepte. Sexualität [unveröffentlichtes Manuskript], Wien 2006, o. S.

[25] Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, S. 91f.

[26] Donat, Über Psychoanalyse, S. 56f.

[27] Freud, Über „wilde“ Psychoanalyse, Band VIII, S. 117–127, S. 120.

[28] Vgl. Freud, Die Widerstände gegen die Psychoanalyse, Band XIV, S. 97–111, S. 105.

[29] Phantasie meint hier die Erfüllung eines letztlich unbewussten Wunsches. Vgl. Laplanche / Pontalis,

S. 388.

[30] Hysterie, Zwangsneurose, Phobien, Paranoia. Freud unterteilte Neurosen in Aktualneurosen, deren Ursachen im gegenwärtigen Sexualleben lägen und in Psychoneurosen, deren Ursprung im früheren Sexualleben liegen würden. Die Psychoneurosen wurden unterteilt in Hysterie und Zwangsneurosen. Vgl. Ellenberger, S. 672.

[31] Vgl. Götz / Skale, S. 11.

[32] Vgl. Masson, Jeffrey Moussaieff (Hrsg.), Sigmund Freud. Briefe an Wilhelm Fließ 1887–1904, Frankfurt am Main 1986, Brief vom 21. September 1897, S. 283f.

[33] Götz / Skale, S. 14.

[34] Vgl. z. B.: Laplanche / Pontalis, S. 351.

[35] Zeitspanne, die sich zwischen dem Untergang der infantilen Sexualität und dem Beginn der Pubertät erstreckt. Sie ist gekennzeichnet durch einen Stillstand der Sexualentwicklung. Vgl. Laplanche / Pontalis,

S. 278.

[36] Unter Objektwahl wird der Akt verstanden, bei dem eine Person oder ein Personentypus zum Liebesobjekt gewählt wird. Vgl. Laplanche / Pontalis, S. 347.

[37] Vgl. ebd., S. 351.

[38] Das Freud’sche Modell umfasst jedoch nicht nur die klassische Familie, also Vater, Mutter und Kind, sondern vielmehr eine Triangularität, also eine Dreiecksbeziehung. An die Stelle des Vaters könnte somit z. B. auch ein Interesse der Mutter treten.

[39] Der Anlass für Freuds Selbstanalyse war der Tod seines Vaters Jakob im Jahre 1896. Freud verspürte tiefe Trauer und begann sich selbst zu erforschen, um bei der Untersuchung des Unbewussten Fortschritte zu erzielen. Ein wichtiges Gegenüber war in dieser Zeit der Berliner HNO-Arzt Wilhelm Fließ. Vgl. Bohleber, Werner, Zur Aktualität von Sigmund Freud – wider das Veralten der Psychoanalyse, in: Psyche. Sonderheft, Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendung, hrsgg. von Werner Bohleber, Jg. 60, September/Oktober 2006, S. 783–798, S. 784.

[40] Freud, Sigmund, Aus den Anfängen der Psychoanalyse, London 1959, S. 238.

[41] Vgl. Freud, Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, Band VIII, S. 65–93, z. B. S. 73.

[42] Vgl. v. a.: Freud, Die Traumdeutung, Band II/III, S. 264–272. Und: Laplanche / Pontalis, S. 351–357.

[43] Das Über-Ich ist vergleichbar mit einem Zensor oder Richter. Die Freud’sche Psychoanalyse sieht das Über-Ich als Erbe des Ödipuskomplexes, da es sich durch die Verinnerlichung der elterlichen Verbote und Forderungen entwickelt. Vgl. Laplanche / Pontalis, S. 540.

[44] Vgl. Laplanche / Pontalis, S. 582.

[45] List, Eveline, Die Psychoanalyse – auch eine Geschichtswissenschaft, in: List (Hrsg.), Freud und die Folgen, S. 88–102, S. 92.

[46] Freud beschrieb das Bewusstsein, das Vorbewusste und das Unbewusste anhand des Modells des „psychischen Apparates“. Das Bewusstsein enthält die Informationen, die von der Außenwelt und die von innen kommen. Das Vorbewusste liegt zwischen Bewusstsein und Unbewusstem. In ihm sind jene Inhalte, die dem Bewusstsein aktuell nicht zugänglich sind (z. B. Sprache), die aber potenziell abrufbar sind.

[47] Freilich gab es vor Freud bereits Philosophen, die versuchten in Kategorien des Unbewussten zu denken, zu nennen wären etwa Arthur Schopenhauer (1788–1860) und Friedrich Nietzsche (1844–1900), aber keiner vor Freud erweiterte das Psychische um das Unbewusste als System.

[48] Donat, Über Psychoanalyse, S. 115.

[49] Götz / Skale, S. 20.

[50] Diese müssen eben deutend durch die Psychoanalyse erschlossen werden und sind in der psychoanalytischen Situation ein zentraler Interpretationsgegenstand.

[51] Götz / Skale, S. 21.

[52] Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Band XI, S. 10.

[53] Bei dem Prozess der Identifizierung assimiliert ein Individuum einen Aspekt, eine Eigenschaft oder ein Attribut eines anderen und wandelt sich vollständig oder teilweise nach dessen Vorbild. Vgl. Laplanche / Pontalis, S. 219f.

[54] Vgl. Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, Band XIII, S. 71–163, S. 115f.

[55] Auch die Verdrängung, die Latenzperiode, der Genitalprimat, usw. sind Triebschicksale.

[56] Freud, Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität, Band VII, S. 143–172, S. 150.

[57] Vgl. Laplanche / Pontalis, S. 478.

[58] Perversion meint in der Psychoanalyse eine Abweichung vom „normalen“ Sexualakt, also des Koitus zwischen Mann und Frau, mit dem Ziel, durch genitales Eindringen zum Orgasmus zu kommen. Allgemein sind Perversionen Verhaltensweisen, durch die mit atypischen Formen sexuelle Lust erlangt wird. Vgl. Laplanche / Pontalis, S. 377f.

[59] Vgl. Freud, Die kulturelle Sexualmoral, S. 151.

[60] Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, Band VIII, S. 127–213, S. 195.

[61] Donat, Über Psychoanalyse, S. 99.

[62] Wyss, Dieter, Die tiefenpsychologischen Schulen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Entwicklung, Probleme, Krisen, 5. Auflage, Göttingen 1977, S. 72.

[63] Freud, Die kulturelle Sexualmoral, S. 143.

[64] Hier sei auch an die Selbstbefriedigung erinnert, an der ursprünglich die „Samenverschwendung“ des biblischen Onan kritisiert wurde. Vielmehr hängt ein Verbot der Onanie jedoch mit einer Unterdrückung der individuellen Autonomie zusammen.

[65] Freud, Die Zukunft einer Illusion, S. 328.

[66] Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Band XIV, S. 419–507, S. 443.

[67] Freud las in der „Philippson-Bibel“. Diese Ausgabe der heiligen Schrift wurde vom aufgeklärten deutschen Gelehrten Ludwig Philippson herausgegeben. In der Bibel standen der hebräische und der deutsche Text nebeneinander, zusätzlich war diese Ausgabe durch liberale Kommentare des Herausgebers ergänzt. Jene Bibel wurde Freud von seinem Vater mit einer Widmung geschenkt und zeugt auch von der liberalen und nicht orthodoxen Haltung Jakob Freuds. Vgl. Wistrich, Robert S., Die Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs, Wien / Köln / Weimar 1999, S. 443.

[68] Jones, Ernest, Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Band I/III, Berlin 1960, S. 48.

[69] Masson (Hrsg.), Brief vom 3.10. 1897, S. 288.

[70] Gay, Peter, Freud. Eine Biographie für unsere Zeit, 4. Auflage, Frankfurt am Main 2001, S. 131.

[71] Die Widmung lautete: „Du hast in diesem Buch Deinen ersten Blick auf das Bild des Allmächtigen geworfen. Du hast seine Lehre willig angehört und hast Dein Bestes getan, Dich auf den Flügeln seines Geistes in die Höhe tragen zu lassen.“ Vgl. Scharfenberg, Joachim, Sigmund Freud und seine Religionskritik als Herausforderung für den christlichen Glauben, Göttingen 1970, S. 162f.

[72] Wistrich, S. 439.

[73] Freud, Ein religiöses Erlebnis, Band XIV, S. 391–397, S. 394.

[74] Vgl. Freud, Die Traumdeutung, S. 203.

[75] Schorske, Carl E., Politics and Patricide in Freud’s Interpretation of Dreams, in: The American Historical Review 78, Nr. 2, April 1973, S. 328–347, S. 336ff., zit. in: Wistrich, S. 469.

[76] Freud bewunderte Emile Zola, der sich leidenschaftlich in der Dreyfuss-Affäre engagierte. Über das Leben des großen französischen Romanciers hielt Freud zweimal einen Vortrag in B’nai B’rith.

[77] Vgl. List, Eveline, Der psychosoziale Funktionswandel der Religion, in: Weinzierl, Michael (Hrsg.), Individualisierung, Rationalisierung, Säkularisierung. Neue Wege der Religionsgeschichte (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Neuzeit, Band 22 / 1997), München 1997, S. 13–55, S. 46.

[78] Freud, Der Moses des Michelangelo, Band X, S. 171–203, S. 194.

[79] Wistrich, S. 471.

[80] Freud, Ernst L. (Hrsg.), Sigmund Freud / Arnold Zweig, Briefwechsel, Frankfurt am Main 1968, Brief vom 30. 9. 1934, S. 102.

[81] Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion, Band XVI, S. 101–249, S. 213f.

[82] Whitebook, Joel, Wissenschaft und Religion. Zur Problematik von Objektivität und Kritik der Psychoanalyse, in: Psyche, September/Oktober 2006, S. 1018–1040, S. 1031.

[83] Assmann, Jan, Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur, München 1998, o. S., zit. in: Whitebook, S. 1031.

[84] z. B. in der Form des „translatio imperi“

[85] Vgl. Nunberger, Herman / Federn, Ernst, Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, Band I/IV, 1906–1908, Frankfurt am Main 1981, S. 225. Freud erwähnt an dieser Stelle auch den deutschen Schriftsteller Oskar Panizza, der in seinem Werk „Liebeskonzil“ den Gedanken vertritt, dass das Auftreten der Syphilis die Kirche gefestigt habe.

[86] Heute dient er oft einer Manipulation des Menschen im Zuge eines materiellen Wohlstandes, der in Folge einer Technisierung und „Vermaschinierung“ eingetreten ist. Der Mensch heute hat die vielleicht einmal erreichte Mündigkeit wieder abgelegt, zugunsten eines materiellen Wohlstandes. Die technische Vernunft hat die menschliche teilweise ersetzt. So haben der Mensch und sein Handeln an Wichtigkeit in der wissenschaftlichen Erforschung abgenommen. Dieser Wandel der Rationalität zeigt sich auch in dem Begriff der „Rationalisierung“, der sehr oft dafür verwendet wird, dass Menschen aufgrund von Kostensteigerungen entlassen werden und stattdessen ihre Arbeit von Maschinen übernommen wird. Ein weiteres Beispiel liefert auch die Psychologie als Wissenschaft. Liest man sich z. B. psychologische Vorlesungsverzeichnisse der Universität Wien durch, so muss man feststellen, dass Lehrangebote, die auf einer positivistischen, ja behavioristischen Einstellung beruhen, überwiegen. Der Hauptgegenstand der Psychologie, die ja eigentlich sehr stark soziologisch ist, nämlich der Mensch, scheint oft zu fehlen oder, im Zuge einer Nachahmung der Naturwissenschaften, vielleicht vergessen.

[87] Vgl. Cesana, Andreas, Philosophische Selbstvergewisserung zwischen religiösem und psychoanalytischen Erkenntnisanspruch, in: Bassler, Markus (Hrsg.), Psychoanalyse und Religion. Versuch einer Vermittlung, Stuttgart / Berlin / Köln 2000, S. 135–149, S. 135.

[88] Freud, Die Zukunft einer Illusion, S. 350.

[89] Ebd., S. 335.

[90] Vgl. Fromm, Erich, Psychoanalyse und Religion, Stuttgart 1983, S. 18.

Ende der Leseprobe aus 144 Seiten

Details

Titel
So erniedrigt wurde das menschliche Wesen wohl nie, wie durch die Psychoanalyse
Untertitel
Katholische Kritik an der Psychoanalyse in der Ersten Republik
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
144
Katalognummer
V87236
ISBN (eBook)
9783638022309
ISBN (Buch)
9783638923644
Dateigröße
1783 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wesen, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Mag. Christian Pape (Autor), 2006, So erniedrigt wurde das menschliche Wesen wohl nie, wie durch die Psychoanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87236

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