Die vorliegende Diplomarbeit behandelt Kritik von Vertretern der katholischen Kirche und Vertretern des Katholizismus an der Freud’schen Psychoanalyse im Zeitraum der Ersten Republik. Einerseits wird die für die katholische Kritik relevante psychoanalytische Theorie erklärt, und ihre historische Entwicklung beschrieben, andererseits wird der übermäßige Einfluss der katholischen Kirche, z. B. in Form des politischen Katholizismus, behandelt. Die Freud’sche Religionskritik und Kulturtheorie wird analysiert und, so weit als möglich, mit Gegenkonzepten von katholischer Seite verglichen. Die Überprüfung der Kritik an der Psychoanalyse erfolgt auf ihren wissenschaftlichen Gehalt hin. Es wird sowohl der biographischen Hintergrund der Kritiker, wie auch deren Wirken in der Ersten Republik beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Elementare Konzepte der Psychoanalyse und ihre Konfliktpotenziale mit der katholischen Kirche
2.1. Die materialistische Wissenschaftskonzeption und die „Helmholtz-Tradition“
2.1.1. Charles Darwins Evolutionslehre
2.1.2. Die Entwicklung der psychoanalytischen Methode
2.2. Die Triebtheorie oder der Mensch als Triebwesen
2.3. Die infantile Sexualität
2.3.1. Freuds „Verführungstheorie“
2.4. Der Ödipuskomplex
2.4.1. Die Verdrängung und das Unbewusste
2.4.2. Die Übertragung
2.5. Freuds Kulturtheorie
2.5.1. Geistige und moralische Leistungen als „Triebschicksale“
2.5.2. Die Sublimierung
2.5.3. Kultur als Trieb- und Abwehrdynamik
3. Freuds explizite Religionskritik
3.1. Freuds Religionskritik im biographischen Kontext
3.2. Freuds Religionskritik als „Erbe“ der Aufklärung
3.3. Exkurs: Der Vernunftbegriff
3.4. Diskurs über die Entstehung der Religion
3.4.1. Religion als Erbe eines archaischen Denksystems
3.4.2. Die Religion als Religion des Vaters
3.5. Parallelen zwischen Zwangsneurose und Religionsausübung
3.6. Die Religion als Illusion
4. Der Katholizismus in der Ersten Republik
4.1. Das Verhältnis von Kirche und Staat
4.2. Die Christlichsoziale Partei
4.3. Der politische Katholizismus
4.4. Rekatholisierungstendenzen
4.5. Katholische Lebenswelten
4.5.1. Die psychosoziale Bedeutung von Religion
4.5.2. Traditionelle Frömmigkeit
4.5.3. Das katholische Kirchenjahr
4.5.4. Die Ehe und die Familie
4.5.5. Sittlichkeit und Geschlechtlichkeit
4.6. Katholischer Antisemitismus in der Ersten Republik
4.6.1. Der Antisemitenbund als Versuch der Institutionalisierung des Antijudaismus
4.6.2. Das Wochenmagazin „Schönere Zukunft“ als Beispiel für eine antisemitisch-klerikale Zeitschrift
4.6.3. Psychoanalytische Interpretation des Antisemitismus
4.7. Gegenpositionen zum Katholizismus
4.7.1. Antiklerikalismus
4.7.2. Das Rote Wien, Sozialdemokratie und Psychoanalyse
5. Katholische Kritik und Kritiker der Psychoanalyse
5.1. Pater Wilhelm Schmidt, SVD
5.1.1. Biographischer Abriss
5.1.2. Pater Wilhelm Schmidt, ein Vertreter des katholischen Antisemitismus
5.1.3. Schmidts Kritik an der Psychoanalyse
5.1.4. Schmidts Kritik am Ödipuskomplex
5.1.5. Schmidts Konzept der Entstehung von Religion
5.2. Pater Georg Bichlmair, SJ
5.2.1. Biographischer Abriss
5.2.2. Bichlmairs Wirken
5.2.3. Der Antisemitismus Bichlmairs
5.3. Friedrich Wilhelm Foerster
5.4. Rudolf Allers und Oskar Herget
5.5. Josef Donat, SJ
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das ambivalente und oft spannungsreiche Verhältnis zwischen der Psychoanalyse Sigmund Freuds und der katholischen Kirche in der Ersten Republik Österreichs (1918–1938). Ziel ist es, die ideologischen Grundlagen der Kritik an Freud durch katholische Intellektuelle und Kirchenvertreter aufzuzeigen, wobei die historische Kontextualisierung im austrofaschistischen Klima und die Rolle des politischen Katholizismus eine zentrale Rolle spielen.
- Grundelemente der psychoanalytischen Theorie und ihre Konfliktpotenziale mit der katholischen Lehre.
- Freuds Religionskritik und deren Ursprünge im Kontext der Aufklärung.
- Der Einfluss des politischen Katholizismus auf die österreichische Gesellschaft der Zwischenkriegszeit.
- Antisemitismus als ideologisches Bindeglied zwischen klerikalen Strukturen und psychoanalysefeindlicher Polemik.
- Detaillierte Analyse der prominentesten katholischen Kritiker, wie Pater Wilhelm Schmidt und Pater Georg Bichlmair.
Auszug aus dem Buch
2.2. Die Triebtheorie oder der Mensch als Triebwesen
Die Psychoanalyse postuliert, dass das Kind als „Bündel an Potenzialen“ auf die Welt komme, die ohne „Erweckung“ das Überleben jedoch nicht ermöglichen. Die Triebhaftigkeit entwickle sich in der Interaktion des Kleinkindes mit der Pflegeperson (meist die Mutter), in Anlehnung an überlebenswichtige Funktionen des Kindes. Sie dränge dazu, die einmal erfahrene Lust zu wiederholen. Der Trieb entstehe somit aus dem Wunsch nach Wiederholung der Befriedigungserfahrung.
Das Streben nach Lust und die Vermeidung von Unlust regiere das Geschehen. Triebhaftigkeit sei Sexualität. Sexualität wiederum sei der Drang nach sinnlicher Befriedigung und daher triebhaft und strebe nach Lustgewinn. Die Menschen suchen Lust und wollen Unlust vermeiden. Unbewusste seelische Vorgänge unterliegen dem „Lustprinzip“.
So auch die Wunschdynamik der Phantasie und des Sexualtriebes. Freud nannte diese das Lust-/Unlustprinzip.
Die Lust spielt gerade in der Religiosität eine mächtige Rolle. Denn nur durch Verleugnung oder Idealisierung von Unlust und die damit verbundene Ausklammerung aus dem Bewusstsein ist es möglich, Glaubenskonflikte und eventuelle Kritik an der Autorität der Kirche als institutionalisierter Form von Religion zu vermeiden. Dies gilt im Übrigen auch für andere Autoritäten und Institutionen.
Hinzu kommt der starke Aspekt der Illusion. Sie besitzt eine immanente Zeitlosigkeit und erleichtert es somit an ewige und schon immer da gewesene Werte, wie sie die Kirche postuliert, zu glauben.
Die katholische Kirche sah den Menschen durch Freuds Triebtheorie als „geistiges Wesen“ gefährdet. Das Individuum trage „tierische Züge, animalische Triebe machen sein Wesen aus“.
In letzter Konsequenz stamme nach der Psychoanalyse alles menschliche Handeln aus Triebhaftigkeit. Freud selbst formulierte, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Hause sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die historische Ablehnung der Psychoanalyse in Österreich und begründet die Wahl des Zeitraums der Ersten Republik für eine Untersuchung dieser Kontinuitäten.
2. Elementare Konzepte der Psychoanalyse und ihre Konfliktpotenziale mit der katholischen Kirche: Es werden die zentralen Thesen Freuds, wie Triebtheorie, infantile Sexualität und Ödipuskomplex, den Lehrmeinungen der katholischen Kirche gegenübergestellt, um grundlegende theoretische Differenzen aufzuzeigen.
3. Freuds explizite Religionskritik: Dieses Kapitel analysiert Freuds Sicht auf Religion als „Illusion“ und als Erbe archaischer Denksysteme, eingebettet in seine kulturtheoretischen Schriften.
4. Der Katholizismus in der Ersten Republik: Der Fokus liegt auf der Rolle der Kirche und der Christlichsozialen Partei sowie deren ideologischer Instrumentalisierung von Moral und Antisemitismus in der Ersten Republik.
5. Katholische Kritik und Kritiker der Psychoanalyse: Anhand konkreter Figuren wie Pater Wilhelm Schmidt und Pater Georg Bichlmair wird die polemische Auseinandersetzung und Anfeindung gegen Freud und die psychoanalytische Bewegung dokumentiert.
6. Resümee: Die Ergebnisse werden zusammengefasst und die forschungsleitenden Fragen des Autors beantwortet.
Schlüsselwörter
Psychoanalyse, Katholizismus, Erste Republik, Sigmund Freud, Religionskritik, Triebtheorie, Antisemitismus, Christlichsoziale Partei, Wilhelm Schmidt, Georg Bichlmair, Ödipuskomplex, Kulturtheorie, Säkularisierung, Ideologiekritik, Weltanschauung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Auseinandersetzung zwischen der katholischen Kirche und der Psychoanalyse in Österreich während der Ersten Republik.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die psychoanalytische Trieb- und Kulturtheorie, die Rolle des politischen Katholizismus in Österreich sowie die Rezeption und Polemik gegenüber Sigmund Freud.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte untersuchen, warum die Psychoanalyse in Österreich – dem Land ihres Entstehens – auf so große Ablehnung stieß und wie die katholische Kirche ihre ideologischen Machtansprüche gegen Freuds Theorien verteidigte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit verfolgt einen interdisziplinären historischen und wissenschaftsgeschichtlichen Ansatz, der sowohl kulturtheoretische Schriften als auch Zeitungsartikel und Primärquellen der damaligen Zeit auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die elementaren Konzepte der Psychoanalyse, Freuds Religionskritik, die politische Situation des Katholizismus in der Ersten Republik sowie die spezifische Kritik durch katholische Intellektuelle und Kleriker.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Der Inhalt lässt sich durch Begriffe wie Psychoanalyse, Katholizismus, Erste Republik, Antisemitismus, Triebtheorie und Religionskritik definieren.
Welche Rolle spielte der Antisemitismus in der Kritik an Freud?
Der Antisemitismus diente häufig als ideologisches Instrument, um die Psychoanalyse als „jüdische Wissenschaft“ zu diskreditieren und sie im Zuge des Kulturkampfes und der Radikalisierung der 1930er Jahre aus dem intellektuellen Diskurs zu verdrängen.
Wie bewertet die Arbeit die Argumentation der Kritiker wie Pater Wilhelm Schmidt?
Die Arbeit stellt fest, dass die Kritik häufig weniger auf einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse beruhte, sondern vielmehr ideologisch motiviert war, um die katholische Weltanschauung und die Autorität der Kirche vor der „zersetzenden“ Wirkung der psychoanalytischen Lehre zu schützen.
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- Mag. Christian Pape (Author), 2006, So erniedrigt wurde das menschliche Wesen wohl nie, wie durch die Psychoanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87236